„Neue Formen des Bürgerengagements in den
Gemeinden“
Dienstag, 12.10.2010
im Kongresshaus St. Johann/Pongau
eine Veranstaltung der Gemeindeentwicklung Salzburg

Die aktuelle Wirtschaftslage, aber auch die ständig zunehmenden Aufgaben bringen viele Gemeinden unter Druck. Unsere Gesellschaft wird älter, immer weniger Erwerbstätige müssen immer mehr Menschen im Ruhestand versorgen (demografischer Wandel), unsere Lebens- und Wirtschaftsweise muss rasch ökologischer werden (Klimawandel, Ressourcenknappheit), Schuldenberge müssen abgebaut werden (Generationengerechtigkeit) und die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise lassen sich nicht mehr allein durch Gemeinderatsbeschlüsse bewältigen. Immer deutlicher wird, dass Städte und Gemeinden an ihre Leistungsfähigkeit stoßen. Nur gemeinsam mit den BürgerInnen lassen sich neue soziale Netzwerke, Nachbarschaftshilfen bzw. eine nachhaltige Energieversorgung aufbauen und die Lebensqualität in unseren Gemeinden erhalten.
Eine Gemeinde lebt vom Engagement der
BürgerInnen, sei es durch deren Freiwilligenarbeit, Know How oder finanzielle
Zuwendung. Viele BürgerInnen wollen sich aktiv für Ihr Umfeld und Ihren
Lebensraum einsetzen, einen Beitrag zum Gemeinwohl der Gemeinde leisten und
gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Zudem macht sich seit Beginn der 90er Jahre in den westeuropäischen
Demokratien eine wachsende Unruhe breit. Sinkende Wahlbeteiligung,
Parteiaustritte und eine zunehmende Entfremdung zwischen der Bevölkerung und
ihren politischen Repräsentanten sind davon die deutlichsten Zeichen.
Gleichzeitig wird die öffentliche Verwaltung als zu traditionell, bürokratisch
und paternalistisch kritisiert. Unter dem Einfluss neoliberaler Doktrinen
nehmen Privatisierung, Deregulierung und der Rückgriff auf Marktmechanismen zu.
In diesem Kontext ist die lokale Ebene einer der zentralen Orte, wo Probleme
und Lösungsansätze aufeinander treffen. Um auf wachsende Unzufriedenheit der
Bürger, Reform- und Wettbewerbsdruck zu reagieren, beginnen immer mehr
Gemeinden eine Alternative in „Neuen Formen der Bürgerbeteiligung“ zu suchen.
Dabei sollen
engagierte BürgerInnen und Unternehmen in Zeiten leerer Gemeindekassen nicht
nur kostengünstig öffentliche Leistungen und Infrastrukturausstattung
aufrechterhalten oder neue Projekte auf
die Beine stellen. BürgerInnen kümmern sich um Schwimmbäder und
den öffentlichen Verkehr, pflegen öffentliche Grünflächen und bilden
Genossenschaften zur Nah-, Wärme-, oder
Altersversorgung. Sie investieren ihre Arbeitskraft, Zeit aber auch Vermögen.
BürgerInnen wollen und können aber nicht nur mitarbeiten, sondern auch
mitdenken, mitreden und mitentscheiden.
Ziel ist die Stärkung der Zivilgesellschaft
und Problemlösungsfähigkeit, sowie der Aufbau einer „Bürgerkommune“, welche
durch die aktive Teilnahme ihrer Mitglieder am öffentlichen Leben gestaltet und
weiterentwickelt wird. Für das BürgerInnenengagement in Gemeinden und
Stadtteilen werden auch die Begriffe
„kleine Demokratie“ oder „kooperative Demokratie“ verwendet. Gerade auf kommunaler Ebene ist
von großer Bedeutung, dass die Menschen ihre Gemeinde nicht als abstrakte
Verwaltungseinheit sehen, sondern sich selbst als Teil dieser Gemeinschaft
begreifen.
BLOCK 1 „Wie funktioniert eine
Bürgerkommune?“
12:00 Begrüßung Gemeindeentwicklung
12:10 Workshop mit Wolfgang Wörner, Bürgermeister
Dürmentingen
In einer Bürgerkommune werden die Potentiale der Bürgerschaft zur Lösung gesellschaftlicher Probleme nutzbar gemacht. BürgerInnen sollen an Entscheidungen und Aufgabenerfüllungen beteiligt und die soziale Logik produktiv gemacht werden. Gemeinden sollen dabei Aktivierungs- und Unterstützungsfunktionen wahrnehmen. Die zentrale kommunale Unterstützungsfunktion ist der Aufbau einer Freiwilligeninfrastruktur.
