Top Ten der Zukunftsliteratur 2008

 

 

 

 

 

 

 

 

 Empfohlen von der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen (JBZ)

 

Die Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg dokumentiert aktuelle Zukunftsliteratur vornehmlich des deutschen Sprachraums und stellt diese in ihrer Zeitschrift pro ZUKUNFT vor.  An die 200 aktuelle Titel werden jährlich analysiert und bewertet. Mit den Top Ten der Zukunftsliteratur hebt das aus Alfred Auer, Hans Holzinger und Walter Spielmann bestehende JBZ-Team „zehn wichtigste Neuerscheinungen“ des Jahres, die „gesellschaftliche Entwicklungen kritisch reflektieren und neue Zukunftsperspektiven eröffnen“, besonders hervor.

Die Top Ten der Zukunftsliteratur werden nach fünf Kriterien bewertet: 1. Gesellschaftliche Brisanz (Aktualität, Dringlichkeit), 2. Innovation (neue Ansätze, Originalität) 3. Lösungsansätze (konkrete Handlungsvorschläge, Beispiele), 4. Fakten (wichtige Daten) sowie 5. Lesefreundlichkeit (Zugang für breiteres Publikum, Lesevergnügen).
Maximum: 10 Punkte pro Kriterium.

Die für 2008 ausgewählten Bücher beziehen sich auf globale Zukunftsentwicklungen,  Methoden der Zukunftsforschung, Perspektiven der Nachhaltigkeit und neue Wohlstandsmodelle, auf Vorschläge zur Regulierung der internationalen Finanzmärkte und für eine neue Arbeitszeitpolitik sowie auf zivilgesellschaftliches Engagement.

Tipp 1: In „2008 State of the Future“ (UN-Millennium Project), der einzigen englischsprachigen Publikation in der Wertung, werden fünfzehn globale Herausforderungen von nachhaltiger Entwicklung und Klimawandel über Bildung und Gesundheit bis hin zu Partizipation und Demokratie vorgestellt und konkrete Handlungsaufforderungen – nach Kontinenten gegliedert – benannt.

Tipp 2: Die Vielfalt von keimenden Neuansätzen einer „nachhaltigen Marktwirtschaft“ insbesondere aus den USA sind nachzulesen in dem federführend vom „Worldwatch Institute“ herausgegebenen und von der Heinrich Böll-Stiftung sowie Germanwatch ins Deutsche übertragenen Band „Zur Lage der Welt 2008“ (Westfälisches Dampfboot).

Tipp 3: „Gastrecht für alle“, „ökologischer Wohlstand“, „Gesellschaft der Teilhabe“ sowie „Die ganze Wirtschaft“ lauten die Leitbilder des vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie herausgegebenen Grundlagenwerks „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt“ (Fischer TB), das einen Kurswechsel in Richtung Nachhaltigkeit aus deutscher und europäischer Sicht beschreibt.

Tipp 4: Der nicht weniger umfassend angelegte, vom Zentrum für Zukunftsstudien in Salzburg aus Anlass des 70. Geburtstags von Rolf Kreibich herausgegebene Band „Zukunftsforschung und Zukunftsgestaltung“ (Springer) wiederum gibt einen ausgezeichneten Einblick in die theoretischen wie praktischen Ansätze der Zukunftsforschung im deutschsprachigen Raum.

Tipp 5: Es gibt keine Nachhaltigkeit ohne gewaltfreie Lösung von Konflikten. Differenzierte Wege einer Politik der Verständigung zwischen den Kulturen und Kontinenten zeichnet der Friedensforscher Harald Müller in dem in der Reihe „Forum für Verantwortung“ erschienenen Band „Wie kann eine neue Weltordnung aussehen?“ (Fischer TB).

Tipp 6: Aus der Vielzahl an aktuellen Büchern zur Finanzkrise ausgewählt wurde der von Attac Österreich herausgegebene Band „Crash oder Cash“ (ÖGB-Verlag), der die Krisenphänomene der deregulierten Finanzwirtschaft anschaulich erklärt und nicht weniger als 24 Vorschläge zur Umsteuerung unterbreitet.

Tipp 7: „Kurzarbeit statt Kündigung“ wird als ein möglicher Weg für Unternehmen angesichts der drohenden Rezession empfohlen. Zur gesamtwirtschaftlichen Strategie erheben diese Forderung Philipp Löpfe und Werner Vontobel in „Arbeitswut“ (Campus) indem sie daran erinnern, dass unsere hochproduktive Wirtschaft es nahe legen würde, weniger zu arbeiten, um das verbleibende Arbeitsvolumen auf mehr Schultern zu verteilen.

Tipp 8: Eine Vielzahl an Vorschlägen zu einem grundlegenden Wandel des Wirtschaftens, das wieder den Menschen in den Mittelpunkt stellt, unterbreitet Christian Felber in dem Band „Neue Werte für die Wirtschaft“ (Deuticke), der wegen seines Mutes zum Visionären ausgewählt wurde.

Tipp 9: Die beiden letzten in die Wertung aufgenommenen Bücher verbinden Generationen. Die Jungautoren Jan Holzapfel, Tim Lehmann und Matti Spieker beschreiben in „Expedition Welt“ (Ökom-Verlag) Menschen in aller Welt, die etwas bewegen, darunter auch viele der jüngeren Generation.

Tipp 10: Heiko Ernst wiederum erinnert in „Weitergeben“ (Hofmann und Campe) daran, dass Nachhaltigkeit auch bedeutet, Erfahrungen zwischen den Generationen zu teilen und Spuren auch jenseits der eigenen physischen Existenz zu hinterlassen.

Hier finden Sie die Punktebewertung sowie die ausführlichen Besprechungen der Top Ten der Zukunftsliteratur 2008 (Druckversion).  Die prämierten Bücher und mehr als 14.000 weitere Titel stehen in der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen für Interessierte bereit.                 

                        

 

 

Tipp 1:

Glenn, Jerome C.; Gordon, Theodore J.; Florescu, Elizabeth:

2008 State of the Future. The Millennium Project. World Federation of UN Associations. Washington, D.C.:

WFUNA, 2008. 104 S. + CD, $ 49,95; ISBN 978-0-9818941-0-2

 

 

 

Im Laufe von 12 Jahren haben etwa 2500 Menschen aus aller Welt mit dazu beigetragen, das federführend von Gerome C. Glenn verantwortete Millennium Project „State of the Future“ zu gestalten. Nicht weniger als 229 ExpertInnen aus Wissenschaft, Politikberatung, Wirtschaft und verschiedenen NGOs, die von derzeit 39 Netzwerk-15 Global Challenges (aus , S. 10) Knoten in aller Welt koordiniert werden, haben an der Ausgabe 2008 mitgewirkt. Das Ergebnis kann sich wahrlich sehen lassen und unterstreicht die These, dass die Bündelung kollektiver Intelligenz der wohl einzig zielführende Weg zur Lösung der globalen Herausforderungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts sein kann. Dies ist, vorweg genommen, auch eine zentrale Aussage des jüngsten Jahrbuchs, das in der Print-Ausgabe auf knapp mehr als 100 Seiten zunächst 15 globale Herausforderungen abhandelt (wobei bedauerlicher Weise der Neuordnung der Finanzmärkte kein Platz eingeräumt wird).

Auf jeweils zwei Seiten werden Daten und Fakten zu Klimawandel, Wasserverbrauch, Demokratieentwicklung, Gesundheit, Energieentwicklung, Wissenschaft und Technik, einer global orientierten Ethik u.a.m., verbunden mit konkreten Entwicklungsperspektiven, präsentiert. Exemplarisch drei Beispiele in Kürze: Um dem Klimawandel wirkungsvoll zu begegnen, wird eine dem Apollo-Programm vergleichbare Kooperation zwischen den USA und China vorgeschlagen, um neue Entwicklungen etwa im Bereich der Mobilität, der Energiegewinnung oder der Landwirtschaft anzustoßen.

