JBZ-Zukunftskommentar

 

 

 

 

 

 

 

 

Übergang wohin?

Mehrfachkrise und die Kraft von Utopien

Von HANS HOLZINGER, Mitarbeiter der Robert-Jungk-Stiftung Salzburg

 

Erschienen in Umwelt & Bildung 2010/4

 

 

Zwei Zukunftsstrategien

Hinsichtlich Zukunftsstrategien sind zwei Stränge auszumachen. Die einen gehen von der grundsätzlichen Sinnhaftigkeit des marktwirtschaftlichen Systems aus, das den materiellen Wohlstand erhöht und damit auch die Demokratie sozial absichert. Vorgeschlagen werden jedoch stärkere Regulative wie globale soziale und ökologische Standards, demokratisierte globale Institutionen, Begrenzungen der Finanzmärkte sowie globale Umverteilungsmechanismen. Globale CO2-Steuern, globale Finanztranskations- oder auch globale Konsumsteuern sollen eine Art „Weltsozialpolitik“ ermöglichen, die das gegenwärtige Prinzip der Entwicklungshilfe bzw. der Verschuldungsdynamik durchbrechen. Als Vorbild gilt etwa das Modell einer ökosozialen Marktwirtschaft, die in der EU und dann auch weltweit umgesetzt werden soll. Die Global-Marshall-Plan-Initiative verfolgt diesen Ansatz.

Ein zweiter Strang an Ansätzen geht davon aus, dass das gegenwärtige Marktsystem die geforderte Ressourcenreduktion nicht schafft, da Effizienzgewinne immer durch Mengeneffekte aufgesogen würden. Und zudem würden das gegenwärtige Konsummodell sowie das hochgradig arbeitsteilige Produktionssystem auch entfremdend wirken. Vorgeschlagen werden grundsätzlichere Umsteuerungen. Die Ansätze reichen von einem neuen Wachstumsverständnis (etwa der Initiative „Wachstum im Wandel“ des Österreichischen Lebensministeriums) oder gar Modelle der Schrumpfung (etwa die internationale „Decroissance“-Bewegung) über ganzheitlichere Ansätze von Arbeit, die neben Erwerbsarbeit etwa Versorgungs- und Eigenarbeit sowie kulturelles und zivilgesellschaftliches Engagement aufgewertet sehen wollen, bis hin zu Neuansätzen eines anderen Wirtschaftens, (wie etwa das Modell „Gemeinwohlökonomie“ des Wirtschaftsexperten Christian Felber).

Manche heben auch das Zur-Neige-Gehen der fossilen Rohstoffe als limitierenden Faktor hervor. Der Ökologe Wolfgang Sachs spricht von einer „Solarspargesellschaft“ und „ressourcenleichten Lebensstilen“. Der in Deutschland lebende indische Ökonom Saral Sakar geht davon aus, dass dem „Petrokapitalismus“ und dem „Petrosozialismus“ (a la Venezuela) eine andere, wieder bescheidenere Zivilisation folgen werde. Und die indische Ökologin Vandana Shiva spricht von „Leben nach dem Öl“ in einer „Erddemokratie“, in der die Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken, Mobilität und Arbeit wieder in lokale Ökosysteme eingebettet werden. Grundsätzlich geht es um ein gutes Leben mit bedeutend weniger Ressourcenverbrauch.

