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„Alles was gerecht ist. Unterwegs in ein neues Energiezeitalter“

Tagung am 11./12. September in St. Virgil Salzburg

VA: Land Salzburg, Umweltbeauftragte der katholischen und evangelischen Kriche, Salzburg AG, St. Virgil, Lebensministerium

Hier ein Bericht vom ersten Tag von Hans Holzinger

Downloads von Unterlagen hier

 

Energie aus Gülle – Das Bioenergiedorf Jühnden

Die ökonomischen und ökologischen Gründe für den Umstieg auf erneuerbare Energieträger liegen mittlerweile auf der Hand. Die „Energiewende“ verringert die Exportabhängigkeit von Erdöl und Gas, was der Außenhandelsbilanz zu Gute kommt. Und sie reduziert  die Treibhausgasemissionen und verlangsamt damit den Klimawandel. Dass innovative Energieprojekte aber auch einen sozialen Nutzen haben können, machte Prof. Peter Schmuck von der Universität Göttingen jüngst bei einer Tagung des Landes Salzburg zum Thema „Energiegerechtigkeit“ in St.Virgil Salzburg deutlich. Der Umweltpsychologie begleitet seit dem Jahr 2000 das Pilotprojekt „Bioenergiedorf Jühnden“ in Mitteldeutschland. Die 800-Einwohner-Gemeinde Jühnden wurde ausgewählt, um den Umstieg auf Energieversorgung durch Biomasse zu erproben. „Eine 700KW-Biogasanlage auf der Basis nachwachsender Rohstoffe und Güllen sowie ein Biomasseheizwerk mit einem 550KW- Kessel versorgen mittlerweile drei Viertel der Haushalte und sämtliche öffentlichen Bauten der Gemeinde mit Wärme. In der Stromproduktion sind die Jühnder bereits zu 100 Prozent energieautark“, so die von Schmuck berichtete Erfolgsbilanz. Die Basis bilden neun landwirtschaftliche Betriebe und 800 Hektar Wald. Das Projekt erreichte eine Einsparung von 360.000 Liter Heizöl im Jahr sowie eine CO2-Reduktion um 60 Prozent. Und was sind die sozialen Vorteile? Schmuck dazu: „Die Anlage wird als Genossenschaft betrieben. Alle Wärmekunden sind Mitglieder. Die jährlich verarbeiteten 9000 Kubikmeter Gülle kommen von den örtlichen Bauern, ebenso die ergänzend eingesetzten Energiepflanzen und Hackschnitzel.“ Die Gemeinschaftsleistung habe den sozialen Zusammenhalt gestärkt, Leben auf dem Land sei wieder attraktiv geworden und habe der Landflucht entgegengewirkt, so der Umweltpsychologe: „Und alle haben das Gefühl, auch einen Beitrag zur globalen Energiegerechtigkeit zu leisten.“

Nachahmer gesucht und gefunden

Mittlerweile gibt es 208.000 Biogasanlagen in der BRD, die deutsche Bundesregierung fördert derzeit fünfzehn „Bioenergie-Regionen“. Basis sind die erfolgreichen Erfahrungen in Jühnden. Das Pilotprojekt wurde freilich mit intensiver fachlicher Unterstützung und breiter öffentlicher Förderung – vom Bund kamen 1,3 Mio. Euro, weitere 300.000 Euro von weiteren Körperschaften – auf die Beine gestellt. Der Betrieb der Anlagen sei jedoch, so Schmuck, äußerst rentabel: „Unser Grundsatz war von Anfang an, dass den Bürgern keine gesonderten Mehrkosten erwachsen. Der langfristige Gewinn liegt jedoch im Umstand, dass Energie dauerhaft auf nachhaltige Weise erzeugt wird.“ Schmuck betonte auch, dass nicht alle Bioenergieanlagen nachhaltig seien, riesige Energiepflanzenmonokulturen oder von weit her importiertes Holz dem ökologischen Prinzip entgegenstünden. In Jühnden wurde daher über Verträge auf strikt regionale Aufbringung und eine nachhaltige Energiepflanzenbewirtschaf­tung geachtet. So wird nur ein Viertel der verfügbaren Ackerflächen für Biomassezwecke verwendet. Schmuck dazu: „Mit einem Hammer kann man einen Nagel einschlagen oder einen Menschen erschlagen. Bei Bioenergie ist es genau so.“ Wichtig ist – dies lässt sich am Beispiel Jühnden zeigen – dass für die Umsetzung innovativer Energieprojekte nicht nur die technologischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen müssen, sondern auch das Engagement und die Beteiligung der Bürger und Bürgerinnen.

