JBZ-Zukunftskommentar

 

 

 

 

 

 

 

 

Lebensqualität im ländlichen Raum oder Die Renaissance der Orte in einer neuen Regionalität

Von HANS HOLZINGER, Mitarbeiter der Robert-Jungk-Stiftung Salzburg

 

Erschienen in Ausblicke 2_2010

 

Über die Hälfte der Menschheit lebt mittlerweile in Städten. Der Trend ist eindeutig: Leben und Wirtschaften konzentrieren sich immer mehr auf urbane Ballungsräume. Die Chance des ländlichen Raums liegt daher in der Verflechtung mit der Stadt in der Region. Diese ist der zentrale Schauplatz des Lebens in der postfossilen Gesellschaft der Zukunft. Redimensionierte Bewegungsradien erfordern und fördern eine Ökonomie der Nähe. Eine neue Regionsverbundenheit trägt der Sehnsucht nach Überschaubarkeit Rechnung und erweitert die Gestaltungsspielräume. Ortsbindung wird zu einem Faktor für Lebensqualität.

Annäherung 1: Region und ländlicher Raum

Betrachtet man Landkarten zur Wirtschaftskraft von Kommunen, so zeigen sich kumulierte große Blasen in den urbanen Ballungszentren. Die Rede ist von „Zukunftsregionen“, „Hot Spots“ der wirtschaftlichen Entwicklung, die sich um Metropolen herausbilden. Und die ländlichen Räume? Sind sie zum Aussterben verurteilt? Wird alles, was sich nicht im Scheinwerferkegel der Metropolen befindet, von der Zukunft vergessen? Ja und nein. Fest steht, dass sich die wirtschaftliche Konzentration und damit auch jene der Bevölkerung auf die Attraktionsräume der Stadtregionen weiter verstärken werden. Raumordnungspolitisch macht dies auch Sinn: Nur verdichtete Räume ermöglichen sinnvolle öffentliche Infrastrukturen. Die Zukunft des ländlichen Raums erscheint somit ambivalent: Florierenden Zonen im Nahfeld der Städte stehen solche gegenüber, die (fast) ausschließlich landwirtschaftlichen und Erholungszwecken dienen, wie der Trend zum Zweitwohnsitz am Land zeigt. Eine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete ländliche Entwicklung muss sich dieser Herausforderung stellen.

„Regionalwirtschaft“ bezieht sich dann nicht auf die Ebene des Dorfes, sondern eben auf die Region, die durchaus mehrere Hunderttausend Menschen umfassen kann und sich von der Globalwirtschaft mit ihren Güterketten absetzt. Eine „Ökonomie der Nähe“ wäre dann eine solche, die das zum Leben Notwendige (mehrheitlich) wieder in der Region produziert. Die optimalen Bewegungsradien in der „Solarspargesellschaft“ (Wolfgang Sachs) würden sich auf 50 bis 100 Kilometer einpendeln, ergänzt um Fußläufigkeit vor Ort.

Annäherung 2: Wohlstand und Lebensqualität

Auch wenn dies angesichts der Wirtschaftskrise provokant klingen mag: für viele Menschen sind nicht mehr Geld und Güter knapp, sondern Zeit und Aufmerksamkeit. Lebensqualität wird daher vermehrt mit immateriellen Bedürfnissen assoziiert. Gelingende Beziehungen, Zeit haben für die Menschen und Dinge, die einem wichtig sind, Selbstverwirklichung im Beruf und jenseits des Berufes, aber auch intakte Lebensgrundlagen und der Schutz der Umwelt gelten als neue Wohlstandsindikatoren. Dem Bruttoinlandsprodukt folgt das umfassendere Lebensqualitätsprodukt. Wachsen sollen menschliche Beziehungen, die Qualität der Lebensmittel, der Wert und die Dauerhaftigkeit unserer Güter.

Was bedeutet das für den ländlichen Raum? Die Landwirtschaft wird eine Aufwertung erfahren. (Gesundheits)bewusstere KonsumentInnen fordern Lebensmittel hoher Qualität – der ungebrochene Bioboom bestätigt es. Auch regionale Herkunft wird wichtiger, wie die sich verändernden Warensortimente der Supermärkte zeigen. Dazu kommen die Leistungen der Landwirte als Kulturlandschaftspfleger und als zukünftige Energielieferanten. Das (unbezahlbare) Juwel der ländlichen Räume sind die hervorragenden Lebensbedingungen: viel Grün, wenig Lärm, ästhetische Kultur- und Naturlandschaften. Eine bedachtsame Raumplanung hat darauf zu achten, dass dieses Juwel nicht leichtfertig zerstört wird. Der ländliche Raum könnte in der alternden Gesellschaft somit auch für Seniorenwohnen attraktiv werden.

Annäherung 3: Ortsbindung und die Renaissance der Orte

Nachhaltigkeit hat nicht nur eine zeitliche Dimension (Rücksichtnahme auf spätere Generationen), sondern auch eine räumliche. Menschen sind, anders als global zirkulierende Finanztransaktionen, nicht virtuell, sondern real. Sie leben an realen Orten und treffen an diesen Orten Entscheidungen. In den letzten Jahrzehnten ist jedoch ein Trend zur Entwertung der Orte festzustellen.