Vom Wollen, Können und Müssen

Unter welchen Bedingungen verändern sich nun Men­schen bzw. Kollektive? Die einfachste Antwort lautet: Wenn sie Veränderungsdruck bzw. -bedarf verspüren. Doch die Wirklichkeit ist komplexer. In der Umweltpsychologie gibt es ein fünfstufiges Modell für Verhaltensänderung. Wichtig ist zunächst Wissen, d.h. informiert zu sein über die Folgen des eigenen Handelns sowie über alternative Handlungsmöglichkeiten. Wissen allein führt aber noch lange nicht zum anderen – in unserem Falle – nachhaltig(er)en Verhalten. Eine wesentliche Rolle spielt zweitens das Sollen, also die Werte, die in einer Gesellschaft dominieren: Gebote, Normen, Ideale, Zukunftsbilder. Als dritte Stufe gilt das Wollen als intrinsische Motivation. Man könnte auch sagen: das verinner­lichte Wertesystem. Ich tue etwas nicht, weil andere bzw. die Gesellschaft oder Gemeinschaft dies verlangt, sondern weil es mir selbst wichtig ist. Als vierte Bedingung für Verhaltensänderung gilt das Können – und zwar im doppelten Sinne: als Fähigkeit bzw. Kompetenz, sich alternativ  zu verhalten, aber auch im Sinne von Rahmenbedingungen, die das gewünschte Verhalten ermöglichen (physisches Angebot) bzw. fördern (ökonomischer oder anderer Anreiz). Wissen, Sollen und Wollen haben stark mit Bildung, Kultur und Werte bildenden Instanzen (wie Medien, Schulen, Universitäten) zu tun. Das Können führt ins Feld der Politik, der Gestaltung von Anreizsystemen. Diesem zuzuordnen ist schließlich die fünfte Stufe: das Müssen.

 

Kollektive Begrenzungen

Die Begrenzung der Freiheit des einzelnen über all dort, wo die Freiheitsmöglich­keiten anderer in Gefahr sind, gilt als Grundprinzip von Demokratie. Letztlich wird es auch im Bereich Nachhaltigkeit nur mit kollektiven Begrenzungen gehen, also mit neuen Regeln, die für alle gelten. Das für Gemeingüter geltende „Gefangenendilemma“ sowie das „Trittbrettfahrer-Problem“ erfordern dies. Überdies besteht bei der Freiwilligkeit das Problem der Beliebigkeit: JedeR sucht sich die Nachhaltigkeitsmaßnahme aus, die für ihn/sie die bequemste ist. Am Beispiel des „Marmelade-Mallorca-Phänomens“: zwei Urlauber auf Mallorca beschweren sich beim Frühstück über die in Plastikbehältern servierte Marmelade, weil dies umweltschädigend sei. Sie verkennen dabei aber, dass ihr Flug bedeutend  mehr zur Umweltbelastung beiträgt.

Die Umweltwirkungsforschung besagt, dass die Wirkung unterm Strich höher ist, wenn sich 100 Prozent der Bevölkerung 50 Prozent nachhaltiger verhalten (müs­sen) als wenn sich eine  Minderheit zu 100 Prozent nachhaltig verhält. Es geht eben nicht nur um die individuelle, sondern auch – und sogar vor allem – um die kollek­tive Nachhaltig­keitsbilanz. [Vgl. dazu Michael Bilharz: Keypoints nachhaltigen Konsums: Marburg, 2008.]

 

Freiwilligkeit reicht nicht

Freiwilligkeit allein – sei es im Bereich der BürgerInnen oder der Unternehmen - reicht also nicht. Und doch sind NachhaltigkeitspionierInnen eminent wichtig. Zum einen zeigen sie vor, dass ein alternatives Verhalten möglich ist, zum anderen arbeiten sie an einem kollektiven Bewusstseinswandel bzw. an ethischen Milieus, die neue Regeln erst mehrheitsfähig machen. Die Frage, ob die bessere Gesellschaft den besseren Menschen macht oder ob es umgekehrt ist, lässt sich also so nicht beantworten. Es handelt sich vielmehr um eine Wechselwirkung: Vorbilder, PionierInnen, ökologische Avantgarden schaffen das Milieu für Veränderungen. Aus diesem Grund ist es eben so eminent wichtig, nicht nur selbst nachhaltiger zu leben, sondern sich auch politisch dafür einzu­setzen, dass Nachhaltigkeitsregeln für alle verbindlich werden. Nachhaltigkeits­bildung hat somit sehr viel mit Politischer Bildung zu tun. Und mit Wertebildung.

