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Zukunftskommentar |
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Von der Wissens- zur Könnensgesellschaft Alle
reden von der Wissensgesellschaft. Christine Ax geht einen Schritt weiter.
Sie hinterfragt die vorschnelle Euphorie über die neue wissensbasierte
Gesellschaft und stellt dieser eine Gesellschaft der Fähigkeiten bzw.
Befähigung – also die Könnensgesellschaft – entgegen. Dabei lehnt die Autorin
in ihrem gleichnamigen Buch selbstredend Wissen nicht ab, sondern geht über
dieses hinaus: „Könnerschaft erwächst aus dem Handeln. Wissen ist ein Teil
und Voraussetzung von Können. Können ist eine praktische Form des Wissens.“
(S. 34) Könnerschaft erfordere sehr viel Wissen, jedoch „ein an Erfahrung
gesättigtes, auf Erfahrung beruhendes Wissen.“ (S. 35) Und anders als für
Wissen gebe es für Können immer einen Beweis: „das Handeln“ (ebd). Ax
kritisiert die Beliebigkeit der modernen Informationsgesellschaft: „Wirklich
wichtiges Wissen, das für unser Handeln relevant ist, können wir nicht
beliebig vermehren.“ (S. 44) Jeder rein mengenmäßige Zugang zu Wissen gehe an
der Sache vorbei und erzeuge eine „dumme Hektik, einen gefährlichen Stress,
der uns unfähig macht, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und die
richtigen Entscheidungen zu treffen“ (ebd.). Die Autorin problematisiert das
noch immer an Wissensvermittlung orientierte (deutsche) Schulsystem und
fordert – mit dem Pädagogen Peter Struck („Die 15 Gebote des Lernens“) einen
ganzheitlichen, alle Sinne und auch das Tun einschließenden Unterricht. Und
sie wendet sich entschieden gegen die fragmentierte,
in monotone Einzelschritte zerlegte, für viele immer sinnloser erscheinende
industrielle Produktionsweise, die mittlerweile auch zahlreiche
Dienstleistungsberufe erfasst habe (etwa Callcenter). Philosophien des Tätigkeitseins – Handwerk als Arbeit an der
eigenen Könnerschaft In
Rückblende auf Philosophien des Tätigseins von Aristoteles bis Hannah Arendt,
aber auch in Würdigung früher Kritiker des Industrialismus
wie den Verteidiger handwerklichen Produzierens gegen die Einführung der
ersten Fabriken im 19. Jahrhundert, John Ruskin,
den utopischen Sozialisten William Morris oder den gegen die Verzweckung des Lebens anschreibenden Schriftsteller
Oscar Wilde, plädiert Ax für ein Tun, das Selbstverwirklichung ermöglicht und
den Sinn in sich selbst findet. Sie wird dabei etwa auch fündig im
buddhistischen Denken, das Vervollkommnung „in der Arbeit“ als „Arbeit an
sich selbst“ sucht. Am stärksten verwirklicht
sieht die Autorin diese Ansprüche an Arbeit im Handwerk (ihr letztes Buch war
der „Zukunft des Handwerks“ gewidmet), das geprägt sei von „Freiheit und
Selbstbestimmung“, „Arbeit an der eigenen Könnerschaft“, „Handeln in Harmonie
und mit ethischen Prinzipien“, „Dauerhaftigkeit und Wertigkeit der Arbeit und
des Werkes“ sowie „Respekt und Wertschätzung für die eigene Arbeit und die
Arbeit der anderen“ (S99f). Ist das Prinzip Industrie am Ende und wer zahlt die Zeche der
Krise? „Rückwärtsgewandte
Sozialromantik“ könnte man einwenden, war es doch gerade die industrielle
Produktionsweise, die unseren materiellen Massenwohlstand ermöglicht hat. Ja,
das stimmt. Doch die Autorin kritisiert auch diesen als entfremdend: „Eine
Gesellschaft, die Menschen ´produziert´, die nichts mehr können (dürfen)
außer konsumieren, fühlt sich ärmer als viele ´arme´ Gesellschaften.“ (S.
27f) So sieht Ax in einem postindustriellen (und postfossilen) Wirtschaften
auch die attraktivste und obendrein einzig nachhaltige Zukunftsstrategie.
„Das Prinzip Industrie ist am Ende“ meint sie pointiert (S. 109). Dass wir
heute an die Grenzen des Wachstums stoßen, sei „so gesehen das Beste, was uns
widerfahren kann. Die Krise ist die Chance.“ (S. 24) Ax
lässt es dabei nicht mit Appellen etwa an Konsumverzicht bewenden, sondern
sie fordert politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die einen Weg
in nicht entfremdende Arbeit ermöglichen. Als Hauptursachen für die
Zementierung des Status quo (in Deutschland) sieht sie den „Egoismus der
Eliten“, die „Abschottung nach unten“ und eine „unsoziale Bildungspolitik“
(S. 112); weiters die „einseitige Politik zugunsten der Großindustrien und
der Exportwirtschaft“ sowie die „Umverteilungsorgien der vergangenen
Jahrzehnte, auch in Folge der Liberalisierung der Finanzmärkte“ (ebd). So seien auch die gegenwärtigen Strategien gegen
die Finanz- und Wirtschaftskrise kontraproduktiv, da sie nicht bzw. zu wenig
auf die Kleinbetriebe abzielen: „Die ungedeckten
Schecks zahlen die `Produktiven´“ (S. 115), meint die Autorin mit Blick auf
die enorme Staatsverschuldung wohl nicht zu Unrecht. Ökonomie der Nähe – Reichtum Region Wo
sieht Ax konkrete Zukunftspfade? In der Renaissance handwerklicher
Produktion, in einer „Ökonomie der Nähe“, im „Reichtum Region“ („Es ist
möglich, unseren alltäglichen Wohlstand in unserer Mitte zu erzeugen.“ S.
