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Sustainable Mozart. Kunst, Kultur und Nachhaltigkeit. Hrsg. v. Mozart 2006 Salzburg, Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen u. Lebensministerium. Red.: Hans Holzinger, Walter Spielmann. Salzburg, JBZ-Verl., 2007. 224 S.
€ 13,- sFr 22,80 (zzgl. Porto). ISBN 978-3-9501181-2-4.

Mit Beiträgen von Franz Fischler, Wolfgang Sachs, Friedhelm Mennekes, Peter Ruzicka, Barbara Frischmuth, Antonin J. Liehm, Kurt Palm, Adolf Muschg, Dieter Kramer u. a. m.

 

 

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Wie können Kunst und Kultur zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen, ohne in ihrer Freiheit eingeengt zu werden? Ist Nachhaltigkeit auch ein ästhetisches Prinzip - etwa als Suche nach dem richtigen Maß und dem Genug? Ist eine Kulturgesellschaft denkbar als  Antipode zu Event- und Konsumfixierung, als Chance für Dialog und globale Verständigung? Nicht zuletzt: Wie können Kulturveranstaltungen selbst nachhaltig durchgeführt werden? Diesen und weiteren Fragen widmete sich die Veranstaltungsreihe „Sustainable Mozart“.  Namhafte, international bekannte Persönlichkeiten aus Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft stellten sich anlässlich des Mozart-Jahres 2006 der Diskussion. Die Ergebnisse der Reihe sowie die daraus entstandenen „Salzburger Thesen“ zu Kunst, Kultur und Nachhaltigkeit sind nachzulesen in dem von der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen herausgegebenen Buch gleichen Titels.

Franz Fischler fordert darin etwa die „Überwindung des Wegschauens“, das Club of Rome-Mitglied Wolfgang Sachs die Entwicklung einer "Ethik der Ferne" sowie einer neuen „Lebenskunst der Einfachheit“. Der frühere künstlerische Leiter der Salzburger Festspiele problematisiert den Innovationszwang in der Kunst wie in der Gesellschaft und fragt, was gewesen wäre, wenn Mozart länger gelebt hätte. Der Begründer von „lettre international“, Antonin J. Liehm, verweist auf die zunehmende Event-Fixierung auch des Kunstbetriebs und den Verlust des „Substanziellen“. Weitere Vorschläge beziehen sich auf das Finden einer neuen Dialogkultur und eines offenen Blicks auf andere Kulturen (Barbara Frischmuth), die Entwicklung von "Symbolwelten des Genug" als Aufgabe der Kultur (Dieter Kramer) oder die wieder zu erlernende Vorstellung eines Leben jenseits von Vermarktungszwängen (Adolf Muschg).

Der Band umfasst die insgesamt 15 Beiträge der internationalen Experten und Expertinnen, eine Wiedergabe der Podiumsdiskussionen sowie einen Überblick über bisherige Dokumente und Veranstaltungen zu Kultur und Nachhaltigkeit. Ein Nachlesebuch für alle, die an den Herausforderungen einer nachhaltigen Weltentwicklung sowie der möglichen Rolle von Kunst und Kultur darin interessiert sind.

 

Zu den Beiträgen

„Sind verwöhnte Kulturen zur Nachhaltigkeit zu bewegen?“ so lautete die Fragestellung der ersten Veranstaltung, bei der „Club of Rome“-Mitglied Wolfgang Sachs für die Einübung der „Kunst der Einfachheit“ warb. Klugheit, Fairness und Lebenskunst können, so Wolfgang Sachs, dabei eine zentrale Rolle spielen. Dass Kunst ein bislang außer Acht gelassener, vielleicht aber der zentrale Schlüssel zu nachhaltiger Entwicklung sein könnte, stellte Franz Fischler in seinem Plädoyer „Wider das Wegschauen“ fest, in der er mit Verweis auch auf den Global Marshall Plan nachhaltige Entwicklung als planetare Herausforderung benannte.

„Die Kunst in die Zukunft zu handeln – Nachhaltigkeit als ästhetisches Prinzip“ war Motto des zweiten Abends. Aus Sicht des Kulturwissenschaftlers vertrat dabei Olaf Schwencke die These, dass postmoderne, fragmentierte Gesellschaften ohne Kunst keine Urteilsfähigkeit über ihre Geschicke erlangen können; Kunst sei unabdingbar, um „gemeinsam in die Zukunft zu handeln“. „Kunst “, so der Theologe Friedhelm Mennekes, „lebt aus der Energie, sich gegen den Zweifel gestaltend zu behaupten.“ Dass dabei freilich primär nicht Antworten gegeben, sondern vor allem immer wieder (uralte) Fragen gestellt würden, „auf die wir selbst antworten müssen mit unserem Denken und Handeln“, darauf machte Peter Ruzicka in seinem Beitrag „Was wäre gewesen, wenn Mozart länger gelebt hätte?“ aufmerksam.

