Publikationen

 

 

 

 

 

 

 

Hans Holzinger: Zur Zukunft der Arbeit. Befunde und Ausblicke.
Hrsg. vom Österreichischen Lebensministerium im Rahmen des Projekts „Wachstum im Wandel“. Salzburg/Wien 2010. 92 S, zahlr. Abb.
(Zukunftsdossiers, 2)

In der Studie durchleuchtet der Autor die zentralen Aspekte der Arbeit wie neue Arbeitsfelder, neue Arbeitszeitmodelle und Mischformen der Arbeit, das Recht auf „gute“ Arbeit sowie schließlich jenes auf „würdevolle Arbeitslosigkeit“. Er schließt mit drei möglichen Zukunftsszenarien.

 

Kostenloser Download

 

Arbeitslosigkeit als Konjunkturproblem?

212 Millionen Menschen auf der Welt waren nach Schätzung der Internationa­len Arbeitsorganisation im Jahr 2009 arbeitslos, fast 34 Millionen mehr als im Jahr 2007 vor dem Ausbruch der Krise und mehr als je zuvor.  In Österreich gingen im „Krisenjahr“ über 12.000 Jobs verloren – trotz Kurzarbeit. 2010 ging es zwar wieder leicht aufwärts – aber nur aufgrund von öffentlichen Konjunkturspritzen. Die alte „Vollbeschäftigung“ ist passé, denn die Finanzkrise wird überlagert von einem Strukturwandel, der durch eine zunehmende Sättigung der Gütermärkte in allen spätindustriellen Ökonomien gekennzeich­net ist, so die Ausgangsthese von Hans Holzinger in seiner Studie „Zur Zukunft der Arbeit“. Kurz gesagt: Wir haben (fast) alles, was wir brauchen. 

Drei Trends würden somit zu einem drastischen weiteren Abbau von Arbeits­plätzen im produzierenden Sektor führen: Produktionsverlagerungen in Billig­lohn­länder, weitere Produktivitätssteigerungen (Stichwort Automa­tisierung) sowie die Sättigung der Gütermärkte. 

Drei mögliche Zukunftsszenarien

Der Autor entwirft drei mögliche Zukunftsszenarien: 1) Weiterer Ausbau der per­so­nennahen Dienstleistungen – von Kinderbetreuung und Pflege älterer Men­schen über Wellness- und Gesundheitsdienste bis hin zu neuen Bildungs­angeboten. Finanziert werden müssen diese Dienstleistungen aus einem (exportorientierten) modernen Industriesektor hoher Wertschöpfung. „High Tech“ wird somit ergänzt um „High Touch“. Industrie wird dabei ebenfalls dienstleistungsorientierter, weil nicht mehr allein Produkte, sondern die dazu gehörigen Dienstleistungspakete mit angeboten werden („Service Industries“). Ein verteilungsstarker Staat ermöglicht den Ausbau des Sozialsektors, ergänzt um private Finanzierungen (Umschichtung in den privaten Haushaltsbudgets).

2) Möglich wäre aber auch der Weg in eine neue Tätigkeitsgesellschaft, in der die Erwerbsarbeit tendenziell abnimmt und die sorgenden Tätigkeiten („Care-Economy“) wieder stärker von den Menschen privat wahrgenommen werden. Chancen: Renaissance der Familie in neuer Form - Familienarbeit wird nun von Frauen und Männern gemeinsam verrichtet; Rückbau der nicht immer erfüllenden Erwerbsarbeit. Gefahren: Die Sorgearbeit bleibt tendenziell wieder an den Frauen „hängen“; Verschärfung der ungleichen Startchancen durch den Rückbau bzw. Nichtausbau von Angeboten wie flächendeckender Kinder­be­treuung und Ganztagsschulen. Wenn Kinderer­ziehung wieder allein Aufgabe der Eltern ist, fehlt das „Korrektiv“ für sozial benachteiligte Kinder.  Für die Betreuung älterer Menschen trifft dies freilich nur bedingt zu.

