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JBZ-Zukunftskommentar |
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Zwei Zukunftsstrategien Hinsichtlich Zukunftsstrategien
sind zwei Stränge auszumachen. Die einen gehen von der grundsätzlichen
Sinnhaftigkeit des marktwirtschaftlichen Systems aus, das den materiellen
Wohlstand erhöht und damit auch die Demokratie sozial absichert.
Vorgeschlagen werden jedoch stärkere Regulative wie globale soziale und
ökologische Standards, demokratisierte globale Institutionen, Begrenzungen
der Finanzmärkte sowie globale Umverteilungsmechanismen. Globale CO2-Steuern,
globale Finanztranskations- oder auch globale Konsumsteuern sollen eine Art
„Weltsozialpolitik“ ermöglichen, die das gegenwärtige Prinzip der
Entwicklungshilfe bzw. der Verschuldungsdynamik durchbrechen. Als Vorbild
gilt etwa das Modell einer ökosozialen Marktwirtschaft, die in der EU und
dann auch weltweit umgesetzt werden soll. Die Global-Marshall-Plan-Initiative
verfolgt diesen Ansatz. Ein zweiter Strang an Ansätzen
geht davon aus, dass das gegenwärtige Marktsystem die geforderte
Ressourcenreduktion nicht schafft, da Effizienzgewinne immer durch
Mengeneffekte aufgesogen würden. Und zudem würden das gegenwärtige
Konsummodell sowie das hochgradig arbeitsteilige Produktionssystem auch
entfremdend wirken. Vorgeschlagen werden grundsätzlichere Umsteuerungen. Die
Ansätze reichen von einem neuen Wachstumsverständnis (etwa der Initiative
„Wachstum im Wandel“ des Österreichischen Lebensministeriums) oder gar
Modelle der Schrumpfung (etwa die internationale „Decroissance“-Bewegung)
über ganzheitlichere Ansätze von Arbeit, die neben Erwerbsarbeit etwa
Versorgungs- und Eigenarbeit sowie kulturelles und zivilgesellschaftliches
Engagement aufgewertet sehen wollen, bis hin zu Neuansätzen eines anderen
Wirtschaftens, (wie etwa das Modell „Gemeinwohlökonomie“ des Wirtschaftsexperten
Christian Felber). Manche heben auch das
Zur-Neige-Gehen der fossilen Rohstoffe als limitierenden Faktor hervor. Der
Ökologe Wolfgang Sachs spricht von einer „Solarspargesellschaft“ und
„ressourcenleichten Lebensstilen“. Der in Deutschland lebende indische Ökonom
Saral Sakar geht davon aus, dass dem „Petrokapitalismus“ und dem
„Petrosozialismus“ (a la Venezuela) eine andere, wieder bescheidenere
Zivilisation folgen werde. Und die indische Ökologin Vandana Shiva spricht
von „Leben nach dem Öl“ in einer „Erddemokratie“, in der die Grundbedürfnisse
wie Essen, Trinken, Mobilität und Arbeit wieder in lokale Ökosysteme
eingebettet werden. Grundsätzlich geht es um ein gutes Leben mit bedeutend
weniger Ressourcenverbrauch. Vom Wollen, Können und Müssen
Unter welchen
Bedingungen verändern sich nun Menschen bzw. Kollektive? Die einfachste
Antwort lautet: Wenn sie Veränderungsdruck bzw. -bedarf verspüren. Doch die
Wirklichkeit ist komplexer. In der Umweltpsychologie gibt es ein fünfstufiges
Modell für Verhaltensänderung. Wichtig ist zunächst Wissen, d.h. informiert zu sein über die Folgen des eigenen
Handelns sowie über alternative Handlungsmöglichkeiten. Wissen allein führt
aber noch lange nicht zum anderen – in unserem Falle – nachhaltig(er)en
Verhalten. Eine wesentliche Rolle spielt zweitens das Sollen, also die Werte, die in einer Gesellschaft dominieren:
Gebote, Normen, Ideale, Zukunftsbilder. Als dritte Stufe gilt das Wollen als intrinsische Motivation.
