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Den Kapitalismus zähmen
„Die 374 größten transkontinentalen
Gesellschaften (…) besitzen heute insgesamt Reserven von
555 Milliarden Dollar. Diese Summe hat sich seit 1999 verdoppelt. Sie ist seit
2003 um 11% angewachsen. Die größte Gesellschaft der Welt, Microsoft, hortet in
ihren Safes einen Schatz von 60 Milliarden Dollar. Seit
Anfang des Jahres 2004 wächst er monatlich um eine Milliarde Dollar.“ Jean
Ziegler, dessen neuem Buch diese Zeilen entnommen sind[1],
weiß als langjähriger Kritiker des Turbokapitalismus um die Bedeutung gut
recherchierter und überzeugender Fakten. Sie sind Voraussetzung der begründeten
und somit auch überzeugenden Vehemenz, mit der er wie kaum ein anderer gegen die
„neuen Feudalherren“ und ihre Vasallen ankämpft. Natürlich könnte man Sätze wie
„Die Herrscher des Imperiums der Schande organisieren ganz bewusst den Mangel.
Und dieser Mangel gehorcht der Logik der Profitmaximierung“ oder „Die Völker
der armen Länder arbeiten sich zu Tode, um die
Entwicklung der reichen Länder zu finanzieren“ als Ausdruck blinder Wut lesen.
Jean Ziegler jedoch begründet seine radikale Lesart der Welt, in der, wie er
sagt, „Verschuldung und Hunger als Massenvernichtungswaffen“ eingesetzt werden.
Mit 54 Milliarden Dollar, so rechnet er vor, betrug die öffentliche
Entwicklungshilfe der Industrieländer im Jahr 2003 nur einen Bruchteil jener 436
Milliarden, die die 122 Länder der Dritten Welt an die „Kosmokraten“ des Nordens
als Schuldendienst zu leisten hatten. Ziegler unterstreicht die in Zahlen
gegossene Schamlosigkeit der „strukturellen Gewalt“, die längst schon die
Dimension eines „tausendjährigen Krieges“ angenommen hat, und – das macht eine
weitere Stärk seiner Publikationen aus – vermittelt darüber hinaus
eine Vielzahl authentischer Eindrücke, die er als „UN-Sonderberichterstatter
für das Recht auf Nahrung“ an Orten des Elends (etwa in Äthiopien oder
Brasilien) sowie an den Zentren der Macht sammeln
konnte. Um die „Würgeschraube der Schuld“ zu lockern, sieht Ziegler für die
Völker der Dritten Welt drei strategische Mittel: die
Zusammenarbeit mit Solidaritätsbewegungen des Nordens, die Revision der Schuld
im Verfahren einer detaillierten Prüfung der Rechtmäßigkeit der unterzeichneten
Verpflichtungen und schließlich die Bildung eines
Schuldnerkartells. „Die Souveränität der Völker wiederherzustellen“, sei, so
Ziegler, der dringendste Imperativ unserer Zeit. Er speist sich aus Autonomie
des Bewusstseins als „schönster Errungenschaft der Aufklärung“,
lebt in der Utopie des gemeinsamen Glücks immer wieder
auf und gewinnt heute von neuem an Kraft.
Dass zur Umsetzung einer solidarischen
Weltordnung viele Wege beschritten werden können, stellt eindrucksvoll auch
Franz Josef Radermacher unter Beweis, der für seine Verdienste um die Umsetzung
des Global Marshall-Plans kürzlich mit dem Salzburger Landespreis für
Zukunftsforschung 2005 ausgezeichnet wurde (vgl. dazu S. 28 der aktuellen
Ausgabe). Über die Umsetzung
dieser ebenso tragfähigen wie realistischen Strategie mit dem Ziel einer
ausgewogenen und zukunftsfähigen Entwicklung soll an dieser Stelle regelmäßig
berichtet, ihr Fortgang ein Stück weit auch mit gestaltet werden. Vor allem die
im ersten Abschnitt dieser Nummer vorgestellten Bücher können als Beitrag zu
diesem Anliegen verstanden werden. Die Analyse des „neuen Kapitalismus“ durch
Richard Sennett, die Radikalkritik Elmar Altvaters sowie die von Herbert Rauch
und Alfred Strigl vorgeschlagenen Manöver zur „Wende der Titanic“
verdienen besondere Aufmerksamkeit. Matthias Horx denkt darüber nach, „wie wir
leben werden“, und wählt dabei eine Mischung aus Trendanalyse und Science
Fiction. Neben Vorschlägen zur „Verbesserung der Politik“ (nicht nur in
Deutschland) gibt natürlich wiederum Nachhaltiges ökologischer Sicht und
- als besondere Empfehlung der Redaktion - die "Top Ten 2005 der
Zukunftsliteratur".
Eine erkenntnisreiche Lektüre und ein gutes neues Jahr
wünscht
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[1]
Ziegler, Jean: Das Imperium der Schande.
Der Kampf gegen Armut und
Unterdrückung.
München: C. Bertelsmann, 2005. 316 S.,€ 19,90 [D], 20,50
[A], sFr 34,80
ISBN 3- 570-00878-9