Die Preise für Getreide sind nach Angaben der FAO seit 2006 um 129% gestiegen; umso dringender seien koordinierte Maßnahmen zur Reduktion der Geburtenraten und ein entschlossener Kampf gegen den Hunger. Insgesamt große Erwartungen setzen die Autoren in die Entwicklung der IK-Technologien: In rund 25 Jahren sollte ein Computer die Leistungsfähigkeit eines menschlichen Gehirns erreichen, in einem halben Jahrhundert sogar das gesamte Wissen der Menschheit allgemein zugänglich sein. Würde sich die global verfügbare Intelligenz auf positive Problemlösungsstrategien konzentrieren, wären die aktuellen Herausforderungen in absehbarer Zeit gelöst – eine überaus sympathische, aber nur bedingt realistische Gesamtperspektive.

Kapitel 2 widmet sich dem „State-of-Future-Index“ (SOFI) und stellt damit den erwarteten Fortschritt der Welt in den kommenden 10 Jahren anhand von insgesamt 29 Parametern (wie Alphabetisierung, Zugang zu Nahrung, Kindersterblichkeit, CO2-Ausstoß, Ausmaß der Korruption oder Anzahl der im Parlament vertretenen Frauen) vor. Weitere Abschnitte sind dem „Real-Time-Delphi“, einer vergleichsweise jungen Methode zur Einholung von Expertenmeinungen, der Rolle von regierungsnaher Zukunfts-Expertise in ausgewählten Staaten und Regionen (auch der EU) und der Bedeutung kollektiver Intelligenz für den Aufbau eines globalen Energie-Netzwerks und

–Informationssystems (GENIS) gewidmet. Schließlich werden drei Sektoren einer Umwelt-orientierten Sicherheitsstrategie zur Diskussion gestellt (Schutz vor und Beseitigung von militärischen Schäden, Beseitigung von Umwelt-bedingten Konflikten, Schutz der Umwelt als moralische Verpflichtung).

Geradezu als Schatzkammer zukunftsbezogener Daten und Fakten – aber teils auch kurioser Spekulationen – erweist sich die beigegebene CD, die auf mehr als 6.300 Seiten (!) (verfügbar in WORD- und pdf-Version) nicht nur Ergänzungen und Hintergrundinformationen zu den bislang besprochenen Kapiteln, sondern darüber hinaus Beiträge der vorangegangenen „State of the Future“-Ausgaben versammelt:

 

 

So sind neben globalen Szenarios, regierungsnahen Studien zur Gestaltung internationaler Beziehungen, Vorhersagen zur Entwicklung von Wissenschaft und Technik, zu Energieverbrauch, zur Bedeutung von Unterricht und Bildung auch Kapitel zur Rolle von sozialen und ökologischen Indikatoren, zur Bedeutung von Ethik und Religion sowie zur erfolgreichen Implementierung von Methoden und Befunden der Zukunftsforschung in gesellschaftliche Steuerungsprozesse zu finden. Zahlreiche Grafiken, Tabellen und Anhänge ergänzen dieses Zukunfts-Kompendium, das sich auch aufgrund leichter Kopierbarkeit für die weiterführende Verwendung bestens eignet.

Kurzum: Unverzichtbar für alle, die sich aktuell mit Fragen der Zukunftsforschung befassen. Würde die hier versammelte Expertise zur Grundlage nationaler wie vor allem auch internationaler Politikgestaltung genützt, so wäre die Welt, grosso modo, bei weitem besser unterwegs in die Zukunft! W. Sp.

Walter Spielmann

Aus: pro ZUKUNFT 4/2008

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Tipp 2:

 

Zur Lage der Welt 2008. Auf dem Weg zur nachhaltigen Marktwirtschaft? Hrsg. v. Worldwatch Institute.  Münster: Westfäl. Dampfboot, 2008. 333 S.,

€ 19,90 [D], 20,50 [A], sFr 30,85

ISBN 978-3-89691-743-0

 

 

 

Es ist wohl kein Zufall, dass sich das renommierte „Worldwatch Institute“ mit den Perspektiven einer „nachhaltigen Marktwirtschaft“ beschäftigt. Wir haben die seit Jahren herausragenden Berichte dieses „Think Tanks“ stets aufmerksam verfolgt. Die Fülle aktueller Daten und Fakten, die „ nüchterne Begeisterung“, mit denen ausgewiesene ExpertInnen Jahr für Jahr ein zentrales Thema zur Diskussion stellen, prägt auch diesen Band.

Im ersten von insgesamt 12 Kapiteln bringen G. Gardener und Th. Prugh zunächst die Misere des „alten ökonomischen Systems“ auf den Punkt. Zum einen sei die These von der „Unabhängigkeit von der Natur, die immer illusorisch war, heute einfach nicht mehr glaubwürdig“ (S. 27), zum anderen sei erwiesen, dass entscheidende Axiome der Marktwirtschaft (z. B. Wohlstand durch Wachstum) nicht eingelöst werden. Vielmehr nehmen die Schädigung der Ökosysteme und die Armut inmitten von Überfluss weltweit zu. Mit dem Ziel einer „Erneuerung der Begriffe in der Wirtschaftstheorie“ postulierten die Autoren „ sieben große Ideen“, die in den nachfolgenden Kapiteln weiter ausgeführt werden.

„Neue Ziele für den Fortschritt“ thematisiert im Folgenden J. Talberth. Um wirtschaftliche Globalisierung zu „echtem Fortschritt“ für alle zu machen, benennt der Experte für Indikatoren der Nachhaltigkeit fünf „mikroökonomische Ziele“: die Zertifizierung von Produkten, Arbeitsabläufen und Lieferzeiten; eine Strategie des „Nullabfall“; Ökoeffizienz; Wohlbefinden am Arbeitsplatz und die Stärkung der Lebenskraft von Gemeinden (S. 66).

Hunter Lovins, gemeinsam mit ihrem Mann eine Pionierin der Ökoeffizienz-Forschung, arbeitet in ihrem Beitrag heraus, dass es „für Unternehmer nie eine bessere Gelegenheit gegeben hat, gut zu verdienen, indem man Gutes tut“ (S. 96).Strategien zur Umsetzung eines nachhaltigeren Lebensstils sind das Thema von Tim Jackson. In Abgrenzung von dem „ utilitaristischen“ Modell der traditionellen Wirtschaftswissenschaften plädiert er für die Etablierung einer „Wissenschaft von den Wünschen“, deren Ziel es wäre, die „Paradoxien des Wohlbefindens“ zu erkunden. Sie hätte etwa der Tatsache nachzugehen, dass „ in Großbritannien der Prozentsatz derjenigen, die sich als ‚sehr zufrieden’ bezeichnen von 52 im Jahr 1957 auf heute 36 Prozent geschrumpft ist“.

Klare Fakten belegen eindeutig, dass „einige Schlüsselkomponenten des menschlichen Wohlergehens sich in den westlichen Ländern keineswegs zum besseren, sondern vielmehr zum schlechteren entwickelt haben“. So hat sich etwa die „Zahl der Depressionen in Nordamerika von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verdoppelt, 15% der 35-jährigen Amerikaner haben bereits wenigstens einmal eine größere Depression gehabt. Vor 40 Jahren betrug der Prozentsatz nur 2 Prozent“ (S. 109). Die außergewöhnlichen Anstrengungen, die für den Aufbau einer „kohlenstoffarmen Wirtschaft“ weltweit zu leisten sind, schildert im folgenden Kapitel Christopher Flavin. „Soll die Welt als Ganzes bis 2050 die (C02-)Emissionen halbieren, müssen die heutigen Industrieländer ihre Emissionen um über 80 Prozent senken.

