Kommentar

 

 

 

 

 

 

 

      

Demonstration gegen Temelin 1983 (Foto: Jungk-Archiv, / M. Reichl)

Erschienen 1977

Robert Jungk: „Lebensfeindlicher Charakter dieser Energie“

Die Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima im Gefolge des Erdbebens brachte der Weltöffentlichkeit schlagartig wieder die Risiken der Atomtechnologie in Erinnerung. Auch wenn von den Betreibern des Kraftwerks das Ausmaß der Katastrophe zunächst heruntergespielt wurde, sind die Folgen dramatisch. In dem 1977 erschienenen Buch „Der Atomstaat. Vom Fortschritt in die Unmenschlichkeit“ hat Robert Jungk eindrücklich vor „dem lebensfeindlichen Charakter“ dieser neuen Energie gewarnt. Die Warnungen sind leider aktuell geblieben. Die Warnungen sind leider aktuell geblieben, meint HANS HOLZINGER, Pressesprecher der Robert-Jungk-Stiftung Salzburg. 

WALTER SPIELMANN plädiert in der so eben in Druck gegangenen Ausgabe von PRO ZUKUNFT gar für ein Überdenken der Grundlagen der Moderne ("Schaffen wir den Wandel"?).  

Mehr über das Buch "Atomstaat" finden Sie hier.

 

 

Warnungen wurden in den Wind geschlagen

„Mit der technischen Nutzbarmachung der Kernspaltung wurde der Sprung in eine ganz neue Dimension der Gewalt gewagt. Zuerst richtete sie sich nur gegen militärische Gegner. Heute gefährdet sie die eigenen Bürger.“ So schrieb Robert Jungk 1977 in seinem Buch „Der Atomstaat“. Seine Warnungen vor dem „lebensfeindlichen Charakter dieser Energie“ wurden von Politik, Wirtschaft und auch den Bürgern als Stromkonsumenten mehrheitlich in den Wind geschlagen. In beinahe allen Industriestaaten wurde auf Atomenergie gesetzt – Österreich ist hier eine der wenigen Ausnahmen.

Es gab und gibt immer wieder Pannen in Reaktoren. Mit dem Verweis auf ständig verbesserte Sicherheitsstandards wurden diese von den Verantwortlichen als ungefährlich abgetan. Und Tschernobyl als große Ausnahme – Serie menschlicher Fehler, veraltete Technik usw. – hingestellt. Die Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima im Gefolge des Erdbebens brachte – 25 Jahre nach Tschernobyl - der Weltöffentlichkeit schlagartig die Risiken der Atomtechnologie wieder in Erinnerung. Auch wenn von den Betreibern des Kraftwerks das Ausmaß der Katastrophe zunächst heruntergespielt wurde, sind die Folgen dramatisch.


Katastrophe für kollektives Umdenken nützen

Selbstverständlich muss unsere Solidarität und unser Mitgefühl nun den von der Katastrophe betroffenen Menschen gelten. So weit Hilfe benötigt wird, sollen wir diese geben. In seinem Buch „Atomstaat“ nennt Jungk als die Erstbetroffenen die AKW-Mitarbeiter – er spricht von „Strahlenfutter“. Fukushima zeigt was damit gemeint ist.

Die Katastrophe soll aber auch zu einem kollektiven Umdenken genutzt werden – denn die Beschwichtiger werden bald wieder zu hören sein. Nur wenn sich viele Bürger und Bürgerinnen gegen die Atomkraftwerke in ihrer unmittelbaren Nähe aussprechen, kann der Umschwung gelingen. So ist Österreich laut Risikoforscher Wolfgang Kromp von mehreren AKWs in Erdbebenzonen umgeben – von Krsko in Slowenien über Pacs in Ungarn bis Dukovany und Mochovce in der Slowakei. Aber auch Temelin in Tschechien oder Isar I in Bayern gelten als nicht ungefährdet. Proteste in allen EU-Staaten,  in den USA und darüber hinaus können Wirkung zeigen. Und die Kritik muss sich auch gegen Konzerne richten, die an der Atomwirtschaft verdienen – Fukushima wurde von Siemens mitgebaut!

Zu den Risiken von Reaktorunfällen kommt ein Weiteres. Die Atomwirtschaft hinterlässt eine schwere Hypothek, die ähnlich den Schuldenbergen in unserem Finanzsystem vor uns hergeschoben wird: die derzeit völlig ungelöste Beseitigung des über viele tausende Jahre strahlenden Atommülls. Die Haftungsfrage ist hier völlig ungeklärt.


Einstieg in eine Solarsparwirtschaft

Atomenergie trägt weltweit nur an die 6 Prozent zum Energieaufkommen bei, auch wenn in einzelnen Staaten die Abhängigkeit groß ist: in Frankreich sind es über 75 Prozent, in Litauen etwa 64 Prozent, Deutschland liegt bei „nur“ 25 Prozent und Japan bei 22 Prozent.

Ein 100 Prozent-Umstieg auf erneuerbare Energieträger bis zur Mitte des Jahrhunderts ist machbar – den politischen Willen vorausgesetzt! Es ist zu erwaten, dass die Verteidiger der Atomlobby bald wieder zu vernehmen sein werden. Wesenskern von Demokratie ist jedoch, dass wir als Bürger und Bürgerinnen gefragt werden, welche Energie wir wollen und wie viel wir bereit sind dafür zu zahlen. Gepaart muss dies freilich sein mit weniger aufwändigen Lebensstilen in einer „Solarsparwirtschaft“, die auch aus anderen Nachhaltigkeitsgründen geboten sind.

Ein Kommentar von HANS HOLZINGER, 16. März 2011
Presseverantwortlicher der Robert-Jungk-Stiftung, 5020 Salzburg

Links:

Roberts Jungks „Atomstaat“ – eine Einführung

Walter Spielmann: Schaffen wir den Wandel? Editorial in Pro Zukunft 2011/1

 

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Online-Redaktion: Hans Holzinger