Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen

 

ZUKUNFTSBUCH Juli 2007

 

  Die Halbtagsgesellschaft.

  Konkrete Utopien für eine zukunftsfähige Gesellschaft.

  Hrsg. v. S. Hartard ...

  Baden-Baden: Nomos, 2006. 210 S., ca. € 40,-

  Vorgestellt von Hans Holzinger

 


 

Die Erwerbsarbeit wird auf mehrere Schultern verteilt, die Arbeitslosigkeit sinkt ohne permanente Wachstumsschübe. Frauen und Männer teilen sich Haushalts- und Familienarbeit und erhalten die Möglichkeit, auch diese Erfahrungswelten gemeinsam zu (er)leben. Darüber hinaus bleibt noch Zeit für soziales Engagement. Und nicht zuletzt sinken aufgrund etwas geringerer Kaufkraft und reduzierter Arbeitswege die ökologischen Belastungen. Damit lässt sich in Kurzform das von Axel Schaffer und Carsten Stahmer entwickelte Modell einer Halbtagsgesellschaft skizzieren. Wie soll das Ganze praktisch gehen? Die durchschnittliche Jahreserwerbsarbeitszeit sinkt von bisher etwa 1600 auf 1000 Stunden. Kürzer-Arbeiten kann über die Dreitage-Woche ebenso erfolgen wie über größere Karenzzeiten in der Familienphase, die auch besser abgegolten werden. Bildung wird stark ausgeweitet, denn die Halbtagsgesellschaft braucht mehr gut qualifizierte Menschen. Für Betreuungsarbeit und soziales Engagement gibt es Zeitgutschriften, die man einlösen kann, wenn man selbst einmal Hilfe benötigt. Umgesetzt wird die Halbtagsgesellschaft auf freiwilliger Basis - nur wer länger arbeitet und keine Betreuungsaufgaben übernimmt, zahlt mehr Steuern, weil der Staat ja diese sozialen Aufgaben finanzieren muss.

Ein neues Modell

Bei den Weimarer Kolloquien der Vereinigung für Ökologische Ökonomie wurde das Konzept erstmals in einem interdisziplinären Kontext diskutiert. Die Ergebnisse sind in der vorliegenden Publikation dokumentiert. Es gab große Zustimmung, etwa vom Konsum- und Wohlstandsforscher Gerhard Scherhorn, der im Modell Halbtagsgesellschaft „die Realisierbarkeit des alten Menschheitsraums“ symbolisiert sieht, „die Güter, die wir brauchen, mit weniger, aber auch befriedigenderer Arbeit hervorzubringen“ (S. 33). Die Wirtschaftspolitikexpertin und Mitbegründerin der Vereinigung für Ökologische Ökonomie Christiane Busch-Lüthy sieht Chancen und Gefahren: ein an der menschlichen Lebenslaufperspektive orientierter „aktiver Sozialinvestitionsstaat“ (z. B. höhere Transfers in der Familienphase, wie das diskutierte „Elterngeld“) wäre ein sinnvoller Schritt der Umsteuerung, die derzeitige, erwerbsarbeitszentrierte Sozialpolitik stehe dem jedoch diametral entgegen. Kinder- und familienfreundliche Politik erfordere zudem auch flächendeckend Ganztageseinrichtungen für Kinder, die Schaffer und Stahmer jedoch für obsolet erklären. Klare Unterstützung kommt vom in Wien beheimateten „Sustainable European Research Institute“, auch wenn flankierende Maßnahmen vorgeschlagen werden. Andrea Stocker u. a. zeigen, dass die gegenwärtigen Arbeitsbedingungen „dem Glück zahlreicher Menschen abträglich sind“. Das Konzept der „Mischarbeit“ (das die ganze Arbeit umfasst), würde, ergänzt um Grundsicherungen, Erwerbsarbeitszeitverkürzungen sowie eine Materialinputsteuer (erhöht die Kosten der Maschinenarbeit und setzt Anreize zur Effizienzsteigerung), „sowohl die öffentlichen Haushalte entlasten als auch die fortschreitende Rationalisierung sozial verträglicher gestalten“ (S. 84).

Auch die weiteren Beiträge zeigen, dass das Konzept Halbtagsgesellschaft zumindest eine Diskussion darüber angestoßen hat, Erwerbsarbeit unter den Bedingungen spätindustrieller Gesellschaften hoher Produktivität neu  zu justieren. Zu Recht betonen die Herausgeber die Notwendigkeit, auch Gesellschaftsmodelle mit utopisch erscheinenden Zügen zu diskutieren: „Erst dadurch kann deutlich werden, ob die heutige Politik nach dem Motto `Schritt für Schritt` auch in eine richtige Richtung geht oder sich von einem in der Zukunft liegenden Wunschbild der Gesellschaft immer weiter entfernt.“ (S. 7)

Das Buch leistet einen sinnvollen Beitrag dazu.

 

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