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Frances Moore Lapp, author Hope's Edge

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Lebendige Demokratie

Am 20. Mai 2009 war die Alternativnobelpreisträgerin Francis Moore Lappé zu Gast in der JBZ. Sie stellte ihr neues Buch „Packen wir´s an. Lebendige Demokratie als Werkzeug für unsere Zukunft“, erschienen im Kamphausen-Verlag, zur Diskussion.

Hier ein Bericht von Hans Holzinger

 

„Es ist nicht möglich zu wissen, was alles möglich ist, darum sind wir frei.“ (Francis Moore Lappé)

 

 

Von der „Spirale der Entmächtigung“ …

„Ob Hunger, Umweltzerstörung oder die Finanzkrise - die Probleme seien bekannt und auch die Wege zu ihrer Überwindung, doch warum geschieht so wenig?“, diese Frage stellt Francis Moore Lappé in ihrem Buch über „Lebendige Demokratie“. Sie stand auch am Beginn ihres Vortrags in der JBZ. Lappé sprach darin von einer „Spirale der Entmächtigung“, die unsere Demokratie ausgehöhlt und flach gemacht habe.  Dies hänge eng zusammen mit dem verbreiteten „Prinzip des Mangels“, das heißt der Vorstellung, wir hätten nie genug, „Energie, Lebensmittelmittel, Arbeit oder Parkplätze – alles wird als knapp dargestellt“. Das Bild des Mangels werde verschärft vom „Prinzip der Konzentration des Reichtums“, den unser Wirtschaftssystem erzeuge. Immer mehr Vermögen und auch politische Macht konzentriert sich auf immer weniger Personen. Statt sich dagegen zu wehren, würden die meisten Menschen dem von  Wirtschaftsideologen und der Werbung erzeugten reduziertem Bild vom Menschen als selbstsüchtigem, materialistischen, wettbewerbsorientiertem Wesen folgen, was uns noch mehr vereinzele und unfähig mache „gemeinsame Gutes hervorzubringen“, so Lappé. So trauten wir nur mehr „Experten“ oder der „Magie des Marktes“, was jedoch die Probleme nicht löse. Die Wirtschaft könne uns in diesem System immer mehr erpressen: „Wir haben zwar keine Stimme, aber hoffentlich einen Job.“ Die Konzentration der Macht führe zur Aufteilung in Opfer und Täter und die Anonymität und Vereinzelung verleite dazu, die Schuld immer bei den anderen zu suchen: Beides schlechte Voraussetzungen für Demokratie.

… zur „Spirale der Ermächtigung“

Doch in vielen Gemeinden, Städten, Initiativen und Gemeinschaften würden immer mehr Menschen aus dieser Negativspirale ausscheren, um das Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Die „Spirale der Ermächtigung“ beginne, so Lappé, bei der Erkenntnis, dass in der menschlichen Natur „tiefe Bedürfnisse nach Fairness, Kooperation und Sinnerfüllung“ vorhanden seien, was neue Ergebnisse der Neurobiologie bestätigten. „Mit anderen zusammen zu arbeiten, löst dieselben Gefühle aus wie Schokoladeessen.“ Dieses Gefühl gemeinsam mächtig zu sein, ermögliche dann eine Demokratie, die der Wirtschaft Grenzen setzt, Wohlstand gerecht verteilt und Märkte ermöglicht, die dem „Leben dienen“.

Das Leben als gestaltbar zu erfahren und die Zukunft als offen zu begreifen, sei wichtig: „Es ist nicht möglich zu wissen, was alles möglich ist, darum sind wir frei“, so die Vortragende. Dem Leitsatz der Aufklärung von Rene Descartes „Ich denke daher bin ich“, ergänzte bzw. erweiterte Lappé um den Leitsatz „Ich bin, weil ich tätig bin.“ Die Reduzierung des Menschen auf ein abhängiges Konsumwesen zu überwinden und sich selbst aktiv in die Gesellschaft einzubringen anstatt ohnmächtig auf die angeblich Mächtigen zu starren, ist für die Leiterin des „Small Planet Institute“ damit der Kern lebendiger Demokratie. Die Vielzahl der global wachsenden Initiativen für fairen Handel, eine naturangepasste Landwirtschaft, lokale Wirtschaften oder lebendige urbane Nachbarschaften sind für sie der Beleg dieser neuen Kraft, die im Entstehen ist.

In ihrem Buch beschreibt Lappé solche Initiativen aus den USA und darüber hinaus. Diese reichen von sozialer Selbstorganisation im Sinne des Kommunitarismus bis hin zu politischem Engagement für mehr Verteilungsgerechtigkeit. Der deutschen Ausgabe des Buches sind ausgewählte Beispiele aus der Bundesrepublik hinzugefügt – von kritischen AktionärInnen über Organisationen fairen Handels bis hin Initiativen für mehr Transparenz in der Demokratie wie der Gruppe „Abgeordnetenwatch“, die via Internet Profile von Abgeordneten erstellt und Dialoge mit BürgerInnen ermöglicht. Dass Jürgen Streich, Lektor der deutschen Ausgabe, auch das Netzwerk der Zukunftswerkstätten zu den Baukästen für Lebendige Demokratie mitaufgenommen hat, freut uns natürlich.

