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Top Ten der
Zukunftsliteratur 2008 |
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Empfohlen von der Robert-Jungk-Bibliothek
für Zukunftsfragen (JBZ) Die Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg dokumentiert
aktuelle Zukunftsliteratur vornehmlich des deutschen Sprachraums und stellt
diese in ihrer Zeitschrift pro ZUKUNFT vor.
An die 200 aktuelle Titel werden jährlich analysiert und bewertet. Mit
den Top Ten der Zukunftsliteratur hebt
das aus Alfred Auer, Hans Holzinger und Walter Spielmann bestehende JBZ-Team „zehn wichtigste Neuerscheinungen“ des
Jahres, die „gesellschaftliche Entwicklungen kritisch reflektieren und neue
Zukunftsperspektiven eröffnen“, besonders hervor. Die Top Ten der
Zukunftsliteratur werden nach fünf Kriterien bewertet: 1. Gesellschaftliche
Brisanz (Aktualität, Dringlichkeit), 2. Innovation (neue Ansätze,
Originalität) 3. Lösungsansätze (konkrete Handlungsvorschläge,
Beispiele), 4. Fakten (wichtige Daten) sowie 5. Lesefreundlichkeit
(Zugang für breiteres Publikum, Lesevergnügen). Die
für 2008 ausgewählten Bücher beziehen sich auf globale
Zukunftsentwicklungen, Methoden der
Zukunftsforschung, Perspektiven der Nachhaltigkeit und neue Wohlstandsmodelle,
auf Vorschläge zur Regulierung der internationalen Finanzmärkte und für eine
neue Arbeitszeitpolitik sowie auf zivilgesellschaftliches Engagement. Tipp 1: In „2008 State of the Future“ (UN-Millennium
Project), der einzigen englischsprachigen Publikation in der Wertung, werden
fünfzehn globale Herausforderungen von nachhaltiger Entwicklung und
Klimawandel über Bildung und Gesundheit bis hin zu Partizipation und
Demokratie vorgestellt und konkrete Handlungsaufforderungen – nach
Kontinenten gegliedert – benannt. Tipp 2: Die Vielfalt von keimenden Neuansätzen einer
„nachhaltigen Marktwirtschaft“ insbesondere aus den USA sind nachzulesen in dem
federführend vom „Worldwatch Institute“ herausgegebenen und von der Heinrich
Böll-Stiftung sowie Germanwatch ins Deutsche übertragenen Band „Zur Lage der
Welt 2008“ (Westfälisches Dampfboot). Tipp 3: „Gastrecht für alle“, „ökologischer Wohlstand“,
„Gesellschaft der Teilhabe“ sowie „Die ganze Wirtschaft“ lauten die
Leitbilder des vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie
herausgegebenen Grundlagenwerks „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“
(Fischer TB), das einen Kurswechsel in Richtung Nachhaltigkeit aus
deutscher und europäischer Sicht beschreibt. Tipp 4: Der nicht weniger umfassend angelegte, vom
Zentrum für Zukunftsstudien in Salzburg aus Anlass des 70. Geburtstags von
Rolf Kreibich herausgegebene Band „Zukunftsforschung und Zukunftsgestaltung“ (Springer)
wiederum gibt einen ausgezeichneten Einblick in die theoretischen wie
praktischen Ansätze der Zukunftsforschung im deutschsprachigen Raum. Tipp 5: Es gibt keine Nachhaltigkeit ohne gewaltfreie
Lösung von Konflikten. Differenzierte Wege einer Politik der Verständigung
zwischen den Kulturen und Kontinenten zeichnet der Friedensforscher Harald
Müller in dem in der Reihe „Forum für Verantwortung“ erschienenen Band „Wie kann eine neue Weltordnung
aussehen?“ (Fischer TB). Tipp 6: Aus der Vielzahl an aktuellen Büchern zur
Finanzkrise ausgewählt wurde der von Attac Österreich herausgegebene Band „Crash oder
Cash“ (ÖGB-Verlag), der die Krisenphänomene der
deregulierten Finanzwirtschaft anschaulich erklärt und nicht weniger als 24
Vorschläge zur Umsteuerung unterbreitet. Tipp 7: „Kurzarbeit statt Kündigung“ wird als ein
möglicher Weg für Unternehmen angesichts der drohenden Rezession empfohlen.
Zur gesamtwirtschaftlichen Strategie erheben diese Forderung Philipp Löpfe
und Werner Vontobel in „Arbeitswut“ (Campus) indem sie
daran erinnern, dass unsere hochproduktive Wirtschaft es nahe legen würde,
weniger zu arbeiten, um das verbleibende Arbeitsvolumen auf mehr Schultern zu
verteilen. Tipp 8: Eine Vielzahl an Vorschlägen zu einem
grundlegenden Wandel des Wirtschaftens, das wieder den Menschen in den
Mittelpunkt stellt, unterbreitet Christian Felber in dem Band „Neue Werte für
die Wirtschaft“ (Deuticke),
der wegen seines Mutes zum Visionären ausgewählt wurde. Tipp 9: Die beiden letzten in die Wertung aufgenommenen Bücher
verbinden Generationen. Die Jungautoren Jan Holzapfel, Tim Lehmann und Matti
Spieker beschreiben in „Expedition Welt“ (Ökom-Verlag)
Menschen in aller Welt, die etwas bewegen, darunter auch viele der jüngeren
Generation. Tipp 10: Heiko Ernst wiederum erinnert in „Weitergeben“
(Hofmann und Campe) daran, dass Nachhaltigkeit auch bedeutet, Erfahrungen
zwischen den Generationen zu teilen und Spuren auch jenseits der eigenen
physischen Existenz zu hinterlassen. Hier finden Sie die
Punktebewertung sowie die
ausführlichen Besprechungen der Top Ten der Zukunftsliteratur 2008 (Druckversion). Die prämierten Bücher und mehr als 14.000
weitere Titel stehen in der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen für
Interessierte bereit.
Im Laufe von 12 Jahren haben
etwa 2500 Menschen aus aller Welt mit dazu beigetragen, das federführend von Gerome
C. Glenn verantwortete Millennium Project „State of the Future“ zu gestalten.
Nicht weniger als 229 ExpertInnen aus Wissenschaft, Politikberatung,
Wirtschaft und verschiedenen NGOs, die von derzeit 39 Netzwerk-15 Global
Challenges (aus , S. 10) Knoten in aller Welt koordiniert werden, haben an
der Ausgabe 2008 mitgewirkt. Das Ergebnis kann sich wahrlich sehen lassen und
unterstreicht die These, dass die Bündelung kollektiver Intelligenz der wohl
einzig zielführende Weg zur Lösung der globalen Herausforderungen zu Beginn
des 21. Jahrhunderts sein kann. Dies ist, vorweg genommen, auch eine zentrale
Aussage des jüngsten Jahrbuchs, das in der Print-Ausgabe auf knapp mehr als
100 Seiten zunächst 15 globale Herausforderungen abhandelt (wobei
bedauerlicher Weise der Neuordnung der Finanzmärkte kein Platz eingeräumt
wird). Auf jeweils zwei Seiten
werden Daten und Fakten zu Klimawandel, Wasserverbrauch,
Demokratieentwicklung, Gesundheit, Energieentwicklung, Wissenschaft und
Technik, einer global orientierten Ethik u.a.m., verbunden mit konkreten
Entwicklungsperspektiven, präsentiert. Exemplarisch drei Beispiele in Kürze:
Um dem Klimawandel wirkungsvoll zu begegnen, wird eine dem Apollo-Programm
vergleichbare Kooperation zwischen den USA und China vorgeschlagen, um neue
Entwicklungen etwa im Bereich der Mobilität, der Energiegewinnung oder der
Landwirtschaft anzustoßen. Die Preise für Getreide sind
nach Angaben der FAO seit 2006 um 129% gestiegen; umso dringender seien
koordinierte Maßnahmen zur Reduktion der Geburtenraten und ein entschlossener
Kampf gegen den Hunger. Insgesamt große Erwartungen setzen die Autoren in die
Entwicklung der IK-Technologien: In rund 25 Jahren sollte ein Computer die
Leistungsfähigkeit eines menschlichen Gehirns erreichen, in einem halben
Jahrhundert sogar das gesamte Wissen der Menschheit allgemein zugänglich
sein. Würde sich die global verfügbare Intelligenz auf positive
Problemlösungsstrategien konzentrieren, wären die aktuellen Herausforderungen
in absehbarer Zeit gelöst – eine überaus sympathische, aber nur bedingt
realistische Gesamtperspektive. Kapitel 2 widmet sich dem
„State-of-Future-Index“ (SOFI) und stellt damit den erwarteten Fortschritt
der Welt in den kommenden 10 Jahren anhand von insgesamt 29 Parametern (wie Alphabetisierung,
Zugang zu Nahrung, Kindersterblichkeit, CO2-Ausstoß, Ausmaß der Korruption
oder Anzahl der im Parlament vertretenen Frauen) vor. Weitere Abschnitte sind
dem „Real-Time-Delphi“, einer vergleichsweise jungen Methode zur Einholung
von Expertenmeinungen, der Rolle von regierungsnaher Zukunfts-Expertise in
ausgewählten Staaten und Regionen (auch der EU) und der Bedeutung kollektiver
Intelligenz für den Aufbau eines globalen Energie-Netzwerks und –Informationssystems (GENIS)
gewidmet. Schließlich werden drei Sektoren einer Umwelt-orientierten
Sicherheitsstrategie zur Diskussion gestellt (Schutz vor und Beseitigung von
militärischen Schäden, Beseitigung von Umwelt-bedingten Konflikten, Schutz
der Umwelt als moralische Verpflichtung). Geradezu als Schatzkammer
zukunftsbezogener Daten und Fakten – aber teils auch kurioser Spekulationen –
erweist sich die beigegebene CD, die auf mehr als 6.300 Seiten (!) (verfügbar
in WORD- und pdf-Version) nicht nur Ergänzungen und Hintergrundinformationen
zu den bislang besprochenen Kapiteln, sondern darüber hinaus Beiträge der
vorangegangenen „State of the Future“-Ausgaben versammelt:
So sind neben globalen
Szenarios, regierungsnahen Studien zur Gestaltung internationaler
Beziehungen, Vorhersagen zur Entwicklung von Wissenschaft und Technik, zu
Energieverbrauch, zur Bedeutung von Unterricht und Bildung auch Kapitel zur
Rolle von sozialen und ökologischen Indikatoren, zur Bedeutung von Ethik und
Religion sowie zur erfolgreichen Implementierung von Methoden und Befunden
der Zukunftsforschung in gesellschaftliche Steuerungsprozesse zu finden.