Nun ist es mittlerweile ein Allgemeinplatz, dass Kirchen, Schulen oder Intellektuelle als Werte bildende Instanzen gegenüber den omnipräsenten, massenmedialen Unterhaltungsangeboten sowie den Werbebotschaften der PR-Agenturen ins Hintertreffen gelangt sind, um nicht zusagen, diesen das Feld geräumt haben. Wir leben in der „Ära der pointilistischen Zeit“ (Zygmunt Baumann), in der Schlagzeilen das öffentliche Nachdenken verdrängt haben. Der Diskurs über Wertesysteme sowie das Wahrnehmen von Widersprüchen – etwa wenn auf der Umweltseite der Zeitung vom Klimawandel und im Sportteil vom letzten Formel 1-Rennen berichtet wird – sind daher ein zentrales Aufgabenfeld im Hinblick auf eine Politik sowie ein Recht der Nachhaltigkeit.

Ein wichtiger Aspekt liegt weiters in der Reduzierung von Komplexität, in der Herstellung von Überschaubarkeit sowie in der Erfahrung von Wirkmächtigkeit. Aus diesem Grund werden starke Hoffnungen in dezentrale Ansätze gelegt. Vorgeschlagen wird eine De-Globalisierung, eine Re-Regionalisierung, die Partizipation in Bottom-up-Prozessen. Der Zukunftsforscher Ervin Laszlo spricht von einem „kollektiven Stress“, dem Gesellschaften in Bedrohungssituationen ausgesetzt sind. Dieser könne im schlimmsten Fall eine Art „Paralyse“ hervorrufen – oder im positiven eine Kreativität, in dem die Menschen sich fragen: „Was ist zu tun? Was kann ich tun? Kann ich etwas dazu beitragen?“ Laszlo hofft auf eine Entscheidungsstruktur der „Heterarchie“, in der Entscheidungen (wieder) mehr von unten getroffen würden, „in den Nachbarschaften, den Dörfern und Städten, den Regionen“.

Wünschbare Zukünfte und die Kraft von Utopien

„Utopien bedeuten nicht, dass wir etwas anderes machen, sondern dass wir es anders machen.“ Damit bringt der Journalist xy auf den Punkt, was mit der notwendigen Transformation gemeint sein kann. Wir werden auch in Zukunft arbeiten, uns ernähren, in Gruppen zusammenleben, uns dem Spiel und der Muße hingeben. Nur wir werden es anders tun. Der von der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen  verfolgte Ansatz ist demnach der kreativen Zukunftsforschung zuzuordnen. „Nur wer die Zukunft im Voraus erfindet, kann hoffen sie wirksam zu beeinflussen“, so Robert Jungk, der Begründer der Methode „Zukunftswerkstatt“. Es geht dabei nicht darum, wie wir in Zukunft arbeiten werden (müssen), sondern wie wir arbeiten wollen; nicht darum, in welchen Städten wir leben werden, sondern in welchen wir leben wollen; und nicht darum, wie wir unser Konsumverhalten ausrichten sollen, um die Wirtschaft anzukurbeln, sondern was wir für ein gutes Leben brauchen. Das eigene Wünschen wieder zuzulassen, die Fähigkeit, zu erkennen, was wir wirklich wollen, wird dem Sich-Fügen in Sachzwänge vorgezogen. Nicht der große alternative Gesellschaftsentwurf, sondern die vielen kleinen alternativen Experimente regionaler Wirtschaftsbeziehungen, neuer Wohnformen oder Bildungsansätze machen demnach die Veränderung aus. Der in Mexiko lehrende Politikwissenschaftler John Hollaway spricht von „Embryonen einer neuen Welt“.

