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JBZ-Zukunftskommentar |
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Über
die Hälfte der Menschheit lebt mittlerweile in Städten. Der Trend ist
eindeutig: Leben und Wirtschaften konzentrieren sich immer mehr auf urbane
Ballungsräume. Die Chance des ländlichen Raums liegt daher in der
Verflechtung mit der Stadt in der Region. Diese ist der zentrale Schauplatz
des Lebens in der postfossilen Gesellschaft der Zukunft. Redimensionierte
Bewegungsradien erfordern und fördern eine Ökonomie der Nähe. Eine neue
Regionsverbundenheit trägt der Sehnsucht nach Überschaubarkeit Rechnung und
erweitert die Gestaltungsspielräume. Ortsbindung wird zu einem Faktor für
Lebensqualität. Annäherung 1: Region und ländlicher
Raum Betrachtet
man Landkarten zur Wirtschaftskraft von Kommunen, so zeigen sich kumulierte
große Blasen in den urbanen Ballungszentren. Die Rede ist von
„Zukunftsregionen“, „Hot Spots“ der wirtschaftlichen Entwicklung, die sich um
Metropolen herausbilden. Und die ländlichen Räume? Sind sie zum Aussterben
verurteilt? Wird alles, was sich nicht im Scheinwerferkegel der Metropolen
befindet, von der Zukunft vergessen? Ja und nein. Fest steht, dass sich die
wirtschaftliche Konzentration und damit auch jene der Bevölkerung auf die
Attraktionsräume der Stadtregionen weiter verstärken werden.
Raumordnungspolitisch macht dies auch Sinn: Nur verdichtete Räume ermöglichen
sinnvolle öffentliche Infrastrukturen. Die Zukunft des ländlichen Raums
erscheint somit ambivalent: Florierenden Zonen im Nahfeld der Städte stehen
solche gegenüber, die (fast) ausschließlich landwirtschaftlichen und
Erholungszwecken dienen, wie der Trend zum Zweitwohnsitz am Land zeigt. Eine
auf Nachhaltigkeit ausgerichtete ländliche Entwicklung muss sich dieser
Herausforderung stellen. „Regionalwirtschaft“
bezieht sich dann nicht auf die Ebene des Dorfes, sondern eben auf die
Region, die durchaus mehrere Hunderttausend Menschen umfassen kann und sich
von der Globalwirtschaft mit ihren Güterketten absetzt. Eine „Ökonomie der
Nähe“ wäre dann eine solche, die das zum Leben Notwendige (mehrheitlich)
wieder in der Region produziert. Die optimalen Bewegungsradien in der
„Solarspargesellschaft“ (Wolfgang Sachs) würden sich auf 50 bis 100 Kilometer
einpendeln, ergänzt um Fußläufigkeit vor Ort. Annäherung 2: Wohlstand und
Lebensqualität Auch
wenn dies angesichts der Wirtschaftskrise provokant klingen mag: für viele
Menschen sind nicht mehr Geld und Güter knapp, sondern Zeit und
Aufmerksamkeit. Lebensqualität wird daher vermehrt mit immateriellen
Bedürfnissen assoziiert. Gelingende Beziehungen, Zeit haben für die Menschen
und Dinge, die einem wichtig sind, Selbstverwirklichung im Beruf und jenseits
des Berufes, aber auch intakte Lebensgrundlagen und der Schutz der Umwelt
gelten als neue Wohlstandsindikatoren. Dem Bruttoinlandsprodukt folgt das
umfassendere Lebensqualitätsprodukt. Wachsen sollen menschliche Beziehungen,
die Qualität der Lebensmittel, der Wert und die Dauerhaftigkeit unserer
Güter. Was
bedeutet das für den ländlichen Raum? Die Landwirtschaft wird eine Aufwertung
erfahren. (Gesundheits)bewusstere KonsumentInnen fordern Lebensmittel hoher
Qualität – der ungebrochene Bioboom bestätigt es. Auch regionale Herkunft
wird wichtiger, wie die sich verändernden Warensortimente der Supermärkte
zeigen. Dazu kommen die Leistungen der Landwirte als Kulturlandschaftspfleger
und als zukünftige Energielieferanten. Das (unbezahlbare) Juwel der
ländlichen Räume sind die hervorragenden Lebensbedingungen: viel Grün, wenig
Lärm, ästhetische Kultur- und Naturlandschaften. Eine bedachtsame Raumplanung
hat darauf zu achten, dass dieses Juwel nicht leichtfertig zerstört wird. Der
ländliche Raum könnte in der alternden Gesellschaft somit auch für
Seniorenwohnen attraktiv werden. Annäherung 3: Ortsbindung und
die Renaissance der Orte Nachhaltigkeit
hat nicht nur eine zeitliche Dimension (Rücksichtnahme auf spätere
Generationen), sondern auch eine räumliche. Menschen sind, anders als global
zirkulierende Finanztransaktionen, nicht virtuell, sondern real. Sie leben an
realen Orten und treffen an diesen Orten Entscheidungen. In den letzten
Jahrzehnten ist jedoch ein Trend zur Entwertung der Orte festzustellen. Die
Automobilität hat unsere Aktionsradien erweitert, jedoch alle Räume
tendenziell zu Durchzugsräumen degradiert. Nicht mehr das Sein an einem Ort,
sondern der massenhaft vollzogene Ortswechsel wurde zum neuen Paradigma. Die
Zunahme der „Weltofferte“ hat unsere Freiheitsräume vergrößert, zugleich aber
auch neue Zwänge geschaffen, etwa in Gestalt übervoller Terminkalender sowie
als „Entortung“, als „Unfähigkeit zur Präsenz“ (Marianne Gronemeyer). Auch
die zunehmende ökonomische Verflechtung hat ihren Tribut gefordert: Ruinöse
Preis- und Werbeschlachten um Kunden entziehen die Kaufakte der räumlichen
Bindung, da eben der (vermeintliche) Billigstpreis zum Hauptmotiv für
Kaufentscheidungen wird. Regionale Verortung spielt dabei keine Rolle mehr.