Zahlreiche Grafiken, Tabellen und Anhänge ergänzen dieses
Zukunfts-Kompendium, das sich auch aufgrund leichter Kopierbarkeit für die
weiterführende Verwendung bestens eignet. Kurzum: Unverzichtbar für
alle, die sich aktuell mit Fragen der Zukunftsforschung befassen. Würde die
hier versammelte Expertise zur Grundlage nationaler wie vor allem auch
internationaler Politikgestaltung genützt, so wäre die Welt, grosso modo, bei
weitem besser unterwegs in die Zukunft! W. Sp. Walter
Spielmann
Aus: pro ZUKUNFT 4/2008
Es ist wohl kein Zufall, dass
sich das renommierte „Worldwatch Institute“ mit den Perspektiven einer „nachhaltigen
Marktwirtschaft“ beschäftigt. Wir haben die seit Jahren herausragenden
Berichte dieses „Think Tanks“ stets aufmerksam verfolgt. Die Fülle aktueller
Daten und Fakten, die „ nüchterne Begeisterung“, mit denen ausgewiesene
ExpertInnen Jahr für Jahr ein zentrales Thema zur Diskussion stellen, prägt
auch diesen Band. Im ersten von insgesamt 12
Kapiteln bringen G. Gardener und Th. Prugh zunächst die Misere des
„alten ökonomischen Systems“ auf den Punkt. Zum einen sei die These von der „Unabhängigkeit
von der Natur, die immer illusorisch war, heute einfach nicht mehr
glaubwürdig“ (S. 27), zum anderen sei erwiesen, dass entscheidende Axiome der
Marktwirtschaft (z. B. Wohlstand durch Wachstum) nicht eingelöst werden.
Vielmehr nehmen die Schädigung der Ökosysteme und die Armut inmitten von
Überfluss weltweit zu. Mit dem Ziel einer „Erneuerung der Begriffe in der
Wirtschaftstheorie“ postulierten die Autoren „ sieben große Ideen“, die in
den nachfolgenden Kapiteln weiter ausgeführt werden. „Neue Ziele für den
Fortschritt“ thematisiert im Folgenden J. Talberth. Um wirtschaftliche
Globalisierung zu „echtem Fortschritt“ für alle zu machen, benennt der
Experte für Indikatoren der Nachhaltigkeit fünf „mikroökonomische Ziele“: die
Zertifizierung von Produkten, Arbeitsabläufen und Lieferzeiten; eine
Strategie des „Nullabfall“; Ökoeffizienz; Wohlbefinden am Arbeitsplatz und
die Stärkung der Lebenskraft von Gemeinden (S. 66). Hunter Lovins,
gemeinsam mit ihrem Mann eine Pionierin der Ökoeffizienz-Forschung, arbeitet
in ihrem Beitrag heraus, dass es „für Unternehmer nie eine bessere
Gelegenheit gegeben hat, gut zu verdienen, indem man Gutes tut“ (S.
96).Strategien zur Umsetzung eines nachhaltigeren Lebensstils sind das Thema
von Tim Jackson. In Abgrenzung von dem „ utilitaristischen“ Modell der
traditionellen Wirtschaftswissenschaften plädiert er für die Etablierung
einer „Wissenschaft von den Wünschen“, deren Ziel es wäre, die „Paradoxien
des Wohlbefindens“ zu erkunden. Sie hätte etwa der Tatsache nachzugehen, dass
„ in Großbritannien der Prozentsatz derjenigen, die sich als ‚sehr zufrieden’
bezeichnen von 52 im Jahr 1957 auf heute 36 Prozent geschrumpft ist“. Klare Fakten belegen
eindeutig, dass „einige Schlüsselkomponenten des menschlichen Wohlergehens sich
in den westlichen Ländern keineswegs zum besseren, sondern vielmehr zum
schlechteren entwickelt haben“. So hat sich etwa die „Zahl der Depressionen
in Nordamerika von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verdoppelt, 15% der 35-jährigen
Amerikaner haben bereits wenigstens einmal eine größere Depression gehabt.
Vor 40 Jahren betrug der Prozentsatz nur 2 Prozent“ (S. 109). Die
außergewöhnlichen Anstrengungen, die für den Aufbau einer „kohlenstoffarmen
Wirtschaft“ weltweit zu leisten sind, schildert im folgenden Kapitel Christopher
Flavin. „Soll die Welt als Ganzes bis 2050 die (C02-)Emissionen
halbieren, müssen die heutigen Industrieländer ihre Emissionen um über 80
Prozent senken. „Innovative Ideen
und großes Geld sind eine machtvolle Kombination, und die Summen, die
inzwischen in die „grüne Richtung“ wandern, sind verblüffend. Die Citigroup
hatten etwa 1007 Pläne veröffentlicht, im nächsten Jahrzehnt 50 Milliarden
Dollar in die Bewältigung des Klimawandels zu investieren.“ (Chr. Flavin, S. 22) Das zu erreichen, hängt von
drei Elementen einer Klimastrategie ab: erstens, der Trennung und Deponierung
des bei der Verbrennung fossiler Energieträger entstehenden Kohlendioxyds;
zweitens, der Reduzierung des Energieverbrauchs durch neue Technologien und
Lebensweisen; und drittens, dem Umstieg auf kohlenstofffreie
Energietechnologien“, so Flavin (S. 134). Dem Ausbau der Atomenergie erteilt
der Experte eine klare Absage, denn nach Einschätzung von Wissenschaftlern
des MIT müssten „bis Mitte des Jahrhunderts ein- bis eineinhalb tausend neue
Kernkraftwerke gebaut werden, um eine spürbare Reduzierung der globalen
CO2-Emissionen zu erreichen – zwanzig Mal mehr Neubauten als in den letzten
10 Jahren und immer noch das fünffache der Neubaurate zur Hochzeit der
Kernenergie in den 1980er Jahren“ (S. 139). „Die Leistungen der Natur
bezahlen“, so ist der Sonderteil dieser Ausgabe betitelt. Behandelt werden
dabei Perspektiven für eine Verbesserung der Kohlenstoffmärkte, der Wert des
Wassers in einer nachhaltigen Wirtschaft, Bankgeschäfte mit der biologischen
Artenvielfalt und die Bedeutung von Gemeinschaftsgütern als
„Parallelwirtschaft“. Jonathan Rowe macht sich mit überzeugenden Argumenten
für eine „gemeinschaftsgüterbasierte“ Wirtschaft als dritten Weg neben
„unternehmerischem Eigennutz“ und „Staatsbürokratie“ stark. Es gehe um die „
Rückeroberung der Gemeinschaftsgüter“, die bei intelligenter Nutzung „ihre
Aktivposten für die Zukunft schützen und wahren, anstatt sie für kurzfristige
Gewinne hier und jetzt zu liquidieren“ (S. 253). Die beiden abschließenden
Kapitel präsentieren Beispiele sozialen Engagements für nachhaltige
Entwicklung, wobei nachdrücklich auf die Bedeutung lokaler Initiativen und
partizipatorischer Ansätze verwiesen wird. Dass inzwischen selbst die
Weltbank erkannt hat, wie wichtig es ist, Entwicklungsaktivitäten in den
Realitäten vor Ort einzubetten, wird anhand aktueller Projekte in Indonesien
und Afghanistan verdeutlicht. „Der Gegensatz zwischen traditioneller
Entwicklung, bei der fremde Experten die Lösung entwickeln, und wirklich
selbstgeschaffenen Ansätzen könnte nicht größer sein“, meint Jason S. Calder.
