JBZ-Zukunftskommentar

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Mensch schafft sich ab

Perspektiven einer Welt ohne Gesamtverantwortung.

Von KLAUS FIRLEI, Präsident des Kuratoriums der Robert-Jungk-Stiftung

 

Der Artikel ist erschienen in den Salzburger Nachrichten vom 11.12.2010

 

 

Die Menschheit wird unter dem Druck von Globalisierung, technischer Entwicklung, planetarischen Überlebensproblemen und nicht zuletzt der atemberaubenden Geschwindigkeit und Brutalität von Kapitalanlagestrategien zu einer Schicksals-­, Haftungs- Untergangs- und (vielleicht auch) Erfolgs­gemeinschaft zusammenge­schmolzen. Interdependenzen, Vernetzungen, Wechsel­wirkungen, Schadens­potenziale, externe Effekte und Kollateralschäden wachsen exponenziell. Die bisherigen Vorstellungen von Eigentum, Vertragsfreiheit, Unternehmenszielen, staatlicher Souveränität, aber auch von individuellen Freiheiten und Gewohnheiten müssen deswegen grundlegend revidiert werden. Erforderlich ist ein Quantensprung in Richtung auf eine Intensivierung von Gesamt­ver­antwortung, eine massive Erhöhung kollektiver Intelligenz. Kann das gelingen?

Nein, sicher nicht, solange das etablierte politisch-ökonomische System eines unregulierten Kapitalismus Folgendes bewirkt: Eine Demontage staatlicher Handlungsfähigkeit, eine Weltgesellschaft ohne politische Steuerung, eine Unterwerfung aller wesentlichen schicksalhaften Trends unter das von allen Verantwortungen entkoppelte Wirken von Profitkalkülen. Nicht, solange das längst entzauberte Hypothesenbündel der Marktlogik unangefochten den Status einer fundamentalistischen Religion behauptet, solange ein exzessiv vorangetriebener Frontalangriff des Privaten gegen das Öffentliche eine permanente Missachtung gesellschaftlicher Zusammenhänge, Folgen und Kooperationschancen bewirkt, solange gemeinsame Handlungs- und Wirkungsfelder messerscharf in individualisierte Interessenparzellen zerschnitten werden. In einem solchen System wird Solidarität zur Selbst­verleugnung. Das funktioniert nicht.

High-Performance-Druck, Employability-Philosophie und Ranking-Wahn haben zudem nichts daran geändert, dass die Leistungsfähigkeit des Systems erbärmlich bleibt. Bei permanent steigender Produktivität sinkt die Lebensqualität. Trotz mehr Leistung sinken die Entgelte. Trotz hochgerüsteter Sicherheitssysteme wird die Zukunft riskanter. Trotz absurd vielfältiger Warenangebote wird das Leben leerer.

Auf diese Weise wird der Humus, auf dem Zukunftsverantwortung gedeihen kann, von den Baggern des Finanzkapitals, der Ratingagenturen, der Fondsmanager und der ihre „Standorte“ zu Schleuderpreisen auf den Weltmarkt werfenden Staatenwelt flächendeckend abgetragen. Einerseits bietet die globale (und europäische) Politiklücke den Restbeständen an Solidarität keine Realisierungschancen. Andererseits frustriert das System permanent berechtigte Erwartungen der Bürger und schlittert einer Loyalitätskrise entgegen.

Was können wir demnach erwarten? 1. Wut, Revolten und Aggressivität. 2. Kooperationsverweigerung und damit eine massive Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts. 3. Eine Kapitulation der Mehrheit vor der der bio- und psycho­politischen - freilich durch subversive Faszination verdeckte - Gewalt der Erlebnismärkte.

Wut, Kooperationsverweigerung und Flucht in marktkonform vorgefertigte Lebenssurrogate schreiben kein neues Kapitel der Menschheitsgeschichte, sondern eher das letzte, für das die Überschrift, „Der Mensch schafft sich ab“ nicht ganz ungeeignet erscheint. Denn leider wurde auch eine politische Strategie „intelligenter Gesamtverantwortung“ in eine tödliche Falle manövriert. Angesichts der bestehenden strukturellen Reformunfähigkeit wäre das gesamte politisch-ökonomische Regulierungssystem grund­legend zu ändern. Also eine Neuerfindung des Politischen, getragen von einer Neudefinition, was gelungenes Leben bedeutet.

Univ. Prof. Klaus Firlei lehrt Arbets- und Sozialrecht an der Universität Salzburg. er ist Präsident des Kuratoriums der Robert-Jungk-Stiftung.  klaus.firlei@salzburg@sbg.ac.at

 

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