Man könnte auch sagen: das verinnerlichte Wertesystem. Ich tue etwas nicht,
weil andere bzw. die Gesellschaft oder Gemeinschaft dies verlangt, sondern
weil es mir selbst wichtig ist. Als vierte Bedingung für Verhaltensänderung
gilt das Können – und zwar im
doppelten Sinne: als Fähigkeit bzw. Kompetenz, sich alternativ zu verhalten, aber auch im Sinne von
Rahmenbedingungen, die das gewünschte Verhalten ermöglichen (physisches
Angebot) bzw. fördern (ökonomischer oder anderer Anreiz). Wissen, Sollen und
Wollen haben stark mit Bildung, Kultur und Werte bildenden Instanzen (wie
Medien, Schulen, Universitäten) zu tun. Das Können führt ins Feld der
Politik, der Gestaltung von Anreizsystemen. Diesem zuzuordnen ist schließlich
die fünfte Stufe: das Müssen.
Kollektive
Begrenzungen Die Begrenzung
der Freiheit des einzelnen über all dort, wo die Freiheitsmöglichkeiten
anderer in Gefahr sind, gilt als Grundprinzip von Demokratie. Letztlich wird
es auch im Bereich Nachhaltigkeit nur mit kollektiven Begrenzungen gehen,
also mit neuen Regeln, die für alle gelten. Das für Gemeingüter geltende
„Gefangenendilemma“ sowie das „Trittbrettfahrer-Problem“ erfordern dies.
Überdies besteht bei der Freiwilligkeit das Problem der Beliebigkeit: JedeR
sucht sich die Nachhaltigkeitsmaßnahme aus, die für ihn/sie die bequemste
ist. Am Beispiel des „Marmelade-Mallorca-Phänomens“: zwei Urlauber auf
Mallorca beschweren sich beim Frühstück über die in Plastikbehältern
servierte Marmelade, weil dies umweltschädigend sei. Sie verkennen dabei
aber, dass ihr Flug bedeutend mehr zur
Umweltbelastung beiträgt.
Die Umweltwirkungsforschung
besagt, dass die Wirkung unterm Strich höher ist, wenn sich 100 Prozent der
Bevölkerung 50 Prozent nachhaltiger verhalten (müssen) als wenn sich
eine Minderheit zu 100 Prozent
nachhaltig verhält. Es geht eben nicht nur um die individuelle, sondern auch
– und sogar vor allem – um die kollektive Nachhaltigkeitsbilanz. [Vgl. dazu Michael Bilharz: Keypoints nachhaltigen
Konsums: Marburg, 2008.]
Freiwilligkeit
reicht nicht Freiwilligkeit
allein – sei es im Bereich der BürgerInnen oder der Unternehmen - reicht also
nicht. Und doch sind NachhaltigkeitspionierInnen eminent wichtig. Zum einen
zeigen sie vor, dass ein alternatives Verhalten möglich ist, zum anderen
arbeiten sie an einem kollektiven Bewusstseinswandel bzw. an ethischen
Milieus, die neue Regeln erst mehrheitsfähig machen. Die Frage, ob die
bessere Gesellschaft den besseren Menschen macht oder ob es umgekehrt ist,
lässt sich also so nicht beantworten. Es handelt sich vielmehr um eine
Wechselwirkung: Vorbilder, PionierInnen, ökologische Avantgarden schaffen das
Milieu für Veränderungen. Aus diesem Grund ist es eben so eminent wichtig,
nicht nur selbst nachhaltiger zu leben, sondern sich auch politisch dafür
einzusetzen, dass Nachhaltigkeitsregeln für alle verbindlich werden.
Nachhaltigkeitsbildung hat somit sehr viel mit Politischer Bildung zu tun. Und mit Wertebildung.
Nun ist es
mittlerweile ein Allgemeinplatz, dass Kirchen, Schulen oder Intellektuelle
als Werte bildende Instanzen gegenüber den omnipräsenten, massenmedialen
Unterhaltungsangeboten sowie den Werbebotschaften der PR-Agenturen ins
Hintertreffen gelangt sind, um nicht zusagen, diesen das Feld geräumt haben.
