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JBZ-Zukunftskommentar |
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Krisenrhetorik ersetzt Handeln Seit vielen Jahren begleitet uns
eine Krisenrhetorik, ohne dass es zu einschneidenden Veränderungen gekommen
wäre. Wir haben uns daran gewöhnt, dass täglich Zigtausende Menschen an den
Folgen von Hunger sterben, obwohl der Planet – wie die
Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen belegt – auch eine
Weltbevölkerung von 9 Milliarden Menschen ernähren könnte. Derzeit sind es
knapp 7 Milliarden. Die Ausbeutung von Arbeitern und Arbeiterinnen zur
Herstellung billiger Konsumgüter haben wir mit den Fabriken „ausgelagert“ –
ebenso die ökologischen Verwüstungen. Bei uns haben Seen wieder
Trinkwasserqualität, auch die Luft lässt sich wieder atmen. Dort wo jetzt die
Fabriken stehen, sieht es anders aus. Am Ende schicken wir den Müll wieder
zurück in die armen Länder. Und selbst die Verknappung der Ressourcen sowie
den Klimawandel spüren wir trotz des vielen aufgeregten Redens darüber (siehe
Cancún) zumindest bislang nicht wirklich! Die Regale unserer Supermärkte und
Shopping-Malls sind voll wie noch nie. Wir fahren Vollgas weiter mit unseren
Autos, als hätte es nie Benzinpreiserhöhungen oder Meldungen über den
menschenverursachten Klimawandel gegeben. Fluggesellschaften überbieten sich
mit Billigstangeboten. Treibhauseffekt hin oder her! Der Kurzfrist-Hedonismus
obsiegt im Regelfall über das Prinzip der Langfrist-Verantwortung. In Geiselhaft jenes Systems, dem wir den Wohlstand
verdanken Eigentlich waren es zwei
Ereignisse, die uns tatsächlich betroffen gemacht haben. Der Schock der
äußeren Verwundbarkeit durch die Anschläge auf das World Trade Center am 11.
September 2001, die die hochgerüstetste Nation der Welt sehr wehrlos
erscheinen ließen. Stockholm hat soeben daran erinnert. Und dann die
Finanzkrise, die mit dem Trudeln großer Banken im Herbst 2008 die reichen
Länder der Erde erfasst hat. Die Finanzkrise, die zuvor bereits Staaten in
Lateinamerika, Asien oder Russland zu spüren bekommen hatten, war plötzlich
mitten unter uns. Ein Schock der inneren Verwundbarkeit eines angeblich so
effizienten und erfolgreichen Systems. Ein Schock, der die
Nicht-Steuerbarkeit des globalen Spekulationskarusells, zu dem der
Finanzmarkt verkommen war, mit einem Schlag bewusst machte. Dass die Staaten
mit Riesenkrediten die Banken retten mussten, schafft uns nicht nur große
Folgeprobleme in der Zukunft, sondern hat auch das Vertrauen in die
Wirtschaftsordnung erschüttert. Wir fühlen uns in Geiselhaft eines Systems,
dem wir offensichtlich unser Leben – oder sagen wir, unseren materiellen Wohlstand
– verdanken. Weltsozialpolitik und Neuanfänge von unten Politik muss sich den
alltäglichen Herausforderungen vor Ort stellen: Gesundheitsreform,
Bildungsreform, Verwaltungsreform – all das ist wichtig. Darüber hinaus geht
es jedoch um Grundsätzlicheres: Wie können wir das Wirtschaftssystem
krisenfester machen? Wie kommen wir zu dem, was Lebensqualität ausmacht? Und
auch: Wie schaffen wir das tatsächlich gröbste Schandmal der Welt – den
Hunger von Zigtausenden – ab? Zwei Stränge von Antworten sind zu
sehen: Wir brauchen so etwas wie Weltinnenpolitik und Weltsozialpolitik –
globale soziale und ökologische Mindeststandards, demokratisierte globale
Wirtschaftsorganisationen, globale Umverteilungsmechanismen, die weit über
das derzeitige Entwicklungshilfesystem hinausgehen, etwa über globale CO2-
und Finanztransaktionssteuern. Das ist schwierig, aber notwendig. Wie es
gehen könnte, zeigt etwa die Global Marshall Plan-Initiative. Und wir brauchen zweitens viele
Initiativen und Neuanfänge von unten: von einer völlig neuen Art, unsere
Häuser zu bauen - Gebäude müssen in Zukunft zu Energiekraftwerken werden -
und völlig neuen Mobilitätssystemen, die dem postfossilen Zeitalter
standhalten, über eine Anpassung der Sozialsysteme an die sich wandelnden
Lebensverhältnisse – etwa neue Arbeitszeitmodelle, die dem veränderten
Geschlechterverhältnis ebenso Rechnung tragen wie den demografischen
Verschiebungen – bis hin zu neuen kooperativen Wirtschaftsmodellen, die