All das hat zur Zerstörung lokaler Wirtschaftsstrukturen und der Abwertung
der Orte als Lebensräume geführt. Not
tut somit eine Renaissance der Orte. Lebensqualität vor Ort, ein
ansprechendes Wohnumfeld, soziale Kontakte in der Nachbarschaft, aber auch
eine zumindest stückweise Rückbindung der Ökonomie an den Raum sind geboten.
Ortsbindung in diesem Sinne geht mit (geistiger) Weltoffenheit einher, ja ist
deren Voraussetzung. Ein
wichtiger Aspekt liegt dabei in der Rückholung von Gestaltungsspielräumen. Je
größer die physischen Räume werden, in denen wir uns bewegen, umso enger – so
scheint es – werden unsere Denkräume. So wird an bekannten, aber brüchigen
„Lösungsmustern“ festgehalten, etwa dem Wirtschafts- und Güterwachstum alten
Stils. Der Soziologe Gerhard Schulze spricht von der Beendigung des
„Steigerungsspiels“ sowie von der Fähigkeit des „Ankommens“. Folgerichtig
wären auch die dominanten Bilder von Wohlstand kritisch zu hinterfragen.
Neben den bekannten Güterwohlstand würden etwa „Zeitwohlstand“,
„Ernährungswohlstand“, „Raumwohlstand“, „Beziehungswohlstand“, „Informations-
und Demokratiewohlstand“ treten. So geht es um die Kraft des
Sich-Zusammen-Tuns, um das Ins-Gespräch-Kommen, um das Wiederfinden von
Versammlungskulturen, etwa in „Zukunftswerkstätten“ an vielen Orten. Was
bedeutet das für den ländlichen Raum? In der Stadt wie am Land gilt es, neue
Quellen einer „Mitmach-Gesellschaft“ zu erschließen. Wenn die Erwerbsarbeit
zukünftig tendenziell abnehmen wird, bleibt wieder mehr Zeit auch für
soziales und kulturelles Engagement. Kooperation und Vernetzung sind
zukünftig aber auch Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg. Ob in der
Gastronomie, im lokalen Gewerbe oder in der Vermarktung einer Region nach
außen – Kraft entsteht mehr durch Zusammenarbeit denn durch Konkurrenz. Der
Wirtschaftsexperte Christian Felber spricht gar von „Gemeinwohl-Ökonomie“ als
einzig tragfähiger Zukunftsperspektive. Gefordert wird auch eine neue
regionale Konsumentenverantwortung. Resümee Die
postfossile Solargesellschaft wird dezentral organisiert sein. Krisenfeste
Marktwirtschaften werden dem ebenso Rechnung tragen müssen wie resiliente
Regionen. Denkbar wäre eine plurale, auf einem breiten Sektor der
Regionalwirtschaft basierende Ökonomie, die um einen exportorientierten
Hightechsektor sowie – in Österreich – um (internationalen) Tourismus ergänzt
wird. Dazu käme ein erneut wachsender Sektor des Selbermachens jenseits des
Marktes. Aufgrund der Überschaubarkeit der sozialen Beziehungen bietet der
ländliche Raum ein gutes Experimentierfeld für eine moderne
„Mitmach-Gesellschaft“, in der sich möglichst viele Menschen in
unterschiedlichen Bereichen einbringen (können).Wenn Heimat im modernen Sinn
bedeutet, „kennen, gekannt und anerkannt zu werden“ (Beate Mitzscherlich),
dann sind Regionsidentität sowie partizipative und kooperative
Regionskulturen im Zusammenwirken von Wirtschaft, Politik und
Zivilgesellschaft der entscheidende Zukunftsfaktor für Lebensqualität. Literatur Christian
Eigner u. a., Zukunft:
Regionalwirtschaft! Ein Plädoyer, Innsbruck, Studienverlag 2009. Mag. Hans Holzinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der
Robert-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg, Lektor an der Universität
Klagenfurt und Verfasser der
Zukunftsdossiers „Wirtschaften jenseits von Wachstum?“ sowie „Zur Zukunft der
Arbeit“ (erstellt für das Projekt „Wachstum im Wandel“). www.jungk-bibliothek.at Rückmeldungen: h.holzinger@salzburg.at
oder Tel. 0662.873206 |
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