Warum? Weil es, um anzufangen, nicht viel mehr braucht als ein wenig der
„Fähigkeit, etwas anzustreben“. Dass auch die WTO bei einer kritischen Bilanz
im Sinne eines „Wettbewerbs um das Gute“ von Grund auf neu auszurichten wäre,
thematisiert im letzten Kapitel Marke Halle, wenn er über neue Ansätze zu
Trade Governance berichtet. Dass viele Wege eines anderen
Wirtschaftens nicht nur denk-, sondern auch begehbar sind, zeigt dieser Band
eindrucksvoll und bestätigen auch die nachfolgenden Besprechungen. W. Sp. Walter
Spielmann
Aus: pro ZUKUNFT
2/2008
Der 1996 veröffentlichte Bericht „Zukunftsfähiges Deutschland“
zählte zu jenen Büchern, von denen man mit Gewissheit sagen kann, dass sie
ihre Wirkung getan haben. Der vom Bund für Umwelt und Naturschutz gemeinsam
mit Brot für die Welt und dem Evangelischen Entwicklungsdienst herausgegebene
Folgeband zieht zunächst Bilanz, die zugegebener Maßen ernüchternd ausfällt. „Nachdem die kollektive Verdrängung vorüber
ist, scheint aber nun kollektive Schizophrenie um sich zu greifen. Viele
Anzeichen deuten darauf hin, dass eine zweideutige Zeit bevorsteht –
ausgerüstet mit Wissen, doch untüchtig zum Handeln. Einerseits ist die
Gesellschaft zu der Einsicht erwacht, dass das drohende Klimachaos eine
Umkehr erfordert. Und auch die Politik hat sich zu gewaltigen Schritten
durchgerungen. Andererseits jedoch
geht vieles weiter seinen gewohnten Gang. ... Die Eigenlogik eines jeden Bereichs
hintertreibt das für alle proklamierte Ziel. Was bislang allenfalls läuft,
ist eine Diversifizierung des Angebots, um der aufkommenden Ökosensibilität
zu entsprechen: Auf dem Flughafen München fahren Wasserstoff-Busse, die
Stromkonzerne verkaufen im Nischensegment auch grünen Strom, die
Billigflieger werben mit Ökoreisen. Insgesamt sieht es so aus, als sei in
Sachen Klimaschutz mit einer Art systemischer Bewusstseinsspaltung zu
rechnen: Im Überbau sind alle Fürsprecher eines konsequenten Klimaschutzes,
im Unterbau der materiellen Verhältnisse jedoch geht die Expansion der
Energieansprüche weiter.“ (S. 19 f)
Dass Zukunftsfähigkeit
überdies erfordert, weltweit enger zusammenzuarbeiten und verbindliche Regeln
zu schaffen, macht der Abschnitt „Übereinkünfte global“ deutlich.
Optimistisch stimmen schließlich die vielen praktischen Beispiele der
Umsteuerung, die es bereits gibt. Sie werden in hervorgehobenen Kästen sowie
im abschließenden Abschnitt „Engagement vor Ort“ beschrieben.
Als ernüchternde Erkenntnis
bleibt, dass die ökonomische Globalisierung, wie sie derzeit vonstatten geht,
mehr Verlierer als Gewinner verzeichnet, dass die Gewinner das ökologische
Hauptproblem darstellen und die Ressourcenverknappung die Ärmsten zu aller
erst trifft. So ist der Band, auch wenn er (im Titel) vor allem auf
Deutschland Bezug nimmt, weit darüber hinaus aktuell und zu empfehlen. Er
vereint die Expertisen eines der wohl renommiertesten
Nachhaltigkeitsinstitute der Welt. Und einer der Hauptautoren, Wolfgang
Sachs, gilt als international bekannter wie begehrter Vortragender u. a. des
Club of Rome.
Hans
Holzingerr
Aus: Pro ZUKUNFT
4/2008
Der vorliegende Sammelband bietet einen aktuellen
Überblick über Methoden, Themen und Entwicklungen der zukunftsorientierten
Forschung im deutschsprachigen Raum. Der 70. Geburtstag von Rolf Kreibich, dem
Gründer, Geschäftsführer und wissenschaftlichen Leiter des Berliner Instituts
für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) ist der Anlass für diese –
eigentlich längst überfällige – Bestandsaufnahme in Buchform, denn der
Zukunftsforschung wird – anders als der populistischen Trendforschung –
zumindest im deutschen Sprachraum noch immer zu wenig Aufmerksamkeit
geschenkt. Die fast fünfzig Beiträge des umfangreichen
Werkes vermitteln einen Eindruck von dem Forschungs- und Handlungsfeld, das
mit den Begriffen Zukunftsforschung und Zukunftsgestaltung umrissen ist. Der
Band enthält Beiträge aus Deutschland, Österreich und der Schweiz; er
versammelt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit natur-, geistes- und
sozialwissenschaftlichem Hintergrund; Artikel von Politikern und aus
politiknahen Forschungseinrichtungen sind ebenso vertreten wie Beiträge aus
Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen und von engagierten Einzelpersonen.
Zeitgenossen und Weggefährten Rolf Kreibichs kommen ebenso zu Wort wie Nachwuchsforscherinnen
und Nachwuchsforscher. Viele der AutorInnen sind Mitglieder des 2008
gegründeten Netzwerks für Zukunftsforschung. Die Probleme dieser Welt seien
„un-diszipliniert“, und als problemgetriebenes und an der Praxis orientiertes
Forschungsfeld verweigere sich Zukunftsforschung einer allzu umstandslosen
Unterteilung entlang etablierter Disziplinen und gewohnter Kategorien, so die
Herausgeber Reinhold
Popp und Elmar Schüll vom Zentrum für
Zukunftsstudien in Salzburg. Die Gliederung des Bandes folgt daher einer
kursorischen Dreigliederung: Im ersten Abschnitt „Philosophie und Geschichte
der Zukunftsforschung werden grundsätzliche, historische und
erkenntnistheoretische Fragestellungen versammelt. Ein zweiter Abschnitt ist der Methodologie und Methodik der Zukunftsforschung
und Zukunftsgestaltung gewidmet. Im dritten und umfangreichsten
Teil werden schließlich einzelne Handlungsfelder – Mobilität und Verkehr,
Globalisierung und Regionalisierung, Wissenschaft und Bildung, Ökonomie,
Ökologie und Soziale Gerechtigkeit – angesprochen. Auffallend sei, so bemerken die Herausgeber, dass
Zukunftsforschung – zumindest was die hier versammelten Beitrage
anbelangt – sehr eng mit dem Leitbild
einer nachhaltigen Entwicklung verknüpft wird. Dies und der häufig in den
Vordergrund gerückte universelle Charakter („gewisser Hang zum großen
Ganzen“) könne Zukunftsforschung ungewollt einschränken, meinen Popp und
Schüll. Dem ist freilich entgegenzuhalten, dass gerade der ganzheitliche
Blick auf die Welt bzw. die sich stellenden Herausforderungen eine Lücke im
stark an Einzeldisziplinen orientierten Wissenschaftsbetrieb füllt und somit
die Stärke von Zukunftsforschung ausmacht. Dies zeigen viele der Beiträge,
nicht zuletzt jener über die Hinterfragung des ökonomischen Wachstumsparadigmas
im Kontext einer sich rasch ausweitenden transnationalen Verbraucherklasse,
den das JBZ-Team beisteuern durfte. Der Band lebt von der Vielfalt der Ansätze und
erörterten Themen; er kann in diesem Sinne zur Identitätsfindung der
Zukunftsforschung im deutschsprachigen Raum Wertvolles beitragen. „Wenn das Konkrete, Besondere und Lokale zu sehr in den
Hintergrund treten, kann Forschung generell – und Zukunftsforschung als ein
aus der Praxis heraus entstandenes Forschungsfeld im Besonderen - rasch einen
unverbindlichen Charakter bekommen. Rolf Kreibich hat über lange Jahre
gezeigt, dass ein Bewusstsein über die globalen Herausforderungen und
Zusammenhänge sehr gut mit Interesse am besonderen und Engagement im Lokalen
zusammengeht.“ (Reinhold Popp, Elmar Schüll, S. X) Hans Holzinger
Eine
ausführliche Rezension erscheint in
Harald Müller, Leiter der Hessischen Stiftung für Friedens-
und Konfliktforschung, ordnet internationalen Nichtregierungsorganisationen
(NROs) in seiner Antwort auf die Frage „Wie kann eine neue Weltordnung
aussehen?“ eine wichtige Rolle zu. Anders als interessensgebundene Staaten,
die etwa den Druck von Konzernen oder Nachbarländern fürchten müssen, sei die
Zivilgesellschaft ungebunden, ihre Reputation beruhe auf der Vertretung des
„globalen Gemeinwohls“ (bzw. eines bestimmten Aspekts davon) und ihre Macht
auf der Fähigkeit zur Mobilisierung. Nicht militärische Stärke oder
wirtschaftliche Masse, sondern Macht im Sinne von Hannah Arendts „Menschen
hinter ein Projekt bringen“ mache die Qualität dieser neuen Akteursgruppen
aus: „Im Zeichen des Internets und seiner globusweiten Kommunikation könnten
die 50 größten Nichtregierungsorganisationen einen beträchtlichen
wirtschaftlichen Schaden auch beim mächtigsten Staat der Welt anrichten, wenn
sie ihre vereinigten Organisationsapparate auf einen Boykott der Produkte des
als Rechtsbrecher gebrandmarkten Landes und auf den Verzicht auf sämtliche
Investitionen dort ausrichten“. (S. 255)
Müller entwirft in diesem für den Rezensenten bislang
klügsten Buch zum Thema „Governance“ - und auch dem wichtigsten der Reihe
„Forum für Verantwortung“ - eine differenzierte Architektur für eine global
koordinierte Politik, die auf gemeinsam festgelegten Basisregeln (im Sinne
des Völkerrechts) fußt. Das heiße nicht unbedingt, dass alle Beteiligten sich
automatisch auf einen gemeinsamen Weg einigen, so der Autor, sondern das
Wichtigste seien Vorkehrungen dafür, „mit Konflikten dauerhaft so umgehen zu
können, dass Entscheidungen möglich werden und alle Streitparteien dem sich
auch fügen“ (S. 33). Mit anderen Worten: „Verlässliche Verfahren, die allen
Beteiligten so fair erscheinen, dass sie sich auf deren Ergebnisse auch dann
verlassen, wenn diese von ihren Präferenzen abweichen.“ (ebd).