 

„Innovative Ideen und großes Geld sind eine machtvolle Kombination, und die Summen, die inzwischen in die „grüne Richtung“ wandern, sind verblüffend. Die Citigroup hatten etwa 1007 Pläne veröffentlicht, im nächsten Jahrzehnt 50 Milliarden Dollar in die Bewältigung des Klimawandels zu investieren.“  (Chr. Flavin, S. 22)

 

Das zu erreichen, hängt von drei Elementen einer Klimastrategie ab: erstens, der Trennung und Deponierung des bei der Verbrennung fossiler Energieträger entstehenden Kohlendioxyds; zweitens, der Reduzierung des Energieverbrauchs durch neue Technologien und Lebensweisen; und drittens, dem Umstieg auf kohlenstofffreie Energietechnologien“, so Flavin (S. 134). Dem Ausbau der Atomenergie erteilt der Experte eine klare Absage, denn nach Einschätzung von Wissenschaftlern des MIT müssten „bis Mitte des Jahrhunderts ein- bis eineinhalb tausend neue Kernkraftwerke gebaut werden, um eine spürbare Reduzierung der globalen CO2-Emissionen zu erreichen – zwanzig Mal mehr Neubauten als in den letzten 10 Jahren und immer noch das fünffache der Neubaurate zur Hochzeit der Kernenergie in den 1980er Jahren“ (S. 139).

„Die Leistungen der Natur bezahlen“, so ist der Sonderteil dieser Ausgabe betitelt. Behandelt werden dabei Perspektiven für eine Verbesserung der Kohlenstoffmärkte, der Wert des Wassers in einer nachhaltigen Wirtschaft, Bankgeschäfte mit der biologischen Artenvielfalt und die Bedeutung von Gemeinschaftsgütern als „Parallelwirtschaft“. Jonathan Rowe macht sich mit überzeugenden Argumenten für eine „gemeinschaftsgüterbasierte“ Wirtschaft als dritten Weg neben „unternehmerischem Eigennutz“ und „Staatsbürokratie“ stark. Es gehe um die „ Rückeroberung der Gemeinschaftsgüter“, die bei intelligenter Nutzung „ihre Aktivposten für die Zukunft schützen und wahren, anstatt sie für kurzfristige Gewinne hier und jetzt zu liquidieren“ (S. 253).

Die beiden abschließenden Kapitel präsentieren Beispiele sozialen Engagements für nachhaltige Entwicklung, wobei nachdrücklich auf die Bedeutung lokaler Initiativen und partizipatorischer Ansätze verwiesen wird. Dass inzwischen selbst die Weltbank erkannt hat, wie wichtig es ist, Entwicklungsaktivitäten in den Realitäten vor Ort einzubetten, wird anhand aktueller Projekte in Indonesien und Afghanistan verdeutlicht. „Der Gegensatz zwischen traditioneller Entwicklung, bei der fremde Experten die Lösung entwickeln, und wirklich selbstgeschaffenen Ansätzen könnte nicht größer sein“, meint Jason S. Calder. Warum? Weil es, um anzufangen, nicht viel mehr braucht als ein wenig der „Fähigkeit, etwas anzustreben“. Dass auch die WTO bei einer kritischen Bilanz im Sinne eines „Wettbewerbs um das Gute“ von Grund auf neu auszurichten wäre, thematisiert im letzten Kapitel Marke Halle, wenn er über neue Ansätze zu Trade Governance berichtet.

Dass viele Wege eines anderen Wirtschaftens nicht nur denk-, sondern auch begehbar sind, zeigt dieser Band eindrucksvoll und bestätigen auch die nachfolgenden Besprechungen. W. Sp.

Walter Spielmann

Aus: pro ZUKUNFT 2/2008

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Tipp 3:

 

Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt.
Ein Anstoß zur gesellschaftlichen Debatte.

Frankfurt/M.: Fischer TB-Verl., 2008. 655 S.,

€ 14,95 [D], € 15,10 [A] sFr 26,20

ISBN 978-3-596-17892-6

 

 

 

Der 1996 veröffentlichte Bericht „Zukunftsfähiges Deutschland“ zählte zu jenen Büchern, von denen man mit Gewissheit sagen kann, dass sie ihre Wirkung getan haben. Der vom Bund für Umwelt und Naturschutz gemeinsam mit Brot für die Welt und dem Evangelischen Entwicklungsdienst herausgegebene Folgeband zieht zunächst Bilanz, die zugegebener Maßen ernüchternd ausfällt.
Mit Ausnahme der Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien wurde bislang keines der damals angepeilten Ziele erreicht. Grundtenor der Studie: Die globalen ökologischen und sozialen Probleme würden zwar nicht mehr geleugnet, es fehle aber noch weitgehend das problemadäquate, konsistente Umsteuern. Der „kollektiven Verdrängung“ sei die „kollektive Schizophrenie“ gefolgt, so die pointierte Zustandsbeschreibung (s. Zitat nächste Seite).

„Nachdem die kollektive Verdrängung vorüber ist, scheint aber nun kollektive Schizophrenie um sich zu greifen. Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass eine zweideutige Zeit bevorsteht – ausgerüstet mit Wissen, doch untüchtig zum Handeln. Einerseits ist die Gesellschaft zu der Einsicht erwacht, dass das drohende Klimachaos eine Umkehr erfordert. Und auch die Politik hat sich zu gewaltigen Schritten durchgerungen.  Andererseits jedoch geht vieles weiter seinen gewohnten Gang. ... Die Eigenlogik eines jeden Bereichs hintertreibt das für alle proklamierte Ziel. Was bislang allenfalls läuft, ist eine Diversifizierung des Angebots, um der aufkommenden Ökosensibilität zu entsprechen: Auf dem Flughafen München fahren Wasserstoff-Busse, die Stromkonzerne verkaufen im Nischensegment auch grünen Strom, die Billigflieger werben mit Ökoreisen. Insgesamt sieht es so aus, als sei in Sachen Klimaschutz mit einer Art systemischer Bewusstseinsspaltung zu rechnen: Im Überbau sind alle Fürsprecher eines konsequenten Klimaschutzes, im Unterbau der materiellen Verhältnisse jedoch geht die Expansion der Energieansprüche weiter.“ (S. 19 f)


Ausgangspunkt der Studie ist eine Zweiteilung der Weltbevölkerung. Die Globalisierung habe eine „Internationale der Wachstumsgewinnler“ hervorgebracht, so die AutorInnen. Sie sprechen von einer transnationalen Verbraucherklasse, die nicht mehr auf einzelne Länder(gruppen) beschränkbar sei: „Nicht ganz die Hälfte ist im Süden (einschließlich der exkommunistischen Länder) beheimatet, etwas mehr als die Hälfte in den Industrieländern, die allerdings im Durchschnitt immer noch über ein vielfach höheres Einkommen verfügen.“ Die Angehörigen dieser Gruppen gleichen sich trotz unterschiedlicher Hautfarbe: „Sie shoppen in ähnlichen Einkaufszentren, kaufen High-Tech-Elektronik, sehen ähnliche Filme und TV-Serien, verwandeln sich hin und wieder in Touristen und verfügen über das entscheidende Medium der Angleichung: Geld.“ Die oberen 25 Prozent der Weltbevölkerung vereinen demnach 75 Prozent des Welteinkommens auf sich. 75 Prozent der Weltbevölkerung leben bislang jenseits des konsumorientierten Lebensstils. Auffallend dabei: Auch im „Norden“ ist mittlerweile jeder Zehnte von der transnationalen Verbraucherklasse ausgeschlossen. Die Transformation muss daher bei den Wohlhabenden beginnen.
Der überwiegende Teil des umfangreichen Werkes ist in diesem Sinne Zukunftswegen gewidmet. So macht das Buch durchaus Mut. Den Befunden und Herausforderungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts („Klimachaos, Peak Oil und die Krise der Biodiversität“, „Eine Welt mit Nachholbedarf“) folgen anschauliche „Leitbilder“ für die Zukunft. Sie lauten: „Gastrecht für alle“, „Ökologischer Wohlstand“, „Gesellschaft der Teilhabe“, „Die ganze Wirtschaft“. Der für Deutschland und Europa vorgeschlagene „Kurswechsel“ wird von fünf Säulen getragen: „Basis wechseln: Auf Solarwirtschaft umsteigen“, „Überflüssig machen: Von den Chancen der Ressourceneffizienz“, „Märkte gestalten: Der Primat der Politik“, „Kreisläufe schließen: Die Renaissance der Regionen“, „Arbeit fair teilen: Auf dem Weg zur Tätigkeitsgesellschaft“. Gerade dieser Abschnitt macht deutlich, wie vielfältig die Möglichkeiten nachhaltiger Umsteuerung sind. Sie reichen von der dezentralen Energie-Zukunft über die Wiederverwertung von Rohstoffen („Das Bauwerk als Bergwerk“) bis hin zu einer anderen Arbeitszeitpolitik („Kurze Vollzeit für alle“, „Bewegliche Arbeitszeitkultur“). Einmal mehr wird auch eine Ökologisierung des Steuersystems („Finanzpolitik für Kostenwahrheit“) gefordert.