Event oder Tiefgang? – Auf der Suche nach einer neuen Diskurskultur“ war Thema einer weiteren Veranstaltung. Die Schriftstellerin und Orientkennerin Barbara Frischmuth plädiert in ihrem Beitrag für einen „multikulturellen Diskurs auf gleicher Augenhöhe“ jenseits „eventkultureller Superlativitis“. Die exzessive Vermarktung W. A. Mozarts sowie dessen Stilisierung zum Genie rückt hingegen der Autor und Filmemacher Kurt Palm ins Zentrum seiner sarkastisch pointierten Ausführungen, während Antonin J. Liehm, Begründer der „Lettre International“, auf einen Paradigmenwechsel im (Selbst)Verständnis von Kulturschaffenden aufmerksam macht: Heute dominiere in der Kunstproduktion die Figur des Schauspielers, „der sich vorführt und produziert“, während ehemals die Einstellung des Architekten oder Baumeisters dominiert habe, die auf Dauer als „Überleben des Augenblicks“ abzielte.

Die Rolle der „Kultur als Wirtschaftsfaktor“ erörterten Heinrich Spängler und Günter Rhomberg beispielhaft in ihren Ausführungen zur ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeit der Festspiele in Salzburg und Bregenz, während Andrew Blackwell anhand internationaler Beispiele auf konkrete Möglichkeiten zur Durchführung Ressourcen schonender Kultur- und Sportveranstaltungen verwies.

„Kultur und Kunst als Impulsgeberinnen für Zukunftsfähigkeit“ war Thema der abschließenden Veranstaltung. Dieter Kramer, über viele Jahre Kustos des Museums der Weltkulturen in Frankfurt/M., warb dabei für eine „Ästhetik der Susistenz“ als Beitrag zu materieller Selbstbeschränkung und verwies dabei auf den kulturellen Reichtum traditioneller Gesellschaften. Während Adolf Muschg sich in Anbetracht der „Dominanz des Marktes“ erhebliche Zweifel anmeldete, „dass mit der Langzeitwirkung großer Kunst gegen den rasanten Abbau der materiellen und ideellen Lebensgrundlagen auf unserem Planeten etwas auszurichten sei, , schloss Jürgen Maaß, Herausgeber der Zeitschrift „KulturAustausch“, den Reigen der Beiträge mit „Fünf Dimensionen von Zukunftsfähigkeit“ – Nachhaltigkeit, Globalisierung, Friedfertigkeit sowie Innovations- und Kommunikationsfähigkeit – ab.

Neben den Referaten, Podiumsdiskussionen und ausgewählten Publikumsbeiträgen enthält der im JBZ-Verlag publizierte Band eine Chronologie zur Frage nach dem Zusammenhang von Kultur, Kunst und Nachhaltigkeit (Werner Riemer) sowie zehn „Salzburger Thesen“. Diese fassen, formuliert von Hans Holzinger und Walter Spielmann, die zentralen Aussagen der Reihe zusammen und führen sie weiter: Dass heute nicht mehr von „Kultur“, sondern vielmehr von „Kulturen“ in der Einen Welt gesprochen werden sollte, ist eine von ihnen. Eine andere: „Kunst kann Bestehendes verdichten, hinterfragen und „Un-Gedachtes“, „Nicht-Gesehenes“ sowie „Un-Erhörtes“ schaffen. Derart kann Kunst die Gesellschaft mit alternativen Möglichkeiten konfrontieren, individuelles wie kollektives Denken und Handeln (ver)ändern und so zu einem wichtigen Faktor nachhaltiger Entwicklung werden.“ Als Chiffre macht „Sustainable Mozart“ neugierig und lädt dazu ein, Nachhaltigkeit als ein offenes Projekt zu sehen.

