JBZ-Zukunftsbuch

 

 

 

 

 

 

 

 

„Staatsschuldenkrise als sich selbst erfüllende Prophezeiung spekulativer Finanzmärkte“

Der Ökonom Markus Marterbauer zeigt Wege aus der Finanzkrise jenseits des Mainstreams

Von HANS HOLZINGER, Mitarbeiter der Robert-Jungk-Stiftung Salzburg

 

Markus Marterbauer: Zahlen bitte! Die Kosten tragen wir alle. Wien: Deuticke, 2011. 254 S. € 17,90,- [D], 18,40 [A], sFr 32,- ISBN 978-3-552-06173-6

 

Die Rezension ist nach Rücksprache zum Nachdruck frei.

 

 

Arbeitslosigkeit als wirklicher Sprengstoff für Europa

„Es ist alles gesagt, aber noch nicht von allen.“ Diesen Eindruck erhält man, wenn man sich die mittlerweile äußerst umfangreiche Palette an Publikationen zur internationalen Finanzkrise vergegenwärtigt. Wohltuend erfrischend wirkt da ein Buch des österreichischen Ökonomen Markus Marterbauer mit dem provokanten Titel „Zahlen bitte!“. Marterbauer gibt nicht nur dem Mainstream widersprechende Antworten auf komplexe Fragen wie die der Finanzkrise folgende Staatsschuldenkrise, sondern er deckt auch - untermauert mit zahlreichen Fakten – etwa Warnungen vor einem überbordenden Sozialstaat, einer drohenden großen Inflation oder gar einem Kollaps der Staatsfinanzen als interessengeleitete Mythen auf. Doch der Reihe nach.

Gleich zu Beginn formuliert der Ökonom seine zentralen Vorschläge für eine zukunftsweisende (europäische) Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik. Neben der Verschuldungskrise müsse auch die Arbeitslosigkeit insbesondere der jüngeren Generation in immer mehr EU-Staaten als Problem wahr genommen werden.  So übersteige in Griechenland, Irland und den baltischen Ländern die Arbeitslosenquote der 15-24-Jährigen bereits die Marke von 30 Prozent der Erwerbspersonen deutlich, in Spanien sei mittlerweile nahezu jeder zweite Jugendliche arbeitslos. Das birgt sozialen Sprengstoff: „Hier entsteht eine verlorene Generation, die nicht nur heute unter Einkommensausfällen und verbautem Berufseinstieg leidet, sondern langfristig niedrige Einkommen, mangelnde gesellschaftliche Integration und fehlende soziale Absicherung erfährt. Das ist nicht  nur aus sozialen Gründen inakzeptabel, sondern kann auch wirtschaftlich und politisch sehr gefährlich werden.“ (S. 9)

Marterbauers zentrale These lautet daher:

„Nur eine wirtschaftliche Erholung, begleitet von einem merklichen Rückgang der Arbeitslosigkeit, und eine aktive Verteilungspolitik gegenüber den großen privaten Vermögensbeständen kann die ökonomische Basis für eine Verringerung der Staatsschulden bilden.“  (S. 12).

 

Wohlstand weltweit gerechter verteilen  - Bankensektor verkleinern

Wie andere auch kritisiert der Ökonom die Verselbständigung des Finanzsektors als zentrale Ursache für die Krise. So erscheine es paradox, „dass Finanzinnovationen, die ursprünglich zur Verringerung des Risikos einzelner Finanzgeschäfte geschaffen wurden, selbst enorme Risiken erzeugt haben und schließlich 2007 und 2008 nahezu den Zusammenbruch des gesamten weltweiten Finanzsystems bewirkt haben.“ (S. 36)

Nur die weltweit gerechtere Verteilung des Wohlstands könne nachhaltige Wege aus der Krise weisen, ist Marterbauer überzeugt. Er sieht dafür zwei Strategien - die „Beendigung der Privatisierung von öffentlichem Eigentum“ sowie die „Erhöhung der Besteuerung von Vermögensbesitz“ (S. 52) – und verweist zugleich darauf, dass dies nicht ohne Konflikte abgehen werde. Denn: „Umverteilung tangiert die Interessen der Mächtigen und muss von den Ohnmächtigen eingeklagt werden. Umverteilungspolitik muss sich nicht nur gegen die einflussreichen Besitzer großer Finanz- und Immobilienvermögen stellen, sondern auch den Widerstand jener mächtigen Institutionen überwinden, die wie Banken oder Steuerberater von der Betreuung der Vermögenden profitieren. Beide Gruppen haben großen Einfluss auf Medien und die öffentliche Meinung.“ (S. 51f)

„Die Banken sind die größten Nutznießer der staatlichen Eingriffe in der Krise.“ (S. 79)

