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Arbeitslosigkeit als Konjunkturproblem? 212 Millionen Menschen auf der Welt waren nach Schätzung
der Internationalen Arbeitsorganisation im Jahr 2009 arbeitslos, fast 34
Millionen mehr als im Jahr 2007 vor dem Ausbruch der Krise und mehr als je
zuvor. In
Österreich gingen im „Krisenjahr“ über 12.000 Jobs verloren – trotz
Kurzarbeit. 2010 ging es zwar wieder leicht aufwärts – aber nur aufgrund von
öffentlichen Konjunkturspritzen. Die alte „Vollbeschäftigung“ ist passé, denn
die Finanzkrise wird überlagert von einem Strukturwandel, der durch eine
zunehmende Sättigung der Gütermärkte in allen spätindustriellen Ökonomien
gekennzeichnet ist, so die Ausgangsthese von Hans Holzinger in seiner Studie
„Zur Zukunft der Arbeit“. Kurz gesagt: Wir haben (fast) alles, was wir
brauchen. Drei Trends würden somit zu einem
drastischen weiteren Abbau von Arbeitsplätzen im produzierenden Sektor führen:
Produktionsverlagerungen in Billiglohnländer, weitere
Produktivitätssteigerungen (Stichwort Automatisierung) sowie die Sättigung
der Gütermärkte. Drei mögliche Zukunftsszenarien Der Autor entwirft drei mögliche
Zukunftsszenarien: 1) Weiterer Ausbau der personennahen Dienstleistungen – von Kinderbetreuung
und Pflege älterer Menschen über Wellness- und Gesundheitsdienste bis hin zu
neuen Bildungsangeboten. Finanziert werden müssen diese Dienstleistungen aus
einem (exportorientierten) modernen Industriesektor hoher Wertschöpfung.
„High Tech“ wird somit ergänzt um „High Touch“. Industrie wird dabei
ebenfalls dienstleistungsorientierter, weil nicht mehr allein Produkte,
sondern die dazu gehörigen Dienstleistungspakete mit angeboten werden
(„Service Industries“). Ein verteilungsstarker Staat ermöglicht den Ausbau
des Sozialsektors, ergänzt um private Finanzierungen (Umschichtung in den
privaten Haushaltsbudgets). 2) Möglich wäre aber auch der Weg in eine
neue Tätigkeitsgesellschaft, in der
die Erwerbsarbeit tendenziell abnimmt und die sorgenden Tätigkeiten („Care-Economy“) wieder stärker von den Menschen privat
wahrgenommen werden. Chancen: Renaissance der Familie in neuer Form -
Familienarbeit wird nun von Frauen und Männern gemeinsam verrichtet;
Rückbau der nicht immer erfüllenden Erwerbsarbeit. Gefahren: Die Sorgearbeit
bleibt tendenziell wieder an den Frauen „hängen“; Verschärfung der ungleichen
Startchancen durch den Rückbau bzw. Nichtausbau von Angeboten wie
flächendeckender Kinderbetreuung und Ganztagsschulen. Wenn Kindererziehung wieder allein
Aufgabe der Eltern ist, fehlt das „Korrektiv“ für sozial benachteiligte
Kinder. Für die Betreuung älterer
Menschen trifft dies freilich nur bedingt zu. 3) In einer „pluralen Ökonomie“ würden schließlich die Tätigkeiten jenseits
der Erwerbsarbeit – Versorgungsleistungen, Freiwilligenarbeit,
Nachbarschaftshilfe und öffentliches Engagement – durch staatliche Anreize
auch finanziell unterstützt. Es gäbe höhere Transferleistungen für diese
gesellschaftswichtigen Aufgaben. Chancen: Männer würden sich mehr um sorgende
Tätigkeiten annehmen; die Wirtschaft müsste sich beweglicher auf
Wunscharbeitszeitmodelle einstellen. Die tendenzielle Benachteiligung
sozial Schwächerer würde aber bestehen bleiben. Ergänzt um eine Erhöhung der
regionalen Wertschöpfung – bedingt durch eine (erneute) Dezentralisierung
der Lebensmittel- und Energieproduktion – könnte sich so eine krisenfestere
Mischwirtschaft ergeben als die gegenwärtige globalisierte, monostrukturelle
Ökonomie. In Szenario 1 steigt das BIP, es wird das
