Veranstaltungen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ausverkauf der Zeit

Do. 12. November 2009 | 16 – 18 Uhr

Ort: Universität Salzburg, Universitätsplatz 1, HS 101

Im Rahmen der Entwicklungspolitischen Hochschulwochen

Weitere Infos: 0662/827813; office@suedwindsalzburg.at

Bericht

Die Kulturwissenschaftlerin Gabriele Sorgo über den modernen Beschleunigungswahn

Von HANS HOLZINGER

Wir leben in „heißen“ Gesellschaften, die durch permanentes wirtschaftliches Wachstum aufgeheizt werden. Geld sei dabei die „Superware“, der „Kauf der Zeit“ die „zentrale Wirtschaftsregel“, so die Kulturwissenschaftlerin Gabriele Sorgo jüngst in einem Vortrag im Rahmen der Entwicklungspolitischen Hochschulwochen in Salzburg, die der Frage nach den Ressourcengrenzen nachgingen. Der Wert von Produkten messe sich am Material- und Zeitaufwand, der für die Herstellung nötig sei. Die Botschaft „Zeit ist Geld“ präge daher den Zeitmanagement-Wahn der modernen Wirtschaft. „Beschleunigung und Standardisierung hängen zusammen. Beide sollen den Output erhöhen“, benannte die Konsumforscherin als Wesensmerkmal der industriellen Produktionsweise.

Doch im Beschleunigungswahn gehe die „Zeit zum Reifen“ verloren, was mittlerweile nicht mehr nur für die Herstellung von Gütern, sondern für das Leben insgesamt gelte: „Früchte werden künstlich gereift, Masttiere mit Hormonen hoch gezüchtet, Kinder mit Kaiserschnitt geboren und Kranke mit Medikamenten arbeitsfähig gemacht – nicht unbedingt gesund.“

Beschleunigung als Illusion – Entleerung der Orte

Die Beschleunigung sei jedoch eine Illusion, denn „auch gut gemanagte Zeit“ bleibe nicht stehen, so Sorgo. Der Umstand, dass wir immer mehr erledigen müssen, führe zur Entwertung der Zeit: „Der Lebensstress nimmt zu.“ Bei Bewerbungen müssten Zeiten, in denen nichts vorzuweisen sei, vertuscht werden. Und der „jährliche Wellness-Aufenthalt“ diene dem „Aufladen der Batterien“, um dann wieder funktionieren zu können. Sorgo sprach von „Gegenwartsschrumpfung“ als Versuch, den Sinn durch „Lebensintensität“ zu ersetzen, was jedoch nicht befriedigen könne. Wir befänden uns in einem „lebenslänglichen Zeitmangel“ statt unsere Lebenszeit wirklich zu leben. Die Gefahr dieser gefährlichen Verkehrung: „Ein langes Leben als lebender Toter.“

Der Standardisierung der Zeit korrespondiert die „soziale Entleerung“ der Räume, konstatierte die Kulturwissenschaftlerin. Moderne Stadtviertel hätten in der Regel keine Geschichte mehr, sie „werden produziert – es sammelt sich viel Zeugs darin an“. Diese „Nicht-Orte“ oder „Transiträume“ ohne Identität dienten dann der „Zerstreuung in der Gegenwart“, spielte Sorgo auf die modernen Einkaufswelten an.

Doch Konsum mache nicht automatisch zufrieden, so die Vortragende. „Das Sinnloch wird gestopft mit Artefakten.“ Die kulturellen Ressourcen würden dabei ebenso verschleudert wie die ökologischen: „Das Christkind trägt Strapse, Beethoven nervt aus den Lautsprechern. Alles ist zu jeder Zeit abrufbar.“ Der Konsum ersetze den Lebenssinn, Markenprodukte würden zum „Preisschild, mit dem ich mich ins soziale Ranking einklinke“.  Die Konsumgesellschaft verbrauche immer mehr, habe aber immer weniger, denn Kultur könne nicht produziert werden, sondern müsse wachsen, so Sorgo.

Was kann dagegen getan werden? Zeit haben statt ihr nachzulaufen, sich den künstlichen Erlebniswelten entziehen und dem nicht Kaufbaren zwischen den Menschen wieder mehr Bedeutung schenken – dies wären Wegweiser in eine andere Zeitkultur. „Lebenszeit als Gabe“ im Sinne einer Geschenkökonomie verstanden, könnte dann wieder zum sozialen Kitt werden, „mit dem man Gesellschaften baut“, ist Sorgo überzeugt. Das heiße aber auch, „Zeit nicht mit der Uhr, Leben nicht mit Geld und Sinn nicht mit Konsum zu verwechseln.“

 

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