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Von der „Spirale der Entmächtigung“
… „Ob Hunger, Umweltzerstörung oder die Finanzkrise - die Probleme
seien bekannt und auch die Wege zu ihrer Überwindung, doch warum geschieht so
wenig?“, diese Frage stellt Francis Moore Lappé in ihrem Buch über „Lebendige
Demokratie“. Sie stand auch am Beginn ihres Vortrags in der JBZ. Lappé sprach
darin von einer „Spirale der Entmächtigung“, die
unsere Demokratie ausgehöhlt und flach gemacht habe. Dies hänge eng zusammen mit dem verbreiteten
„Prinzip des Mangels“, das heißt der Vorstellung, wir hätten nie genug, „Energie,
Lebensmittelmittel, Arbeit oder Parkplätze – alles wird als knapp
dargestellt“. Das Bild des Mangels werde verschärft vom „Prinzip der
Konzentration des Reichtums“, den unser Wirtschaftssystem erzeuge. Immer mehr
Vermögen und auch politische Macht konzentriert sich auf immer weniger Personen.
Statt sich dagegen zu wehren, würden die meisten Menschen dem von Wirtschaftsideologen und der Werbung erzeugten
reduziertem Bild vom Menschen als selbstsüchtigem, materialistischen,
wettbewerbsorientiertem Wesen folgen, was uns noch mehr vereinzele und
unfähig mache „gemeinsame Gutes hervorzubringen“, so Lappé. So trauten wir
nur mehr „Experten“ oder der „Magie des Marktes“, was jedoch die Probleme
nicht löse. Die Wirtschaft könne uns in diesem System immer mehr erpressen:
„Wir haben zwar keine Stimme, aber hoffentlich einen Job.“ Die Konzentration
der Macht führe zur Aufteilung in Opfer und Täter und die Anonymität und
Vereinzelung verleite dazu, die Schuld immer bei den anderen zu suchen:
Beides schlechte Voraussetzungen für Demokratie. … zur „Spirale der Ermächtigung“ Doch in vielen Gemeinden, Städten, Initiativen und
Gemeinschaften würden immer mehr Menschen aus dieser Negativspirale
ausscheren, um das Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Die „Spirale
der Ermächtigung“ beginne, so Lappé, bei der Erkenntnis, dass in der
menschlichen Natur „tiefe Bedürfnisse nach Fairness, Kooperation und
Sinnerfüllung“ vorhanden seien, was neue Ergebnisse der Neurobiologie
bestätigten. „Mit anderen zusammen zu arbeiten, löst dieselben Gefühle aus
wie Schokoladeessen.“ Dieses Gefühl gemeinsam mächtig zu sein, ermögliche
dann eine Demokratie, die der Wirtschaft Grenzen setzt, Wohlstand gerecht
verteilt und Märkte ermöglicht, die dem „Leben dienen“. Das Leben als gestaltbar zu erfahren und die Zukunft als offen
zu begreifen, sei wichtig: „Es ist nicht möglich zu wissen, was alles möglich
ist, darum sind wir frei“, so die Vortragende. Dem Leitsatz der Aufklärung
von Rene Descartes „Ich denke daher bin ich“, ergänzte bzw. erweiterte Lappé
um den Leitsatz „Ich bin, weil ich tätig bin.“ Die Reduzierung des Menschen
auf ein abhängiges Konsumwesen zu überwinden und sich selbst aktiv in die
Gesellschaft einzubringen anstatt ohnmächtig auf die angeblich Mächtigen zu
starren, ist für die Leiterin des „Small Planet Institute“ damit der Kern
lebendiger Demokratie. Die Vielzahl der global wachsenden Initiativen für
fairen Handel, eine naturangepasste Landwirtschaft, lokale Wirtschaften oder
lebendige urbane Nachbarschaften sind für sie der Beleg dieser neuen Kraft,
die im Entstehen ist. In ihrem Buch beschreibt Lappé solche Initiativen aus den USA
und darüber hinaus. Diese reichen von sozialer Selbstorganisation im Sinne
des Kommunitarismus bis hin zu politischem Engagement für mehr
Verteilungsgerechtigkeit. Der deutschen Ausgabe des Buches sind ausgewählte
Beispiele aus der Bundesrepublik hinzugefügt – von kritischen AktionärInnen über Organisationen fairen Handels bis hin Initiativen