Müller nennt vier Kriterien für das Gelingen: Die
Menschen müssen spüren, dass sich ihre Lage durch Einhaltung der Regeln
verbessert („Output-Legitimität“); die Regeln müssen annehmbar zustande
gekommen sein („Input-Legitimität“); sie müssen veränderbar sein und viertens
müssen die Betroffenen die „Regelgemeinschaft“ als angemessen akzeptieren.
Denn: „Ist die Feindschaft stärker als der problembedingte Leidensdruck, so
hilft die beste Regel der Welt nicht zu einer nachhaltigen
Problemlösung.“(ebd.) Müller führt drei Grundelemente für globales Regieren
aus:
Notwendig seien erstens der Umgang mit Verschiedenheit
(„Die Welt ist fragmentiert. Sie besteht aus 192 Staaten und mehr als 6000
Ethnien.“ S. 35) und die Abkehr von hegemonialem Denken nach dem Motto „Wir
sind im Besitz des Patentrezeptes“, etwa durch die Verbindung von
Marktwirtschaft und Demokratie als Weltideal („Es hat weder Sinn, anderen die
eigenen Vorstellungen für die geeignete Entscheidungsform aufzwingen zu
wollen, wenn man die Kooperation der anderen braucht. Noch führt es irgendwo
hin, wenn man glaubt, die ‘Guten’ könnten den ‘Bösen’ ihre eigenen
Entscheidungen aufzwingen.“ (S. 37) Müller, der u. a. als Abrüstungsexperte
für Kofi Annan gearbeitet hat, hält daher die UNO für das entscheidende
Gremium, und nicht etwa eine Vereinigung der Demokratien in einer Art
„globaler NATO“ (wie sie möglicherweise Büchele vorschwebt).
Zweitens sei ein offener „Streit um Gerechtigkeit“ nötig,
der alle Stimmen zu Wort kommen lässt. Gelinge es nicht, nach Maßstäben für
Gerechtigkeit zu suchen, die sich mit den „zentralen Maximen aller Kulturen“
vereinbaren lassen, so bleiben nach dem Konfliktforscher alle Regelungen
fragil, da die Angst überwiegt, andere würden sich nicht daran halten.
Der Zusammenstoß gegensätzlicher Ideen von Gerechtigkeit
sei überdies gefährlich, was die dritte Bedingung globalen Regierens,
verunmögliche, nämlich die „Verbannung des Krieges“. „Mit dem Geld, das eine politisch-rechtliche
Weltordnung freisetzen könnte, in der das Militär nur noch gemeinsam
definierte ´Polizeiaufgaben´ für das globale Gemeinwohl wahrnähme, ließe sich
vermutlich der größte Teil der Nachhaltigkeitsprojekte bestreiten.“ (H.
Müller , S. 47)
„Solange eine vierstellige Millionenzahl in
vermeintlicher Hoffnungslosigkeit vegetiert, kann der Rest nicht ruhig
schlafen; wem das schlechte Gewissen die Nachtruhe nicht stört, der sollte
aus Sicherheitsgründen wach bleiben. Weltsozialpolitik ist auch
Sicherheitspolitik.“ (H. Müller, S. 51)
In der Kriegsverhütung sowie der Unterbindung der Gefahr,
in einen Krieg hineingezogen zu werden, sieht Müller die zentrale Aufgabe
„jeglicher auf Nachhaltigkeit gerichteten Weltpolitik“. Das gegenwärtige
„Sicherheitsdilemma“ der Staaten, „entweder einem Angriff hilflos
gegenüberzustehen oder sich und andere in eine kostspielige und riskante
Rüstungsspirale zu treiben“, ist für den Autor die logische Folge der
Unordnung internationaler Beziehungen: „Jeder Staat ist auf die eigene Stärke
verwiesen, und das Miteinander-Konkurrieren vieler starker Staaten macht die
Welt nicht sicherer, sondern insgesamt gefährlicher.“ (S. 47) Dass die
Verteidigungshaushalte fast überall zu den drei bedeutendsten Posten der
öffentlichen Aufgaben zählen, zeige die „globalen Ausmaße dieser – gemessen
an der Aufgabe, Nachhaltigkeit zu schaffen – gigantischen
Mittelverschwendung“ (ebd.). Der Experte, der auch auf die regionalen
Konfliktherde der Welt eingeht, hält nichts von „imperialem Regieren“, die
kosmopolitische „Weltrepublik“ hingegen sei irreal und bleibe ein
Wunschtraum; das Konzept von „Global Governance“ weise in die richtige
Richtung, müsse aber durch Verrechtlichung gefestigt werden, was allein von
den in der UNO versammelten Staaten umgesetzt werden könne. Auf regionaler
Ebene sieht Müller – wie Büchele – auf allen Kontinenten zukunftsweisende
Bestrebungen, Konflikte nicht-militärisch austragen zu wollen, nicht nur in
Asien und Lateinamerika, sondern auch in Afrika, das zu Unrecht nur als
Kontinent des Scheiterns dargestellt werde. Die Menschheit habe, so der
Autor, vier Mittel der Steuerung erfunden: die Macht, den Markt, die Moral
und das Recht. Alle vier seien nötig, letztlich müsse aber global gültiges Recht
entwickelt werden. Den Nichtregierungsorganisationen falle hier – wie bereits
ausgeführt – eine herausragende Aufgabe zu, die ihnen noch zu wenig bewusst
sei: „Sie dürften die einzige Klasse von Akteuren sein, die auf die
Entscheidungen auch mächtigster Akteure Einfluss nehmen kann, ohne zugleich
das Gefüge der internationalen Beziehungen gefährlichsten Konflikten
auszusetzen.“ (S. 257) Ein Weltrechtssystem mit internationalen Gerichtshöfen
und Schiedsgerichtsstellen sowie einer Art „Welt-Polizei“, die aus den
gegenwärtigen nationalen Armeen unter Koordination der UNO („Blauhelme“)
zusammengesetzt sei, ist für Müller somit der realistischste Weg, zu einem
koordinierten nachhaltigen Weltregieren zu gelangen.
Hans Holzinger
Aus: pro ZUKUNFT 1/2008
Die Finanzmarktliberalisierung der letzten
Jahrzehnte brachten entgegen allen Versprechungen nicht Wohlstand für alle,
sondern ein Anwachsen der Kluft zwischen Reich und Arm sowie Instabilität, so
eine der zentralen Thesen dieses Buches, das sich zum Ziel gesetzt hat , „die
Funktionsweise der internationalen Finanzmärkte, ihre problematischen Seiten
sowie sinnvolle Lösungsvorschläge auf einem einfach zu verstehenden Niveau zu
diskutieren“ (S. 8). Ein Anspruch, der – es sei gleich vorweg gesagt –
bestens eingelöst wird. Der Band erschien Anfang August 2008 und konnte
daher den Beinahe-Zusammenbruch der Börsen und die weitreichenden staatlichen
Maßnahmen nicht mehr reflektieren. Umso erstaunlicher ist, dass die Krisen
ziemlich gut vorausgesagt werden und zumindest einige der zahlreichen
unterbreiteten Reformvorschläge nun offensichtlich aufgegriffen werden, etwa
die Forcierung der Bankenaufsicht, andere harren freilich noch immer der
Umsetzung, etwa die Unterbindung von Steueroasen oder die Eindämmung der
Spekulation durch eine Steuer. Was die AutorInnen des Bandes
diagnostizierten, ist mittlerweile zur Realität geworden: Der Glaube an die
Selbstregulierungskräfte des Marktes und an die Effizienz liberalisierter
Finanzmärkte wurde nachhaltig erschüttert. „Wurden die internationalen
Finanzmärkte zu Beginn der Aktivitäten von ATTAC (vor 10 Jahren, Anm. d.