Dass Zukunftsfähigkeit überdies erfordert, weltweit enger zusammenzuarbeiten und verbindliche Regeln zu schaffen, macht der Abschnitt „Übereinkünfte global“ deutlich. Optimistisch stimmen schließlich die vielen praktischen Beispiele der Umsteuerung, die es bereits gibt. Sie werden in hervorgehobenen Kästen sowie im abschließenden Abschnitt „Engagement vor Ort“ beschrieben.

Als ernüchternde Erkenntnis bleibt, dass die ökonomische Globalisierung, wie sie derzeit vonstatten geht, mehr Verlierer als Gewinner verzeichnet, dass die Gewinner das ökologische Hauptproblem darstellen und die Ressourcenverknappung die Ärmsten zu aller erst trifft. So ist der Band, auch wenn er (im Titel) vor allem auf Deutschland Bezug nimmt, weit darüber hinaus aktuell und zu empfehlen. Er vereint die Expertisen eines der wohl renommiertesten Nachhaltigkeitsinstitute der Welt. Und einer der Hauptautoren, Wolfgang Sachs, gilt als international bekannter wie begehrter Vortragender u. a. des Club of Rome.

 

Hans Holzingerr

Aus: Pro ZUKUNFT 4/2008

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Tipp 4:

 

Zukunftsforschung und Zukunftsgestaltung.

Beiträge aus Wissenschaft und Praxis. Hrsg. v. Reinhold Popp ...Berlin (u. a.): Springer-Verl., 2009. 709 S., € 93,40 [D], 96,20 [A], sFr 158,80
ISBN 978-3-540-78563-7

 

 

 

Der vorliegende Sammelband bietet einen aktuellen Überblick über Methoden, Themen und Entwicklungen der zukunftsorientierten Forschung im deutschsprachigen Raum. Der 70. Geburtstag von Rolf Kreibich, dem Gründer, Geschäftsführer und wissenschaftlichen Leiter des Berliner Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) ist der Anlass für diese – eigentlich längst überfällige – Bestandsaufnahme in Buchform, denn der Zukunftsforschung wird – anders als der populistischen Trendforschung – zumindest im deutschen Sprachraum noch immer zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

Die fast fünfzig Beiträge des umfangreichen Werkes vermitteln einen Eindruck von dem Forschungs- und Handlungsfeld, das mit den Begriffen Zukunftsforschung und Zukunftsgestaltung umrissen ist. Der Band enthält Beiträge aus Deutschland, Österreich und der Schweiz; er versammelt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit natur-, geistes- und sozialwissenschaftlichem Hintergrund; Artikel von Politikern und aus politiknahen Forschungseinrichtungen sind ebenso vertreten wie Beiträge aus Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen und von engagierten Einzelpersonen. Zeitgenossen und Weggefährten Rolf Kreibichs kommen ebenso zu Wort wie Nachwuchsforscherinnen und Nachwuchsforscher. Viele der AutorInnen sind Mitglieder des 2008 gegründeten Netzwerks für Zukunftsforschung.

Die Probleme dieser Welt seien „un-diszipliniert“, und als problemgetriebenes und an der Praxis orientiertes Forschungsfeld verweigere sich Zukunftsforschung einer allzu umstandslosen Unterteilung entlang etablierter Disziplinen und gewohnter Kategorien, so die Herausgeber Reinhold Popp und Elmar Schüll vom Zentrum für Zukunftsstudien in Salzburg. Die Gliederung des Bandes folgt daher einer kursorischen Dreigliederung: Im ersten Abschnitt „Philosophie und Geschichte der Zukunftsforschung werden grundsätzliche, historische und erkenntnistheoretische Fragestellungen versammelt. Ein zweiter Abschnitt ist der Methodologie und Methodik der Zukunftsforschung und Zukunftsgestaltung gewidmet. Im dritten und umfangreichsten Teil werden schließlich einzelne Handlungsfelder – Mobilität und Verkehr, Globalisierung und Regionalisierung, Wissenschaft und Bildung, Ökonomie, Ökologie und Soziale Gerechtigkeit – angesprochen.

Auffallend sei, so bemerken die Herausgeber, dass Zukunftsforschung – zumindest was die hier versammelten Beitrage anbelangt  – sehr eng mit dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung verknüpft wird. Dies und der häufig in den Vordergrund gerückte universelle Charakter („gewisser Hang zum großen Ganzen“) könne Zukunftsforschung ungewollt einschränken, meinen Popp und Schüll. Dem ist freilich entgegenzuhalten, dass gerade der ganzheitliche Blick auf die Welt bzw. die sich stellenden Herausforderungen eine Lücke im stark an Einzeldisziplinen orientierten Wissenschaftsbetrieb füllt und somit die Stärke von Zukunftsforschung ausmacht. Dies zeigen viele der Beiträge, nicht zuletzt jener über die Hinterfragung des ökonomischen Wachstumsparadigmas im Kontext einer sich rasch ausweitenden transnationalen Verbraucherklasse, den das JBZ-Team beisteuern durfte.

Der Band lebt von der Vielfalt der Ansätze und erörterten Themen; er kann in diesem Sinne zur Identitätsfindung der Zukunftsforschung im deutschsprachigen Raum Wertvolles beitragen.

 

„Wenn das Konkrete, Besondere und Lokale zu sehr in den Hintergrund treten, kann Forschung generell – und Zukunftsforschung als ein aus der Praxis heraus entstandenes Forschungsfeld im Besonderen - rasch einen unverbindlichen Charakter bekommen. Rolf Kreibich hat über lange Jahre gezeigt, dass ein Bewusstsein über die globalen Herausforderungen und Zusammenhänge sehr gut mit Interesse am besonderen und Engagement im Lokalen zusammengeht.“ (Reinhold Popp, Elmar Schüll, S. X)

 

Hans Holzinger

Eine ausführliche Rezension erscheint in
 pro ZUKUNFT 1/2009

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Tipp 5:

 

Harald Müller: Wie kann eine neue Weltordnung entstehen?
Wege in eine nachhaltige Politik. Frankfurt: Fischer, 2008. 320 S.
(Forum für Verantwortung) € 9,95 [D], 10,25 [A], sFr 17,70

ISBN 978-3-596-17666-3

 

 

Harald Müller, Leiter der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung, ordnet internationalen Nichtregierungsorganisationen (NROs) in seiner Antwort auf die Frage „Wie kann eine neue Weltordnung aussehen?“ eine wichtige Rolle zu. Anders als interessensgebundene Staaten, die etwa den Druck von Konzernen oder Nachbarländern fürchten müssen, sei die Zivilgesellschaft ungebunden, ihre Reputation beruhe auf der Vertretung des „globalen Gemeinwohls“ (bzw. eines bestimmten Aspekts davon) und ihre Macht auf der Fähigkeit zur Mobilisierung. Nicht militärische Stärke oder wirtschaftliche Masse, sondern Macht im Sinne von Hannah Arendts „Menschen hinter ein Projekt bringen“ mache die Qualität dieser neuen Akteursgruppen aus: „Im Zeichen des Internets und seiner globusweiten Kommunikation könnten die 50 größten Nichtregierungsorganisationen einen beträchtlichen wirtschaftlichen Schaden auch beim mächtigsten Staat der Welt anrichten, wenn sie ihre vereinigten Organisationsapparate auf einen Boykott der Produkte des als Rechtsbrecher gebrandmarkten Landes und auf den Verzicht auf sämtliche Investitionen dort ausrichten“. (S. 255)

Müller entwirft in diesem für den Rezensenten bislang klügsten Buch zum Thema „Governance“ - und auch dem wichtigsten der Reihe „Forum für Verantwortung“ - eine differenzierte Architektur für eine global koordinierte Politik, die auf gemeinsam festgelegten Basisregeln (im Sinne des Völkerrechts) fußt. Das heiße nicht unbedingt, dass alle Beteiligten sich automatisch auf einen gemeinsamen Weg einigen, so der Autor, sondern das Wichtigste seien Vorkehrungen dafür, „mit Konflikten dauerhaft so umgehen zu können, dass Entscheidungen möglich werden und alle Streitparteien dem sich auch fügen“ (S. 33). Mit anderen Worten: „Verlässliche Verfahren, die allen Beteiligten so fair erscheinen, dass sie sich auf deren Ergebnisse auch dann verlassen, wenn diese von ihren Präferenzen abweichen.“ (ebd).

