Zukunftskommentar

 

 

 

 

 

 

 

 

07. 03. 2008

„Steuerkultur: Oder Lehren aus den Steuerskandalen“

Hans Holzinger nimmt die Steuerskandale in Deutschland zum Anlass, über die Notwendigkeit und den Sinn von Steuern nachzudenken.

 

Erschienen in: Salzburger Nachrichten, Stadt Nachrichten

 

 

Demokratie als soziale Erfindung

In den Geschichtsbüchern werden die großen Veränderungen oder gar Epochenwechsel meist technologischen Erfindungen zugeschrieben. Sei es die Erfindung des Pfluges, der die sesshafte Landwirtschaft einleitete, oder die Erfindung der Dampfmaschine bzw. etwas später des Dieselmotors, die entscheidend zur industriellen Revolution beigetragen haben. Zukunftsentwicklungen werden aber nicht weniger von sozialen Erfindungen geprägt.

Rechtsstaatlichkeit

Eine zentrale soziale Erfindungen der Neuzeit, die das Zusammenleben in komplexen Gesellschaften trotz aller Rückschläge verfeinert, ist die Demokratie: In ihrer Grundform Machtwechsel ohne Blutvergießen, politische Repräsentanz nicht durch Herrschaft, sondern durch freie Wahl aller BürgerInnen; in ihrer Weiterentwicklung Partizipation aller an den öffentlichen Angelegenheiten. Eine zweite lautet Rechtsstaatlichkeit: In ihrer Grundform Freiheit von Willkür, Berufungsmöglichkeit auf Gesetze; in der Verfeinerung auch Setzung sozialer (und ökologischer) Standards.

Solidarversicherungen

Als dritte soziale Erfindung sind Solidarversicherungen zu nennen, die im Sinne kollektiver Vorsorge gegenüber Lebensrisiken wie Arbeitslosigkeit oder Krankheit wirken – alle zahlen in einen Fond um ihm Notfall daraus Unterstützung zu erhalten. Die vierte Säule eines befriedeten Zusammenlebens sind schließlich Steuern, über die öffentliche Grundleistungen wie Basisbildung, Gesundheitsversorgung, Zugang zu Wasser oder Sicherheit finanziert werden.

Steuern durch Steuern

Steuern ermöglichen dem Staat aber auch, seiner Steuerungsfunktion nachzukommen, etwa einen gewissen sozialen Ausgleich herzustellen zwischen den ökonomisch Stärkeren und den Benachteiligten. Denn in unserem Wirtschaftssystem wird Einkommen nicht nur durch Leistung erzielt, sondern auch durch sich „selbst vermehrendes Vermögen“ – Zinseinkommen sind die tatsächlichen „arbeitslosen Einkommen“, die eben auch besteuert werden müssen!

Eine Steuerkultur stellt neben einer von der Mehrheit als gerecht empfundenen Vermögensverteilung daher eine Grundbedingung für ein gedeihliches Zusammenleben dar. In skandinavischen Ländern, die nicht nur gute Wirtschaftsdaten, sondern auch ein im Vergleich zu uns höheres Zufriedenheitsniveau und Vertrauenskapital aufweisen, ist beides vorhanden. In anderen Staaten Europas gibt es hier noch Aufholbedarf – dies ist die eigentliche Lehre, die aus den jüngsten Steuerskandalen in Deutschland (bald auch in Österreich?) zu ziehen ist.

 

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