 

Zitate aus dem Buch

Wolfgang Sachs

 

Die Voraussetzung, um in der Weltgesellschaft des 21. Jahrhunderts zumindest eine minimale Kooperationsbasis zu sichern, heißt mehr Gerechtigkeit.“ (S. 22)

„Wir brauchen ein ressourcenleichtes Wirtschaften, das festen Tritt hat, aber nichts zerstört.“  (S. 21)

„Große Kunst hat so wie Meditation damit zu tun, aus wenig viel zu machen. Lebenskunst bedeutet somit insbesondere, herauszufinden, was ich selber will.“ (S. 23)

Franz Fischler

„Eine Gesellschaft ist nur dann nachhaltig, wenn sie in allen drei Bereichen - Wirtschaft, Soziales und Umwelt – Dauerhaftigkeit und Stabilität gewährt.“ (S. 25)

„Nachhaltigkeit in Zeiten der Globalisierung erfordert ein gemeinsames, globales Vorgehen.“ (S. 25)

Peter Ruzicka

„Wir sollten uns von der Kunst keine Antworten erwarten, sondern Fragen – Fragen, auf die wir selbst antworten müssen, mit unserem Denken und Handeln.“ (S. 71)

„Wir sollten unseren Besitzanspruch in Frage stellen, um achtsam und langsam zu leben, von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr.“ ( S. 72)

Olaf Schwencke

„Die große Aufgabe der Kunst ist es, die Gesellschaft ständig zu konfrontieren mit anderen Möglichkeiten“ (S. 54)

„Ohne Kunst kann die postmoderne, fragmentierte Gesellschaft keine Urteilsfähigkeit über ihre Geschicke erlangen.“ (S. 57)

F. Mennekes

„Kunst berührt Vernunft und Sinnlichkeit, das Körperliche und das Geistige. Kunst stellt sich der Realität, wie sie ist, den Sphären des Sinns, der über das bloß begrifflich Rationale hinausgeht.“ (S. 64)

Die Kunst will in einer ihr eigenen Unruhe stets über das Erreichte hinaus.“ (S. 62)

Antonin J. Liehm

„Die Hauptperson der modernen Zeit ist der Schauspieler, der sich vorführt, sich vor einem Publikum produziert.  ... Das Publikum ist eine gesunkene, verfallene Gemeinde, eine Gemeinschaft in Auflösung.“ ( 90f)

„Die Substanz der modernen Geschichte und deren angebliches Ende ist das Wachsen des Unsubstanziellen“ (S. 97)

 

B. Frischmuth

„Die Sprache macht den Menschen aus  und wir haben keine andere Möglichkeit, uns über Probleme auszutauschen, als über Sprache.“ (117)

„Besonders schlecht gerüstet sind wir für einen Diskurs, bei dem es darum geht, was Wir mittlerweile bedeutet.“ (S. 84)

 

Kurt Palm

„Die Hochstilisierung Mozarts zum unantastbaren Genie setzte bereits unmittelbar nach seinem Tod ein und kann durchaus als teil einer groß angelegten Kampagne gesehen werden.“ (S. 103)

„Der größte Feind der Wahrheit ist nicht die Lüge, sondern der Mythos“ (S. 110)

Kurt-Jürgen Maaß

„Wenn wir uns international mit unseren Argumenten, Werten, Einstellungen und Meinungen nicht vermitteln können, dann ist die Zukunftsfähigkeit gefährdet.“ (S.177)

„Kunst und Kultur können zu integrativem Denken anregen und die Kooperationskultur fördern.“ (S. 179)

Adolf Muschg

„Freiheit wird heute verwechselt mit Konsumieren können. Wir bräuchten einen gänzlich anderen Freiheitsbegriff.“ (S. 185)

“Es ist nicht gelungen, auf Grund der Gesetze, die dem Markt eingeboren sind, jene Grundvoraussetzung der Gerechtigkeit zu schaffen, die darin besteht, dass jeder wenigstens genug zu essen hat.“ (S. 197)

 

Dieter Kramer

“Kultur ist, wie der ganze Mensch lebt und arbeitet, und wie wir leben wollen.“ (S. 163)

„Auch ein Alltag, der orientiert ist an einer Ästhetik der Subsistenz, entbehrt trotz aller gegenteiligen Vermutungen nicht der Würze.“ (S. 161)

„Zukunft als kulturelles Programm ist die Frage, wie wir mit den Ressourcen, mit den Chancen, die wir haben, umgehen.“ (S. 194)

 

 

Andere über das Buch

·          Drehpunkt Kultur

  

 

Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen | Robert-Jungk-Platz 1 | 5020  Salzburg | T 0043.662.873206 F -14  | E: jungk-bibliothek@salzburg.at
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www.jungk-bibliothek.at  Team: Dr. Alfred Auer, Mag. Hans Holzinger (Redaktion JBZ-Online), Dr. Walter Spielmann