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Energie aus Gülle –
Das Bioenergiedorf Jühnden
Die
ökonomischen und ökologischen Gründe für den Umstieg auf erneuerbare
Energieträger liegen mittlerweile auf der Hand. Die „Energiewende“ verringert
die Exportabhängigkeit von Erdöl und Gas, was der Außenhandelsbilanz zu Gute
kommt. Und sie reduziert die
Treibhausgasemissionen und verlangsamt damit den Klimawandel. Dass innovative
Energieprojekte aber auch einen sozialen Nutzen haben können, machte Prof.
Peter Schmuck von der Universität Göttingen jüngst bei einer Tagung des
Landes Salzburg zum Thema „Energiegerechtigkeit“ in St.Virgil
Salzburg deutlich. Der Umweltpsychologie begleitet seit dem Jahr 2000 das
Pilotprojekt „Bioenergiedorf Jühnden“ in
Mitteldeutschland. Die 800-Einwohner-Gemeinde Jühnden
wurde ausgewählt, um den Umstieg auf Energieversorgung durch Biomasse zu
erproben. „Eine 700KW-Biogasanlage auf der Basis
nachwachsender Rohstoffe und Güllen sowie ein
Biomasseheizwerk mit einem 550KW- Kessel versorgen mittlerweile drei Viertel
der Haushalte und sämtliche öffentlichen Bauten der Gemeinde mit Wärme. In
der Stromproduktion sind die Jühnder bereits zu 100
Prozent energieautark“, so die von Schmuck berichtete Erfolgsbilanz. Die
Basis bilden neun landwirtschaftliche Betriebe und 800 Hektar Wald. Das
Projekt erreichte eine Einsparung von 360.000 Liter Heizöl im Jahr sowie eine
CO2-Reduktion um 60 Prozent. Und was sind die sozialen Vorteile? Schmuck
dazu: „Die Anlage wird als Genossenschaft betrieben. Alle Wärmekunden sind
Mitglieder. Die jährlich verarbeiteten 9000 Kubikmeter Gülle kommen von den
örtlichen Bauern, ebenso die ergänzend eingesetzten Energiepflanzen und
Hackschnitzel.“ Die Gemeinschaftsleistung habe den sozialen Zusammenhalt
gestärkt, Leben auf dem Land sei wieder attraktiv geworden und habe der
Landflucht entgegengewirkt, so der Umweltpsychologe: „Und alle haben das
Gefühl, auch einen Beitrag zur globalen Energiegerechtigkeit zu leisten.“ Nachahmer gesucht und
gefunden
Mittlerweile
gibt es 208.000 Biogasanlagen in der BRD, die deutsche Bundesregierung
fördert derzeit fünfzehn „Bioenergie-Regionen“. Basis sind die erfolgreichen
Erfahrungen in Jühnden. Das Pilotprojekt wurde
freilich mit intensiver fachlicher Unterstützung und breiter öffentlicher
Förderung – vom Bund kamen 1,3 Mio. Euro, weitere 300.000 Euro von weiteren
Körperschaften – auf die Beine gestellt. Der Betrieb der Anlagen sei jedoch,
so Schmuck, äußerst rentabel: „Unser Grundsatz war von Anfang an, dass den
Bürgern keine gesonderten Mehrkosten erwachsen. Der langfristige Gewinn liegt
jedoch im Umstand, dass Energie dauerhaft auf nachhaltige Weise erzeugt
wird.“ Schmuck betonte auch, dass nicht alle Bioenergieanlagen nachhaltig
seien, riesige Energiepflanzenmonokulturen oder von weit her importiertes
Holz dem ökologischen Prinzip entgegenstünden. In Jühnden
wurde daher über Verträge auf strikt regionale Aufbringung und eine
nachhaltige Energiepflanzenbewirtschaftung geachtet. So wird nur ein Viertel
der verfügbaren Ackerflächen für Biomassezwecke verwendet. Schmuck dazu: „Mit
einem Hammer kann man einen Nagel einschlagen oder einen Menschen erschlagen.
Bei Bioenergie ist es genau so.“ Wichtig ist – dies lässt sich am Beispiel Jühnden zeigen – dass für die Umsetzung innovativer
Energieprojekte nicht nur die technologischen und wirtschaftlichen
Rahmenbedingungen stimmen müssen, sondern auch das Engagement und die
Beteiligung der Bürger und Bürgerinnen.
