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Lebendige Stadt

Freiraumgestaltung als zentraler Aspekt von Stadtentwicklung
Internationale Tagung in Salzburg unter Mitwirkung der JBZ

Ein Bericht von Hans Holzinger

 

Die Tagung „FreiRaumSzene Salzburg. Stadt gestalten – Menschen bewegen“ fand am 8. Oktober 2009 in der TriBühne Lehen statt. Die Dokumentation der Ergebnisse erfolgt in einem demnächst erscheinenden Tagungsband

 

Renaissance der öffentlichen Plätze

„Wo sonst soll noch Zusammenleben gelernt werden, wenn nicht auf den öffentlichen Plätzen“, so der Stadtplaner Herbert Dreiseitl jüngst bei einer Tagung des Amtes für Stadtplanung und Verkehr in Salzburg unter Mitwirkung der JBZ. Die „Hysterie der Sicherheit“ habe zu langweiligen Städten geführt, so der Experte, der dafür plädierte, wieder mit Gefahren umgehen zu lernen, statt diese von vornherein zur Gänze ausschalten zu wollen. Dreiseitl plant öffentliche Parks und Plätze unter dem Anspruch, Natur in die Stadt zurückzuholen. Als wesentliches Element dient ihm dabei Wasser. Regenwasser wird nicht möglichst schnell in unterirdische Kanalsysteme abgeleitet, sondern an der Oberfläche gehalten – in städtischen Fluss- und Seelandschaften.



Foto: Stadtplanung/Lammerhuber

Wasser als Gestaltungselement

Stadtklima, Erholungs- und Spielfunktionen sowie vorbeugender Hochwasserschutz werden auf diese Weise mit einem attraktiven urbanen Leben verbunden. „Während in einem Wald bis zu zwei Drittel des Wassers verdunstet, geht in unseren Städten der Großteil des Wassers durch Abfluss verloren und wird damit dem Mikroklima entzogen,“ so die Kritik des Experten an der bisherigen Stadtplanung. In seinen Projekten wird der Regen nicht als unangenehmes Störelement wahrgenommen, sondern „in seinem melodiösen Klang“ als Teil des Naturkreislaufs. Dreiseitls Konzept oberirdischer Entwässerungssysteme sowie des Wasserrecyclings wird mittlerweile nicht nur in europäischen, sondern auch in US-amerikanischen oder asiatischen Städten umgesetzt. So nutzt die Stadt Singapur das gesammelte Regenwasser für die Trinkwasseraufbereitung, um der drohenden Wasserknappheit Herr zu werden. Die Atmosphäre der „nachhaltigen Stadt“ Formebu, die am ehemaligen Flughafen Oslo errichtet wurde, lebt ebenso von den „künstlich“ geschaffenen Wasserflächen wie der Regenwassersee der neuen „Solar City“ bei Linz, in der über 4000 Menschen wohnen. An vielen ansprechenden Beispielen machte Dreiseitl deutlich, wie das Element Wasser die Lebensqualität in Städten verbessern kann und dass es grob fahrlässig ist, dieses unter die Erde zu verbannen.

 

Foto: Stadtplanung/Lammerhuber

Räume für eine neue „Bewegungskultur“

„Die Hälfte der über 40-Jährigen in Österreich liegt mittlerweile über dem Normalgewicht, ist somit übergewichtig,“ so der warnende Befund des Bewegungsforscher Dirk Steinbach von der Fachhochschule Salzburg. „Um den Bewegungsrückgang seit den letzten 50 Jahren wettzumachen, müssten wir täglich eine Stunde laufen.“ Bewegungsförderung sei daher eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, doch die „Nutzung und der Nutzen“ klassischer Sportstätten schwinde, warnte Steinbach. Laut einer Untersuchung erreichen Vereine und Fitness-Clubs nur 25 Prozent der Salzburger Bevölkerung, 40 Prozent betreiben ihren „Sport“ selbst organisiert, der Rest ist „inaktiv“.

In anderen Städten sei die Situation ähnlich. Die Ursachen sieht Steinbach in vier Trends: In der „Deinstitutionalisierung“ des Sports (Vereine verlieren an Bedeutung), seiner „Entsportlichung“ – nicht mehr Leistungssport, sondern Fitness und Spaß stünden im Vordergrund -, damit zusammenhängend, die Individualisierung sportlicher Betätigung, bei der das Gruppenerlebnis des klassischen Sports an Bedeutung verliert, sowie schließlich eine „Pluralisierung der Bewegungskultur“. So würden mittlerweile an die 350 unterschiedliche Bewegungsaktivtitäten gezählt.