Diese Initiativen haben den Vorteil, dass sie von den Menschen selbst umgesetzt werden können. Sie sind ortsgebunden und auf Gemeinschaft basierend und weisen doch über die allein individualistische Verhaltensänderung, wie sie etwa der ethische Konsum propagiert, hinaus. [Vgl. dazu Hans Holzinger: Zur Ambivalenz der KonsumentInnendemokratie. In: Kontraste. Informationsdienst für Sozialpolitik. Linz, Oktober 2010, sowie Christian Felber: Kooperation oder Konkurrenz. Wien 2009, Kathrin Hartmann: Das Ende der Märchenstunde. Wie die Wirtschaft die LOHAS vereinnahmt. München 2010]

Zweifel an der Wirksamkeit von Aufhörappellen

Martin Heinrich fordert (in diesem Heft) das In-Übereinstimmung-Bringen von Wollen und Können als Voraussetzung für das Gelingen von Bildung für nachhaltige Entwicklung. Wenn den Menschen / Jugendlichen keine wirklichen Handlungsmöglichkeiten eröffnet werden, macht es keinen Sinn, sie mit Problemen zu überhäufen. Die Erziehungswissenschaftlerin Marianne Gronemeyer argumentiert in ähnlicher Weise, wenn sie von den vielen kleinen „persönlichen Schluss-damit-Projekten“ spricht. Die eine höre mit dem Fleischessen auf, der andere steige aufs Fahrrad um. Im Grunde wüssten wir jedoch, dass diese „kleinen Triumphe über den inneren Schweinehund“ letztlich Ausflüchte seien, die „ein bisschen richtiges Leben im falschen ermöglichen“ sollen. Der großen ökologischen Herausforderung, der radikalen Begrenzung des Ressourcenverbrauchs, stellen wir uns so nicht, meint Gronemeyer. Doch sie betrachtet auch die Aufhörappelle der Kritiker des Weiter-So mit Vorsicht: „Sie dienen mir eine Verantwortung an, die ich nicht tragen kann, weil das, was ich verantworten soll, überhaupt nicht in meiner Verfügungsgewalt ist.“ In diesem Dilemma sieht die Autorin den Grund dafür, dass „Einsicht und Tun weit auseinanderdriften, dass also die Einsicht über das Handeln keine wirkliche Macht hat.“ Die Sorge sei daher kein hilfreiches Motiv für Veränderung. Doch was ist es dann? Gronemeyer nennt die einfache Erkenntnis, „weil genug genug ist“, dann „entwirren sich die Dinge auf erstaunliche Weise. Das Aufhören hört auf, zu etwas gut sein zu müssen.“ [Alle Zitate: Marianne Gronemeyer: Genug ist genug. Die Kunst des Aufhörens. Darmstadt, 2008.]

Gegen-Erfahrungen ermöglichen

„Weil genug genug ist!“  - reicht diese in der Tat einfache Erkenntnis? Ich denke nein. Es mag für viele Menschen zutreffen, dass das Spüren dieses „Genug“ bereits verschüttet ist. So wie man von der Sucht nicht allein über den Kopf wegkommt, braucht es auch hier die Gegenerfahrung, das Erleben von Alternativen zum Konsum. Es geht bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen um die Erfahrung von Gemeinschaft, von Kooperation, von sinnvollem Tun. Und im Handeln das Erfahren von politischem Einfluss. Gemeinschaftliche Projekte einer anderen gelebten Praxis bieten beides. Sie wären dann wohl die beste Form von Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Resümee: Wir leben in einer Zeit des Übergangs, doch noch ist nicht ausgemacht, des Übergangs wohin. Die vielen kleinen Experimente einer anderen gelebten Praxis des Wirtschaftens, Arbeitens oder Wohnens, in denen geringer Ressourcenverbrauch gekoppelt ist mit reicher Erfahrung an gemeinsamem Tun, könnten den Weg weisen.

Mag. Hans Holzinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Robert-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg, Lektor an der Universität Klagenfurt  und Verfasser der Zukunftsdossiers „Wirtschaften jenseits von Wachstum?“ sowie „Zur Zukunft der Arbeit“ (erstellt für das Projekt „Wachstum im Wandel“). www.jungk-bibliothek.at

Rückmeldungen: h.holzinger@salzburg.at oder Tel. 0662.873206

 

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