Doch die Potenziale sind groß: „Schon eine effektive Besteuerung von Vermögen mit einem Steuersatz von nur 0,5 Prozent würde in Österreich Staatseinnahmen von 6 bis 7 Milliarden Euro und in der EU von etwa 200 Milliarden Euro pro Jahr mit sich bringen“ (S. 52), berichtet der Ökonom. Eine Bankenabgabe in der Höhe von 0,2 Prozent der Bilanzsumme aller im Euro-Raum aktiven Banken würde „ein jährliches Volumen von etwa 50 Milliarden Euro“ (S. 74) ergeben und eine Verkleinerung des Bankensektors sowie dessen Gewinnmargen begünstigen, so Marterbauer weiter. Das Bankengeschäft müsste so wie in den 1950er und 1960er Jahren wieder auf die Interessen der realen Wirtschaft, also der privaten Haushalte und der investierenden Unternehmen ausgerichtet werden. Denn: „Nach Erfahrungen in der Finanzkrise ist fraglich, ob in Teilen des Finanzsektors überhaupt volkswirtschaftliche Werte geschaffen werden.“ (S. 60) Durch die Bankenrettungspakete werde jedoch die „langfristig wünschenswerte Schrumpfung des Finanzsektors durch die Insolvenz wirtschaftlich nicht erfolgreicher Institute vermieden.“ (S. 80)

Die Bedeutung des Bankensektors muss verringert werden, weil er zum Entstehen der Krise beigetragen hat und sein Expansionsdrang hohe gesamtwirtschaftliche Risiken mit sich bringt.“ (S. 13)

Facts: Bankengewinne in Österreich

Die Bilanzsumme der Banken ist in Österreich von 1995 bis 2009 von 205,8 auf 363 Prozent des BIP gestiegen; in Irland gar von 140,6 auf 927,7 Prozent des BIP.“ (S. 71)

„Die Jahresüberschüsse der österreichischen Banken lagen von 2005 bis 2008 im Durchschnitt bei mehr als 2 Milliarden Euro pro Jahr, sie wurden durch Gewinnsteuern nur wenig geschmälert. Die Überschüsse wurden etwa zur Hälfte an die Eigentümer ausgeschüttet.“ (S. 73)

 

Soziale Dienste ausbauen – Kaufkraft der unteren Einkommen stärken

Die Exportorientierung von Ländern wie Österreich oder Deutschland sieht Marterbauer als wichtige Stützen der Wirtschaft (der Exportanteil Österreichs lag 2010 bei 55 Prozent des BIP). Produktivitätszuwächse in der Sachgütererzeugung (in Österreich Steigerung um 60 Prozent von 1995 – 2011) würden aber gemeinsam mit der stärkeren Heranziehung der Vermögen einen Ausbau der öffentlichen Dienstleistungen ermöglichen. Pro Milliarde an Staatsausgaben steige die Zahl der Jobs um 18. 000 bis 25.000, rechnet der Ökonom vor. Relativ hohe Beschäftigungswirkungen wiesen auch öffentliche Investitionen auf: „6.000 bis 10.000 zusätzliche Arbeitsplätze pro Milliarde Euro“. Gering sei jedoch das Arbeitsplatzpotenzial von Steuerentlastungen. Pro Milliarde Steuerentlastung entstehen laut Marterbauer „nur 2000 bis 5000 zusätzliche Arbeitsplätze.“ (S. 140) Nichts hält Marterbauer von generellen Steuersenkungen sowie Steuerbegünstigungen, die immer die Besserverdienenden bevorzugten. „Vor allem von der in der Politik so beliebten Senkung der Einkommenssteuern profitiert primär das Haushaltsdrittel mit dem höchsten Einkommen.“ (S. 139f)

Zudem schlägt Marterbauer die Kaufkraftstärkung der Haushalte mit niedrigen Einkommen vor, da nur diese den Konsum ankurbeln. „In Österreich steigert ein Zusatzeinkommen in der Höhe von 100 Euro beim unteren Drittel der privaten Haushalte die Konsumnachfrage sofort um 80 Euro. Das obere Einkommensdrittel hingegen erhöht das Sparen um 60 Prozent.“ (S. 64) Insgesamt müssten Länder mit hohem Exportanteil auch die Importe steigern, weil ansonsten Defizitländer wie Griechenland es nie schaffen würden, ihre Leistungsbilanz zu verbessern.

