Zukunftskommentar

 

 

 

 

 

 

 

 

12. 11. 2008

„Die Krise als Chance. Plädoyer für ein geistiges Konjunkturpaket“

Hans Holzinger meint, dass die Finanzkrise zum Anlass genommen werden sollte, um über einen nachhaltigen Wohlstand nachzudenken

 

Erschienen in: Falter, Pro Zukunft, Salzburger Nachrichten, Stadt Nachrichten

 

 

Wir leben über unsere Verhältnisse

Enorme Summen werden aufgeboten, um die maroden Banken wieder fit zu kriegen und zu verhindern, dass die Wachstumsmaschine „Wirtschaft“ ins Stocken gerät. Bestünde die weiterreichende Chance der aktuellen Krise nicht darin, zu erkennen, dass ihre zentrale Ursache gerade in der Vorstellung vom permanenten Wachstum liegt. Ein System, das auf andauernde Treibstoffzufuhr angewiesen ist – sei es in Form von Öl oder Kapital –, kann nicht stabil sein.

Ökologische Kreditkrise

So wäre endlich der Mut gefordert, uns einzugestehen, dass wir über unsere Verhältnisse leben – ökologisch wie ökonomisch.  Der vor kurzem erschienene Living Planet Report 2008, der den ökologischen Fußabdruck von gut 170 Staaten ausweist, spricht folgerichtig nicht nur von einer ökonomischen, sondern auch von einer „ökologischen Kreditkrise“. Wir verwerten nicht nur die Zinsen des Naturkapitals, sondern knabbern die Substanz an. Zwei ein halb Planeten der Qualität der Erde wären nötig, würden alle Menschen so leben wie wir im reichen Europa, so die Kernaussage des Konzepts vom ökologischen Fußabdruck. Da beruhigt nicht, dass etwa die USA noch bedeutend mehr Ressourcen verbrauchen.

Geistige Konjunkturpaket für einen postkonsumistischen Lebenstil

Neben einem Konjunkturpaket für die überfällige Energiewende ginge es demnach auch um ein geistiges Konjunkturpaket, das einen postkosumistischen Lebensstil schmackhaft macht. Die Ankurbelung des „privaten Konsums“ über die Befriedigung von Grundbedürfnissen hinaus ist aus Nachhaltigkeitsperspektive ökologisch kontraproduktiv. Garantierte Mindesteinkommen, die attraktives  Wohnen oder Lebensmittel guter Qualität für alle leistbar machen, sind sinnvoll. Konsumschübe, die noch mehr Flachbildschirme über die Verkaufsrampen gehen lassen oder Fernflugtickets über die Schalter der Reisebüros, sind es nicht. Nachhaltiger und zukunftsfähiger wäre hier „öffentlicher Konsum“, das heißt Investition in Bildung, Soziales und Kultur.

Qualitätswachstum

Umstieg auf Qualitätswachstum erfordert dabei auch eine neue Steuerkultur, sprich die Beteiligung aller an der Finanzierung der öffentlichen Aufgaben gemäß ihrem Vermögen (In derselben Ausgabe erschien ein Bericht über „Die teuren Vergnügen der Reichen“). Dies auch, um die drohende Zunahme von Arbeitslosigkeit abfedern zu können: etwa durch Förderung neuer Arbeitszeitmodelle, die Kürzer-Arbeiten attraktiver machen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erhöhen und dem um sich greifenden Stress entgegenwirken. Denn: es gibt auch ein Leben nach bzw. jenseits der (Erwerbs)Arbeit.

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