3) In einer „pluralen Ökonomie“ würden schließlich die Tätigkeiten jenseits der Erwerbsarbeit – Versorgungsleistungen, Freiwilligenarbeit, Nachbarschaftshilfe und öffentliches Engagement – durch staatliche Anreize auch finanziell unterstützt. Es gäbe höhere Transferleistungen für diese gesellschaftswichtigen Aufgaben. Chancen: Männer würden sich mehr um sorgende Tätigkeiten annehmen; die Wirtschaft müsste sich beweglicher auf Wunscharbeits­zeit­modelle einstellen. Die tendenzielle Benachteiligung sozial Schwächerer würde aber bestehen bleiben. Ergänzt um eine Erhöhung der regionalen Wert­schöpfung – bedingt durch eine (erneute) Dezentralisierung der Lebensmittel- und Energieproduktion – könnte sich so eine krisenfestere Mischwirtschaft ergeben als die gegenwärtige globalisierte, monostrukturelle Ökonomie.

In Szenario 1 steigt das BIP, es wird das Modell einer qualitativen Wachs­tums­wirtschaft verfolgt. In Szenario 2 + 3 kann es stagnierend oder gar rückläufig sein. Doch Szenario 3 erfordert wie Szenario 1 einen verteilungsstarken Staat, nur werden hier Transfers für soziale Arbeit jenseits der „Verberuflichung“ dieser Arbeit­en vergeben.

Arbeitszufriedenheit erfordert angepasste  Wunscharbeitszeitmodelle

In Zukunft braucht es, so Holzinger, mehr Wahlmöglichkeiten, flexible Arbeitszeit­regelungen, die etwa Weniger-Arbeiten in der Familienphase ermög­lichen, was dann durchaus das Länger-Arbeiten im Alter denkbar mache. Denn: „Plurale Lebensbiografien werden plurale Erwerbsbiografien verlangen.“ So betrug laut Statistik Austria der Anteil alleinerziehender Mütter in Österreich immerhin bereits 10 Prozent, jener der alleinerziehenden Väter „nur“ 1,8 Prozent.  Generell gehe, dies zeigen Zeitbudgeterhebungen, das derzeitige Erwerbssystem zu Lasten der Frauen, die neben der Erwerbsarbeit auch den Großteil der Versorgungsarbeit erledigen.

Dies ist auch der Hauptgrund für die ungleichen Chancen am Arbeitsmarkt. 2009 waren 44 Prozent der Frauen, aber nur 9 Prozent der Männer in Teilzeit. In Holland, wo es ein Recht auf Teilzeit gibt, sind 20 Prozent der Männer in Teilzeitstellen, die durchschnittliche Wochen­stunden­zahl aller Beschäftigten beträgt bei den Oranjes nur mehr 30 Stunden, so ein Detail aus der Studie. Holzinger dazu: Doch vielleicht liegt die Zukunftsperspektive eher im „weiblichen Arbeitsmodell“ als im männ­lichen „Workaholic“-Modell, d. h. in Arbeitszeitverkürzung für beide Geschlechter. Zukunftsziel müsse sein, dass Paare mit Kindern von zwei Halbtagsstellen gut leben können.

Weniger Erwerbsarbeit in der Familienphase, dafür später länger und fit arbeiten

Die optimistische Perspektive: Für viele Menschen sind – trotz Wirtschaftskrise nicht mehr Geld und Güter knapp, sondern die neuen Knappheiten heißen Zeit und Aufmerksamkeit, so Holzinger. Die weitere Verringerung jener Zeit, die wir mit Erwerbs­arbeit verbringen, wäre demnach ein Weg in Richtung von mehr Lebens­qualität. Gefordert ist das Recht auf Wunscharbeitszeit und die Möglichkeit, „Karriere“ auch in Teilzeit machen zu können; möglich wären auch Arbeitszeit­konten, wie sie das deutsche „Flexi-Gesetz“ ermöglicht.

In Lebenserwerbsmodellen mit Lebensarbeitszeitkonten bräuchte dann, so Holzinger, auch Länger-Arbeiten im Alter kein Tabu mehr sein. Bekanntlich liegt dass effektive durchschnittliche Pensionsalter in Österreich bei Männern und Frauen unter 60 Jahren. Andererseits werden sich bei den derzeitigen Bedingungen die Pensionsjahre der heute Geborenen bei Frauen auf 27 und bei Männern auf 22 Jahr erhöhen – im Vergleich zu 16 bzw. 11 Jahre bei den 1960-Jahrgängen.

Arbeitszufriedenheit braucht auch eine fair empfundene Einkommensverteilung

Der materielle Wohlstand hat sich in allen OECD-Staaten mindestens verfünf­facht. Der Grund liegt in den permanenten Produktivitätssteigerungen sowie im Um­stand, dass wir in Summe, d. h. wenn alle Erwerbstätigen zusammengezählt werden, immer mehr arbeiten. Zumindest galt das bislang. So wurde in Österreich 2007 erstmals die Schwelle von 4 Mio. Erwerbstätigen überschritten, doch 2009 ist das Gesamter­werbsarbeitsvolumen laut Statistik Austria erstmals gesunken.

