Robert-Jungk-Stipendiat 2011

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Edgar Göll Zukunftsforscher, IZT Berlin, Robert-Jungk-Stipendiat 2011


                  

" Sind Regierungen fit für Zukunft?"

„Sind Regierungen fit für Zukunft? Welche Anregungen kann Zukunftsforschung für zukunftsfähige Governance liefern?“ – so lautete das Forschungsthema des Robert-Jungk-Stipendiaten 2011, Dr. Edgar Göll.

Der Experte des Instituts für Zukunftsforschung Technologiebewertung – IZT in Berlin recherchierte von Februar bis April 2011 in den Beständen der JBZ. Am 13. April stellte er seine Forschungsergebnisse erstmals der Presse vor, am 26. April gibt / gab es eine öffentliche Präsentation.

Am 8. März referierte Göll als Ägyptenexperte gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler Dr. Jan Völkl in der JBZ zum Thema „Zur Zukunft des  arabischen Raums“. Göll war von 2007 bis 2009 Berater und Senior Researcher am Centre for Future Studies des Cabinet Information and Decision Support Centers in Kairo. Ebenso stellte sich der Experte den Fragen der SchülerInnen des BORG Josef Preis Allee in einem Vortrag am 17. März.

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„Halbierte Demokratie“ - Drei große Herausforderungen
Bericht vom Pressegespräch
Zusammenfassung: Mag. Hans Holzinger, JBZ-Presseverantwortlicher

Drei zentrale Probleme der gegenwärtigen Politik benannte Göll im Pressegespräch: Wir befänden uns in einer „halbierten Demokratie“, in der zentrale ökonomische Entscheidungen dem politischen Prozess entzogen sind, etwa im Bereich der internationalen Finanzarchitektur oder der Standortwahl von Konzernen. Zweitens bestehe die Gefahr der Erosion auch der klassischen Demokratie durch soziale Polarisierung, Eventisierung des Politischen und Entsolidarisierung. Drittens seien wir derzeit – so der Zukunftsforscher mit Blick auf Nachhaltigkeit - nicht in der Lage, auf existenzielle Herausforderungen wie Hunger oder Klimawandel wirksame Antworten zu geben.

Mangel an Expertisen über das „Wie“ – „Roadmaps“ notwendig

Szenarien der Zukunftsforschungen, aber auch Zukunftsentwürfe der Science-Fiction beschränken sich weitgehend auf die Beschreibung von möglichen oder gewünschten Zukunftsbildern. Kaum thematisiert werde aber die Frage, wie wir dort hinkommen, so der Zukunftsforscher. Notwendig seien daher Handlungsstrategien, „Roadmaps“, um als wichtig erkannte Ziele zu erreichen, etwa in der Energie- oder Sozialpolitik. Auch wenn die Politik einer bedeutend größeren Komplexität unterliege als etwa ein einzelnes Unternehmen, müsse sie so etwas wie Projektmanagement durchführen, um Ziele erreichen zu können.

In vielen Zukunftsszenarien würde überdies die Technologieorientierung überwiegen, etwa im Millennium-Projekt der Universität der Vereinten Nationen, welches zweijährig Berichte zum „State of the Future“ herausgibt, meinte Göll weiter. Ebenso wichtig seien jedoch soziale und kulturelle Aspekte, beispielsweise Sichtweisen aus unterschiedlichen Kulturen oder aus der Genderperspektive. Denn jedes System habe seine eigenen „Tabus“, womit manchmal fatale Handlungsblockaden verbunden seien.

„Governance“ als Beteiligung aller Anspruchsgruppen

Auf die Frage, wie Regierungen „zukunftsfit“ werden könnten, verwies Göll insbesondere auf eine neue „Beteiligungskultur“. Alle Betroffenen, Unternehmen, Anwohner und andere Anspruchsgruppen, sollen frühzeitig in Diskussions- und Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Als Beispiel erwähnte Göll eine finnische Nachhaltigkeitskommission, in der alle zentralen Akteure eingebunden waren und die vom finnischen Präsidenten persönlich (!) geleitet wurde.

Weitere Kriterien für Zukunftsfitness der Politik sind für den Experten die Rückkehr zu „kleineren Lebenseinheiten“, sprich Dezentralisierung, das „Setzen auf Pluralität und Toleranz“, was von reifen Individuen verlangt werde, sowie ein ganzheitlicher Blick auf Probleme und Lösungsansätze. Technisch würden die Chancen des Internets neue Formen der Partizipation sowie des öffentlichen Diskurses im Sinne von „e-Democracy“ ermöglichen.

Rolle von Werten - Begeisterungsfähigkeit

Als Soziologe betonte Göll schließlich die große Rolle, die Werte im Hinblick auf politisches Handeln spielen. Ein „Ethos der Nachhaltigkeit“ müsse erst entwickelt werden, so Göll: „Dazu braucht es auch Politiker und Politikerinnen, die in der Lage sind, kraft ihrer Persönlichkeit für neue Ziele zu begeistern.“

Der Forschungsbericht wird auf der Homepage der JBZ publiziert und steht zum Download bereit unter: http://www.jungk-bibliothek.at/rjseinf.htm

 

Kurzbiografie

Dr. Edgar Göll, M.P.A., geboren 1957 in Hessen, studierte nach einer Werkzeugmacherlehre an verschiedenen Hochschulen und Universitäten in Deutschland und den USA Soziologie und Verwaltungswissenschaften.

Er ist seit 1995 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zukunftsstudien und Technologie (IZT) in Berlin. Zwischenzeitlich war er Consultant Future Berater und Senior   Researcher am Center for Future Research Studies (CFS) eines regierungsnahen Think Tanks in Kairo, am Österreichischen Institut für Nachhaltigkeit (ÖIN) in Wien, Sachverständiger in zwei parlamentarischen Enquetekommissionen und er ist Lehrbeauftragter an der Freien Universität Berlin für den neuen Masterstudiengang Zukunftsforschung.

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