„Eine Sozialpolitik, die soziale Dienstleistungen ausweitet, verbessert nicht nur die Lebenssituation derer, die die Leistungen in Anspruch nehmen, sondern hat auch enorme Auswirkungen auf die Arbeitsplätze. Will der Staat möglichst viel sinnvolle Beschäftigung schaffen, dann investiert er das Geld am besten in den Ausbau sozialer Dienstleistungen.“ (S. 139)

 

Facts: Neue Beschäftigung durch Vermögensbesteuerung und Produktivität

„Schon eine effektive Besteuerung von Vermögen mit einem Steuersatz von nur 0,5 Prozent würde in Österreich Staatseinnahmen von 6 bis 7 Milliarden Euro und in der EU von etwa 200 Milliarden Euro pro Jahr mit sich bringen“ (Marterbauer, S. 52)

„Die Produktivität pro Arbeitsstunde liegt 2011 in der Sachgütererzeugung um 60 Prozent höher als 1995: Pro Stunde wird also um die Hälfte mehr an Wertschöpfung produziert als vor 15 Jahren.“ (Marterbauer, S. 56)

„In Österreich steigert ein Zusatzeinkommen in der Höhe von 100 Euro beim unteren Drittel der privaten Haushalte die Konsumnachfrage sofort um 80 Euro. Das obere Einkommensdrittel hingegen erhöht das Sparen um 60 Prozent.“ (S. 64)

„Erreicht Österreich das Betreuungsangebot Dänemarks oder Schwedens im Bereich Kinderbetreuung und Pflege, so entstehen dadurch 150.000 bis 200.000 zusätzliche Arbeitsplätze.“ (S. 183)

„Ein neuer Spitzensteuersatz von 60 Prozent ab einem Monatseinkommen von brutto 23.000 Euro pro Monat würde Einnahmen von 300 Millionen Euro mit sich bringen. Damit könnten 50.000 Plätze in Kindergärten und Krippen finanziert werden.“ (S. 207)

 

Droht Staatsbankrott?

„Die Staatsschuldenkrise ist in erheblichem Ausmaß eine sich selbst erfüllende Prophezeiung der vom Herdentrieb geprägten spekulativen Finanzmärkte“ (S. 10), so Marterbauer pointiert. Auch wenn die Defizite von EU-Staaten unterschiedlich hoch und auch unterschiedlich gewichtet seien und es daher kein Patentrezept geben könne, sei klar: „Die Staatsfinanzierung der Krisenländer, aber auch der anderen EU-Länder, muss von den Finanzmärkten und ihrer spekulativen Ausrichtung entkoppelt werden.“ Diesem Zweck diene die Schaffung des ESFS, „der sich deutlich günstiger verschulden kann als die meisten Mitgliedsländer, allerdings müsste das Volumen der Verschuldungsmöglichkeit erhöht werden. Den gleichen Effekt hätte die vieldiskutierte Ausgabe von Eurobonds, also einer gemeinsamen Anleihe der EU-Länder.“ (S. 94) Die bisherige Praxis der EZB hält Marterbauer für problematisch: „Die Banken erhalten von der EZB Liquidität zu einem Zinssatz von gut einem Prozent, sie legen diese Mittel in Staatsanleihen mit Zinssätzen zwischen 4 und 15 Prozent an. Das ist eine ungeheure staatliche Subvention für die Banken.“ (S. 94)

Und aktuell zu Griechenland: Dass es gefährlich sei, den Sündern aus dem Süden zu helfen, da so falsches Verhalten belohnt und richtiges bestraft werde, hält Marterbauer für ein gefährliches Vorurteil und für Stimmungsmache, die die gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge übersehe: „Erlegt man den Krisenländern harte Sanierungsmaßnahmen auf, unter denen Menschen und Wirtschaft leiden, so tut man sich selbst nichts Gutes. Die Maßnahmen führen zu einem Rückgang des BIP, damit des Imports in Krisenländer und schwächen den Export und das Volkseinkommen der Handelspartner.“ (S. 93)

„Für die Besitzer von Finanzvermögen ist Inflation tatsächlich eine Bedrohung, denn sie leben von ihren Finanzanlagen, Inflation entwertet den Vermögensbestand. Deshalb werden Inflationsängste vor allem von den Vertretern der Interessen der Vermögensbesitzer geschürt.“ (S. 127)

Ähnlich argumentiert Marterbauer gegen die Angst vor einer Hyperinflation, die vor allem von Vermögensbesitzern geschürt werde. Diese drohe nur bei einer Überhitzung der Wirtschaft - stark steigende Nachfrage und sich aufschaukelnde Lohn-Preis-Spirale – beides sei aber nicht gegeben. Gefährlicher als Inflation sei ein Rückgang der Wirtschaftsaktivitäten: „Die großen Krisen der Weltwirtschaft, wie jene in den 1930ewr Jahre, waren immer Deflationskrisen und nicht Inflationskrisen“ (S. 121) Auch im kolportierten Versuch, Staatsschulden durch Geldabwertung zu verringern, sieht der Ökonom kein taugliches Mittel. Vielmehr biete sich hier eine merkliche Erhöhung der Vermögenssteuern an: „Sie hat ähnliche positive Effekte wie Inflation, indem sie den Schuldner Staat entlastet und die Gläubiger, die Besitzer der Finanzvermögen belastet. Gleichzeitig weist sie jene Nachteile nicht auf, die eine anhaltende und hohe Inflation mit sich bringen kann.“ (S. 128) Für denkbar hält Marterbauer eine „Vermögenspreisinflation“, allerdings bedingt durch eine Überbewertung von Immobilien oder Aktien, die jedoch zu recht nicht in den Verbraucherpreisindex eingerechnet werde.

