| Robert-Jungk-Memorial-Lecture 2004 |
„Ein Baum der fällt macht mehr Krach als ein
Wald der wächst“
Der Physiker Hans-Peter Dürr hielt die Robert-Jungk-Memorial-Lecture 2004
von
Hans Holzinger
![]() |
Der Vortrag von
Hans-Peter Dürr bildete den Abschluss einer Veranstaltungsreihe anlässlich
des 10. Todestages von Robert Jungk zum Thema "Haben Utopien ausghedient"
(24.-27.5.2004). Der Vortrag ist als CD-ROM (
10,- €), die Gesamtdokumentation der Reihe als DVD (20,- €) erhältlich. |
Die Betrachtung der Welt als Maschine entspreche dem mechanistischen Denken des 19. Jahrhunderts. Die moderne Physik zeige uns jedoch, dass die Natur nicht in den Griff zu kriegen ist, so Hans-Peter Dürr vom Max-Plank-Institut für Physik und Astrophysik in München, jüngst bei einem Vortrag der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen zum Thema „Haben Utopien ausgedient?“ Die Tendenz alles begreifen zu wollen, habe zur Verabsolutierung der toten Materie und damit auch zum Beherrschen und Besitzen der Welt geführt: „Doch die Welt ist viel größer als das was begrifflich gefasst werden kann. Wir erleben mehr als wir begreifen können.“
„Erst die Fähigkeit Utopien zu haben, Dinge zu erahnen die über die reale Erfahrung hinausgehen, machen den Homo sapiens aus“, ist der Naturwissenschaftler überzeugt. Der Utopist habe lange Zeit als Traumtänzer gegolten, der der Realität ausweicht. Das Utopische sei aber nicht das Irreale oder Irrationale, sondern das Areale oder Arationale, „etwas das sich nicht kategorisieren lässt, dass nicht in unsere Realität passt.“
Dürr plädierte dafür, die Evolutionsprinzipien der Natur – Vielfalt und Kooperation - endlich auf Politik, Gesellschaft und Wirtschaft zu übertragen. Nicht Uniformierung, nur Vielfalt führe zu höherer Differenzierung. Es gehe darum, die Zahl der Optionen zu mehren und Zusammenarbeit als Zukunftschance zu begreifen: „Mein eigener Vorteil muss auch der des anderen sein. Wir toben aber herum als wären wir allein.“ Der Weltfrieden entstehe auch nicht durch die Vorherrschaft einer Supermacht, sondern nur durch Kooperation und Dialog. Das Konkurrenzprinzip der Wirtschaft, in dem die Größeren die Kleineren schlucken, sei langfristig ebenfalls nicht überlebensfähig. Dürr sprach von „Kompetition“, was heißt, „gemeinsam Lösungen zu finden, um gehen zu lernen.“
Nachhaltigkeit bedeutet für den Ökologen in diesem Sinne nicht Konservierung, sondern „Aufrechterhaltung des Evolutionsprozesses, Stärkung der Robustheit des Systems“. Das Biosystem sei sehr robust, die Frage laute aber, wie viel wir es stören können, ohne unsere Lebensgrundlagen zu zerstören: „Es geht nicht um Naturrettung, sondern um unsere Rettung.“ Das Ziel müsse sein, „das Lebende lebendiger zu machen.“
Das gegenwärtige Wirtschaftssystem bezeichnete Dürr als wenig kreatives „Kopierverfahren“: „Bestehende Produkte werden nach einer Entwicklungsphase unter hohem Energie- und Masseaufwand millionenfach vervielfältigt, daraus entsteht aber nichts Neues.“ Anstatt ein intelligenteres Mobilitätssystem zu entwickeln, würden etwa Autos nun auch nach China exportiert, so eines der anschaulichen Beispiele. Das Grundproblem liegt für Dürr nicht in der Zahl der Menschen, die die Erde bevölkern, sondern im überhöhten Ressourcenverbrauch unseres westlichen Lebensstils. So wie Wachstum in der Natur immer einen Plafond habe, müsse dieses auch in der Wirtschaft begrenzt werden. Als Latte nannte Dürr den „Lebensstandard der Schweizer in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts“, der durchaus für sechs Milliarden Menschen möglich wäre ohne die Nachhaltigkeitsgrenzen zu überschreiten.
Wo liegen Zukunftsperspektiven? So wie Infektionen das Immunsystem stärken, seien kreative Menschen als „Störenfriede“ auch Auslöser für Veränderungen in Gesellschaften, ist Dürr überzeugt. Es gehe darum, sensibel zu werden für das Lebendige und das Lebensfördernde, auch wenn dies schwer sei: „Ein Baum der fällt macht mehr Krach als ein Wald der wächst.“
Nicht Größe und Schnelligkeit, sondern Vielfalt und Langsamkeit sollten unsere Aufmerksamkeit erhalten: „Wer eine Lawine lostritt, hat wenig geleistet, doch von ihm sind wir begeistert.“ Dürr problematisierte schließlich die sich breit machende Lähmung und Lethargie: „Wir sind kleingläubig geworden und nicht mehr gewöhnt selber die Zukunft in die Hand zu nehmen. Jeder schaut nur nach hinten aus Angst von den Nachfolgenden überrollt zu werden.“ Wichtig sei, bei denen anzusetzen, „die die Quellen ihrer Lebendigkeit noch nicht verschüttet haben.“ In diesem Sinne bräuchten wir Schulen, die Neugierde und Offenheit fördern und junge Menschen ermutigen. Denn: „Die Zukunft wartet darauf, von uns gestaltet zu werden.“
zurück zur Startseite