JBZ-Zukunftskommentar

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur Kraft von Utopien

Oder: Wer Visionen hat braucht keinen Arzt, sondern Verbündete.

Von HANS HOLZINGER, Mitarbeiter der Robert-Jungk-Stiftung

 

Erschienen in Drehpunkt Kultur sowie in Kontraste 2011/2

 

 

Krisenrhetorik ersetzt Handeln

Seit vielen Jahren begleitet uns eine Krisenrhetorik, ohne dass es zu einschneidenden Veränderungen gekommen wäre. Wir haben uns daran gewöhnt, dass täglich Zigtausende Menschen an den Folgen von Hunger sterben, obwohl der Planet – wie die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen belegt – auch eine Weltbevölkerung von 9 Milliarden Menschen ernähren könnte. Derzeit sind es knapp 7 Milliarden. Die Ausbeutung von Arbeitern und Arbeiterinnen zur Herstellung billiger Konsumgüter haben wir mit den Fabriken „ausgelagert“ – ebenso die ökologischen Verwüstungen. Bei uns haben Seen wieder Trinkwasserqualität, auch die Luft lässt sich wieder atmen. Dort wo jetzt die Fabriken stehen, sieht es anders aus. Am Ende schicken wir den Müll wieder zurück in die armen Länder. Und selbst die Verknappung der Ressourcen sowie den Klimawandel spüren wir trotz des vielen aufgeregten Redens darüber (siehe Cancún) zumindest bislang nicht wirklich! Die Regale unserer Supermärkte und Shopping-Malls sind voll wie noch nie. Wir fahren Vollgas weiter mit unseren Autos, als hätte es nie Benzinpreiserhöhungen oder Meldungen über den menschenverursachten Klimawandel gegeben. Fluggesellschaften überbieten sich mit Billigstangeboten. Treibhauseffekt hin oder her! Der Kurzfrist-Hedonismus obsiegt im Regelfall über das Prinzip der Langfrist-Verantwortung.

In Geiselhaft jenes Systems, dem wir den Wohlstand verdanken

Eigentlich waren es zwei Ereignisse, die uns tatsächlich betroffen gemacht haben. Der Schock der äußeren Verwundbarkeit durch die Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001, die die hochgerüstetste Nation der Welt sehr wehrlos erscheinen ließen. Stockholm hat soeben daran erinnert. Und dann die Finanzkrise, die mit dem Trudeln großer Banken im Herbst 2008 die reichen Länder der Erde erfasst hat. Die Finanzkrise, die zuvor bereits Staaten in Lateinamerika, Asien oder Russland zu spüren bekommen hatten, war plötzlich mitten unter uns. Ein Schock der inneren Verwundbarkeit eines angeblich so effizienten und erfolgreichen Systems. Ein Schock, der die Nicht-Steuerbarkeit des globalen Spekulationskarusells, zu dem der Finanzmarkt verkommen war, mit einem Schlag bewusst machte. Dass die Staaten mit Riesenkrediten die Banken retten mussten, schafft uns nicht nur große Folgeprobleme in der Zukunft, sondern hat auch das Vertrauen in die Wirtschaftsordnung erschüttert. Wir fühlen uns in Geiselhaft eines Systems, dem wir offensichtlich unser Leben – oder sagen wir, unseren materiellen Wohlstand – verdanken.

Weltsozialpolitik und Neuanfänge von unten

Politik muss sich den alltäglichen Herausforderungen vor Ort stellen: Gesundheitsreform, Bildungsreform, Verwaltungsreform – all das ist wichtig. Darüber hinaus geht es jedoch um Grundsätzlicheres: Wie können wir das Wirtschaftssystem krisenfester machen? Wie kommen wir zu dem, was Lebensqualität ausmacht? Und auch: Wie schaffen wir das tatsächlich gröbste Schandmal der Welt – den Hunger von Zigtausenden –  ab?

Zwei Stränge von Antworten sind zu sehen: Wir brauchen so etwas wie Weltinnenpolitik und Weltsozialpolitik – globale soziale und ökologische Mindeststandards, demokratisierte globale Wirtschaftsorganisationen, globale Umverteilungsmechanismen, die weit über das derzeitige Entwicklungshilfesystem hinausgehen, etwa über globale CO2- und Finanztransaktionssteuern. Das ist schwierig, aber notwendig. Wie es gehen könnte, zeigt etwa die Global Marshall Plan-Initiative.

