Zukunftskommentar

 

 

 

 

 

 

 

 

10. 01. 2009
„Kürzer Arbeiten als Zukunftsperspektive“

Die Schließung einer Papierfabrik in Hallein bei Salzburg durch den internationalen Konzern M-Real nahm Hans Holzinger zum Anlass, über Wege in die Postwachstumsgesellschaft nachzudenken.

 

Erschienen in: Zeitpunkt, SOL-Zeitung

 

 

Unternehmen sind keine Sozialeinrichtungen

M-Real hat gezeigt, wie abhängig Wirtschaften von global agierenden Konzernen geworden ist. Dabei ist jedoch kühler Kopf zu bewahren. Die 485 MitarbeiterInnen des zugesperrten Werks brauchen sofortige Hilfe in Form eines Sozialplans, des Angebots von Umschulungsmaßnahmen bzw. neuen Arbeitsstellen. Dass die Politik sich für die Rettung des Unternehmens einsetzt, ist verständlich. Dass sie dabei scheitert, auch. Konzerne, vormals große, sind keine Sozialeinrichtungen. Ihr einziges Ziel ist es, Gewinne zu machen und Aktionäre zu „befriedigen“. Moralische Entrüstung kann vielleicht kurzfristig den Ruf eines Konzerns etwas in Mitleidenschaft ziehen, vor allem verschafft sie jedoch emotionale Entlastung. Doch das ist es dann auch schon gewesen.

Politik muss international Rahmenbedingungen setzen

Aus M-Real lässt sich lernen, dass das Bild vom sozialen Unternehmertum eine trügerische Chimäre ist. Aufgabe der Politik muss es in langfristiger Perspektive daher sein, Konzernen international Rahmenbedingungen zu setzen, die das Ausweichen auf „kostengünstigere“ Standorte immer mehr erschweren. Das heißt: Statt Steuerdumping akkordierte Steuerpolitik, zumindest einmal auf EU-Ebene, dann auch global. Nur global umgesetzte soziale und ökologische Mindeststandards sind in der Lage, den destruktiven Standortwettbewerb zu beenden und jene Unternehmen nicht länger zu benachteiligen, denen soziale Verantwortung wichtig ist.

Sättigung der Märkte

M-real, aber auch die aktuellen Turbulenzen der Autobranche verweisen, auf ein weiteres Phänomen, die Sättigung der Märkte. Die Wirtschaftskrise ist (auch) eine Sättigungskrise. Wir produzieren immer mehr, obwohl wir bereits so viel haben. Allein der private Papierverbrauch beträgt in Österreich über 200 Kg pro Kopf und Jahr. Ironie am Rande: Mindestens ein Drittel davon entfällt auf Werbesendungen, also den Versuch, der Sättigung durch Weckung neuer Bedürfnisse entgegen zu wirken. Der globale Papierhunger ist ökologisch höchst problematisch – 270.000 Bäume werden weltweit pro Tag allein für Hygienepapier gefällt. Da machte es keinen Sinn, den Papierverbrauch noch weiter zu steigern, um Arbeitsplätze zu retten.

Strukturwandel für das postfossile Zeitalter

Notwendig ist ein Strukturwandel des Wirtschaftens hinein ins postfossile Zeitalter. Das erfordert eine doppelte Strategie. Zum einen sind Innovationen nötig, die einen effizienteren Umgang mit Energie ermöglichen. Als Stichworte mögen genügen: Umlenkung von Forschungsmitteln auf nachhaltige Energietechnologien, Konjunkturpakete für Energieeffizienz – allein Österreichs Bausubstanz bietet noch Einsparpotenziale von 50 bis 70 Prozent. Geht man vom Null- oder gar Plusenergiehaus aus, dann sind es noch mehr!

Zum anderen ist der Wachstumspfad zu hinterfragen. Ankommen, Neuverteilen des Vorhandenen, Werte jenseits des Materiellen und des künstlich geschaffenen „Erlebniskonsums“ entdecken - dies wären hier neue Stichworte. Verteilungsgerechtigkeit spielt in einer Postwachstumswirtschaft die zentrale Rolle. Dies gilt für das erwirtschaftete Vermögen ebenso wie für die dafür nötige Erwerbsarbeit. Einer auf Verteilungsgerechtigkeit achtenden Steuerpolitik sowie neuen Arbeitszeitmodellen kommt daher eine Schlüsselrolle in einer sozial und ökologisch nachhaltigen Transformation der Wirtschaft zu.

Aus der Not der Kurzarbeit eine Tugend machen

Aus der gegenwärtigen Not der Kurzarbeit die Tugend einer neuen Vollarbeitszeit auf niedrigerem Niveau zu machen, hieße somit die Herausforderung. Denn die derzeitige Entwicklung ist paradox: Die einen arbeiten bis zum Umfallen, die anderen haben gar keine Arbeit. Modelle für eine Neuverteilung der Arbeit gibt es bereits: Etwa die vom Volkswirtschaftler Konrad Stopp vorgeschlagene „30-Stundenwoche im atmenden Unternehmen“ oder die von deutschen Statistikern durchgerechnete „Halbtagsgesellschaft“. Würde das gegenwärtige Volumen der Erwerbsarbeit in Deutschland auf alle Personen im erwerbsfähigen Alter aufgeteilt, dann ergäbe dies die 25-Stundenwoche, so zitieren die Wirtschaftspublizisten Philipp Löpfe und Werner Vontobel eine Studie der Deutschen Bundesagentur für Arbeit in ihrem Buch „Arbeitswut“. Die Zahlen werden für Österreich ähnlich sein.

Neuverteilung der notwendigen Arbeit

Dabei kann durchaus vom Prinzip der Freiwilligkeit ausgegangen werden: Nur werden jene Unternehmen belohnt, die Kürzer-Arbeiten ermöglichen, und jene ArbeitnehmerInnen steuerlich entlastet, die freiwillig weniger arbeiten. Umverteilung der Arbeit muss auch nicht auf reduzierte Regelarbeitszeiten beschränkt sein. Alle Formen von bezahlten Auszeiten etwa für familiäre Betreuungsaufgaben oder für Bildung „entlasten“ ebenfalls den Arbeitsmarkt. Gesetzliche Mindestlöhne sowie eine bedarfsorientierte Grundsicherung erleichtern diesen Übergang in eine neue Arbeitskultur, die die Position der Lohnanhängigen wieder stärkt. Voraussetzung freilich ist eine noch besser gebildete ArbeitnehmerInnenschaft, das heißt die Verbreiterung der Qualifikationsbasis, doch diese macht in der Wissensgesellschaft von morgen so oder so Sinn!

 

Ihre Meinung

 

 

Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen | Robert-Jungk-Platz 1 | 5020  Salzburg  |  T 0043.662.873 206 | E: jungk-bibliothek@salzburg.at 
H:
www.jungk-bibliothek.at  Team: Dr. Alfred Auer, Mag. Hans Holzinger (Redaktion JBZ_ONLINE), Dr. Walter Spielmann