Modell einer qualitativen Wachstumswirtschaft verfolgt. In Szenario 2 + 3
kann es stagnierend oder gar rückläufig sein. Doch Szenario 3 erfordert wie
Szenario 1 einen verteilungsstarken Staat, nur werden hier Transfers für
soziale Arbeit jenseits der „Verberuflichung“
dieser Arbeiten vergeben. Arbeitszufriedenheit erfordert
angepasste Wunscharbeitszeitmodelle In Zukunft braucht es, so Holzinger, mehr
Wahlmöglichkeiten, flexible Arbeitszeitregelungen, die etwa Weniger-Arbeiten in der Familienphase ermöglichen, was
dann durchaus das Länger-Arbeiten im Alter denkbar
mache. Denn: „Plurale Lebensbiografien werden plurale Erwerbsbiografien
verlangen.“ So betrug laut Statistik Austria der Anteil alleinerziehender Mütter
in Österreich immerhin bereits 10 Prozent, jener der alleinerziehenden Väter
„nur“ 1,8 Prozent. Generell gehe, dies
zeigen Zeitbudgeterhebungen, das derzeitige Erwerbssystem zu Lasten der Frauen,
die neben der Erwerbsarbeit auch den Großteil der Versorgungsarbeit erledigen.
Dies ist auch der Hauptgrund für die
ungleichen Chancen am Arbeitsmarkt. 2009 waren 44 Prozent der
Frauen, aber nur 9 Prozent der Männer in Teilzeit. In Holland, wo es ein
Recht auf Teilzeit gibt, sind 20 Prozent der Männer in Teilzeitstellen, die
durchschnittliche Wochenstundenzahl aller Beschäftigten beträgt bei den Oranjes nur mehr 30 Stunden, so ein Detail aus der
Studie. Holzinger dazu: Doch vielleicht liegt die Zukunftsperspektive eher im
„weiblichen Arbeitsmodell“ als im männlichen „Workaholic“-Modell,
d. h. in Arbeitszeitverkürzung für beide Geschlechter. Zukunftsziel müsse
sein, dass Paare mit Kindern von zwei Halbtagsstellen gut leben können. Weniger
Erwerbsarbeit in der Familienphase, dafür später länger und fit arbeiten Die optimistische Perspektive: Für viele
Menschen sind – trotz Wirtschaftskrise nicht mehr
Geld und Güter knapp, sondern die neuen Knappheiten heißen Zeit und
Aufmerksamkeit, so Holzinger. Die weitere Verringerung jener Zeit, die wir
mit Erwerbsarbeit verbringen, wäre demnach ein Weg in Richtung von mehr
Lebensqualität. Gefordert ist das Recht auf Wunscharbeitszeit und die
Möglichkeit, „Karriere“ auch in Teilzeit machen zu können; möglich wären auch
Arbeitszeitkonten, wie sie das deutsche „Flexi-Gesetz“
ermöglicht. In Lebenserwerbsmodellen mit
Lebensarbeitszeitkonten bräuchte dann, so Holzinger, auch Länger-Arbeiten
im Alter kein Tabu mehr sein. Bekanntlich liegt dass effektive
durchschnittliche Pensionsalter in Österreich bei Männern und Frauen unter 60
Jahren. Andererseits werden sich bei den derzeitigen Bedingungen die Pensionsjahre
der heute Geborenen bei Frauen auf 27 und bei Männern auf 22 Jahr erhöhen –
im Vergleich zu 16 bzw. 11 Jahre bei den 1960-Jahrgängen. Arbeitszufriedenheit braucht auch eine
fair empfundene Einkommensverteilung Der materielle Wohlstand hat sich in allen
OECD-Staaten mindestens verfünffacht. Der Grund liegt in den permanenten
Produktivitätssteigerungen sowie im Umstand, dass wir in Summe, d. h. wenn
alle Erwerbstätigen zusammengezählt werden, immer mehr arbeiten. Zumindest
galt das bislang. So wurde in Österreich 2007 erstmals die Schwelle von 4
Mio. Erwerbstätigen überschritten, doch 2009 ist das Gesamterwerbsarbeitsvolumen
laut Statistik Austria erstmals gesunken. Arbeitszufriedenheit hängt nach Holzinger in
Zukunft daher wesentlich auch ab von der fairen Verteilung der verbleibenden
Arbeit sowie von leistungsgerechter,
fairer Entlohnung. Eine entsprechende Verteilung der Produktivitätszuwächse
erfordere geringere Lohnspreizungen und eine Dekonzentration des Vermögens.