Lebensqualität umfassender definieren. Stichworte wären die Abkehr vom
Wachstumszwang, die Etablierung neuer Indikatoren für wirtschaftlichen Erfolg
(neben dem BIP sollten der ökologische Fußabdruck sowie die Verteilung des
Wohlstands gemessen werden), die Wiederbelebung regionaler
Wirtschaftsstrukturen, die Orientierung an Grundbedürfnissen wie Nahrung,
schönes Wohnen für alle, Gemeinschaftserleben. Dazu eine Besinnung auf das
Gemeinwohl: hohe Qualität öffentlicher
Güter wie Bildung, Kinderbetreuung, seriöse Information durch öffentliche
Medien statt Entertainment und immer noch mehr privatem Konsum. Neue Mitmachgesellschaft – Kultur des Teilens Es gab Warnungen vor den
Instabilitäten des internationalen Finanzsystems, doch niemand wollte sie
hören. Wir tun gut daran, neue Warnungen – etwa vor der Erosion der
Demokratie, dem Verlust des sozialen Zusammenhalts, der Abwertung alles
Öffentlichen – ernst zu nehmen. Sinnvolle Arbeit für die junge Generation –
auch für jene, die in der permanenten Leistungsschraube nicht mithalten
können, Rahmenbedingungen, die Familie und Beruf für beide Geschlechter gut
lebbar machen, Zupacken aller Generationen für das Gemeinwohl hin zu einem
neuen „Wir“, von dem der Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski spricht – das
wären Zukunftsperspektiven für ein „neues Österreich“. Wir brauchen ethische Milieus, in
denen es als unanständig gilt, sein Geld für sich arbeiten zu lassen und
dabei immer mehr Reichtum anzuhäufen. Wir brauchen intakte soziale
Sicherungssysteme bei gleichzeitiger Aktivierung der BürgerInnen in einer
„Mitmach-Gesellschaft“ sowie neue Balancen zwischen Erwerbs-, Sorge- und
öffentlicher Arbeit. Wir brauchen schließlich eine Belebung der Demokratie
durch Partizipationsmodelle und neue Versammlungskulturen einschließlich
einer neuen Ortsbindung statt Vereinzelung und permanentem Unterwegssein. Und
wir sind gut beraten, Komplexität zu reduzieren, Leben und Arbeiten zu
entschleunigen und uns auf eine bewusste, einfache Lebensführung zu besinnen. Dabei können wir auf einen – trotz Wirtschaftskrise – historisch
einmaligen materiellen Wohlstand zurückgreifen. Es braucht nur den Mut der
Politik zu einem „neuen Teilen“. Wir verfügen über Reichtumspuffer und können
dabei aus der „Fülle“ schöpfen! Wer Visionen hat, braucht keinen Arzt sondern
Verbündete, die diese mit ihm teilen. Die Kraft von Utopien liegt in ihrem
Veränderungspotenzial für eine humane Zukunft, die sich nicht auf Sachzwänge
einengen lässt. Es liegt an uns, unser Zusammenleben zu gestalten. Regional organisierte und sozial vernetzte Bedarfswirtschaft
Niemand kann sagen wie die
Zukunft wird. Doch sind Vorstellungen darüber möglich, wie sie werden könnte.
Und wir können – und sollen – uns fragen, welche Zukunft wir wollen. Wirtschaft und Gesellschaft
erscheinen hyperaktiv, und doch sind wir wie gelähmt, im „rasenden Stillstand“
befangen. Es gibt immer weniger Vitalität, vielmehr dominiert das
Ausgebrannt-Sein. Unsere Sehnsüchte verlieren sich in den Einkaufshäusern,
die Phantasie wird von bunten Fernsehbildern abgetötet; die Schaffenskraft in
den Fitnessstudien vergeudet. In der Tat leben wir in einer
utopiefernen Zeit. Die Kraft des Wünschens ist verschüttet. Sachzwänge
bestimmen das Denken und Handeln. Soziale und ökologische Defensivkosten
führen zu „unwirtschaftlichem Wachstum“ – es steigen lediglich die Ausgaben zur
Behebung von „Zivilisationsschäden“. Nachhaltiges Wachstum hingegen führt zu
mehr Lebensqualität – nicht mehr die Billigstprodukte nach dem Motto „Geiz
ist geil“ sondern Güter von Dauer bestimmen die Warensortimente. Es wachsen
immaterielle „Güter“ wie frei verfügbare Zeit, Aufmerksamkeit, soziales
Miteinander, Kooperation. Bürger, Staat und Unternehmen verständigen sich auf
eine Bedarfswirtschaft, die regional organisiert und sozial vernetzt ist. Mag. Hans Holzinger ist Mitarbeiter der
Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg, Mitherausgeber der
Zeitschrift „Pro Zukunft“, Lehrbeauftragter an der Universität Klagenfurt,
Mitglied des Entwicklungspolitischen Beirats des Landes Salzburg.
Rückmeldungen an h.holzinger@salzburg.at
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