Arbeitszufriedenheit hängt nach Holzinger in Zukunft daher wesentlich auch ab von der fairen Verteilung der verbleibenden Arbeit sowie  von leistungs­gerechter, fairer Entlohnung. Eine entsprechende Verteilung der Produktivi­täts­zuwächse erfordere geringere Lohnspreizungen und eine Dekonzentration des Vermögens. Am stärksten seien in den letzten Jahrzehnten die Finanzvermögen gewachsen – die tatsächlich „arbeitslosen Einkommen“.

Österreich hat Wohlstandspuffer und Verteilungsspielräume

Und wie soll das gehen? Österreich hat durchaus Wohlstandspuffer:  In Summe hat sich – wie bereits gesagt - der materielle Wohlstand in den letzten 50 Jahren verfünffacht. Und groß sind für Holzinger auch die Verteilungsspielräume: So entfallen laut Österreichischem Armuts- und Reichtumsbericht auf die 20 Prozent mit den höchsten Einkommen 50 Prozent der Einkommen. Das untere Fünftel kommt nur auf zwei Prozent. Noch krasser ist die Verteilung der Vermögen. Die 10 Prozent Reichsten in Österreich besitzen 54 Prozent des Gesamtvermögens (Geld, Immobilien); die Mehrheit der 90 Prozent hat nur 46 Prozent. Oder zugespitzt: Das reichste Promille der ÖsterreicherInnen verfügt über genauso viel Vermögen wie die untere Hälfte.

Engagement für „gute“ Arbeit

Neben einen fairen Verteilung der Arbeit und Einkommen geht es freilich auch um „gute“ Arbeit, der in der Studie ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Die Verdichtung des Arbeitslebens (besondere Gefahr bei Teilzeit), der zunehmende Zeitstress und das – durch die Krise verschärfte – Konkurrenzverhalten auch unter den Beleg­schaften (Stichwort Mobbing) machen erforderlich, so Holzinger, dass den Arbeits­bedingungen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. So mache der aktuelle öster­reichische Fehlzeitenreport deutlich, dass die Krankenstände aufgrund psychi­scher Belastungen stark steigen. Sensibilisierung für psychischen Druck am Ar­beits­platz, die Umsetzung kooperativer Unternehmenskulturen, etwa anerken­nende MitarbeiterInnengespräche sowie ein gesellschaftliches Bewusstein seien erfor­der­lich. Als positive Ansätze werden der „Gute Arbeit“-Index des Deutschen Gewerk­schaftsbundes sowie der „Arbeitsklima“-Index der Österreichischen Arbeiter­­kam­mer vorgestellt.

Ökologische Herausforderung heißt weniger Ressourcenverbrauch

Dazu kommt, dass die aus ökologischen Gründen gebotene drastische Ver­rin­gerung des Ressourcenverbrauchs ein qualitatives Verständnis von Wohlstand erfordert. Alle drei Szenarien bieten, so Holzinger, die Chance auf eine Ökolo­gisierung. Notwendig wäre aber eine Umstrukturierung des Steuersystems: Die Besteuerung von Ressourcen, von Konsum gestaffelt nach Grundbedürfnissen und „Luxusgütern“ sowie höhere Abgaben auf Vermögen würden eine „Verbil­li­gung“ von Erwerbsarbeit ermöglichen. Zudem erhielte der Staat neue Hand­lungsspielräume, um die notwendigen und sinnvollen Tätigkeiten jenseits der herkömmlichen Erwerbarbeit finanziell zu fördern.

Soziale Dienstleistungen – ob über Lohnarbeit oder privat erbracht – lassen sich nicht rationalisieren. Sie sind zeitintensiv und bringen keine hohen Renditen. Steuern seien, so Holzinger in diesem Sinne, dort zu lukrieren, wo hohe (mone­täre) Wertschöpfung  entsteht, bei Vermögenszuwächsen und in High Tech-Branchen, in denen jedoch wenig bzw. keine Arbeit anfällt.  Und zweitens beim Konsum aller nicht lebensnotwendigen, aber ressourcenintensiven Güter. Das sind in der Regel Massengüter wie Autos, Unterhaltungsprodukte, nicht aber Dinge wie Bildung, Betreuung von Kindern oder älterer Menschen.