Wir leben in der „Ära der pointilistischen Zeit“ (Zygmunt Baumann), in der
Schlagzeilen das öffentliche Nachdenken verdrängt haben. Der Diskurs über
Wertesysteme sowie das Wahrnehmen von Widersprüchen – etwa wenn auf der
Umweltseite der Zeitung vom Klimawandel und im Sportteil vom letzten Formel
1-Rennen berichtet wird – sind daher ein zentrales Aufgabenfeld im Hinblick
auf eine Politik sowie ein Recht der Nachhaltigkeit.
Ein wichtiger
Aspekt liegt weiters in der Reduzierung von Komplexität, in der Herstellung
von Überschaubarkeit sowie in der Erfahrung von Wirkmächtigkeit. Aus diesem
Grund werden starke Hoffnungen in dezentrale Ansätze gelegt. Vorgeschlagen
wird eine De-Globalisierung, eine Re-Regionalisierung, die Partizipation in
Bottom-up-Prozessen. Der Zukunftsforscher Ervin Laszlo spricht von einem
„kollektiven Stress“, dem Gesellschaften in Bedrohungssituationen ausgesetzt
sind. Dieser könne im schlimmsten Fall eine Art „Paralyse“ hervorrufen – oder
im positiven eine Kreativität, in dem die Menschen sich fragen: „Was ist zu
tun? Was kann ich tun? Kann ich etwas dazu beitragen?“ Laszlo hofft auf eine
Entscheidungsstruktur der „Heterarchie“, in der Entscheidungen (wieder) mehr
von unten getroffen würden, „in den Nachbarschaften, den Dörfern und Städten,
den Regionen“.
Wünschbare Zukünfte und die Kraft von Utopien
„Utopien bedeuten nicht, dass wir
etwas anderes machen, sondern dass wir es anders machen.“ Damit bringt der
Journalist xy auf den Punkt, was mit der notwendigen Transformation gemeint
sein kann. Wir werden auch in Zukunft arbeiten, uns ernähren, in Gruppen
zusammenleben, uns dem Spiel und der Muße hingeben. Nur wir werden es anders
tun. Der von der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen verfolgte Ansatz ist demnach der kreativen
Zukunftsforschung zuzuordnen. „Nur wer die Zukunft im Voraus erfindet, kann
hoffen sie wirksam zu beeinflussen“, so Robert Jungk, der Begründer der Methode
„Zukunftswerkstatt“. Es geht dabei nicht darum, wie wir in Zukunft arbeiten
werden (müssen), sondern wie wir arbeiten wollen; nicht darum, in welchen
Städten wir leben werden, sondern in welchen wir leben wollen; und nicht
darum, wie wir unser Konsumverhalten ausrichten sollen, um die Wirtschaft
anzukurbeln, sondern was wir für ein gutes Leben brauchen. Das eigene
Wünschen wieder zuzulassen, die Fähigkeit, zu erkennen, was wir wirklich
wollen, wird dem Sich-Fügen in Sachzwänge vorgezogen. Nicht der große
alternative Gesellschaftsentwurf, sondern die vielen kleinen alternativen
Experimente regionaler Wirtschaftsbeziehungen, neuer Wohnformen oder
Bildungsansätze machen demnach die Veränderung aus. Der in Mexiko lehrende
Politikwissenschaftler John Hollaway spricht von „Embryonen einer neuen
Welt“. Diese Initiativen haben den
Vorteil, dass sie von den Menschen selbst umgesetzt werden können. Sie sind
ortsgebunden und auf Gemeinschaft basierend und weisen doch über die allein
individualistische Verhaltensänderung, wie sie etwa der ethische Konsum
propagiert, hinaus. [Vgl. dazu Hans Holzinger: Zur Ambivalenz der
KonsumentInnendemokratie. In: Kontraste. Informationsdienst für
Sozialpolitik. Linz, Oktober 2010, sowie Christian Felber: Kooperation oder
Konkurrenz. Wien 2009, Kathrin Hartmann: Das Ende der Märchenstunde. Wie die