Red.) noch mehrheitlich als Effizienz steigernde Rahmenbedingung für Politik
und Wirtschaft gesehen, so werden sie heute immer öfters als Einschränkung
nationalstaatlicher und internationaler Demokratie wahrgenommen, die die
wirtschaftliche und soziale Stabilität gefährden.“ (S. 9) Ob dies
längerfristig zu einschneidenden Maßnahmen führt, bleibt abzuwarten. Denn
bisher haben Finanzkrisen (die Weltbank zählt 166 Finanzkrisen seit 1980)
kaum zu konstruktiven Reformmaßnahmen beigetragen. Immerhin wird die
Tobinsteuer (Steuer auf Spekulationsgeschäfte) von einigen Staaten der EU
mittlerweile gefordert, was vor zehn Jahren noch belächelt wurde. Nun zu
ausgewählten Beiträgen des Bandes. Christian Schoder (Volkswirt)
und Sybille Pirklbauer (Politologin) erläutern zunächst die
Grundfunktionen und Hintergründe der globalisierten Finanzmärkte. Sie zeigen,
wie diese zunehmend zur sozialen Ungleichheit, zur Zerstörung der Umwelt und
zur wirtschaftlichen Ineffizienz beitragen. Deutlich wird, dass die
Finanzmärkte selbst zur Quelle von Profit wurden. Beleuchtet wird zudem die
Rolle mächtiger Hedge- und Private-Equity-Fonds und die Bedeutung des
Shareholder Values. Heute geht es nur mehr um kurzfristige Kurssteigerungen,
Dividenden haben bei dieser Aktienkultur (Shareholder-Value) nicht mehr die
Funktion, Signale für den Wert einer Aktie zu geben. Die freien Kapitalmärkte
haben aber auch grundlegende Auswirkungen auf die Pensionssicherungssysteme
in den Industrieländern, die vermehrt vom so genannten Umlageverfahren auf
das Kapitaldeckungsverfahren umgestellt wurden. Private Pensionsbeiträge
werden in großen Fonds auf den Finanzmärkten veranlagt und sind damit den
Risiken des fragilen Finanzsystems ausgesetzt. Kritik an dieser Praxis kommt
etwa vom Ökonomen David
Muhm in seinem Beitrag, weil diese auf weniger
gesellschaftlichem Ausgleich und vermehrter Risikoübernahme durch die
Individuen beruht. (vgl. S. 138f.) Frédéric Lordon (Ökonom) kommt
in seiner Analyse der Mechanik der Immobilienkrise zum (inzwischen
schmerzlich verifizierten) Schluss, dass sich die anfangs noch eher dosierten
Liquiditätshilfen seitens der US-Notenbank im Falle einer Ausweitung zur
„Systemkrise“, der zu einem allgemeinen Crash der Finanzmärkte führt, eine
massive Intervention des Staates unvermeidlich macht (vgl. S. 135). Konkrete Lösungsvorschläge Neben der berechtigen und fundierten Kritik
werden schließlich „Wege aus der Krise“ aufgezeigt. Ausgehend von der
Feststellung von Pirkelbauer/Schoder, dass die Liberalisierung der
Finanzmärkte die Krisen der letzen Jahre (Asienkrise 1998, Russland-Krise
1998) ausgelöst haben, lautet eine der zentralen Forderungen, die
Finanzmärkte wieder auf ihre ursprünglichen Aufgaben zurück zu führen.
„Demokratische Politik muss die Regeln für die Finanzmärkte bestimmen.“ (S.
38) Mögliche Lösungen umfassen ein ganzes Bündel an Maßnahmen, die Bandbreite
reicht von der Schließung der Steueroasen über eine Reform von Weltbank und
Währungsfond, die Einsetzung einer EU-weiten Finanzmarktaufsicht, bis hin zur
Genehmigungspflicht für Derivate, dem Verbot von Stock Options, der
gleichmäßigen Besteuerung von Arbeit und Kapital sowie einer Tobin-Steuer auf
internationale Finanztransaktionen oder grundsätzlich einer
Börsenumsatzsteuer bzw. Steuer auf alle Finanztransaktionen. Nicht zuletzt
wird der Umverteilung durch Steuern und der Wahrnehmung einer globalen
Solidarität das Wort geredet. („Wege aus der Krise“ von Sybille
Pirklbauer/Christian Schoder). So enthält der Band auch eine ausgezeichnete
Analyse über die Verschuldungsdynamik und ihre fatalen Auswirkungen für die
Entwicklungsländer (Karin
Küblböck / Cornelia Staritz). Die Beiträge sind wirtschaftpolitische Aufklärung
im besten Sinne des Wortes und bieten umfassende und verständliche Antworten
auf viele Fragen im Zusammenhang mit der Finanzkrise. Alfred Auer
Aus: pro ZUKUNFT
4/2008
„Auszeit statt Kündigung“,
mit diesem Slogan unterstrich die Unternehmensberaterin von
PriceWaterhouseCoopers, Christine Catasta, ihren Appell an
Unternehmen, im Zuge der aktuellen Wirtschaftskrise nicht vorschnell
qualifizierte MitarbeiterInnen abzubauen, sondern auf neue Arbeitszeitmodelle
zu setzen: Kurzarbeit, attraktive Teilzeitzeitlösungen oder eben befristete
Karenzen.[1] Sie
griff damit auf, was die Schweizer Journalisten Philip Löpfe und Werner
Vontobel in ihrem Buch „Arbeitswut“ als generelle Zukunftsstrategie
vorschlagen, nämlich die Arbeit auf mehr Schultern zu verteilen und damit
Arbeitslosigkeit auf der einen, Arbeitsstress auf der Anderen Seite
abzubauen. „Willkommen im Land der Arbeitswut. In einem Land, in dem die
einen mehr arbeiten als je zuvor, während die anderen ganz schlechte
Aussichten haben, überhaupt wieder Arbeit zu bekommen. Die einen da oben, die
anderen da unten.“ (S. 7) So beschreiben die beiden die Ausgangssituation.
Warum ist dies so? Die Hauptursache sehen Löpfe und Vontobel in
folgendem Widerspruch: „Die Arbeitszeit, die wir als Gesellschaft brauchen,
um unseren Lebensstandard zu sichern, wird immer weniger. Grund dafür ist die
nach wie vor wachsende Produktivität: Die Arbeitszeit, die der Einzelne
leisten muss, um sich im Unternehmen und in der Gesellschaft zu behaupten,
nimmt hingegen zu.“ (S. 11). Als Arznei gegen diese Arbeitswut plädieren die
Autoren für eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung. Dies sei nicht ganz
leicht, aber machbar. „Um den
Lebensstandard der modernen Gesellschaft zu sichern, genügt eine
durchschnittliche Arbeitszeit von 25 Stunden in der Woche. Um unseren Arbeitsplatz
zu sichern rackern wir jedoch 40 Stunden und mehr.“ (S. 11) Wir würden einerseits immer
produktiver, entwickeln neue Produkte und können immer billigere Produkte aus
dem Ausland einkaufen. Zugleich seien die Löhne nicht mehr gestiegen, dafür aber
der Stress, die Unsicherheit sowie die Einkommens- und Vermögensunterschiede.
Das Angebot billiger Arbeitskräfte in den neuen Schwellenländern könne dafür
nicht als einzige Erklärung herhalten, sind Löpfe/Vontobel überzeugt.
Das Überangebot an Arbeit komme in erster Linie aus dem technischen
Fortschritt. Dieser habe dazu geführt, dass wir die heute notwendige Arbeit
mit einer 25 bis 30-Stundenwoche bewältigen könnten. „Als Mitte der
60er-Jahre in Deutschland die 40-Stunden-Woche eingeführt wurde, brauchte ein
durchschnittlicher Beschäftigter 100 Stunden, um Güter und Dienstleistungen
im (heutigen) Wert von 1000 Euro herzustellen. Dank des technologischen
Fortschritts schafft er heute dasselbe in 30 Stunden. Dennoch redet man heute
wieder von der 44- oder gar der 48-Stunden-Woche.“ (S. 139) Die Berechnung der Autoren:
Gemäß dem Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesagentur für
Arbeit sind 2006 in Deutschland insgesamt 56,12 Mrd. Stunden bezahlte Arbeit
geleistet worden. Verteilt man dieses Arbeitsvolumen auf die rund 50
Millionen Deutschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 65, so ergibt
sich eine jährliche Arbeitszeit von 1222 Stunden. Verteilt auf 46
Arbeitswochen sind das 24,4 Wochenstunden. Für die Schweiz sieht die
Situation ähnlich aus: 2006 wurden 6,46 Mrd. Arbeitsstunden geleistet.