Am stärksten seien in den letzten Jahrzehnten die Finanzvermögen gewachsen –
die tatsächlich „arbeitslosen Einkommen“. Österreich hat Wohlstandspuffer und
Verteilungsspielräume Und wie soll das gehen? Österreich hat
durchaus Wohlstandspuffer: In Summe
hat sich – wie bereits gesagt - der materielle Wohlstand in den letzten 50
Jahren verfünffacht. Und groß sind für Holzinger auch die
Verteilungsspielräume: So entfallen laut Österreichischem Armuts- und
Reichtumsbericht auf die 20 Prozent mit den höchsten Einkommen 50 Prozent der
Einkommen. Das untere Fünftel kommt nur auf zwei Prozent. Noch krasser ist
die Verteilung der Vermögen. Die 10 Prozent Reichsten in Österreich besitzen
54 Prozent des Gesamtvermögens (Geld, Immobilien); die Mehrheit der 90
Prozent hat nur 46 Prozent. Oder zugespitzt: Das reichste Promille der
ÖsterreicherInnen verfügt über genauso viel Vermögen wie die untere Hälfte. Engagement
für „gute“ Arbeit Neben einen fairen Verteilung
der Arbeit und Einkommen geht es freilich auch um „gute“ Arbeit, der in der
Studie ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Die Verdichtung des Arbeitslebens
(besondere Gefahr bei Teilzeit), der zunehmende Zeitstress und das – durch
die Krise verschärfte – Konkurrenzverhalten auch unter den Belegschaften
(Stichwort Mobbing) machen erforderlich, so Holzinger, dass den Arbeitsbedingungen
mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. So mache der aktuelle österreichische
Fehlzeitenreport deutlich, dass die Krankenstände aufgrund psychischer
Belastungen stark steigen. Sensibilisierung für psychischen Druck am Arbeitsplatz,
die Umsetzung kooperativer Unternehmenskulturen, etwa anerkennende
MitarbeiterInnengespräche sowie ein gesellschaftliches Bewusstein
seien erforderlich. Als positive Ansätze werden der „Gute Arbeit“-Index des Deutschen Gewerkschaftsbundes sowie
der „Arbeitsklima“-Index der Österreichischen
Arbeiterkammer vorgestellt. Ökologische Herausforderung heißt
weniger Ressourcenverbrauch Dazu kommt, dass die aus ökologischen
Gründen gebotene drastische Verringerung des Ressourcenverbrauchs ein
qualitatives Verständnis von Wohlstand erfordert. Alle drei Szenarien bieten,
so Holzinger, die Chance auf eine Ökologisierung. Notwendig wäre aber eine
Umstrukturierung des Steuersystems: Die Besteuerung von Ressourcen, von
Konsum gestaffelt nach Grundbedürfnissen und „Luxusgütern“ sowie höhere
Abgaben auf Vermögen würden eine „Verbilligung“ von Erwerbsarbeit
ermöglichen. Zudem erhielte der Staat neue Handlungsspielräume, um die
notwendigen und sinnvollen Tätigkeiten jenseits der herkömmlichen
Erwerbarbeit finanziell zu fördern. Soziale Dienstleistungen – ob über
Lohnarbeit oder privat erbracht – lassen sich nicht rationalisieren. Sie sind
zeitintensiv und bringen keine hohen Renditen. Steuern seien, so Holzinger in
diesem Sinne, dort zu lukrieren, wo hohe (monetäre) Wertschöpfung entsteht, bei Vermögenszuwächsen und in
High Tech-Branchen, in denen jedoch wenig bzw.
keine Arbeit anfällt. Und zweitens
beim Konsum aller nicht lebensnotwendigen, aber ressourcenintensiven Güter.