Der Bürgermeister einer „engagierten“ Gemeinde stellt seine Erfahrungen zur Verfügung: Wie funktioniert Bürgerengagement in einer Gemeinde und welche Rahmenbedingungen braucht es? Wie können Kommunen das Engagement der BürgerInnen organisieren, motivieren, begleiten und nutzen? Wie können BürgerInnen, Unternehmen, Verwaltung, Politik zur Gestaltung des lokalen Raumes zusammenwirken? Welche Risiken birgt eine verstärkte Förderung von Bürgerengagement und Beteiligung? Welche neue Rolle spielen der Gemeinderat und die Verwaltung?
14:45 PAUSE
BLOCK 2 „Erfolgreiche Beispiele des
Bürgerengagements“
15:00 Begrüßung,
Einleitung und Moderation Gemeindeentwicklung, Ablauf „Markt der Ideen“
erklären, anschließend geben Referenten allgemeinen Überblick über die
einzelnen Formen des Bürgerengagements
15:15 Bürgergenossenschaft Dietmar Rössl, Wirtschaftsuniversität Wien, Institut für Kooperation und Kooperativen
Kommunalpolitik und Bürgerengagement ersticken in Überregulierung und Mangelverwaltung. Die finanziellen Spielräume der Gemeinden brechen weg. Das Umdenken hat mit dem Begriff PublicPrivatePartnership (PPP) begonnen. Mittlerweile gibt es Unbehagen weil kommunale Aufgaben und Bürgerwohl zum Spielball profitorientierter Privatinteressen Einzelner wurden? Es gibt aber auch eine Unternehmensform, die privatrechtliche Unternehmensführung mit kommunaler Eigenverantwortung und Bürgerengagement kombiniert? „PublicCitizenPartnership“ (PCP) in der Rechtsform der Genossenschaft: Dabei nehmen BürgerInnen und Kommunen ihre Angelegenheiten gemeinsam in die Hand. Die Genossenschaften immanenten Prinzipien der Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung eignen sich, kommunale Aufgaben zur erledigen oder zu unterstützen. Bürgergenossenschaften betreiben Freizeiteinrichtungen, soziale Einrichtungen der Altenbetreuung bis hin zur Kinderbetreuung, sind aber auch für derzeit ausgegliederte Unternehmungen von Gemeinden eine sinnvolle Alternative sein.
15:30 Energiegenossenschaft Johannes Unterberger „Holzwärme“ Bad Goisern
Die Energiegenossenschaft Bad Goisern ist eine sogenannte gemischte Genossenschaft in der sich Bürgerinnen, Landwirte und Betriebe sowohl als Produzenten wie auch als Verbraucher zusammengeschlossen haben um die eigene Energieversorgung in die eigenen Hände zu nehmen.
15:40 Seniorengenossenschaft Josef Martin Riedlingen D, Hans Schellenbacher Melk
In einer Seniorengenossenschaft
finden sich Menschen zusammen, die sich gegenseitig helfen wollen. Angeboten
werden alle erforderlichen Hilfen an, um es den Mitgliedern zu ermöglichen, bis
zum Lebensende in ihrem Wohnumfeld verbleiben zu können. Eine Übersiedlung in
ein Heim soll möglichst auf Schwerpflegefälle reduziert werden. Sie eröffnet
den freiwilligen Mitarbeitern die Möglichkeit, noch zusätzliche Vorsorge für
das eigene Alter zu leisten.
Die 585 Mitglieder der Seniorengenossenschaft Riedlingen
nutzen und bieten umfassende Leistungen:
Betreutes Wohnen, Essensdienste, Fahrdienste, Handwerklicher
Hilfsdienst, Beratung, Kontakttelefon und Besuchsdienst, Hilfsdienstleistende,
Entschädigung, aber auch finanzielle Vorsorge.
15:55 Bürgerhaushalt Martin Gröll, Bürgermeister Friedewald in Hessen
Der Bürgerhaushalt ist das erfolgreichste
Partizipationsinstrument der letzten 15 Jahre, eine direkte Art von kommunaler
Bürgerbeteiligung. 70 davon gibt’s mittlerweile in Deutschland. Die Verwaltung
einer Stadt, aber auch kleineren Gemeinde bemüht sich dabei um mehr
Haushaltstransparenz, lässt die Betroffenen zumindest über einen Teil vom
Investitionshaushalt mitbestimmen und gewinnt daraus einige Vorteile.