Verteilt auf die 4,6 Mio. 20- bis 65-Jährigen macht das 1404 Jahresstunden
bzw. 29 Wochenstunden bei 48 Arbeitswochen. Wenn man – wie etwa der
Think-Tank „Avenir Suisse“ fordert – das Rentenalter auf 71 Jahre erhöht,
reichen auch 25 Stunden. Die gesellschaftlich akzeptierte Normarbeitszeit
betrage aber immer noch 40 Stunden oder mehr. Das Schrumpfen der
Arbeitszeit müsse politisch bewältigt werden, genau dies geschehe aber nicht,
kritisieren Löpfe/Vontobel. Mehr denn je klammerten sich Ökonomen,
Politiker und Gewerkschafter an der Illusion fest, das man die Menschen „in
Arbeit bringen“ könne, wenn man nur die Löhne genügend senkt und den
Arbeitsmarkt flexibilisiert. Ein Rückgang der Jobs sei zwar eine
Begleiterscheinung steigender Löhne. Beides habe aber eine gemeinsame
Ursache: steigende Produktivität. So liege es nahe, die Arbeit besser zu
verteilen anstatt Arbeitslosigkeit zu finanzieren und zugleich die Löhne zu
drücken. Denn im Schnitt nehme die geleistete Arbeitszeit pro Einwohner im
Jahr um 0,6 Prozent ab – nur ungleich verteilt: die einen arbeiten zu viel,
die anderen haben gar keine Arbeit. „Die Arbeitslosen
haben zwar ein Problem, aber sie sind nicht das Problem. Ökonomisch
verursachen die Menschen, die zu viel arbeiten und zu wenig konsumieren,
einen viel größeren Schaden, denn sie machen nicht nur den Nachbar zum
Bettler. Sie bedrohen auch sich selbst mit Arbeitslosigkeit und erhöhen ihre
Steuerlast. Irgendjemand muss schließlich die Arbeitslosen- und Sozialhilfe
bezahlen.“ (S. 16) „Mehr Geld und
Konsum erhöhen die Zufriedenheit der Menschen weit weniger als mehr Zeit mit
Freuden und Familie. Eine Verringerung der Arbeitszeit ist somit die optimale
Rendite, die der Homo oeconomicus aus einer immer produktiver werdenden
Wirtschaft erzielen kann.“ (S. 23) Die heutige
Arbeitszeitregelung passe, so sind Löpfe/Vontobel überzeugt, nicht
mehr zu unserer hochproduktiven Wirtschaft. Und sie passe noch weniger zu
unserer ökologisch überstrapazierten Erde. Es sei Aufgabe der Politik, die
Arbeitszeitverkürzung umzusetzen. Dabei müsse nicht notwendigerweise die
starre 25-Stundenwoche eingeführt werden, Kürzer-Arbeiten solle jedoch
finanziell belohnt und die Normarbeitszeit schrittweise reduziert werden. Gefördert
werden sollen Modelle, die einen „vorübergehenden oder teilweisen Ausstieg
aus dem Erwerbsleben erleichtern“ (S. 154). Denn: „Die Frage ist nicht, ob
wir die 25-Stunden-Woche wollen, sondern wie wir sie wollen“, sind
Löpfe/Vontobel überzeugt. Sie fordern als weitere flankierende Maßnahmen zur
Stärkung der ArbeitnehmerInnen einen gesetzlichen Mindestlohn (“Arbeiten, für
die niemand einen anständigen Lohn zahlen will, sind es nicht wert, gemacht
zu werden.“, S. 154) sowie einen gut ausgebauten Sozialstaat. Letzteres sei
eine wichtige Voraussetzung dafür, „dass sich die Arbeitnehmer so verhalten
können, wie es das Drehbuch der reinen Marktwirtschaft vorsieht. Sie müssen
auch mal Nein sagen können, wenn ihnen ein zu niedriger Lohn angeboten wird.“
(S. 146) In langfristiger Perspektive
plädieren die Autoren für ein bedingungsloses Grundeinkommen, da nur dieses
eine der postindustriellen Gesellschaft adäquate „Arbeitskultur“ ermögliche
und finanziell absichere, was bereits jetzt die Mehrheit der Arbeit ausmache,
sorgende und kulturelle Tätigkeiten. Ihr Befund: „Die Erwerbsarbeit
dominiert, dennoch arbeitet nur ein Drittel der Menschen im Sinne von
Erwerbsarbeit.“ (S. 149) Ähnlich der Studie zur
„Halbtagsgesellschaft“ von Axel Schaffer und Carsten Stahmer,
vorgestellt in Pro Zukunft 2007/2, bietet das vorliegende Plädoyer für das
Weniger-Arbeiten einen konstruktiven Ausweg aus dem doppelten Dilemma der
spätindustriellen Gesellschaft: Ökologisch kontraproduktives
(Konsum)-Wachstum um jeden Preis forcieren zu müssen und dennoch
Arbeitslosigkeit zu produzieren. Nicht zuletzt würden die hier gemachten
Vorschläge auch die Position von Gewerkschaften und ArbeitnehmerInnen wieder
stärken. Hans Holzinger
Erscheint
in: pro ZUKUNFT 1/2009
Nach den „50 Vorschlägen für eine
gerechtere Welt“, 2006 erschienenen, von der Kritik hoch gelobt und breit
rezipiert [das Buch liegt bereits in 6. Aufl. vor] geht Christian Felber
nunmehr der Frage nach, woran die Umsetzung dieser gerechtern Welt (bisher?)
scheitert. Gleich eingangs macht er vor allem „das Gewinninteresse mächtiger
Konzerne“ als zentrales Hindernis aus, dem die Politik willfährig diene. Wer
nun erwartet, dass der Autor, die ideologische Keule schwingend, über mehr
als 300 Seiten sich an übermächtigen Gegnern abarbeitet, wird aufs
Angenehmste überrascht. Was Christian Felber in diesem Buch bietet, ist eine
brillante, von leidenschaftlicher Sachlichkeit geprägte Dekonstruktion der
Werte des Kapitalismus. Doch damit nicht genug: Der darauf aufbauende Entwurf
einer Gemeinschaftsökonomie vermisst die Konturen einer nicht nur möglichen,
sondern auch machbaren gerechteren Welt mit einem Mehr an
Selbstbestimmung und Solidarität.
„Die Werte der
Wirtschaft widersprechen den Werten des Lebens und der Gemeinschaft. Der
Vorrang für das Finanzkapital zerstört das ökologische und das Sozialkapital
– und die Menschenwürde.“ (Chr. Felber, S. 10) Doch vorab zur Ausgangslage:
Freiheit und Glück, die zentralen Versprechen des Kapitalismus, werden nicht eingelöst.
Die von ihm propagierten und praktizierten Tugenden, so der Autor, sind
Leistung, Konkurrenz, Effizienz, Gewinn und Wachstum. Werte also, die unseren
demokratischen und humanistischen Grundwerten Freiheit (Selbstbestimmung),
Gleichheit (Gerechtigkeit) und Brüderlichkeit (Solidarität) widersprechen und
die gesellschaftlichen Fundamente wie Verantwortung, Vertrauen und Mitgefühl
zerstören. Freiheit, das größte Versprechen aller Utopien, kommt im
Kapitalismus neoliberaler Ausprägung nur den Wohlhabenden zu, diagnostiziert
Felber, und wählt zur Erläuterung des so genannten „Trickle-down-Effekts“ die
einem Berater Ronals Reagans zugeschriebene „Pferdeäpfeltheorie“: Demnach
würden Spatzen auch noch in den Exkrementen der Vierbeiner Hafer finden. Dass
hingegen die „Wohlgenährten“ immer kräftiger werden, macht Felber mit dem
Hinweis auf das Prinzip des „sinkenden Aneignungswiderstandes“ deutlich,
wonach die erste Million zwar schwer zu verdienen ist, die weiteren aber
immer leichter hinzukommen. Sein Gegenvorschlag: 10 Mio. Euro an
Privateigentum sind genug, und Einkommen sollten nicht mehr als um das
20fache auseinander liegen!). Stress, Zeitnotstand, mangelnde
Mitbestimmung und auch das schale
Versprechen der „Konsumfreiheit“ („das neue Volksopium“) – sie alle stünden
dem Versprechen auf Freiheit (als Selbstbestimmung) entgegen. An „akutem
Autismus“ leidend, zehre der Kapitalismus zudem auch das globale ökologische
Kapital auf. Zusammen gesehen, alle andere als eine Erfolgsbilanz!