Müller nennt vier Kriterien für das Gelingen: Die Menschen müssen spüren, dass sich ihre Lage durch Einhaltung der Regeln verbessert („Output-Legitimität“); die Regeln müssen annehmbar zustande gekommen sein („Input-Legitimität“); sie müssen veränderbar sein und viertens müssen die Betroffenen die „Regelgemeinschaft“ als angemessen akzeptieren. Denn: „Ist die Feindschaft stärker als der problembedingte Leidensdruck, so hilft die beste Regel der Welt nicht zu einer nachhaltigen Problemlösung.“(ebd.) Müller führt drei Grundelemente für globales Regieren aus:

Notwendig seien erstens der Umgang mit Verschiedenheit („Die Welt ist fragmentiert. Sie besteht aus 192 Staaten und mehr als 6000 Ethnien.“ S. 35) und die Abkehr von hegemonialem Denken nach dem Motto „Wir sind im Besitz des Patentrezeptes“, etwa durch die Verbindung von Marktwirtschaft und Demokratie als Weltideal („Es hat weder Sinn, anderen die eigenen Vorstellungen für die geeignete Entscheidungsform aufzwingen zu wollen, wenn man die Kooperation der anderen braucht. Noch führt es irgendwo hin, wenn man glaubt, die ‘Guten’ könnten den ‘Bösen’ ihre eigenen Entscheidungen aufzwingen.“ (S. 37) Müller, der u. a. als Abrüstungsexperte für Kofi Annan gearbeitet hat, hält daher die UNO für das entscheidende Gremium, und nicht etwa eine Vereinigung der Demokratien in einer Art „globaler NATO“ (wie sie möglicherweise Büchele vorschwebt).

Zweitens sei ein offener „Streit um Gerechtigkeit“ nötig, der alle Stimmen zu Wort kommen lässt. Gelinge es nicht, nach Maßstäben für Gerechtigkeit zu suchen, die sich mit den „zentralen Maximen aller Kulturen“ vereinbaren lassen, so bleiben nach dem Konfliktforscher alle Regelungen fragil, da die Angst überwiegt, andere würden sich nicht daran halten.

Der Zusammenstoß gegensätzlicher Ideen von Gerechtigkeit sei überdies gefährlich, was die dritte Bedingung globalen Regierens, verunmögliche, nämlich die „Verbannung des Krieges“.

„Mit dem Geld, das eine politisch-rechtliche Weltordnung freisetzen könnte, in der das Militär nur noch gemeinsam definierte ´Polizeiaufgaben´ für das globale Gemeinwohl wahrnähme, ließe sich vermutlich der größte Teil der Nachhaltigkeitsprojekte bestreiten.“ (H. Müller , S. 47)

„Solange eine vierstellige Millionenzahl in vermeintlicher Hoffnungslosigkeit vegetiert, kann der Rest nicht ruhig schlafen; wem das schlechte Gewissen die Nachtruhe nicht stört, der sollte aus Sicherheitsgründen wach bleiben. Weltsozialpolitik ist auch Sicherheitspolitik.“ (H. Müller, S. 51)

In der Kriegsverhütung sowie der Unterbindung der Gefahr, in einen Krieg hineingezogen zu werden, sieht Müller die zentrale Aufgabe „jeglicher auf Nachhaltigkeit gerichteten Weltpolitik“. Das gegenwärtige „Sicherheitsdilemma“ der Staaten, „entweder einem Angriff hilflos gegenüberzustehen oder sich und andere in eine kostspielige und riskante Rüstungsspirale zu treiben“, ist für den Autor die logische Folge der Unordnung internationaler Beziehungen: „Jeder Staat ist auf die eigene Stärke verwiesen, und das Miteinander-Konkurrieren vieler starker Staaten macht die Welt nicht sicherer, sondern insgesamt gefährlicher.“ (S. 47) Dass die Verteidigungshaushalte fast überall zu den drei bedeutendsten Posten der öffentlichen Aufgaben zählen, zeige die „globalen Ausmaße dieser – gemessen an der Aufgabe, Nachhaltigkeit zu schaffen – gigantischen Mittelverschwendung“ (ebd.). Der Experte, der auch auf die regionalen Konfliktherde der Welt eingeht, hält nichts von „imperialem Regieren“, die kosmopolitische „Weltrepublik“ hingegen sei irreal und bleibe ein Wunschtraum; das Konzept von „Global Governance“ weise in die richtige Richtung, müsse aber durch Verrechtlichung gefestigt werden, was allein von den in der UNO versammelten Staaten umgesetzt werden könne. Auf regionaler Ebene sieht Müller – wie Büchele – auf allen Kontinenten zukunftsweisende Bestrebungen, Konflikte nicht-militärisch austragen zu wollen, nicht nur in Asien und Lateinamerika, sondern auch in Afrika, das zu Unrecht nur als Kontinent des Scheiterns dargestellt werde. Die Menschheit habe, so der Autor, vier Mittel der Steuerung erfunden: die Macht, den Markt, die Moral und das Recht. Alle vier seien nötig, letztlich müsse aber global gültiges Recht entwickelt werden. Den Nichtregierungsorganisationen falle hier – wie bereits ausgeführt – eine herausragende Aufgabe zu, die ihnen noch zu wenig bewusst sei: „Sie dürften die einzige Klasse von Akteuren sein, die auf die Entscheidungen auch mächtigster Akteure Einfluss nehmen kann, ohne zugleich das Gefüge der internationalen Beziehungen gefährlichsten Konflikten auszusetzen.“ (S. 257) Ein Weltrechtssystem mit internationalen Gerichtshöfen und Schiedsgerichtsstellen sowie einer Art „Welt-Polizei“, die aus den gegenwärtigen nationalen Armeen unter Koordination der UNO („Blauhelme“) zusammengesetzt sei, ist für Müller somit der realistischste Weg, zu einem koordinierten nachhaltigen Weltregieren zu gelangen.

Hans Holzinger

Aus: pro ZUKUNFT 1/2008

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Tipp 6:

 

Cash statt Cash. Warum wir die globalen Finanzmärkte bändigen müssen. Blaschek, Beate ... (Mit­arb.). Wen: Verl. d. Österr. Gewerkschaftsbundes, 2008. 195 S., € 19,90 [D], 20,50 [A], sFr 33,80

ISBN 978-3-7035-1348-0

 

 

Die Finanzmarktliberalisierung der letzten Jahrzehnte brachten entgegen allen Versprechungen nicht Wohlstand für alle, sondern ein Anwachsen der Kluft zwischen Reich und Arm sowie Instabilität, so eine der zentralen Thesen dieses Buches, das sich zum Ziel gesetzt hat , „die Funktionsweise der internationalen Finanzmärkte, ihre problematischen Seiten sowie sinnvolle Lösungsvorschläge auf einem einfach zu verstehenden Niveau zu diskutieren“ (S. 8). Ein Anspruch, der – es sei gleich vorweg gesagt – bestens eingelöst wird.