Es wäre denkbar, so Holzinger, den Bürgerinnen und Bürgern die freie Wahl zu lassen, ob sie soziale Tätigkeiten lieber „auslagern“ oder lieber selbst verrichten wollen. Aufgabe der Politik wäre es, für beides entsprechende Rahmenbedin­gungen zu schaffen. Die hohe Produktivität der Wirtschaft würde jedoch in jedem Fall ermöglichen, die Erwerbsarbeit der Zukunft pluraler und beweglicher zu gestalten – auch Auszeiten würden denkbar und als das Leben bereichernd er­fahren. Der Fetisch „Erwerbsarbeit“ könnte seine Pole-Position verlieren  zugunsten einer Ausbalan­cierung zwischen den verschiedenen Tätigkeitsbereichen. Denkbar wäre etwa eine „Dreizeit-Gesellschaft“, in der die Erwerbsarbeit eine wichtige Funktion behält, Sorge-Arbeit aber aufgewertet wird und alle Menschen auch Zeit haben für politisch-kulturelles Engagement. Eine schöne Zukunftsutopie?!

 


Einige Fakten zum Arbeitsmarkt in Österreich

(aus der Studie, Quellen Statistik Austria u.a.)

        Zunahme der Erwerbspersonen seit 1950er-Jahren um 1 Million; allein seit 1995 sind 400.000 Jobs dazugekommen; davon 300.000 Frauenarbeitsplätze.

        2009 waren 2,185 Mio. Männer und 1,892 Frauen in Beschäftigung
erstmals absoluter Rückgang bei Männern, weitere Zunahme bei Frauen; Gründe: mehr Teilzeit, Zunahme sozialer Arbeit (wird in Zukunft auch „Männerdomäne“)

        2009 waren 44 Prozent der Frauen, aber nur 9 Prozent der Männer in Teilzeit (weniger als 36 Wochenstunden); in Holland, wo es ein recht auf Teilzeit gibt, sind 20 Prozent der Männer in Teilzeitstellen, die durchschnittliche Wochen­stunden­zahl aller Beschäftigten beträgt bei den Oranjes nur mehr 30 Stunden.

        2009 sank die Zahl der Vollzeitstellen in Österreich um 60.000, dafür entstanden 48.000 Teilzeitstellen; Ausdruck der Flexibilisierung und / oder Feminisierung der Arbeitswelt?

        2009 ist das Beschäftigungsvolumen um 866 Mio. h gegenüber 2008 gesunken.

·                Trend zur Dienstleistungsgesellschaft: 1950 entfielen in Österreich 60 Prozent der Beschäftigten auf Industrie und Gewerbe, 30 Prozent auf Dienstleitungen und immerhin noch 10 Prozent auf Land- und Forstwirtschaft. Heute beschäftigt der Dienstleistungssektor 70 Prozent, der produzierende Sektor ist auf 25 Prozent gesunken, in der Land- und Forstwirtschaft sind noch knapp fünf Prozent tätig (Zahlen aus 2008).

·                Einkommensverteilung: Auf die 20 Prozent mit den höchsten Einkommen entfallen in Österreich 50 Prozent der Einkommen. Das untere Fünftel kommt nur auf zwei Prozent (Quelle: Österreichischer Armutsbericht, zit. n. Moser/Schenk: Es reicht. Für alle. 2010)

·                Vermögensverteilung: Noch krasser ist die Verteilung der Vermögen. Die 10 Prozent Reichsten in Österreich besitzen 54 Prozent des Gesamtvermögens (Geld, Immobilien); die Mehrheit der 90 Prozent hat nur 46 Prozent. Oder zugespitzt: Das reichste Promille der ÖsterreicherInnen verfügt über genauso viel Vermögen wie die untere Hälfte (Quelle: Österreichischer Armutsbericht, zit. n. Moser/Schenk: Es reicht. Für alle. 2010)

             

 Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen | Robert-Jungk-Platz 1 | 5020  Salzburg  |  T 0043.662.873 206 | E: jungk-bibliothek@salzburg.at 
H:
www.jungk-bibliothek.at  Team: Mag. Silvia Aschenberger Dr. Alfred Auer, Mag. Hans Holzinger, Dr. Walter Spielmann, Mag. Stefan Wally
Online-Redaktion: Hans Holzinger