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Offener Brief an Jean Ziegler: Willkommen in Salzburg!
Hochverehrter
Jean Ziegler, lieber
Freund!
Ich
kann Ihnen kaum sagen, wie sehr es mich - und viele Menschen, mit denen ich
spreche und von denen ich lese - bewegt, dass Ihnen die große Bühne des
Festspielhauses in Salzburg in diesem Sommer vorenthalten
wurde. Von dort aus hätte Ihre Botschaft, die heute wichtiger
denn je ist, die Welt vernommen und - in historischen Zeiten - viel bewegt.
Seien
Sie versichert, dass wir Sie im Geiste Robert Jungks, in dessen
Nachfolge Sie auf Vorschlag unseres Kuratoriums und nach Beschluss der
Salzburger Landesregierung im Jahr 2008 mit dem "Salzburger
Landespreis für Zukunftsforschung" ausgezeichnet wurden, bei uns
willkommen sind.
Erreicht
Ihre Botschaft (noch) nicht die Ohren der Mächtigen, so findet sie doch den
Weg zu Herzen der Vielen, die - wie Sie - davon überzeugt
sind, dass wir uns heute im globalen Schatten von Fukushima mehr denn
je für eine solidarische, menschenwürdige Welt einsetzen müssen, in der das
Recht auf ein Leben in Selbstbestimmung und auf ausreichende und gesunde
Nahrung für Alle selbstverständlich sein muss!
Als
"Leuchtturm für die Globalisierung der Zivilcourage" (Zitat
Landeshauptfrau Gabi Burgstaller aus Anlass der Verleihung des
Zukunftspreises 2008) sind uns Ihre Worte und Taten Inspiration und
Wegweiser dafür, dass wir die nachhaltig bessere Welt bauen können.
Gemeinsam schaffen die Wende!
Wir
heißen Sie schon heute in Salzburg herzlich willkommen.
Dr.
Walter Spielmann,
Leiter der Robert-Jungk-Stiftung
Bibliothek für Zukunftsfragen
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„Ein Wirtschafts-system,
das laut World Wealth Report 2010 zehn Millionen Dollar-millionäre
zulässt, während eine Milliarde Menschen an Hunger leidet, erfordert ein
hohes Maß an Verdrän-gungsleistung – gerade
vieler Festspielgäste und mehr noch jener Konzerne, die sie sponsern.“
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Jean Ziegler und
das schlechte Gewissen
Der Rückzieher des Landes
Salzburg, Jean Ziegler als Redner für die Salzburger Festspiele 2011
einzuladen, hat hohe Wellen geschlagen. Wir sind froh, dass in diesem
Zusammenhang in zahlreichen Medien das Engagement Zieglers für die
Überwindung von Hunger und globalen Unrechtsstrukturen gewürdigt und dabei
auch klargestellt wurde, dass sich Ziegler längst von el Gadafi distanziert
hat (z. B. Süddeutsche Zeitung 5. 3. 2011). Anders als etwa Ölfirmen, die
bis zuletzt gute Ölgeschäfte mit dem lybischen Regime gemacht haben.
Es war ein mutiger Schritt,
dass die Salzburger Landesregierung auf Vorschlag der Robert-Jungk-Stiftung
dem ehemaligen UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung 2008 den
Salzburger Landespreis für Zukunftsforschung verliehen hat. Es war ein noch
mutigerer Schritt der Landeshauptfrau, ihn bei den Salzburger Festspielen
zu Wort kommen lassen zu wollen. Ein Schritt, den keiner ihrer Vorgänger je
gewagt hätte. Sie ist nun – so ist zu befürchten - an den Widersprüchen des
Systems gescheitert. Der Grund für die erneute Ausladung liegt wohl tiefer
als die kolportierten Befürchtungen.
Ein Wirtschaftssystem, das
laut World Wealth Report 2010 zehn Millionen Dollarmillionäre zulässt,
während eine Milliarde Menschen an Hunger leidet, erfordert ein hohes Maß
an Verdrängungsleistung – gerade vieler Festspielgäste und mehr noch jener
Konzerne, die sie sponsern. Jean Ziegler hätte – einmal mehr – an dieses zu
Recht schlechte Gewissen erinnert. Das ist unangenehm.
Doch um es mit der großen
Österreicherin Ingeborg Bachmann zu sagen: „Die Wahrheit ist den Menschen
zumutbar“. Nur so hat die Humanität eine Chance. So ist der Vorfall ein
Lehrbeispiel oder Spiegel für unsere kollektive Schizophrenie, die das Leid
in der Welt permanent abspalten muss. Jene Menschen, für die Ziegler sich
einsetzt, haben freilich ohnedies andere Sorgen als Salzburgs erneuten
Festspieleklat.
Mag. Hans Holzinger, wissenschaftl. Mitarbeiter der Robert-Jungk-Stiftung
Salzburg, 5020 Salzburg, jungk-bibliothek@salzburg.at
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