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Urankolonialismus
und die Renaissance der Atomenergie

Claus Biegert, Begründer des Nuclear Free Future Award,  war am 26. Mai 2009 auf Einladung von Salzburger NGOs zu Gast in der JBZ. Er berichtete über die dramatischen Folgen des Uranabbaus für die indigenen Völker. Heinz Stockinger von der Salzburger Plattform gegen Atomgefahren ergänzte Berichte zum aktuellen Urankolonialismus in Afrika und machte deutlich, dass die Atomenergie die Weltenergieversorgung nicht lösen werde.

Ein Bericht von Hans Holzinger

Geschichte der Atomenergie ist auch eine Geschichte der Indigenas

„70 Prozent des weltweit geförderten Urans kommt aus Gebieten von Indigenas. Die Geschichte der Atomenergie ist daher auch eine Geschichte der Indianer“, so Claus Biegert in seinen Ausführungen über den mit der Atomenergienutzung verbundenen Urankolonialismus. 80 Prozent der Radioaktivität des Urans verbleibe in den Halden der Bergwerke, die über die Abraumhalden verbreitete sogenannte Niedrigstrahlung wirke zwar nicht unmittelbar tödlich, entfalte ihre Radioaktivität und Toxizität jedoch über den Faktor Zeit. So beträgt die Inkubationszeit für Krebserkrankungen durch diese Strahlen, vor allem Alphastrahlung, etwa 20 Jahre.

Langzeitfolgen für Opfer des Uranabbaus

Biegert, der 1992 das World Uranium Heraring in Salzburg initiiert hatte und damit den Betroffenen des Uranabbaus weltweit eine Stimme gab, schilderte im Vortrag die Spätfolgen des „Uranbooms“ in den USA und Kanada für die Indigenas: deutlich erhöhte Krebsraten und Missbildungen bei Neugeburten zählen heute zum Alltag derer, die vor 20 Jahren in den Minen gearbeitet haben bzw. in deren Nachbarschaft wohnen. Gekauft wurden die Indigenas für die Lagerung von Atommüll mit viel Geld und Unwissenheit. So wären allein für die Bereitschaft, eine „Umweltstudie“ erstellen zulassen, „die dann immer die Unbedenklichkeit der Uranförderung bzw. –lagerung bestätigte“, bis zu 500.000 Dollar geflossen, „und für die Förderung dann Millionen“. Doch auch bei den Indigenas sei ein Umdenken festzustellen. So hätten sich mittlerweile über 70 der indianischen Gemeinschaften für atomfrei erklärt: „Das ist der überwiegende Teil“, so Biegert.

Neuer Urankolonialismus in Afrika

Während in Nordamerika und Australien mittlerweile viele Uranminen geschlossen wurden, beginnt der Boom in Afrika erst, so Biegert weiter. Es bestehe die Gefahr, dass die Ureinwohner Afrikas dasselbe Schicksal erleiden wie die Indigenas Nordamerikas oder Australiens. Eine Befürchtung, die Heinz Stockinger von der Salzburger Plattform gegen Atomgefahren bestätigte: „Allein in Niger wurden bereits 170 Anträge für Erkundungs- und Schürfrechte gestellt, von französischen, US-amerikanischen, kanadischen oder chinesischen Unternehmen.“ Frankreich will in Arlit – in einer der wasserärmsten Regionen der Welt – die größte Uranmine der Welt bauen. Der französische Atomkonzern Areva, der seit 40 Jahren in Niger Uran abbaut, und die Regierung von Niger haben das Geschäft seit Monaten angebahnt. Befürchtet werden weitere Belastungen für die einheimische Bevölkerung und die Umwelt, etwa den Wasserhaushalt.

An die Renaissance der Atomenergie, die sich im Kontext der Klimaerwärmung als CO2-freie Alternative ins Spiel bringt, glaubt Stockinger nicht. „Der Stromverbrauch macht nur 17 Prozent des gegenwärtigen Weltenergieverbrauchs aus und Atomenergie trägt zu diesem nur mit 16 Prozent bei“, so Zahlen des Antiatomexperten. Die Atomenergie steuere daher derzeit nur etwa 2 Prozent zum gesamten Weltenergieaufkommen bei. Stockinger kritisierte die Konzentration der Forschungsmittel auf Nuklearenergie und plädierte in diesem Zusammenhang für einen Ausstieg Österreichs aus der EURATOM.

Gefahren von Uranmunition

Einigkeit gab es zwischen beiden Vortragenden, dass die Frage der Endlagerung des Atommülls bisher aufgeschoben („verdrängt“) und uns noch große Zukunftsprobleme bereiten werde. Klaus Biegert verwies darüber hinaus auf eine weitere Problematik des Uranabbaus. Da Uran eines der härtesten Metalle darstellt, gilt das abgereicherte Uran, das bei der Herstellung des spaltfähigen Urans anfällt als begehrter und kostengünstiger Rohstoff für sogenannte Uranmunition und urangehärtete Waffen, etwa Panzer. „Depleted Uranium“ – so der Fachbegriff (abgereichertes Uran) – führt aber ebenfalls zu verheerenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Der bei Explosionen freiwerdende Feinstaub, etwa wenn das Urangeschoss auf den Panzer trifft, wird „von Freund und Feind“ eingeatmet. Die Radioaktivität von Uranmunition wurde von den Militärs lange Zeit abgestritten, die NATO hätte aber zuletzt – so Biegert – eingeräumt, dass Untersuchungen in Einsatzgebieten wie Irak, Kosovo oder im indisch-pakistanischen Grenzkrieg neu aufgerollt werden müssten.

Nuclear-Free Future Award

Die stärkere Kontrolle der Uranabbaufirmen durch die Öffentlichkeit nannte Biegert als entscheidende Strategie, um deren skandalösen Schürfpraktiken ein Ende zu setzen und zumindest die Einhaltung von Mindeststandards zu erreichen. Eine Möglichkeit hier für sei, sich als KleinaktionärInnen in die Firmen einzukaufen, ein Weg, der in der Friedensbewegung hinsichtlich Rüstungsunternehmen bereits einmal erfolgreich bestritten worden war („Kritische Aktionäre“).

Das World Uranium Hearing 1992 in Salzburg hatte den Betroffenen des Uranabbaus erstmals global eine Stimme gegeben. Der daraus hervorgegangene, jährlich vergebene „Nuclear-Free Future Award“ zeichnet Personen aus, die Widerstand leisten gegen den skrupellosen Uranabbau und die Ausbreitung des Nuklearismus leisten. Die Preisträger 2008 waren Manuel Pino vom Volk der Tewa im US-Staat New Mexico, der seine Dissertation über die zerstörerische Auswirkung der Urangewinnung auf die indianische Kultur verfasste und zu einem führenden Sprecher der Indigenas gegen die Atomindustrie wurde, sowie Jillian Marsch, die seit vielen Jahren Aufklärungsarbeit über die Folgen des Uranbaus für die australischen Aborigines leistet.

Link: www.nuclear-free.com

Kooperation: AAI, Plage – Zukunftswerkstatt Energie, Robert-Jungk Bibliothek, Umweltreferat der Erzdiözese, KHG, Südwind. Text: Elisabeth Moser (AAI)

 

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