Sachlich, pointiert und
ausgestattet mit einer erstaunlichen Fülle von Referenzen, enttarnt der Autor
in den folgenden Kapiteln weitere „Ikonen“ des Wettbewerbs neoliberaler
Prägung: Erfolg – so die Befunde in Kürze - wird gleichgesetzt mit
Gewinnmaximierung, das Streben nach Eigennutz schwächt den (sinnvollen)
Wettbewerb zugunsten des Gemeinwohls. Wettbewerb ist nicht Bedingung für
Leistung, Effizienz und Innovation, sondern steht ihnen entgegen. Achtung,
Anerkennung und Kooperation motivieren mehr als Konkurrenz. Leistung ist im
gegenwärtigen System vor allem auf die Erzeugung eines
„Geldwert-Warenberg-Unwohlstandes“ zugeschnitten, während gesellschaftlich
maßgelbliche Tätigkeiten (Familienarbeit, Eigenarbeit, Pflege, Sozial- und
Kulturarbeit) als minderwertige Leistung angesehen (und schlecht[er] bis gar
nicht entlohnt würden. [Felber tritt dafür ein, Vermögen stärker als Arbeit
zu besteuern und begründet dies mit einem geradezu ungeheuerlichen Beleg
dafür, dass Einkommen und Leistung vielfach nichts mit einander zu tun haben:
Mit einem Stundenlohn von
700.000 USD kassieren die heute bestbezahlten Hedge-Fonds-Manager mehr als
das 135.000-fache einer Mindestlohnbezieherin, die mit 5,15 USD abgespeist
wird (S. 150). Wettbewerbsfähigkeit, ein weiterer Leitbegriff, mag für
konkurrierende Unternehmen Sinn machen, nicht aber für Staaten. Mit der
Verfolgung des Ziels nationaler Standortsicherung werde der „Standort Erde“
zum Verlierer. Das Lissabon-Ziel der EU bezeichnet Felber überspitzt, aber in
letzter Konsequenz auch diskussionswürdig als friedensgefährdend (S. 172).
Auch die
Chancengleichheit sieht der Autor als
Mythos und Konstrukt an, um den „ männlichen Konkurrenzkapitalismus zu
legitimieren“. Verwirklicht würde sie nur, wenn Erwerbs- und Lebenssphären
für Alle besser mit einander in Einklang gebracht und auch im globalen
Maßstab eine ökologische Gerechtigkeit verwirklicht würde. Und wie steht es
um die viel gepriesene und permanent strapazierte Eigenverantwortung?
Dahinter verbirgt sich, so Felber, ein „Dauerfeuer von Imperativen“, das uns
auffordert, uns bestimmte Fähigkeiten und Qualitäten anzueignen, fast schon
bestimmte Charakterzüge anzunehmen“ (S. 197). Dass dies im Klartext nicht
Freiheit, sondern Unterwerfung bedeutet, ist eine der vielen scharfsichtigen
und treffenden Beobachtungen, die den Autor und diesen Titel kennzeichnen.
Dazu zählen aber auch
kritische Anmerkungen zur viel beschworenen Macht der KonsumentenInnen, die
der Autor mit der „Freiheit des Vogels im Käfig“ vergleicht. Selbst unter der
Annahme, dass sie gut informiert und kaufkräftig sind, würden aufgeklärte und
ethisch motivierte BürgerInnen sich doch nur am „reichlichen Buffet“ mit
Bedacht bedienen, ohne aber auf die dahinter liegenden Strukturen Einfluss
nehmen zu können (eine These, die wohl nicht ungeteilte Zustimmung finden
wird). Dass schließlich auch die soziale Verantwortung in einem System zu
kurz kommt, das es Unternehmen erlaubt, „der Gewinnmaximierung zu frönen, die
Menschenwürde zu untergraben und das Gemeinwohl außer Acht zu lassen“ (S. 222),
ist hingegen wohl schwer zu entkräften. Um hier gegenzusteuern plädiert
Felber für die Entwicklung und Umsetzung verbindlicher Standards (und hegt
massiven Zweifel an der Wirksamkeit von freiwilligen CSR-Maßnahmen oder
„Global Compact“-Vereinbarungen). Wo „soziale Verantwortung“ zu einem „Tool“
zur Steigerung von Gewinnen verzweckt wird, „ist sie tot“. Anders formuliert:
„Strategische Menschlichkeit ist das Ende der Menschlichkeit.“. (S. 237)
An Stelle des „heillosen Gegeneinander“, das auf die
destruktive „Funktionslogik
neoliberalen Wirtschaftens zurückgeführt wird, wird für eine
Gesellschaft geworben, die Konkurrenz durch Kooperation und
(Natur-)Zerstörung durch Verbundenheit ersetzt. Empathie und Mitgefühl wären
nicht nur „eine wirksame Sozialversicherung“ (S. 251), sondern Grundlage für
eine (Welt)Gesellschaft, die sich folgende Ziele zu Eigen macht (S. 261ff.):
Eine Form des Wirtschaftens und der Bedürfnisbefriedigung ohne
Wachstumszwang; ökonomische Freiheit, die nicht auf Kosten anderer geht; Unternehmen,
die nicht dem Gewinn, sondern der Gemeinwohl verpflichtet sind; freiwillige
Formen der (wirtschaftlichen) Kooperation, die Menschen motivieren; Nähe und
Vielfalt vor Distanz und Vereinheitlichung; ökologische Verantwortung;
konsequente Umsetzung von Eigenverantwortung (= Durchsetzung des
Verursacherprinzips); Förderung von Gemeinschaftseigentum – das sind einige
der Leitplanken auf dem Weg zu dem vom Autor abschließend beworbenen Modell
der „Modernen Allmende“: In allen öffentlichen Unternehmen sollten – einem
4-blättrigen Kleeblatt vergleichbar – Beschäftigte, NutzerInnen,
VertreterInnen der öffentlichen Hand und ein Gender-Gremium ein demokratisch
legitimiertes Leitungsgremium bilden. Re-Politisierung und Mitbestimmung
wären die Folge.
„Wir sollten uns dagegen wehren, dass unser Lohn, unsere soziale
Sicherheit, unser Arbeitsplatz, unsere Lebens- und Umweltqualität und unsere
Würde plötzlich eine Gefahr für die Standortsicherheit darstellen und dass
die demokratischen Errungenschaften der letzten 1500 Jahre nun wieder
wackeln, weil sie dem Gott der Wettbewerbsfähigkeit nicht gefallen.“ (Chr. Felber, S. 165f.) Wo mündige BürgerInnen diese
Ziele zum Teil schon leben und einfordern und der Staat sie fördert, sind
Selbstbestimmung, Gerechtigkeit und Solidarität vielleicht weniger fern, als
dies gegenwärtig erscheint. Auch wenn zentrale Fragen – Wie etwa soll ein
global gerechter Ausgleich auf Basis einer regional ausgerichteten Ökonomie
realisiert werden? – an dieser Stelle offen bleiben: Mit diesem Buch hat
Christian Felber einen nicht zu übersehenden Wegweiser in Richtung einer
gerechteren und vor allem lebenswerteren Welt vorgelegt. Am besten Sie
überzeugen sich selbst.
Walter
Spielmann
Aus: pro ZUKUNFT
1/2008
Ausgerüstet mit Rucksack, Audio- und Videorecorder, vor
allem aber ausgestattet mit Weltoffenheit, sozialem Engagement und Neugier
haben sich Jan Holzapfel, Tim Lehmann und Matti Spieker auf die Reise
gemacht: 2005 initiierten sie das Projekt „Expedition WELT – Dialog für
nachhaltige Entwicklung“. Nach einem Jahr intensiver Vorbereitung, in dem das
Vorhaben bereits mit Auszeichnungen und öffentlichen Zuwendungen bedacht
wurde und Sponsoren gewonnen werden konnten, ging es auf „große Tour“: 85.000
km durch 25 Entwicklungsländer legten die drei Journalisten in achteinhalb
Monaten zurück, um nicht weniger als 33 „Sozialunternehmer“ – der
prominenteste unter ihnen ist Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunnus – zu
treffen, mit ihnen zu sprechen, ihre Projekte und Motive kennen zu lernen und
darüber auch in Form von Internet-Foren mit deutschen Schulen zu berichten.