Die Automobilität hat unsere Aktionsradien erweitert, jedoch alle Räume tendenziell zu Durchzugsräumen degradiert. Nicht mehr das Sein an einem Ort, sondern der massenhaft vollzogene Ortswechsel wurde zum neuen Paradigma. Die Zunahme der „Weltofferte“ hat unsere Freiheitsräume vergrößert, zugleich aber auch neue Zwänge geschaffen, etwa in Gestalt übervoller Terminkalender sowie als „Entortung“, als „Unfähigkeit zur Präsenz“ (Marianne Gronemeyer). Auch die zunehmende ökonomische Verflechtung hat ihren Tribut gefordert: Ruinöse Preis- und Werbeschlachten um Kunden entziehen die Kaufakte der räumlichen Bindung, da eben der (vermeintliche) Billigstpreis zum Hauptmotiv für Kaufentscheidungen wird. Regionale Verortung spielt dabei keine Rolle mehr. All das hat zur Zerstörung lokaler Wirtschaftsstrukturen und der Abwertung der Orte als Lebensräume geführt.

Not tut somit eine Renaissance der Orte. Lebensqualität vor Ort, ein ansprechendes Wohnumfeld, soziale Kontakte in der Nachbarschaft, aber auch eine zumindest stückweise Rückbindung der Ökonomie an den Raum sind geboten. Ortsbindung in diesem Sinne geht mit (geistiger) Weltoffenheit einher, ja ist deren Voraussetzung.

Ein wichtiger Aspekt liegt dabei in der Rückholung von Gestaltungsspielräumen. Je größer die physischen Räume werden, in denen wir uns bewegen, umso enger – so scheint es – werden unsere Denkräume. So wird an bekannten, aber brüchigen „Lösungsmustern“ festgehalten, etwa dem Wirtschafts- und Güterwachstum alten Stils. Der Soziologe Gerhard Schulze spricht von der Beendigung des „Steigerungsspiels“ sowie von der Fähigkeit des „Ankommens“. Folgerichtig wären auch die dominanten Bilder von Wohlstand kritisch zu hinterfragen. Neben den bekannten Güterwohlstand würden etwa „Zeitwohlstand“, „Ernährungswohlstand“, „Raumwohlstand“, „Beziehungswohlstand“, „Informations- und Demokratiewohlstand“ treten. So geht es um die Kraft des Sich-Zusammen-Tuns, um das Ins-Gespräch-Kommen, um das Wiederfinden von Versammlungskulturen, etwa in „Zukunftswerkstätten“ an vielen Orten.

Was bedeutet das für den ländlichen Raum? In der Stadt wie am Land gilt es, neue Quellen einer „Mitmach-Gesellschaft“ zu erschließen. Wenn die Erwerbsarbeit zukünftig tendenziell abnehmen wird, bleibt wieder mehr Zeit auch für soziales und kulturelles Engagement. Kooperation und Vernetzung sind zukünftig aber auch Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg. Ob in der Gastronomie, im lokalen Gewerbe oder in der Vermarktung einer Region nach außen – Kraft entsteht mehr durch Zusammenarbeit denn durch Konkurrenz. Der Wirtschaftsexperte Christian Felber spricht gar von „Gemeinwohl-Ökonomie“ als einzig tragfähiger Zukunftsperspektive. Gefordert wird auch eine neue regionale Konsumentenverantwortung.

Resümee

Die postfossile Solargesellschaft wird dezentral organisiert sein. Krisenfeste Marktwirtschaften werden dem ebenso Rechnung tragen müssen wie resiliente Regionen. Denkbar wäre eine plurale, auf einem breiten Sektor der Regionalwirtschaft basierende Ökonomie, die um einen exportorientierten Hightechsektor sowie – in Österreich – um (internationalen) Tourismus ergänzt wird. Dazu käme ein erneut wachsender Sektor des Selbermachens jenseits des Marktes. Aufgrund der Überschaubarkeit der sozialen Beziehungen bietet der ländliche Raum ein gutes Experimentierfeld für eine moderne „Mitmach-Gesellschaft“, in der sich möglichst viele Menschen in unterschiedlichen Bereichen einbringen (können).Wenn Heimat im modernen Sinn bedeutet, „kennen, gekannt und anerkannt zu werden“ (Beate Mitzscherlich), dann sind Regionsidentität sowie partizipative und kooperative Regionskulturen im Zusammenwirken von Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft der entscheidende Zukunftsfaktor für Lebensqualität.

Literatur

Christian Eigner u. a., Zukunft: Regionalwirtschaft! Ein Plädoyer, Innsbruck, Studienverlag 2009.
Christian Felber, Gemeinwohl-Ökonomie, Wien, Deuticke 2010.
Hans Holzinger, Wirtschaften jenseits von Wachstum? Befunde und Ausblicke, Wien und Salzburg 2010.
Beate Mitzscherlich, „Die psychologische Bedeutung von Beheimatung“, in: Heimat in einer globalisierten Welt, hg. v. Anton A. Buchacher, Wien, öbv & hpt 2001.

 

Mag. Hans Holzinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Robert-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg, Lektor an der Universität Klagenfurt  und Verfasser der Zukunftsdossiers „Wirtschaften jenseits von Wachstum?“ sowie „Zur Zukunft der Arbeit“ (erstellt für das Projekt „Wachstum im Wandel“). www.jungk-bibliothek.at

Rückmeldungen: h.holzinger@salzburg.at oder Tel. 0662.873206

 

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