Das sind in der Regel Massengüter wie Autos, Unterhaltungsprodukte, nicht
aber Dinge wie Bildung, Betreuung von Kindern oder älterer Menschen. Es wäre denkbar, so Holzinger, den
Bürgerinnen und Bürgern die freie Wahl zu lassen, ob sie soziale Tätigkeiten
lieber „auslagern“ oder lieber selbst verrichten wollen. Aufgabe der Politik
wäre es, für beides entsprechende Rahmenbedingungen
zu schaffen. Die hohe Produktivität der Wirtschaft würde jedoch in jedem Fall
ermöglichen, die Erwerbsarbeit der Zukunft pluraler und beweglicher zu
gestalten – auch Auszeiten würden denkbar und als das Leben bereichernd erfahren.
Der Fetisch „Erwerbsarbeit“ könnte seine Pole-Position
verlieren zugunsten einer Ausbalancierung
zwischen den verschiedenen Tätigkeitsbereichen. Denkbar wäre etwa eine
„Dreizeit-Gesellschaft“, in der die Erwerbsarbeit eine wichtige Funktion behält,
Sorge-Arbeit aber aufgewertet wird und alle Menschen auch Zeit haben für politisch-kulturelles Engagement. Eine schöne
Zukunftsutopie?! Einige Fakten zum
Arbeitsmarkt in Österreich (aus
der Studie, Quellen Statistik Austria u.a.) • Zunahme der Erwerbspersonen seit
1950er-Jahren um 1 Million; allein seit 1995 sind 400.000 Jobs dazugekommen; davon
300.000 Frauenarbeitsplätze. • 2009 waren 2,185 Mio. Männer und 1,892
Frauen in Beschäftigung • 2009 waren 44 Prozent der Frauen, aber
nur 9 Prozent der Männer in Teilzeit (weniger als 36 Wochenstunden); in
Holland, wo es ein recht auf Teilzeit gibt, sind 20 Prozent der Männer in
Teilzeitstellen, die durchschnittliche Wochenstundenzahl aller
Beschäftigten beträgt bei den Oranjes nur mehr 30
Stunden. • 2009 sank die Zahl der Vollzeitstellen
in Österreich um 60.000, dafür entstanden 48.000 Teilzeitstellen; Ausdruck
der Flexibilisierung und / oder Feminisierung der Arbeitswelt? • 2009 ist das Beschäftigungsvolumen um
866 Mio. h gegenüber 2008 gesunken. ·
Trend zur Dienstleistungsgesellschaft: 1950
entfielen in Österreich 60 Prozent der Beschäftigten auf Industrie und
Gewerbe, 30 Prozent auf Dienstleitungen und immerhin noch 10 Prozent auf
Land- und Forstwirtschaft. Heute beschäftigt der Dienstleistungssektor 70
Prozent, der produzierende Sektor ist auf 25 Prozent gesunken, in der Land-
und Forstwirtschaft sind noch knapp fünf Prozent tätig (Zahlen aus 2008). ·
Einkommensverteilung: Auf die 20 Prozent mit den
höchsten Einkommen entfallen in Österreich 50 Prozent der Einkommen. Das
untere Fünftel kommt nur auf zwei Prozent (Quelle: Österreichischer
Armutsbericht, zit. n. Moser/Schenk: Es reicht. Für alle. 2010) ·
Vermögensverteilung: Noch krasser ist die
Verteilung der Vermögen. Die 10 Prozent Reichsten in Österreich besitzen 54
Prozent des Gesamtvermögens (Geld, Immobilien); die Mehrheit der 90 Prozent
hat nur 46 Prozent. Oder zugespitzt: Das reichste Promille der
ÖsterreicherInnen verfügt über genauso viel Vermögen wie die untere Hälfte
(Quelle: Österreichischer Armutsbericht, zit. n. Moser/Schenk: Es reicht. Für
alle. 2010) |
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