für mehr Transparenz in der Demokratie wie der Gruppe „Abgeordnetenwatch“,
die via Internet Profile von Abgeordneten erstellt und Dialoge mit
BürgerInnen ermöglicht. Dass Jürgen Streich, Lektor der deutschen Ausgabe,
auch das Netzwerk der Zukunftswerkstätten zu den Baukästen für Lebendige
Demokratie mitaufgenommen hat, freut uns natürlich. So bleibt uns zu danken: Francis Moore Lappé für ihren
fröhlichen und erfrischenden Vortrag, dem Kamphausen-Verlag für die Kooperation
sowie Annegret Torspecken, die Lappé auf der Vortragstournee begleitete, für
die Übersetzung der Ausführungen ins Deutsche. Frances M. Lappé, (*1944) ist Mitbegründerin einer
Reihe Organisationen, die sich sozialen und ökologischen Fragen widmen. Sie
ist Autorin von zwölf Büchern, wie dem Bestseller "Diet for a Small
Planet". 1987 wurde ihr der alternative Friedensnobelpreis verliehen. Mehr zum Buch
Wir müssten, so Francis Morore
Lappé, „die Spirale der Machtlosigkeit durchbrechen“ und stattdessen das
„Prinzip der (Selbst)Ermächtigung“ zur Grundlage „Lebendiger Demokratie“
machen. Kooperation, Fairness und die Bereitschaft, selbst „Macher“ (nicht
„Jammerer“ oder bloß „Zuseher“) zu sein, würden uns befähigen, „die
Knappheit, die wir selbst schaffen, und die wir fürchten, zu überwinden“ (S.
71). Demut und Hoffnung seien die besten Voraussetzungen für tiefgreifenden
Wandel, denn „wenn wir erkennen, dass es in dieser einzigartigen Zeit
unmöglich ist zu sagen, was möglich ist, dann entdecken wir, dass wir frei
sind“ (S. 49). „Praktisch bedeutet Lebendige Demokratie, dass die Macht der
Stimmen und die Werte der Bürger unser öffentliches Leben durchdringen und
die Macht des Geldes aus den politischen Entscheidungen verdrängen.“ Die
„Ökologie der Demokratie“, so die Autorin, sei von fünf Qualitäten bestimmt:
sie ist 1.) dynamisch und niemals fertig, 2.) von Werten und nicht von Dogmen
gelenkt, 3.) zu erlernen, nicht automatisch gegeben, 4.) Macht kreierend,
nicht kontrollierend, sowie 5.) umfassend, nicht isoliert. Wie Lebendige
Demokratie „sich anfühlt“, das beschreibt die Autorin an zahlreichen
Beispielen, etwa der Initiative von Martha McCoy und der Arbeit des von ihr
geleiteten „Zentrums für Alltägliche Demokratie“ in Kansas City, an dem heute
1.300 Freiwillige an der Lösung kommunaler Herausforderungen mitwirken. Sie
berichtet von BürgerInnen, die ihre Regierungen, aber auch die Wirtschaft zur
Umsetzung verpflichtender Standards veranlassen, von Menschen, „die das
Gefühl entwickeln, träumen zu können“ und so erhebliche Mittel für
gemeinnützige Projekte lukrieren, von der Kraft
„lokaler, lebendiger Ökonomien“ (vgl. auch in dieser Ausgabe S. 4ff.) oder
von Schulen und Universitäten, an denen Lebendige Demokratie gelehrt und auch
praktiziert wird. Begleitet und unterstützt von nicht weniger als vier
Revolutionen (der Kommunikation, der Vernetzung, der menschlichen Würde und
der Ökologie) sei die Zeit für machtvolle Veränderung als vor allem auch
kulturelle Aufgabe gekommen. Moore Lappé spricht in diesem Zusammenhang auch von
einer Wahl, die wir nicht haben: Denn „die Entscheidung vor der wir stehen,
ist nicht die, ob wir die Welt verändern wollen, sondern wie wir die Welt
verändern wollen“. Konkretere Vorschläge und ermutigendere Beispiele, in
welche Richtung wir uns zur Wiederentdeckung der Demokratie aufmachen sollten
– die, unterstützt durch das Lektorat von Jürgen Streich, auch um Initiativen
und Berichte aus Deutschland ergänzt wurden – sind kaum zu finden. Walter
Spielmann, aus: Pro Zukunft 2009/1 |
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