Wirtschaft die LOHAS vereinnahmt. München 2010] Zweifel an der Wirksamkeit von Aufhörappellen Martin Heinrich fordert (in
diesem Heft) das In-Übereinstimmung-Bringen von Wollen und Können als
Voraussetzung für das Gelingen von Bildung für nachhaltige Entwicklung. Wenn
den Menschen / Jugendlichen keine wirklichen Handlungsmöglichkeiten eröffnet
werden, macht es keinen Sinn, sie mit Problemen zu überhäufen. Die
Erziehungswissenschaftlerin Marianne Gronemeyer argumentiert in ähnlicher
Weise, wenn sie von den vielen kleinen „persönlichen Schluss-damit-Projekten“
spricht. Die eine höre mit dem Fleischessen auf, der andere steige aufs Fahrrad
um. Im Grunde wüssten wir jedoch, dass diese „kleinen Triumphe über den
inneren Schweinehund“ letztlich Ausflüchte seien, die „ein bisschen richtiges
Leben im falschen ermöglichen“ sollen. Der großen ökologischen
Herausforderung, der radikalen Begrenzung des Ressourcenverbrauchs, stellen
wir uns so nicht, meint Gronemeyer. Doch sie betrachtet auch die
Aufhörappelle der Kritiker des Weiter-So mit Vorsicht: „Sie dienen mir eine
Verantwortung an, die ich nicht tragen kann, weil das, was ich verantworten
soll, überhaupt nicht in meiner Verfügungsgewalt ist.“ In diesem Dilemma
sieht die Autorin den Grund dafür, dass „Einsicht und Tun weit
auseinanderdriften, dass also die Einsicht über das Handeln keine wirkliche
Macht hat.“ Die Sorge sei daher kein hilfreiches Motiv für Veränderung. Doch
was ist es dann? Gronemeyer nennt die einfache Erkenntnis, „weil genug genug
ist“, dann „entwirren sich die Dinge auf erstaunliche Weise. Das Aufhören
hört auf, zu etwas gut sein zu müssen.“ [Alle Zitate: Marianne Gronemeyer: Genug
ist genug. Die Kunst des Aufhörens. Darmstadt, 2008.] Gegen-Erfahrungen ermöglichen „Weil genug genug ist!“ - reicht diese in der Tat einfache
Erkenntnis? Ich denke nein. Es mag für viele Menschen zutreffen, dass das
Spüren dieses „Genug“ bereits verschüttet ist. So wie man von der Sucht nicht
allein über den Kopf wegkommt, braucht es auch hier die Gegenerfahrung, das
Erleben von Alternativen zum Konsum. Es geht bei Kindern, Jugendlichen und
Erwachsenen um die Erfahrung von Gemeinschaft, von Kooperation, von
sinnvollem Tun. Und im Handeln das Erfahren von politischem Einfluss.
Gemeinschaftliche Projekte einer anderen gelebten Praxis bieten beides. Sie
wären dann wohl die beste Form von Bildung für nachhaltige Entwicklung. Resümee: Wir leben in einer Zeit
des Übergangs, doch noch ist nicht ausgemacht, des Übergangs wohin. Die
vielen kleinen Experimente einer anderen gelebten Praxis des Wirtschaftens,
Arbeitens oder Wohnens, in denen geringer Ressourcenverbrauch gekoppelt ist
mit reicher Erfahrung an gemeinsamem Tun, könnten den Weg weisen. Mag. Hans Holzinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der
Robert-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg, Lektor an der Universität
Klagenfurt und Verfasser der
Zukunftsdossiers „Wirtschaften jenseits von Wachstum?“ sowie „Zur Zukunft der
Arbeit“ (erstellt für das Projekt „Wachstum im Wandel“). www.jungk-bibliothek.at Rückmeldungen: h.holzinger@salzburg.at
oder Tel. 0662.873206 |
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Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen | Robert-Jungk-Platz 1 |
5020 Salzburg | T 0043.662.873 206 | E: jungk-bibliothek@salzburg.at |
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