Offenheit und Vielfalt

Die Stadtplanung sowie die Sportstättenförderung müssten auf diese Trends reagieren, meinte Steinbach, der eine Öffnung der bestehenden Sportstätten, die Schaffung „multifunktionaler Bewegungsräume“ sowie mehr Unterstützung von Bewegung im Alltag forderte. So korrespondiere eine hohe Radverkehrsdichte in der Regel mit einem hohen Gesundheitsgrad der Bevölkerung. Parkanlagen, Spielplätze oder Naturwege sollen zu Bewegungsaktivitäten einladen, Sportvereine sich öffnen für neue Zielgruppen. Denkbar wären auch Mehr-Generationen-Spielplätze sowie „Sportrouten“, die Sportstätten durch Radwege verbinden. Als Gestaltungskriterien für neue Bewegungsfreiflächen nannte Steinbach Vielfältigkeit und Multifunktionalität, Erlebnisorientierung, Offenheit und gute Erreichbarkeit, Veränderbarkeit, Einfachheit (keine „Übermöblierung“) sowie Niederschwelligkeit, d. h. etwa Zugang ohne Mitgliedschaft. So könne das Motto „Mehr Lebensqualität durch Bewegung in der Stadt“ erreicht werden.

Spielplätze zum Tätigwerden

Der Schweizer Spielplatzplaner Toni Anderfuhren plädierte schließlich für die Abkehr von den normierten Spielstätten für Kinder. Die Qualität eines Spielplatzes zeige sich, „wie lange man auf diesem Versteckenspielen“ könne. In diesem Sinne forderte der „Spieleträumer“ eine städtische „Schleichwegplanung“, den Zugang für Kinder auch zu „verbotenen Räumen“ wie Bauruinen oder leer stehende Häuser, Orte mit Lebensgefahr, nämlich der „Gefahr, lebendig  zu werden“. Dafür brauche es nicht Unmengen an Gerätschaften, die auf Spielplätzen einen starken Nutzungsdruck erzeugen, sondern Räume, in denen Kinder selber tätig werden können, die „Mutproben zu- und Erinnerungen hinterlassen“.

 

Foto: Stadtplanung/Lammerhuber

Die Grundelemente der Erde

Anderfuhren ging dabei von den vier Grundelementen der Erde aus, die auch Spielstätten prägen sollten. Kinder bräuchten Wasserstellen zum Experimentieren und Spielen („Stadt der Pfützen“), Erde, Sand und Steine zum Bewegen, Luft nicht nur zum Atmen, sondern auch für das „Recht des Kindes laut zu sein“, und schließlich öffentliche Feuerstellen („Denn wir lernen nicht mehr, mit Feuer umzugehen“). Als fünftes Element ergänzte Anderfuhren „Zeug zum Spielen“, wobei er nicht so sehr an Geräte dachte, sondern vielmehr an Naturmaterialien wie etwa Treibholz zum Errichten eigener Höhlen usw. („Denn Kinder wollen arbeiten, nicht spielen“). Spielplatzzäune müssten bunter und einladender für Neue werden, die Spielräume sich in die Wohnquartiere hinausziehen („Mindestens die Hälfte der Freiflächen in Siedlungen müssen spieltauglich sein“). Flächen seien bewusst abenteuerlich zu gestalten („Stolpern lernt man nur auf unebenem Boden“) und insbesondere müssten die „Zwischenräume“, die es in allen Städten gibt, kinderfreundlicher werden. Anderfuhren plädierte etwa für Abenteuerschulwege, eine neue „Fußwegkultur“, die Ablenkungen und Umwege ermöglicht, oder Brachflächen, die als „Spielplätze auf Zeit“ genutzt werden können.

Gemeinschaftsgärten in Salzburg

Am Nachmittag wurden Beispiele innovativer Gemeinschaftsgärten in Salzburg vorgestellt: der Stadtteilgarten Itzling (Christina Pürgy), der Lieferinger Kräutergarten (Anton Koberger) sowie die Außenraumgestaltung der Rudolf-Steiner-Schule (Schulleiter Rainald Grugger). Den Abschluss bildeten internationale Beispiele für die Aneignung von urbanen Räumen durch Jugendliche, vermittelt durch Chiara Tornaghi von der University Leeds, sowie ein „ExpertInnen-Talk“ zu Freiraumgestaltungsspielräumen in der Stadt Salzburg mit Gabriele Kiefer (Landschaftsplanerin, Mitglied des Gestaltungsbeirats), Wolfgang Saiko (Gartenamt), Thomas Schuster (Verein Spektrum) und Inge Straßl (SIR).

Foto: Stadtplanung/Lammerhuber

Veranstalter der Tagung waren das Amt für Stadtplanung und  Verkehr der Stadt Salzburg mit BewohnerService-Stellen, Jugendbeauftragtem, Gartenamt, Info-Z, Initiative Architektur, ÖGLA, SIR, Spektrum und Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen. Hauptverantwortlich für die Planung: DI Sabine Pinterits, Mag. Josef Reithofer.

 

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