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Altes Denken - Neues Handeln

Zwar ist es kaum zulässig, einen direkten Zusammenhang zwischen den ebenso heftigen wie unabsehbaren meteorologischen und politischen Turbulenzen herzustellen, deren Zeugen wir in den letzten Wochen wurden. Und doch steht außer Zweifel, dass wir gefordert sind, uns alle in einer zunehmend komplexen, unübersichtlichen, gefährlichen und gefährdeten Welt zurechtzufinden. In Zeiten wie diesen, so scheint es, wird das Unerwartete zur einzigen Konstante. Mit Betroffenheit, Rat- und nicht selten auch Hilflosigkeit reagieren Mächtige und einfache Bürger auf Naturgewalten, die nun zunehmend auch vor den Regionen des Wohlstands nicht haltmachen. Mit Verwunderung nehmen sie die „undenkbaren“ Entscheidungen des Souveräns zur Kenntnis, den der Entwurf einer Verfassung für Europa offensichtlich ebenso wenig überzeugt wie die Problemlösungskompetenz ehemals staatstragenden Parteien. Das wohl von kaum jemandem erwartete Resultat der deutschen Wahl vom 18. September macht – neben vielem anderen – vor allem eines deutlich: Die Rezepturen des herkömmlichen Machtmanagements, das alte Denken in gewohnten Bahnen, reicht offensichtlich nicht mehr aus, um den Herausforderungen der Zeit zu begegnen.
Wie schwierig es etwa sein wird, die Leitplanken eines zukunftstauglichen Kurses für Deutschland in einer absehbaren großen Koalition zu setzen, kann ermessen, wer die faktenreiche und fundierte Analyse Horst Sieberts über die Malaise der deutschen Politik zur Hand nimmt.1) Siebert, ehemals Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel und von 1990 – 2003 Mitglied der „Fünf Waisen“, plädiert für einen „institutionellen Urknall“, um drei Zielkonflikte der (deutschen) Politik (zwischen sozialer Gerechtigkeit und Dynamik, zwischen kollektivem Interesse und individueller Freiheit, zwischen Korporatismus und Wettbewerb) neu auszutarieren. Viel Grundsätzliches – etwa zum Begriff „Gerechtigkeit“ und so manches Detail zum Umbau der Marktwirtschaft, zur Entlastung des Wohlfahrtsstaates oder zur Reform der politischen Steuerungsmechanismen, das Siebert hier sehr kenntnisreich ausbreitet, wird man mittragen können. Ob allerdings (und beispielhaft hervorgehoben) in Anbetracht der zunehmenden Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Erwerbsarbeit eine steuerfinanzierte Grundrente strikt abzulehnen oder die Senkung des Höchssteuersatzes „auf annähernd 40 Prozent“ ein tatsächlich probates Mittel zur Stimulierung von Wachstum und Beschäftigung darstellt, erscheint mehr als nur hinterfragenswert. Siebert ist indes zuzustimmen, wenn er sich – nicht nur für Deutschland – eine Kultur wünscht, die gerade auch in Anbetracht der Überlastung des Wohlfahrtsstaates „zur Selbständigkeit und zur Eigeninitiative ermutigt“.
22 „Zukunftsprojekte“ und insbesondere die drei aus mehr als 200 Einreichungen gekürten Gewinner des Robert-Jungk-Preises NRW, der, dieses Jahr unter dem Motto „Den demographischen Wandel gestalten – Chancen für Gesellschaft und Ökonomie“ stan
d 2), machen deutlich, wie lebendig und vielfältig Menschen in unterschiedlichsten Zusammenhängen bereit sind, sich dieser Herausforderung zu stellen. Der Hauptpreis (dotiert mit 20.000 €) geht an die „Agentur für gesellschaftliche Entwicklung“ (AGE) in Hamm, für ihr Konzept der Vermittlung von ehrenamtlichem Engagement in Kooperation mit Betrieben; je 15.000 € erhalten „Senior-Paten“ aus Herford für ihre Bildungsarbeit mit immigrierten Jugendlichen sowie an DORV e.V., eine Bürgerinitiative aus Jülich-Barmen für ihr Projekt einer „Dorfnahen Rundum-Versorgung“. „Selfness“ nennt Matthias Horx (vgl. Nr. 100) eine Schlüsselqualifikation mit Zukunft: das eigene Leben (ein gutes Stück weit) selbst in die Hand zu nehmen und sinnvoll zu gestalten. – Vielleicht ist dies eine der tragfähigsten Möglichkeiten, um der Verletzlichkeit unserer Welt zu begegnen.

Wie immer Befunde aus der Trend- und Zukunftsforschung, aber auch zur Entwicklung von Gesellschaft, Politik und Demokratie stehen u. a. im Zentrum dieser Ausgabe.

Eine erkenntnisreiche Lektüre wünscht


Ihr


w.spielmann@salzburg.at


[1] Siebert, Horst: Jenseits des Sozialen Marktes. Eine notwendige Neuorientierung der deutschen Politik. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2005. 539 S. € 30,80 [D], 31,70 [A], sFr 53,90,  ISBN 3-421-05848-2

[2] Der Robert-Jungk-Preis des Landes NRW wird vom Städte-Netzwerk, den Ministerien Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport sowie für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie gemeinsam mit der JBZ vergeben. Die Präsentation und Würdigung der 22 „Zukunftsprojekte“ und die Auszeichnung der Preisträger findet am 21. Oktober im Tanzhaus in Düsseldorf im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung statt.

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