Ein sorgfältig gestalteter, mit zahlreichen Fotos, in „Info-Boxen“
zusammengefassten, mit weiterführenden Informationen versehener und vor allem
auch durch persönliche Reiseeindrücke ansprechend aufbereiteter Band
dokumentiert diese außergewöhnliche Reise, die über den indischen
Subkontinent und Südostasien nach Zentral- und Südamerika schließlich nach
Afrika zurück nach Deutschland führte. Die dabei gewonnenen Erfahrungen
werden auf lebendige und authentische Weise vermittelt: Ob vom Einsatz für bessere „Lebensbedingungen der
Minenarbeiter in der Wüste Thar, von „Hole in the Wall“, dem von Sugatra
Mitra indizierten Computer-Projekt für indische Kinder, oder der von Rakesh
Jaiswal gegründeten Initiative „Eco Friends“, die sich dem Kampf für sauberes
Wasser im Ganges verschrieben hat, die Rede ist. Dem Engagement für gerechte
Arbeitsbedingungen, für Bildung und Entwicklung sowie für angemessene
ökologische Lebensbedingungen in Indien liegen im Grunde dieselben Motive und
Ziele zugrunde wie allen anderen geschilderten Projekten auch. Denn so
unterschiedlich sie im Einzelnen auch sein mögen, so ähnlich sind doch die
Anliegen der Menschen, die als „SozialunternemerInnen“ vor allem eines
bewegt: Sie sind nicht bereit, sich mit den Lebensbedingungen der Besitzlosen
und Ausgegrenzten abzufinden; sie vertrauen nicht auf die Versprechen der
Mächtigen, die nur zu oft eine grundlegende Verbesserung der Lebensbedingungen
in Aussicht stellen, aber sich doch am Elend Zigtausender mit schuldig
machen. Ausgestattet mit einem hohen Werte-Bewusstsein und Beharrlichkeit,
ausgeprägtem Intellekt und Menschenliebe schaffen sie Außerordentliches: Ob
Unterkünfte und Ausbildungsstätten für Straßenkinder in Hanoi, der Kampf
gegen Menschenhandel in Thailand, ein Zirkusprojekt für gewalttätige
Jugendliche in Mexico City oder der Einsatz für Waisenkinder in Südafrika:
Porträtiert werden die Motive und Visionen, die diese Pioniere sozialen
Wandels motiviert, geschildert werden ihre Erfolge, benannt werden aber auch
Hindernisse und persönliche Einschränkungen, die sie auf sich zu nehmen
bereit sind. Dass sie für ihren Einsatz mehr als nur entschädigt, sondern
tausendfach belohnt werden, soll, so ein erklärtes Ziel des Autorentrios,
auch andere anstiften, sich unmittelbar für Menschen und Projekte in den
Ländern des Südens zu engagieren. Wer immer sich dafür interessiert, findet in diesem Buch
oder auch auf www.praktika.expedition-welt.de zahlreiche einschlägige
Empfehlungen. Könnte es sein, dass immer mehr junge Menschen sich mit dem
vermeintlich Unveränderlichen nicht abfinden wollen, herkömmliche persönlich
wie auch gesellschaftlich als erstrebenswert angesehene Ziele wie materiellen
Wohlstand und Spaß um (fast) jeden Pries zunehmend infrage stellen und ihr
Leben vor allem sinnvoll gestalten wollen? Dieses Buch ist ein starkes Indiz
dafür. Walter
Spielmann
Aus: pro ZUKUNFT 4/2008
Um 2050 werden in den Wohlstandsländern
Europas – vor allem in Deutschland und Österreich – mehr als die Hälfte der
BürgerInnen älter als 60 Jahre alt sein. Der Weg in die Seniorengesellschaft
ist vorgezeichnet und eine durchschnittliche Lebenserwartung von dann 80 bis
85 Jahren könnte – so sollte man meinen – als historisch einzigartiger
Zuwachs an Lebensqualität begrüßt werden. Doch dem ist keineswegs so: Auch
wenn Trendforschung und Werbung „die Alten“ entdecken und das Wort von der
„Silbernen“ oder „Goldenen Generation“ die Runde macht, geht die Angst vor
dem Älterwerden um.
Heiko Ernst, Chefredakteur der
renommierten Zeitschrift Psychologie heute, legt in diesem sachlich
fundierten und doch allgemein verständlich formulierten Buch eine Empfehlung
(und doch alles andere als eine Gebrauchsanweisung) für das Gelingen des „dritten Lebens“, die
Zeit nach Kindheit, Jugend und Erwerbstätigkeit, vor. Denn anders als die
übliche Ratgeberliteratur, die in zahllosen Facetten Wellness für Körper und
Geist propagiert, fragt der Autor grundsätzlich nach dem Sinn eines
verlängerten Lebens und plädiert für die Entwicklung von „Generativität“, die
der dänisch-amerikanische Psychoanalytiker Erik H. Erikson als „zeugende und
kreative Fürsorge“ definierte. Heiko Ernst begreift Generativität als „das
psychologisch-kulturelle Äquivalent zur physischen Nachhaltigkeit“, die
„nicht nur auf den Erhalt, sondern auf die Verbesserung der zivilisatorischen
Errungenschaften, der Kultur und damit der Lebensbedingungen künftiger
Generationen zielt“ (S. 46). Vor allem im Prozess der Bildung zugrunde
gelegt, ziele Generativität in ihrem Kern darauf, jenseits der eigenen
biologischen Existenz und der Zeugung von Nachkommen auf dieser Welt eine
dauerhafte Spur zu hinterlassen. Um am „Nachmittag des Lebens“ nicht in
Selbstüberschätzung oder Stagnation zu schlittern, biete die dezidierte
Entwicklung von Fürsorge im Sinne von „Welt-Interesse“ und „Welt-Zuwendung“
nicht nur die Möglichkeit, „nachhaltig“ auf Individuen oder Institutionen zu
wirken. Generativität trage vielmehr als „zentrale Tugend des
Erwachsenenalters ihren Lohn in sich“, bedeute sie doch einen „Zugewinn an
psychischem und sozialem Wohlbefinden und seelische Gesundheit für den ‚Rest
des Lebens’“ (S. 88). Generativität zu praktizieren, sei jedoch keine Selbstverständlichkeit
sondern ein Lernprozess, in dem es darum geht, von sich selbst absehen zu
können, um zugleich in der Rolle des Lehrers, Mentors, als „keeper of the
meaning“ glaubwürdig zu sein.
Dem Autor geht es, wie gesagt,
nicht um eine „Bedienungsanleitung“ für eine neue Welt jenseits der
Spaßkultur, doch lässt er uns, gewissermaßen sich selbst vergewissernd, an
einem Erkundungsprozess teilnehmen, etwa wenn er über „Metafähigkeiten“ als
„Maximen gelingender Selbststeuerung“ nachdenkt: Zu ihnen zählt er
existenzielle Geduld, um die eigene Identität an neue Gegebenheiten
anzupassen; Autonomie als Ausdruck der Gelassenheit und inneren Reife;
Verantwortung für das eigene Tun sowie die Fähigkeit, Unsicherheit (auch) als
Tugend zu erkennen.
"Der Sinn des langen Lebens besteht darin: es ist die Zeit,
etwas zurückzuzahlen für all das, was man an Lektionen, Erfahrungen und
Ressourcen von der Gesellschaft erhalten hat. In dieser Betrachtungsweise
sind die Älteren nicht mehr nur bestaunte Sonderfälle, mitunter auch lästige
Kostgänger und Außenseiter, sondern lebendige Brücken zwischen dem Gestern,
dem Heute und dem Morgen." (H. Ernst, S. 244f.) Im „dritten Alter“ steht, so
Heiko Ernst, der grundlegende Umbau der Psyche an, geht es doch um die die
Neudefinition der Identität, von Leistung, Intimität und Kreativität und
nicht zuletzt die intensive(re) Suche nach dem Sinn des Lebens. All das
„mündet schließlich in der generativen Frage: Was ist unser Beitrag, unser
Vermächtnis? Was haben wir getan, was können wir noch tun, um aus dieser Welt
einen besseren Ort zu machen?“ (S. 126) Eine in allen Kulturen geübte
Herausforderung und Praxis, gewiss, und doch alles andere als
selbstverständlich: Wenn etwa in Anbetracht gestiegener Lebenserwartung
Sechzigjährige plötzlich zu „Eltern ihrer Eltern“ werden und zugleich den
stetigen Schwund der eigenen Lebenskräfte erfahren, kann es schwer fallen,
für die eigene „symbolische Unsterblichkeit zu sorgen“ (S. 135). Im Kontext
der Wiederentdeckung des Religiösen als Teil der „Arbeit an der
Unsterblichkeit“ erscheint Generativität als „der existenzielle Schlussstein
im Lebensbogen“ (S. 143). Wie schon Plato erkannte, stehen dem Menschen
grundsätzlich drei Wege zur Erlangung potenzieller Verewigung offen:
künstlerische Ideen und Objekte, handwerkliche oder praktische Erfindungen
sowie schließlich Weisheit und Tugend, die sich u. a. in der Verbesserung
sozialer Institutionen niederschlagen können (vgl. S. 187).
Generativ zu handeln, so Heiko
Ernst in einem abschließenden Blick auf das Leben der nach uns Kommenden,
„bedeutet per definitionem die Abkehr von einem Lebensstil, der auf
Selbstzentrierung und den damit verbundenen Obsessionen wie zwanghaftem
Konsum oder Gesundheitsfetischismus gründet“ (S. 201). Generativität bedeute
Kreativität bei der Erfindung neuer Lebens-Mittel, etwa durch die
Berücksichtigung von Grundrechten kommender Generationen. Mit dem Verweis auf
nicht weniger als 196 Bürgerstiftungen, die es 2007 alleine in Deutschland
gab, macht der Autor auf das positive Potenzial generativen Handelns
aufmerksam, benennt aber auch die Perversion dieser Idee, wie sie etwa in
Diktaturen praktiziert wurde und wird.
„Könnte Weisheit“, so Heiko
Ernst abschließend, „eine Schlüsseleigenschaft in dem Sinne sein, dass sie
Generativität stimuliert und begünstigt, indem sie als eine Geisteshaltung,
vorverlegt’ und auch schon im mittleren Alter oder noch früher ‚anwendbar’
wird?“ (S. 241) Weisheit bedeute auch, mit Widersprüchen und Unsicherheiten
zu leben, auch und gerade im „dritten Alter“. Im Blick auf die unendlich
vielen Facetten erfüllender Generativität – ob im Kleinen oder Großen – ist
dies alle Mal besser als der vielfach beschworene „Ruhestand“. Ein Buch, das
mutmaßlich eine der wichtigsten Zukunftsherausforderungen intelligent und humorvoll
auslotet und dem daher viele LeserInnen zu wünschen sind.
Walter
Spielmann
Aus: pro ZUKUNFT
2/2008 |
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