Und wir brauchen zweitens viele Initiativen und Neuanfänge von unten: von einer völlig neuen Art, unsere Häuser zu bauen - Gebäude müssen in Zukunft zu Energiekraftwerken werden - und völlig neuen Mobilitätssystemen, die dem postfossilen Zeitalter standhalten, über eine Anpassung der Sozialsysteme an die sich wandelnden Lebensverhältnisse – etwa neue Arbeitszeitmodelle, die dem veränderten Geschlechterverhältnis ebenso Rechnung tragen wie den demografischen Verschiebungen – bis hin zu neuen kooperativen Wirtschaftsmodellen, die Lebensqualität umfassender definieren. Stichworte wären die Abkehr vom Wachstumszwang, die Etablierung neuer Indikatoren für wirtschaftlichen Erfolg (neben dem BIP sollten der ökologische Fußabdruck sowie die Verteilung des Wohlstands gemessen werden), die Wiederbelebung regionaler Wirtschaftsstrukturen, die Orientierung an Grundbedürfnissen wie Nahrung, schönes Wohnen für alle, Gemeinschaftserleben. Dazu eine Besinnung auf das Gemeinwohl:  hohe Qualität öffentlicher Güter wie Bildung, Kinderbetreuung, seriöse Information durch öffentliche Medien statt Entertainment und immer noch mehr privatem Konsum.

Neue Mitmachgesellschaft – Kultur des Teilens

Es gab Warnungen vor den Instabilitäten des internationalen Finanzsystems, doch niemand wollte sie hören. Wir tun gut daran, neue Warnungen – etwa vor der Erosion der Demokratie, dem Verlust des sozialen Zusammenhalts, der Abwertung alles Öffentlichen – ernst zu nehmen. Sinnvolle Arbeit für die junge Generation – auch für jene, die in der permanenten Leistungsschraube nicht mithalten können, Rahmenbedingungen, die Familie und Beruf für beide Geschlechter gut lebbar machen, Zupacken aller Generationen für das Gemeinwohl hin zu einem neuen „Wir“, von dem der Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski spricht – das wären Zukunftsperspektiven für ein „neues Österreich“.

Wir brauchen ethische Milieus, in denen es als unanständig gilt, sein Geld für sich arbeiten zu lassen und dabei immer mehr Reichtum anzuhäufen. Wir brauchen intakte soziale Sicherungssysteme bei gleichzeitiger Aktivierung der BürgerInnen in einer „Mitmach-Gesellschaft“ sowie neue Balancen zwischen Erwerbs-, Sorge- und öffentlicher Arbeit. Wir brauchen schließlich eine Belebung der Demokratie durch Partizipationsmodelle und neue Versammlungskulturen einschließlich einer neuen Ortsbindung statt Vereinzelung und permanentem Unterwegssein. Und wir sind gut beraten, Komplexität zu reduzieren, Leben und Arbeiten zu entschleunigen und uns auf eine bewusste, einfache Lebensführung zu besinnen.

Dabei können wir auf einen  – trotz Wirtschaftskrise – historisch einmaligen materiellen Wohlstand zurückgreifen. Es braucht nur den Mut der Politik zu einem „neuen Teilen“. Wir verfügen über Reichtumspuffer und können dabei aus der „Fülle“ schöpfen! Wer Visionen hat, braucht keinen Arzt sondern Verbündete, die diese mit ihm teilen. Die Kraft von Utopien liegt in ihrem Veränderungspotenzial für eine humane Zukunft, die sich nicht auf Sachzwänge einengen lässt. Es liegt an uns, unser Zusammenleben zu gestalten.

Regional organisierte und sozial vernetzte Bedarfswirtschaft

Niemand kann sagen wie die Zukunft wird. Doch sind Vorstellungen darüber möglich, wie sie werden könnte. Und wir können – und sollen – uns fragen, welche Zukunft wir wollen. Wirtschaft und Gesellschaft erscheinen hyperaktiv, und doch sind wir wie gelähmt, im „rasenden Stillstand“ befangen. Es gibt immer weniger Vitalität, vielmehr dominiert das Ausgebrannt-Sein. Unsere Sehnsüchte verlieren sich in den Einkaufshäusern, die Phantasie wird von bunten Fernsehbildern abgetötet; die Schaffenskraft in den Fitnessstudien vergeudet.

In der Tat leben wir in einer utopiefernen Zeit. Die Kraft des Wünschens ist verschüttet. Sachzwänge bestimmen das Denken und Handeln. Soziale und ökologische Defensivkosten führen zu „unwirtschaftlichem Wachstum“ – es steigen lediglich die Ausgaben zur Behebung von „Zivilisationsschäden“. Nachhaltiges Wachstum hingegen führt zu mehr Lebensqualität – nicht mehr die Billigstprodukte nach dem Motto „Geiz ist geil“ sondern Güter von Dauer bestimmen die Warensortimente. Es wachsen immaterielle „Güter“ wie frei verfügbare Zeit, Aufmerksamkeit, soziales Miteinander, Kooperation. Bürger, Staat und Unternehmen verständigen sich auf eine Bedarfswirtschaft, die regional organisiert und sozial vernetzt ist.

Mag. Hans Holzinger ist Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg, Mitherausgeber der Zeitschrift „Pro Zukunft“, Lehrbeauftragter an der Universität Klagenfurt, Mitglied des Entwicklungspolitischen Beirats des Landes Salzburg. Rückmeldungen an h.holzinger@salzburg.at

 

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