 

Facts: Drei Wege zur Verringerung der Staatsschulden

1)      „Eine Umverteilung nach unten würde automatisch die Konsumnachfrage beleben und damit die Budgetsanierung erleichtern.“

2)      „Eine Besteuerung von Vermögen und im Besonderen von Erbschaften würde zur Budgetkonsolidierung beitragen, gleichzeitig vor allem die Ersparnisse der Haushalte verringern und damit die Nachfrage kaum dämpfen.“

3)      „Hohe Arbeitslosigkeit verstärkt die Einkommensunsicherheit und beeinträchtigt so die Konsumentenstimmung („Vorsichtssparen“), die vor allem für den Kauf von dauerhaften Konsumgütern von Bedeutung ist. Aktive Beschäftigungspolitik könnte somit die Budgetkonsolidierung unterstützen.“ (Marterbauer, S. 104)

 

Neue Sicht auf Wirtschaftswachstum und Wohlstand

Abschließend wendet sich Marterbauer der Frage zu, wie Wohlstand und Sozialstaat auch mit bedeutend geringeren Wachstumsraten gesichert werden können. Wirtschaftswachstum führe zwar zu einer Verringerung der Arbeitslosigkeit, reicht aber nicht mehr aus, „um Vollbeschäftigung zu erreichen.“ (S. 222) Zukunftswege sieht der Ökonom in neuen Arbeitszeitmodellen, die Erwerbsarbeit und Beruf für beide Geschlechter vereinbar machen –Produktivitätsfortschritte würden somit verstärkt in Form von mehr Zeit weitergegeben –, in einer aktiven Lohn- und Bildungspolitik („Wären die Löhne und Gehälter seit 1980 gleich rasch gestiegen wie das Volkseinkommen, so würde die Sozialversicherung pro Jahr um mehr als 3 Milliarden Euro an höherem Einkommen verfügen.“ S. 224), „Entscheidend ist nicht das Verhältnis der Zahl der Erwerbstätigen zu jener der Personen in Pension, sondern die Höhe des Einkommens, das die Erwerbstätigen produzieren.“ S. 164, „Langfristig ist Bildungspolitik der Schlüssel zur Bewältigung der budgetären Lasten der Alterung.“ S. 164)) sowie eben in einer neuen Finanzierungsbasis für den Staat. Denn: „Eine Verschiebung der Abgabenstruktur von den Arbeitseinkommen zu den Vermögensbeständen und –einkommen würde die Finanzierung des Staatshaushalts unabhängiger von Wirtschaftswachstum und  Lohnanteil am BIP machen.“ (S. 225)

„Höhere Effizienz im Einsatz von Arbeitskraft, Material und Energie könnte in Zukunft in geringerem Ausmaß  durch die Ausweitung von gesamtwirtschaftlicher Produktion und Konsum und in stärkrem Ausmaß zur Reduktion der geleisteten Arbeitszeit und des Material- und Energieverbrauchs bei gleichbleibendem Niveau von Einkommen und Konsum genutzt werden.“ (S. 229)

 

Resümee

Die Frage, wer die Kosten der Krise zahlt und wie solche Krisen in Zukunft verhindert werden können, ist entscheidend für den demokratischen Zusammenhalt auch der Gesellschaften Europas. Markus Marterbauer zeigt konkrete Wege und vorhandene Verteilungsspielräume auf, die ein nachhaltiges Wirtschaften sowie eine Gesellschaft, der soziale Sicherung wichtig ist, miteinander verbunden werden können. Es ist genug für alle da, wenn in der Tat leistungsorientierte Einkommens- und Vermögensstrukturen etabliert werden. Denkbar wird so ein Zukunftsmodell, in dem alle an Lebensqualität gewinnen.

Mag. Hans Holzinger ist Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg, Mitherausgeber der Zeitschrift „Pro Zukunft“, Lehrbeauftragter an der Universität Klagenfurt, Autor der Studien „Qirtschaften jeinseits von Wachstum“ und „Zur Zukunft der Arbeit“.
Rückmeldungen an h.holzinger@salzburg.at oder 0662.873206

 

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