Bildtext: Peter Schmuck, Universität Göttingen: „Projekte für erneuerbare Energie können auch sozialen Nutzen stiften“

LINK: www.bioenergiedorf.de 

 

 

Kommt die Energierevolution auf sanften Pfaden?

Auch die Energieversorgung Salzburgs stehe auf nachhaltigen Beinen und sei ein wesentlicher Pfeiler für die Regionalwirtschaft, so betonte Arno Gasteiger, Vorstand der Salzburg AG, in seinem Referat. 130 Mio. Euro würde das Unternehmen jährlich in die regionale Wirtschaft investieren, durch den Rückgriff auf Wasserkraft könnten im Jahr 1,8 Mio. Tonnen CO2 eingespart werden. Der Energiemarkt sei im Umbruch, viele Stromkunden würden in Zukunft zugleich Stromerzeuger sein, so Gasteiger: „Wir bereiten uns daher intensiv auf diese Dezentralisierung vor.“ In Kooperation mit Siemens und dem Österreichischen Forschungsministerium werden derzeit die Netze derart adaptiert, dass Stromkunden auch Energie einspeisen können („smart grids“ lautet der Fachbegriff für diese Technologie). Gasteiger rechnet mit 50.000 Hausdächern in Salzburg, die sich für Fotovoltaikanlagen eignen. „Bestückt mit 5 KW-Anlagen ergäbe dies jährlich 75 Mio. KWh, was einem Salzachkraftwerk entspricht.“ Die Salzburg AG setzt mit dem Programm „Electro-Drive“, das zusammem mit dem Land Salzburg umgesetzt wird, auch auf E-Mobilität. „Würde der gesamte Verkehr Deutschlands auf E-Fahrzeuge umgestellt, ergäbe dies nur einen Strommehrverbrauch von 28 Prozent“, so zitierte Gasteiger eine Potenzialstudie zu Fotovoltaik des österreichischen Forschungsministeriums. Ein Wert, der im Publikum Skepsis auslöste, der jedoch von Manfred Fischedick, Vizepräsident des Wuppertal-Instituts für Umwelt, Klima, Verkehr bestätigt wurde.

Historische Chance auf Umsteuerung

Energie sei ein komplexes Thema, meinte auch Fischedick. Versorgungssicherheit, Effizienz, wirtschaftliche und soziale Verträglichkeit seien neben Umweltaspekten zu berücksichtigen. Der Klimawandel erfordere jedoch zügiges und rasches Handeln. „Wenn wir das 2 Grad Celsius-Ziel“ (jene Temperaturerhöhung, die laut UN eine Anpassung an die geänderten Ökobedingungen gerade noch ermögliche, Anm.) erreichen wollen, dann dürfen wir bis 2050 global nur mehr 1.000 Mrd. Tonnen CO2 ausstoßen. Mehr als drei Viertel der fossilen Reserven müssten im Boden bleiben.“ Fischedik setzt auf bessere Effizienz in der Energieerzeugung und –verwendung („Einsparungspotenzial mindestens 20 Prozent“), auf intelligentere Lebensstile („globales Reduktionspotenzial von 5-10 Mrd. Tonnen CO2 jährlich“) und den Umstieg auf Erneuerbare Energieträger, die in Deutschland bereits beim derzeitigen Stand der Technologien „80 Prozent des Energiebedarfs“ decken könnten.

Die politischen Chancen auf eine Wende sind für Fischedick heute bedeutend höher als noch vor einem Jahrzehnt: „Die UNO, die EU und die USA haben ein Einsparpotenzial von 80 Prozent bis 2050 in Aussicht gestellt, das ist historisch einmalig“, meint der Experte. Bei der Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember dieses Jahres müssten sich die Vertragsstaaten jedoch nicht nur auf verbindliche Emissionsreduktionsziele einigen, sondern auch Finanz- und Technologietransfers für die Schwellen- und Entwicklungsländer beschließen: „Denn nur so sind diese ins Boot zu holen“, so Fischedick. Die entscheidenden Fragen sieht der Energieexperte darin, ob der Umstieg schnell genug geschafft wird („Je später wir umsteuern, umso höher ist das Reduktionserfordernis“), wie die getätigten Investitionen in alte Kraftwerksanlagen halbwegs wirtschaftlich amortisiert werden können und wie sich die traditionelle E-Wirtschaft verhalten wird. Bedeutend sei auch, wie sich neue Akteure am Energiemarkt etablieren und neue Allianzen - etwa zwischen den Erzeugern erneuerbarer Energie und alternativer Antriebe – entwickeln können. Entscheidend ist für Fischedick, ob es der Politik gelingen wird, „Sektoren übergreifende Gesamtstrategien umzusetzen“.

Download von Unterlagen:

 

 

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