Zukunftskommentar

 

 

 

 

 

 

 

 

03. 10. 2008

„Knappheitsangst ist kein guter Wahlratgeber“

Hans Holzinger nimmt zum Rechtsruck bei den Österreichischen Nationalratswahlen Stellung.

 

Erschienen in: Wiener Zeitung, Flachgauer Nachrichten, Drehpunkt Kultur

 

 

Aufgabe der Politik ist es, Fairness herzustellen

Es ist genuine Aufgabe der Politik, jene Fairness herzustellen, die der Markt selbst nicht herstellt. Dieser ist ja bekanntlich nicht nur ökologisch, sondern auch sozial – und wie wir aktuell an der Bankenkrise erfahren – mitunter auch ökonomisch blind. Was ist also problematisch an den vielen Wahlversprechen der letzten Wochen?

Zum einen scheint ihnen die soziale Treffsicherheit zu fehlen. So mag die Halbierung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel angesichts der ausgebrochenen Hysterie über die „Teuerungswelle“ gut ankommen, den Armen hilft das nicht wirklich, denn so viel wird die Steuerreduzierung nicht ausmachen, wenn sie nicht überhaupt vom Markt gefressen wird. (Geschätzt werden 3 – 5 Euro Einsparung pro Haushalt in der Woche. Dagegen zeigt eine aktuelle Abfallstudie, dass durchschnittlich pro Haushalt jährlich verdorbene Lebensmittel im Wert von 100 Euro weggeworfen werden.) Mehr brächte eine Einkommenspolitik, die sicherstellt, dass sich alle Lebensmittel guter Qualität leisten können, z. B. durch Festlegung von gesetzlichen Mindestlöhnen sowie eine ehrliche Diskussion über Einkommensgerechtigkeit.

Materialistische Verkürzung des Wahlkampfes

Zum anderen hat die materialistische Verkürzung des Wahlkampfes eine Knappheitsangst erzeugt, die keineswegs der Realität entspricht. Dem Gefühl, sich immer weniger leisten zu können, liegt – von den wirklich Verarmten einmal abgesehen – wohl die aus der Konsumforschung bekannte „Anspruchsfalle“ zu Grunde: Je mehr wir haben, umso mehr wollen wir, ohne dass deswegen die Lebenszufriedenheit steigt. Der Anteil am Haushaltsbudget, den wir für Lebensmittel ausgeben, ist mit 13 Prozent auf einem historischen Tiefstand angekommen. Das heißt, wir verfügen über immer mehr Geld für andere Dinge, die weitgehend aus den globalisierten Billigmärkten stammen. „In einer Zeit, in der es viel mehr Menschen gut geht als in allen historisch fassbaren Zeiten bisher, steigt die Zukunftsangst auf neue Rekordhöhen. Am meisten nimmt sie in jenen Staaten zu, in denen es den Menschen am besten geht“, so der Ökologe Josef H. Reichholf pointiert. In globaler Perspektive könnte man also sagen: „Wir jammern auf hohem Niveau“.

Wir jammern auf hohem Niveau

Lebensqualität wird in der Multioptionsgesellschaft der Zukunft daher bedeuten, den Kopf über der Warenschwemme zu halten und bewusst zu wählen. Das wird auch ökologisch geboten sein. Nachhaltigkeit wirklich ernst zu  nehmen heißt, uns weniger von den Ressourcen der Welt zu nehmen und unseren ökologischen Fußabdruck drastisch zu verringern. Mit Effizienz­technologien allein ist das nicht hinzukriegen, es braucht auch ein verändertes Konsumverhalten, das Weniger zum Ziel hat. Und damit auch eine Abkehr vom nicht nachhaltigen Wirtschaftswachstum alten Stils. Davon war im Wahlkampf leider nirgends die Rede. Vielmehr bereitet die Knappheitshysterie – gewollt oder ungewollt – den Boden für Sündenbockstrategien und rassistische Ausgrenzungen eines H. C. Strache.

Besserverdienende als Gewinner des Wandels

Kaum gesprochen wurde – von Ausnahmen abgesehen – über die Finanzierung der vorgeschlagenen Maßnahmen. Denn dies hieße, über Steuerkultur und Steuergerechtigkeit zu reden, etwa über die stärkere Heranziehung der leistungslosen Einkommen aus Kapitalgeschäften oder Immobilien. Faktum ist, dass die Besserverdienenden die Gewinner des gegenwärtigen ökonomischen Wandels sind. Das belegen alle Vermögens- und Einkommensstatistiken. Steuern auf Vermögen in Höhe des Durchschnitts der EU würden 5 Mrd. Euro jährlich bringen. Damit ließe sich mehr finanzieren als Wahlzuckerl, z. B. ein Investitionsschub in Bildung oder eine Grundsicherung für alle.

Nicht alles ist über Geld zu regeln

Außen vor blieb schließlich auch, dass beileibe nicht alles über Geld zu regeln ist. Wie wir unsere Kinder erziehen, wie und was diese in den Schulen lernen sollen, wie (und wie lange) wir in Zukunft arbeiten wollen, welche Arbeitszeitmodelle Familie und Arbeit für Männer und Frauen vereinbar machen, wie dem allseits steigenden Zeitstress entgegengewirkt und die soziale Einbindung jener gelingen kann, die in der rauer werdenden Wirtschaftswelt straucheln – all das ist zunächst eine Frage der Ziele, die wir anpeilen, und erst in zweiter Linie eine Frage des Geldes.

Neue Arbeitszeitmodelle

So könnte das Konzept von „Mischarbeit“ etwa durch die Einführung einer negativen Einkommensteuer gefördert werden. Menschen, die weniger verdienen, weil sie über kein Vermögen verfügen oder bewusst weniger Erwerbsarbeiten wollen, um etwa vom Markt nicht bezahlte, aber für die Gesellschaft (überlebens)notwendige Tätigkeiten wie die Erziehung von Kindern oder die Betreuung pflegebedürftiger Älterer zu übernehmen, zahlen nicht nur keine Einkommenssteuer, sondern bekommen etwas vom Staat dazu. Jene mit hohen Einkommen zahlen dafür mehr Steuer. Dies in einen Wahlkampf einzubringen, würde sich allemal lohnen, und könnte, wenn man es mit intellektueller Redlichkeit angeht, auch Mehrheiten bringen.

 

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