16:10 Bürgerstiftung Manfred Klaar, Vorstand Bürgerstiftung Bad Tölz
Bürgerstiftungen setzen sich für das Gemeinwohl einer Stadt, eines
Landkreises oder einer Region ein, indem sie gemeinnützige Organisationen
fördern oder selber Projekte initiieren. In einer Bürgerstiftung engagieren
sich Unternehmen, Banken und BürgerInnen gemeinsam und dauerhaft für ihren Ort
oder ihre Region. Sie bündeln finanzielle und personelle Ressourcen, um
dauerhaft soziale, kulturelle oder andere gemeinnützige Anliegen zu
unterstützen. Die Bürgerstiftung Bad Tölz finanzierte und
plante als ihr bislang letztes Projekt einen „Bewegungspark für Jung und Alt“.
16:25 Bürgerbus Detlev Schmidt, Landkreis
Bayreuth
Ein Bürgerbus ist eine Buslinie, die sich in der Regel auf eine bürgerschaftliche Initiative gründet, um Lücken im öffentlichen Personennahverkehr auszugleichen. Nach dem Motto "Bürger fahren für Bürger" wird so die Anbindung kleinerer Ortschaften an das jeweilige Gemeindezentrum sichergestellt. Die Bürgerbusse Im Landkreis Bayreuth beförderten 2002 insgesamt 13.600 Fahrgäste.
16:40 Bürgerbad Olaf Betz,
Obmann Schwimmbadverein Kraisdorf in Unterfranken
Hermann Martin, Bürgermeister von Kraisdorf
Bei einem Bürgerbad handelt es sich um ein Schwimmbad, das von Bürgern, betrieben wird. Das Freibad im Kraisdorf (sollte geschlossen werden. Doch die BürgerInnen wollten das nicht hinnehmen. Sie haben einen Verein gegründet und das heruntergekommene Schwimmbad wieder aufgebaut.
16:55 Flächen- und Pflanzenpatenschaften Michaela Petzet,
Anton Schmid, Gemeinde Vaterstetten bei München
In vielen Kommunen pflegen BürgerInnen Grünanlagen im öffentlichen Raum. Sie bepflanzen Blumenbeete, bewässern Verkehrsinseln und Bäumen, melden Schäden an die Gemeinde, sprechen mit Bürgern die ihren Abfall und Hundekot zurücklassen und reinigen den Dorfplatz vor ihrer Haustür. Die Bepflanzung der Grüninsel erfolgt jedoch meist durch den gemeindlichen Bauhof, kann aber nach Absprache auch durch den Paten selbst erfolgen. Die weitere Pflege (Wässern, Unkrautbekämpfung, Bodenauflockerung, Säubern von Abfall u.a.) übernimmt der Pate.
17:05 PAUSE
BLOCK 3 Infomarkt und
Austausch mit den Vortragenden
17:30 - 19:30
TagungsteilnehmerInnen können sich nach freier
Wahl zu den im Block 2 vorgestellten Themen an Infostände zuteilen.
Jede/r ReferentIn betreut einen
Informationsstand mit Bildern, Pinnwand, Laptop Beamer, Infomaterial, etc. Die
TN erhalten einen Plan und wechseln zwischen den Stationen, wann sie wollen.
Stand
1
Energiegenossenschaft Bad Goisern
„Holzwärme“ Energiegenossenschaft Bad Goisern (7500 Ew)
Stand 2
Seniorengenossenschaft
Melk (5.000 Ew) in
Koop mit Raiba
Riedlingen (10.000
Ew)
Stand 3
Bürgerhaushalt
Friedewald in Osthessen (2500 Ew)
Stand 4
Bürgerstiftung
Bad Tölz (17.600 Ew) in Kooperation mit der Raiffeisenbank
Stand 5
Bürgerbus
Landkreis Bayreuth
(Nürnberg)
Stand 6
Bürgerbad
Kraisdorf in Unterfranken (1500 Ew)
Stand
7
Flächen- und Pflanzenpatenschaften
Vaterstetten bei
München (22.000 Ew)
Stand 8
Bürgergenossenschaften
Dietmar Rößl, WU Wien