Der Band erschien Anfang August 2008 und konnte daher den Beinahe-Zusammenbruch der Börsen und die weitreichenden staatlichen Maßnahmen nicht mehr reflektieren. Umso erstaunlicher ist, dass die Krisen ziemlich gut vorausgesagt werden und zumindest einige der zahlreichen unterbreiteten Reformvorschläge nun offensichtlich aufgegriffen werden, etwa die Forcierung der Bankenaufsicht, andere harren freilich noch immer der Umsetzung, etwa die Unterbindung von Steueroasen oder die Eindämmung der Spekulation durch eine Steuer. Was die AutorInnen des Bandes diagnostizierten, ist mittlerweile zur Realität geworden: Der Glaube an die Selbstregulierungskräfte des Marktes und an die Effizienz liberalisierter Finanzmärkte wurde nachhaltig erschüttert. „Wurden die internationalen Finanzmärkte zu Beginn der Aktivitäten von ATTAC (vor 10 Jahren, Anm. d. Red.) noch mehrheitlich als Effizienz steigernde Rahmenbedingung für Politik und Wirtschaft gesehen, so werden sie heute immer öfters als Einschränkung nationalstaatlicher und internationaler Demokratie wahrgenommen, die die wirtschaftliche und soziale Stabilität gefährden.“ (S. 9) Ob dies längerfristig zu einschneidenden Maßnahmen führt, bleibt abzuwarten. Denn bisher haben Finanzkrisen (die Weltbank zählt 166 Finanzkrisen seit 1980) kaum zu konstruktiven Reformmaßnahmen beigetragen. Immerhin wird die Tobinsteuer (Steuer auf Spekulationsgeschäfte) von einigen Staaten der EU mittlerweile gefordert, was vor zehn Jahren noch belächelt wurde. Nun zu ausgewählten Beiträgen des Bandes.

Christian Schoder (Volkswirt) und Sybille Pirklbauer (Politologin) erläutern zunächst die Grundfunktionen und Hintergründe der globalisierten Finanzmärkte. Sie zeigen, wie diese zunehmend zur sozialen Ungleichheit, zur Zerstörung der Umwelt und zur wirtschaftlichen Ineffizienz beitragen. Deutlich wird, dass die Finanzmärkte selbst zur Quelle von Profit wurden. Beleuchtet wird zudem die Rolle mächtiger Hedge- und Private-Equity-Fonds und die Bedeutung des Shareholder Values. Heute geht es nur mehr um kurzfristige Kurssteigerungen, Dividenden haben bei dieser Aktienkultur (Shareholder-Value) nicht mehr die Funktion, Signale für den Wert einer Aktie zu geben. Die freien Kapitalmärkte haben aber auch grundlegende Auswirkungen auf die Pensionssiche­­rungssysteme in den Industrieländern, die vermehrt vom so genannten Umlageverfahren auf das Kapitaldeckungsverfahren umgestellt wurden. Private Pensionsbeiträge werden in großen Fonds auf den Finanzmärkten veranlagt und sind damit den Risiken des fragilen Finanzsystems ausgesetzt. Kritik an dieser Praxis kommt etwa vom Ökonomen David Muhm in seinem Beitrag, weil diese auf weniger gesellschaftlichem Ausgleich und vermehrter Risikoübernahme durch die Individuen beruht. (vgl. S. 138f.)

Frédéric Lordon (Ökonom) kommt in seiner Analyse der Mechanik der Immobilienkrise zum (inzwischen schmerzlich verifizierten) Schluss, dass sich die anfangs noch eher dosierten Liquiditätshilfen seitens der US-Notenbank im Falle einer Ausweitung zur „Systemkrise“, der zu einem allgemeinen Crash der Finanzmärkte führt, eine massive Intervention des Staates unvermeidlich macht (vgl. S. 135).

Konkrete Lösungsvorschläge

Neben der berechtigen und fundierten Kritik werden schließlich „Wege aus der Krise“ aufgezeigt. Ausgehend von der Feststellung von Pirkelbauer/Schoder, dass die Liberalisierung der Finanzmärkte die Krisen der letzen Jahre (Asienkrise 1998, Russland-Krise 1998) ausgelöst haben, lautet eine der zentralen Forderungen, die Finanzmärkte wieder auf ihre ursprünglichen Aufgaben zurück zu führen. „Demokratische Politik muss die Regeln für die Finanzmärkte bestimmen.“ (S. 38) Mögliche Lösungen umfassen ein ganzes Bündel an Maßnahmen, die Bandbreite reicht von der Schließung der Steueroasen über eine Reform von Weltbank und Währungsfond, die Einsetzung einer EU-weiten Finanzmarktaufsicht, bis hin zur Genehmigungspflicht für Derivate, dem Verbot von Stock Options, der gleichmäßigen Besteuerung von Arbeit und Kapital sowie einer Tobin-Steuer auf internationale Finanztransaktionen oder grundsätzlich einer Börsenumsatzsteuer bzw. Steuer auf alle Finanztransaktionen. Nicht zuletzt wird der Umverteilung durch Steuern und der Wahrnehmung einer globalen Solidarität das Wort geredet. („Wege aus der Krise“ von Sybille Pirklbauer/Christian Schoder). So enthält der Band auch eine ausgezeichnete Analyse über die Verschuldungsdynamik und ihre fatalen Auswirkungen für die Entwicklungsländer (Karin Küblböck / Cornelia Staritz).

Die Beiträge sind wirtschaftpolitische Aufklärung im besten Sinne des Wortes und bieten umfassende und verständliche Antworten auf viele Fragen im Zusammenhang mit der Finanzkrise.

Alfred Auer

Aus: pro ZUKUNFT 4/2008


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Tipp 7:

 

Philipp Löpfe; Werner Vontobel: Arbeitswut.
Warum es sich nicht lohnt, sich abzuhetzen und gegenseitig die Jobs abzujagen.
Frankfurt/M. (u. a.): Campus, 2008. 170 S.,

€ 17,90 [D], 18,40 [A], sFr 30,40

ISBN 978-3-593-38566-2

 

 

„Auszeit statt Kündigung“, mit diesem Slogan unterstrich die Unternehmensberaterin von PriceWaterhouseCoopers, Christine Catasta, ihren Appell an Unternehmen, im Zuge der aktuellen Wirtschaftskrise nicht vorschnell qualifizierte MitarbeiterInnen abzubauen, sondern auf neue Arbeitszeitmodelle zu setzen: Kurzarbeit, attraktive Teilzeitzeitlösungen oder eben befristete Karenzen.[1] Sie griff damit auf, was die Schweizer Journalisten Philip Löpfe und Werner Vontobel in ihrem Buch „Arbeitswut“ als generelle Zukunftsstrategie vorschlagen, nämlich die Arbeit auf mehr Schultern zu verteilen und damit Arbeitslosigkeit auf der einen, Arbeitsstress auf der Anderen Seite abzubauen. „Willkommen im Land der Arbeitswut. In einem Land, in dem die einen mehr arbeiten als je zuvor, während die anderen ganz schlechte Aussichten haben, überhaupt wieder Arbeit zu bekommen. Die einen da oben, die anderen da unten.“ (S. 7) So beschreiben die beiden die Ausgangssituation. Warum ist dies so? Die Hauptursache sehen Löpfe und Vontobel in folgendem Widerspruch: „Die Arbeitszeit, die wir als Gesellschaft brauchen, um unseren Lebensstandard zu sichern, wird immer weniger. Grund dafür ist die nach wie vor wachsende Produktivität: Die Arbeitszeit, die der Einzelne leisten muss, um sich im Unternehmen und in der Gesellschaft zu behaupten, nimmt hingegen zu.“ (S. 11). Als Arznei gegen diese Arbeitswut plädieren die Autoren für eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung. Dies sei nicht ganz leicht, aber machbar.

„Um den Lebensstandard der modernen Gesellschaft zu sichern, genügt eine durchschnittliche Arbeitszeit von 25 Stunden in der Woche. Um unseren Arbeitsplatz zu sichern rackern wir jedoch 40 Stunden und mehr.“ (S. 11)

Wir würden einerseits immer produktiver, entwickeln neue Produkte und können immer billigere Produkte aus dem Ausland einkaufen. Zugleich seien die Löhne nicht mehr gestiegen, dafür aber der Stress, die Unsicherheit sowie die Einkommens- und Vermögensunterschiede. Das Angebot billiger Arbeitskräfte in den neuen Schwellenländern könne dafür nicht als einzige Erklärung herhalten, sind Löpfe/Vontobel überzeugt. Das Überangebot an Arbeit komme in erster Linie aus dem technischen Fortschritt. Dieser habe dazu geführt, dass wir die heute notwendige Arbeit mit einer 25 bis 30-Stundenwoche bewältigen könnten.