So bleibt uns zu danken: Francis Moore Lappé für ihren fröhlichen und erfrischenden Vortrag, dem Kamphausen-Verlag für die Kooperation sowie Annegret Torspecken, die Lappé auf der Vortragstournee begleitete, für die Übersetzung der Ausführungen ins Deutsche.

 

Frances M. Lappé, (*1944) ist Mitbegründerin einer Reihe Organisationen, die sich sozialen und ökologischen Fragen widmen. Sie ist Autorin von zwölf Büchern, wie dem Bestseller "Diet for a Small Planet". 1987 wurde ihr der alternative Friedensnobelpreis verliehen.
www.smallplanetinstitute.org

 

Mehr zum Buch

 

Moore Lappè, Frances : Packen wir’s an! Klarheit, Kreativität und Mut in einer verrückt gewordenen Welt. Bielefeld: J. Kamphausen, 2009. 282 S., 18,- [A],  ISBN 978-3-89901-178-4

Frances Moore Lappé hat gemeinsam mit der Tochter Anna im Jahr 2001 das „Small Planet Institute“ (www.smallplanetinstitute.org) ins Leben gerufen hat, um den Nachweis zu erbringen und die Einsicht zu fördern, dass Demokratie mehr bedeutet als „Wahlen und unternehmerischer Kapitalismus“. Wie im Gegensatz zur von ihr kritisierten „Oberflächlichen Demokratie“ eine Gesellschaft aussehen könnte, „in der Menschen sich engagieren, um ihren Werten in öffentlichen Diskussionen Gehör zu verschaffen, hat die für ihren Einsatz um „Ernährungssouveränität“ weltweit bekannt gewordene und 1987 mit einem Alternativen Nobelpreis gewürdigte Aktivistin in diesem soeben auf Deutsch erschienenen Buch eindrucksvoll dargelegt.

Wir müssten, so Francis Morore Lappé, „die Spirale der Machtlosigkeit durchbrechen“ und stattdessen das „Prinzip der (Selbst)Ermächtigung“ zur Grundlage „Lebendiger Demokratie“ machen. Kooperation, Fairness und die Bereitschaft, selbst „Macher“ (nicht „Jammerer“ oder bloß „Zuseher“) zu sein, würden uns befähigen, „die Knappheit, die wir selbst schaffen, und die wir fürchten, zu überwinden“ (S. 71). Demut und Hoffnung seien die besten Voraussetzungen für tiefgreifenden Wandel, denn „wenn wir erkennen, dass es in dieser einzigartigen Zeit unmöglich ist zu sagen, was möglich ist, dann entdecken wir, dass wir frei sind“ (S. 49). „Praktisch bedeutet Lebendige Demokratie, dass die Macht der Stimmen und die Werte der Bürger unser öffentliches Leben durchdringen und die Macht des Geldes aus den politischen Entscheidungen verdrängen.“ Die „Ökologie der Demokratie“, so die Autorin, sei von fünf Qualitäten bestimmt: sie ist 1.) dynamisch und niemals fertig, 2.) von Werten und nicht von Dogmen gelenkt, 3.) zu erlernen, nicht automatisch gegeben, 4.) Macht kreierend, nicht kontrollierend, sowie 5.) umfassend, nicht isoliert. Wie Lebendige Demokratie „sich anfühlt“, das beschreibt die Autorin an zahlreichen Beispielen, etwa der Initiative von Martha McCoy und der Arbeit des von ihr geleiteten „Zentrums für Alltägliche Demokratie“ in Kansas City, an dem heute 1.300 Freiwillige an der Lösung kommunaler Herausforderungen mitwirken. Sie berichtet von BürgerInnen, die ihre Regierungen, aber auch die Wirtschaft zur Umsetzung verpflichtender Standards veranlassen, von Menschen, „die das Gefühl entwickeln, träumen zu können“ und so erhebliche Mittel für gemeinnützige Projekte lukrieren, von der Kraft „lokaler, lebendiger Ökonomien“ (vgl. auch in dieser Ausgabe S. 4ff.) oder von Schulen und Universitäten, an denen Lebendige Demokratie gelehrt und auch praktiziert wird. Begleitet und unterstützt von nicht weniger als vier Revolutionen (der Kommunikation, der Vernetzung, der menschlichen Würde und der Ökologie) sei die Zeit für machtvolle Veränderung als vor allem auch kulturelle Aufgabe gekommen.

Moore Lappé spricht in diesem Zusammenhang auch von einer Wahl, die wir nicht haben: Denn „die Entscheidung vor der wir stehen, ist nicht die, ob wir die Welt verändern wollen, sondern wie wir die Welt verändern wollen“. Konkretere Vorschläge und ermutigendere Beispiele, in welche Richtung wir uns zur Wiederentdeckung der Demokratie aufmachen sollten – die, unterstützt durch das Lektorat von Jürgen Streich, auch um Initiativen und Berichte aus Deutschland ergänzt wurden – sind kaum zu finden.

 

Walter Spielmann, aus: Pro Zukunft 2009/1

 

               

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