217), in Bewegungen wie „Slow food“ oder „Slow
work“, in einer „Wirtschaft von unten“ vieler Kleinbetriebe oder
Genossenschaften. „Alles nur Schlagworte“, könnte hier wieder als Einwand
kommen. Mitnichten, meine ich. Zum einen gibt es mittlerweile zahlreiche
Initiativen eines anderen Wirtschaftens, es gibt auch noch die Tradition des
Handwerks. Ein Umdenken und dann auch ein alternatives Handeln ist freilich
gefordert sowohl von uns als KonsumentInnen (den Nachfragern von Produkten)
als auch seitens der Wirtschaftsförderpolitik, die es in der Hand hätte,
gezielt regionale Wirtschaftskreisläufe statt Großkonzerne zu unterstützen. Ax
geht sogar weiter, sie meint, dies sei die einzige, zukunftsfähige Strategie.
Vielen Menschen hier und weltweit den Zugang zu Kapital und
Produktionsmitteln sowie zum Erwerb von Können und Wissen zu ermöglichen, sei
die zentrale Voraussetzung für eine „demokratische, nachhaltige Wirtschaft“,
ist sie überzeugt. Nur wenn die Weltwirtschaft auf „sich selbst tragenden und
sich selbst regulierenden dynamischen und lebensfähigen Systemen“ beruhe, so
ihre Grundthese, sei die „Suprastruktur Globalisierung überhaupt beherrschbar
und ein Chaos vermeidbar“ (S. 252). Resümee: Ein radikales, wichtiges Buch Ein „anderes
Produzieren“ unserer Güter und eine andere „Kultur ihres Gebrauchs“ greift
demnach viel weiter als die gegenwärtig praktizierten
„Konjunkturbelebungspakete“, die auf noch mehr Globalisierung, Mengenwachstum
und Exportorientierung setzen, ohne die destruktiven Tendenzen des von
Großkapital und Großunternehmen getriebenen Systems zu hinterfragen. Um
Missverständnissen vorzubeugen: Ax ist für Unternehmertum, aber für eines,
das für die lokalen Bedürfnisse produziert und sinnvolle Arbeit ermöglicht.
Aus dem ökologischen und sozialen Dilemma gibt es ihrer Meinung nur einen
Ausweg „gute Arbeit, gute Produkte und eine nachhaltige Wirtschaft von unten“
(S. 259). Ein Ziel, für dass es sich allemal lohnt, gemeinsam zu arbeiten! Rezensiert
von Hans Holzinger, erschienen
in PRO ZUKUNFT
2009/3. ZITIERT: „Die Betriebswirtschaftslehre hat uns in der Vergangenheit immer
nur erklärt, wie man in Lohnstückkosten denkt, mit der verheerenden Folge,
dass wir nicht nur im Müll ersticken, sondern auch immer mehr Menschen nichts
anderes mehr können dürfen, als zu konsumieren.“ (S. 15f) „Die Befähigung zum Umgang mit Grenzen ist eine zentrale
Voraussetzung für die Entwicklung. Dass wir heute an die Grenzen des
Wachstums stoßen, ist so gesehen das Beste, was uns widerfahren kann. Die
Krise ist die Chance.“ (S. 24) „Eine Gesellschaft, die Menschen ´produziert´, die nichts mehr
können (dürfen) außer konsumieren, fühlt sich ärmer als viele ´arme´
Gesellschaften.“ (S. 27f) „Der Alptraum vieler Politiker und Wirtschaftslenker sind
Autarkie und Autonomie – ganz gleich, ob es sich um Bürgervereine handelt,
die ihre Stromversorgung selbst organisieren, oder um Dörfer und
Lebensgemeinschaften, die sich aus eigener Kraft mit Nahrung und anderen
Gütern versorgen.“ (S. 29) „Damit Menschen gemeinsam Ziele formulieren und realisieren
können, brauchen sie eine Idee von dem, was ihnen gemeinsam ist, was sie
verbindet. Sie brauchen ein gemeinsames Drittes, das sie schätzen.“ (S. 31) „Wir brauchen eine Umverteilung von Macht und Einkommen von oben
nach unten und einen Staat, der allen seinen Bürgern ein Leben in Würde und
Selbstbestimmung ermöglicht.“ (S. 32) „Die Möglichkeit, eine neue Wirklichkeit machen zu können, ist
der Ausdruck für die Macht von Menschen. Das Wissen und Denken alleine reicht
nicht. Man muss es auch machen und man muss es können.“ (S. 33) „Dauerhaft reich sind Kulturen, die die Kraft aufbringen,
innerhalb von Grenzen zu wachsen und werte zu schaffen, die die Zeit
überdauern.“ (S. 253) „Shareholder value ist kein
zukunftsfähiges Prinzip; sozialökologisch verantwortliches Unternehmertum
wohl“ (S. 259)
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