„Als Mitte der 60er-Jahre in Deutschland die 40-Stunden-Woche eingeführt wurde, brauchte ein durchschnittlicher Beschäftigter 100 Stunden, um Güter und Dienstleistungen im (heutigen) Wert von 1000 Euro herzustellen. Dank des technologischen Fortschritts schafft er heute dasselbe in 30 Stunden. Dennoch redet man heute wieder von der 44- oder gar der 48-Stunden-Woche.“ (S. 139)

Die Berechnung der Autoren: Gemäß dem Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit sind 2006 in Deutschland insgesamt 56,12 Mrd. Stunden bezahlte Arbeit geleistet worden. Verteilt man dieses Arbeitsvolumen auf die rund 50 Millionen Deutschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 65, so ergibt sich eine jährliche Arbeitszeit von 1222 Stunden. Verteilt auf 46 Arbeitswochen sind das 24,4 Wochenstunden. Für die Schweiz sieht die Situation ähnlich aus: 2006 wurden 6,46 Mrd. Arbeitsstunden geleistet. Verteilt auf die 4,6 Mio. 20- bis 65-Jährigen macht das 1404 Jahresstunden bzw. 29 Wochenstunden bei 48 Arbeitswochen. Wenn man – wie etwa der Think-Tank „Avenir Suisse“ fordert – das Rentenalter auf 71 Jahre erhöht, reichen auch 25 Stunden. Die gesellschaftlich akzeptierte Normarbeitszeit betrage aber immer noch 40 Stunden oder mehr.

Das Schrumpfen der Arbeitszeit müsse politisch bewältigt werden, genau dies geschehe aber nicht, kritisieren Löpfe/Vontobel. Mehr denn je klammerten sich Ökonomen, Politiker und Gewerkschafter an der Illusion fest, das man die Menschen „in Arbeit bringen“ könne, wenn man nur die Löhne genügend senkt und den Arbeitsmarkt flexibilisiert. Ein Rückgang der Jobs sei zwar eine Begleiterscheinung steigender Löhne. Beides habe aber eine gemeinsame Ursache: steigende Produktivität. So liege es nahe, die Arbeit besser zu verteilen anstatt Arbeitslosigkeit zu finanzieren und zugleich die Löhne zu drücken. Denn im Schnitt nehme die geleistete Arbeitszeit pro Einwohner im Jahr um 0,6 Prozent ab – nur ungleich verteilt: die einen arbeiten zu viel, die anderen haben gar keine Arbeit.

„Die Arbeitslosen haben zwar ein Problem, aber sie sind nicht das Problem. Ökonomisch verursachen die Menschen, die zu viel arbeiten und zu wenig konsumieren, einen viel größeren Schaden, denn sie machen nicht nur den Nachbar zum Bettler. Sie bedrohen auch sich selbst mit Arbeitslosigkeit und erhöhen ihre Steuerlast. Irgendjemand muss schließlich die Arbeitslosen- und Sozialhilfe bezahlen.“ (S. 16)

„Mehr Geld und Konsum erhöhen die Zufriedenheit der Menschen weit weniger als mehr Zeit mit Freuden und Familie. Eine Verringerung der Arbeitszeit ist somit die optimale Rendite, die der Homo oeconomicus aus einer immer produktiver werdenden Wirtschaft erzielen kann.“ (S. 23)

Die heutige Arbeitszeitregelung passe, so sind Löpfe/Vontobel überzeugt, nicht mehr zu unserer hochproduktiven Wirtschaft. Und sie passe noch weniger zu unserer ökologisch überstrapazierten Erde. Es sei Aufgabe der Politik, die Arbeitszeitverkürzung umzusetzen. Dabei müsse nicht notwendigerweise die starre 25-Stundenwoche eingeführt werden, Kürzer-Arbeiten solle jedoch finanziell belohnt und die Normarbeitszeit schrittweise reduziert werden. Gefördert werden sollen Modelle, die einen „vorübergehenden oder teilweisen Ausstieg aus dem Erwerbsleben erleichtern“ (S. 154). Denn: „Die Frage ist nicht, ob wir die 25-Stunden-Woche wollen, sondern wie wir sie wollen“, sind Löpfe/Vontobel überzeugt. Sie fordern als weitere flankierende Maßnahmen zur Stärkung der ArbeitnehmerInnen einen gesetzlichen Mindestlohn (“Arbeiten, für die niemand einen anständigen Lohn zahlen will, sind es nicht wert, gemacht zu werden.“, S. 154) sowie einen gut ausgebauten Sozialstaat. Letzteres sei eine wichtige Voraussetzung dafür, „dass sich die Arbeitnehmer so verhalten können, wie es das Drehbuch der reinen Marktwirtschaft vorsieht. Sie müssen auch mal Nein sagen können, wenn ihnen ein zu niedriger Lohn angeboten wird.“ (S. 146)

In langfristiger Perspektive plädieren die Autoren für ein bedingungsloses Grundeinkommen, da nur dieses eine der postindustriellen Gesellschaft adäquate „Arbeitskultur“ ermögliche und finanziell absichere, was bereits jetzt die Mehrheit der Arbeit ausmache, sorgende und kulturelle Tätigkeiten. Ihr Befund: „Die Erwerbsarbeit dominiert, dennoch arbeitet nur ein Drittel der Menschen im Sinne von Erwerbsarbeit.“ (S. 149)

Ähnlich der Studie zur „Halbtagsgesellschaft“ von Axel Schaffer und Carsten Stahmer, vorgestellt in Pro Zukunft 2007/2, bietet das vorliegende Plädoyer für das Weniger-Arbeiten einen konstruktiven Ausweg aus dem doppelten Dilemma der spätindustriellen Gesellschaft: Ökologisch kontraproduktives (Konsum)-Wachstum um jeden Preis forcieren zu müssen und dennoch Arbeitslosigkeit zu produzieren. Nicht zuletzt würden die hier gemachten Vorschläge auch die Position von Gewerkschaften und ArbeitnehmerInnen wieder stärken.

Hans Holzinger

Erscheint in: pro ZUKUNFT 1/2009

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Tipp 8:

 

Christian Felber: Neue Werte für die Wirtschaft.
Eine Alternative zu Kommunismus und Kapitalismus.
Wien: Deuticke, 2008. 333 S., € 19,90 [D], 20,50 [A], 34,80 sFr

ISBN 978-3-552-06072-2

 

 

 

Nach den „50 Vorschlägen für eine gerechtere Welt“, 2006 erschienenen, von der Kritik hoch gelobt und breit rezipiert [das Buch liegt bereits in 6. Aufl. vor] geht Christian Felber nunmehr der Frage nach, woran die Umsetzung dieser gerechtern Welt (bisher?) scheitert. Gleich eingangs macht er vor allem „das Gewinninteresse mächtiger Konzerne“ als zentrales Hindernis aus, dem die Politik willfährig diene. Wer nun erwartet, dass der Autor, die ideologische Keule schwingend, über mehr als 300 Seiten sich an übermächtigen Gegnern abarbeitet, wird aufs Angenehmste überrascht. Was Christian Felber in diesem Buch bietet, ist eine brillante, von leidenschaftlicher Sachlichkeit geprägte Dekonstruktion der Werte des Kapitalismus. Doch damit nicht genug: Der darauf aufbauende Entwurf einer Gemeinschaftsökonomie vermisst die Konturen einer nicht nur möglichen, sondern auch  machbaren  gerechteren Welt mit einem Mehr an Selbstbestimmung und Solidarität.