Kommt die Energierevolution auf sanften Pfaden? Auch
die Energieversorgung Salzburgs stehe auf nachhaltigen Beinen und sei ein
wesentlicher Pfeiler für die Regionalwirtschaft, so betonte Arno Gasteiger,
Vorstand der Salzburg AG, in seinem Referat. 130 Mio. Euro würde das
Unternehmen jährlich in die regionale Wirtschaft investieren, durch den
Rückgriff auf Wasserkraft könnten im Jahr 1,8 Mio. Tonnen CO2 eingespart
werden. Der Energiemarkt sei im Umbruch, viele Stromkunden würden in Zukunft
zugleich Stromerzeuger sein, so Gasteiger: „Wir bereiten uns daher intensiv
auf diese Dezentralisierung vor.“ In Kooperation mit Siemens und dem
Österreichischen Forschungsministerium werden derzeit die Netze derart
adaptiert, dass Stromkunden auch Energie einspeisen können („smart grids“ lautet der Fachbegriff für diese Technologie).
Gasteiger rechnet mit 50.000 Hausdächern in Salzburg, die sich für
Fotovoltaikanlagen eignen. „Bestückt mit 5 KW-Anlagen ergäbe dies jährlich 75
Mio. KWh, was einem Salzachkraftwerk entspricht.“ Die Salzburg AG setzt mit
dem Programm „Electro-Drive“, das zusammem mit dem Land Salzburg umgesetzt wird, auch auf
E-Mobilität. „Würde der gesamte Verkehr Deutschlands auf E-Fahrzeuge
umgestellt, ergäbe dies nur einen Strommehrverbrauch von 28 Prozent“, so
zitierte Gasteiger eine Potenzialstudie zu Fotovoltaik des österreichischen
Forschungsministeriums. Ein Wert, der im Publikum Skepsis auslöste, der
jedoch von Manfred Fischedick, Vizepräsident
des Wuppertal-Instituts für Umwelt, Klima, Verkehr bestätigt wurde. Historische Chance auf
Umsteuerung
Energie
sei ein komplexes Thema, meinte auch Fischedick.
Versorgungssicherheit, Effizienz, wirtschaftliche und soziale Verträglichkeit
seien neben Umweltaspekten zu berücksichtigen. Der Klimawandel erfordere
jedoch zügiges und rasches Handeln. „Wenn wir das 2 Grad Celsius-Ziel“ (jene
Temperaturerhöhung, die laut UN eine Anpassung an die geänderten
Ökobedingungen gerade noch ermögliche, Anm.) erreichen wollen, dann dürfen
wir bis 2050 global nur mehr 1.000 Mrd. Tonnen CO2 ausstoßen. Mehr als drei
Viertel der fossilen Reserven müssten im Boden bleiben.“ Fischedik
setzt auf bessere Effizienz in der Energieerzeugung und –verwendung
(„Einsparungspotenzial mindestens 20 Prozent“), auf intelligentere
Lebensstile („globales Reduktionspotenzial von 5-10 Mrd. Tonnen CO2 jährlich“)
und den Umstieg auf Erneuerbare Energieträger, die in Deutschland bereits
beim derzeitigen Stand der Technologien „80 Prozent des Energiebedarfs“
decken könnten. Die
politischen Chancen auf eine Wende sind für Fischedick
heute bedeutend höher als noch vor einem Jahrzehnt: „Die UNO, die EU und die
USA haben ein Einsparpotenzial von 80 Prozent bis 2050 in Aussicht gestellt,
das ist historisch einmalig“, meint der Experte. Bei der Klimakonferenz in
Kopenhagen im Dezember dieses Jahres müssten sich die Vertragsstaaten jedoch
nicht nur auf verbindliche Emissionsreduktionsziele einigen, sondern auch
Finanz- und Technologietransfers für die Schwellen- und Entwicklungsländer
beschließen: „Denn nur so sind diese ins Boot zu holen“, so Fischedick. Die entscheidenden Fragen sieht der
Energieexperte darin, ob der Umstieg schnell genug geschafft wird („Je später
wir umsteuern, umso höher ist das Reduktionserfordernis“), wie die getätigten
Investitionen in alte Kraftwerksanlagen halbwegs wirtschaftlich amortisiert
werden können und wie sich die traditionelle E-Wirtschaft verhalten wird.
Bedeutend sei auch, wie sich neue Akteure am Energiemarkt etablieren und neue
Allianzen - etwa zwischen den Erzeugern erneuerbarer Energie und alternativer
Antriebe – entwickeln können. Entscheidend ist für Fischedick,
ob es der Politik gelingen wird, „Sektoren übergreifende Gesamtstrategien
umzusetzen“. Download
von Unterlagen: |
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