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Die Kulturwissenschaftlerin Gabriele Sorgo über den modernen
Beschleunigungswahn
Von HANS HOLZINGER Wir leben in „heißen“ Gesellschaften, die durch
permanentes wirtschaftliches Wachstum aufgeheizt werden. Geld sei dabei die
„Superware“, der „Kauf der Zeit“ die „zentrale Wirtschaftsregel“, so die
Kulturwissenschaftlerin Gabriele Sorgo jüngst in einem Vortrag im Rahmen der
Entwicklungspolitischen Hochschulwochen in Salzburg, die der Frage nach den
Ressourcengrenzen nachgingen. Der Wert von Produkten messe sich am Material-
und Zeitaufwand, der für die Herstellung nötig sei. Die Botschaft „Zeit ist
Geld“ präge daher den Zeitmanagement-Wahn der modernen Wirtschaft. „Beschleunigung
und Standardisierung hängen zusammen. Beide sollen den Output erhöhen“,
benannte die Konsumforscherin als Wesensmerkmal der industriellen
Produktionsweise. Doch im Beschleunigungswahn gehe die „Zeit zum Reifen“
verloren, was mittlerweile nicht mehr nur für die Herstellung von Gütern,
sondern für das Leben insgesamt gelte: „Früchte werden künstlich gereift,
Masttiere mit Hormonen hoch gezüchtet, Kinder mit Kaiserschnitt geboren und
Kranke mit Medikamenten arbeitsfähig gemacht – nicht unbedingt gesund.“ Beschleunigung als Illusion – Entleerung der
Orte
Die Beschleunigung sei jedoch eine Illusion, denn „auch
gut gemanagte Zeit“ bleibe nicht stehen, so Sorgo. Der Umstand, dass wir
immer mehr erledigen müssen, führe zur Entwertung der Zeit: „Der Lebensstress
nimmt zu.“ Bei Bewerbungen müssten Zeiten, in denen nichts vorzuweisen sei,
vertuscht werden. Und der „jährliche Wellness-Aufenthalt“
diene dem „Aufladen der Batterien“, um dann wieder funktionieren zu können.
Sorgo sprach von „Gegenwartsschrumpfung“ als Versuch, den Sinn durch
„Lebensintensität“ zu ersetzen, was jedoch nicht befriedigen könne. Wir
befänden uns in einem „lebenslänglichen Zeitmangel“ statt unsere Lebenszeit
wirklich zu leben. Die Gefahr dieser gefährlichen Verkehrung: „Ein langes
Leben als lebender Toter.“ Der Standardisierung der Zeit korrespondiert die
„soziale Entleerung“ der Räume, konstatierte die Kulturwissenschaftlerin.
Moderne Stadtviertel hätten in der Regel keine Geschichte mehr, sie „werden
produziert – es sammelt sich viel Zeugs darin an“. Diese „Nicht-Orte“ oder
„Transiträume“ ohne Identität dienten dann der „Zerstreuung in der
Gegenwart“, spielte Sorgo auf die modernen Einkaufswelten an. Doch Konsum mache nicht automatisch zufrieden, so die
Vortragende. „Das Sinnloch wird gestopft mit Artefakten.“ Die kulturellen
Ressourcen würden dabei ebenso verschleudert wie die ökologischen: „Das
Christkind trägt Strapse, Beethoven nervt aus den Lautsprechern. Alles ist zu
jeder Zeit abrufbar.“ Der Konsum ersetze den Lebenssinn, Markenprodukte
würden zum „Preisschild, mit dem ich mich ins soziale Ranking einklinke“. Die Konsumgesellschaft verbrauche immer
mehr, habe aber immer weniger, denn Kultur könne nicht produziert werden,
sondern müsse wachsen, so Sorgo. Was kann dagegen getan werden? Zeit haben statt ihr
nachzulaufen, sich den künstlichen Erlebniswelten entziehen und dem nicht
Kaufbaren zwischen den Menschen wieder mehr Bedeutung schenken – dies wären
Wegweiser in eine andere Zeitkultur. „Lebenszeit als Gabe“ im Sinne einer
Geschenkökonomie verstanden, könnte dann wieder zum sozialen Kitt werden, „mit
dem man Gesellschaften baut“, ist Sorgo überzeugt. Das heiße aber auch, „Zeit
nicht mit der Uhr, Leben nicht mit Geld und Sinn nicht mit Konsum zu
verwechseln.“ |
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