„Die Werte der Wirtschaft widersprechen den Werten des Lebens und der Gemeinschaft. Der Vorrang für das Finanzkapital zerstört das ökologische und das Sozialkapital – und die Menschenwürde.“ (Chr. Felber, S. 10)

 

Doch vorab zur Ausgangslage: Freiheit und Glück, die zentralen Versprechen des Kapitalismus, werden nicht eingelöst. Die von ihm propagierten und praktizierten Tugenden, so der Autor, sind Leistung, Konkurrenz, Effizienz, Gewinn und Wachstum. Werte also, die unseren demokratischen und humanistischen Grundwerten Freiheit (Selbstbestimmung), Gleichheit (Gerechtigkeit) und Brüderlichkeit (Solidarität) widersprechen und die gesellschaftlichen Fundamente wie Verantwortung, Vertrauen und Mitgefühl zerstören. Freiheit, das größte Versprechen aller Utopien, kommt im Kapitalismus neoliberaler Ausprägung nur den Wohlhabenden zu, diagnostiziert Felber, und wählt zur Erläuterung des so genannten „Trickle-down-Effekts“ die einem Berater Ronals Reagans zugeschriebene „Pferdeäpfeltheorie“: Demnach würden Spatzen auch noch in den Exkrementen der Vierbeiner Hafer finden. Dass hingegen die „Wohlgenährten“ immer kräftiger werden, macht Felber mit dem Hinweis auf das Prinzip des „sinkenden Aneignungswiderstandes“ deutlich, wonach die erste Million zwar schwer zu verdienen ist, die weiteren aber immer leichter hinzukommen. Sein Gegenvorschlag: 10 Mio. Euro an Privateigentum sind genug, und Einkommen sollten nicht mehr als um das 20fache auseinander liegen!). Stress, Zeitnotstand, mangelnde Mitbestimmung  und auch das schale Versprechen der „Konsumfreiheit“ („das neue Volksopium“) – sie alle stünden dem Versprechen auf Freiheit (als Selbstbestimmung) entgegen. An „akutem Autismus“ leidend, zehre der Kapitalismus zudem auch das globale ökologische Kapital auf. Zusammen gesehen, alle andere als eine Erfolgsbilanz!

Sachlich, pointiert und ausgestattet mit einer erstaunlichen Fülle von Referenzen, enttarnt der Autor in den folgenden Kapiteln weitere „Ikonen“ des Wettbewerbs neoliberaler Prägung: Erfolg – so die Befunde in Kürze - wird gleichgesetzt mit Gewinnmaximierung, das Streben nach Eigennutz schwächt den (sinnvollen) Wettbewerb zugunsten des Gemeinwohls. Wettbewerb ist nicht Bedingung für Leistung, Effizienz und Innovation, sondern steht ihnen entgegen. Achtung, Anerkennung und Kooperation motivieren mehr als Konkurrenz. Leistung ist im gegenwärtigen System vor allem auf die Erzeugung eines „Geldwert-Warenberg-Unwohl­stan­des“ zugeschnitten, während gesellschaftlich maßgelbliche Tätigkeiten (Familienarbeit, Eigenarbeit, Pflege, Sozial- und Kulturarbeit) als minderwertige Leistung angesehen (und schlecht[er] bis gar nicht entlohnt würden. [Felber tritt dafür ein, Vermögen stärker als Arbeit zu besteuern und begründet dies mit einem geradezu ungeheuerlichen Beleg dafür, dass Einkommen und Leistung vielfach nichts mit einander zu tun haben:

Mit einem Stundenlohn von 700.000 USD kassieren die heute bestbezahlten Hedge-Fonds-Manager mehr als das 135.000-fache einer Mindestlohnbezieherin, die mit 5,15 USD abgespeist wird (S. 150). Wettbewerbsfähigkeit, ein weiterer Leitbegriff, mag für konkurrierende Unternehmen Sinn machen, nicht aber für Staaten. Mit der Verfolgung des Ziels nationaler Standortsicherung werde der „Standort Erde“ zum Verlierer. Das Lissabon-Ziel der EU bezeichnet Felber überspitzt, aber in letzter Konsequenz auch diskussionswürdig als friedensgefährdend (S. 172).

Auch die Chancengleichheit  sieht der Autor als Mythos und Konstrukt an, um den „ männlichen Konkurrenzkapitalismus zu legitimieren“. Verwirklicht würde sie nur, wenn Erwerbs- und Lebenssphären für Alle besser mit einander in Einklang gebracht und auch im globalen Maßstab eine ökologische Gerechtigkeit verwirklicht würde. Und wie steht es um die viel gepriesene und permanent strapazierte Eigenverantwortung? Dahinter verbirgt sich, so Felber, ein „Dauerfeuer von Imperativen“, das uns auffordert, uns bestimmte Fähigkeiten und Qualitäten anzueignen, fast schon bestimmte Charakterzüge anzunehmen“ (S. 197). Dass dies im Klartext nicht Freiheit, sondern Unterwerfung bedeutet, ist eine der vielen scharfsichtigen und treffenden Beobachtungen, die den Autor und diesen Titel kennzeichnen.

Dazu zählen aber auch kritische Anmerkungen zur viel beschworenen Macht der KonsumentenInnen, die der Autor mit der „Freiheit des Vogels im Käfig“ vergleicht. Selbst unter der Annahme, dass sie gut informiert und kaufkräftig sind, würden aufgeklärte und ethisch motivierte BürgerInnen sich doch nur am „reichlichen Buffet“ mit Bedacht bedienen, ohne aber auf die dahinter liegenden Strukturen Einfluss nehmen zu können (eine These, die wohl nicht ungeteilte Zustimmung finden wird). Dass schließlich auch die soziale Verantwortung in einem System zu kurz kommt, das es Unternehmen erlaubt, „der Gewinnmaximierung zu frönen, die Menschenwürde zu untergraben und das Gemeinwohl außer Acht zu lassen“ (S. 222), ist hingegen wohl schwer zu entkräften. Um hier gegenzusteuern plädiert Felber für die Entwicklung und Umsetzung verbindlicher Standards (und hegt massiven Zweifel an der Wirksamkeit von freiwilligen CSR-Maßnahmen oder „Global Compact“-Vereinbarungen). Wo „soziale Verantwortung“ zu einem „Tool“ zur Steigerung von Gewinnen verzweckt wird, „ist sie tot“. Anders formuliert: „Strategische Menschlichkeit ist das Ende der Menschlichkeit.“. (S. 237)

An Stelle des „heillosen Gegeneinander“, das auf die destruktive „Funktionslogik  neoliberalen Wirtschaftens zurückgeführt wird, wird für eine Gesellschaft geworben, die Konkurrenz durch Kooperation und (Natur-)Zerstörung durch Verbundenheit ersetzt. Empathie und Mitgefühl wären nicht nur „eine wirksame Sozialversicherung“ (S. 251), sondern Grundlage für eine (Welt)Gesellschaft, die sich folgende Ziele zu Eigen macht (S. 261ff.): Eine Form des Wirtschaftens und der Bedürfnisbefriedigung ohne Wachstumszwang; ökonomische Freiheit, die nicht auf Kosten anderer geht; Unternehmen, die nicht dem Gewinn, sondern der Gemeinwohl verpflichtet sind; freiwillige Formen der (wirtschaftlichen) Kooperation, die Menschen motivieren; Nähe und Vielfalt vor Distanz und Vereinheitlichung; ökologische Verantwortung; konsequente Umsetzung von Eigenverantwortung (= Durchsetzung des Verursacherprinzips); Förderung von Gemeinschaftseigentum – das sind einige der Leitplanken auf dem Weg zu dem vom Autor abschließend beworbenen Modell der „Modernen Allmende“: In allen öffentlichen Unternehmen sollten – einem 4-blättrigen Kleeblatt vergleichbar – Beschäftigte, NutzerInnen, VertreterInnen der öffentlichen Hand und ein Gender-Gremium ein demokratisch legitimiertes Leitungsgremium bilden. Re-Politisierung und Mitbestimmung wären die Folge.

„Wir sollten uns dagegen wehren, dass unser Lohn, unsere soziale Sicherheit, unser Arbeitsplatz, unsere Lebens- und Umweltqualität und unsere Würde plötzlich eine Gefahr für die Standortsicherheit darstellen und dass die demokratischen Errungenschaften der letzten 1500 Jahre nun wieder wackeln, weil sie dem Gott der Wettbewerbsfähigkeit nicht gefallen.“  (Chr. Felber, S. 165f.)

Wo mündige BürgerInnen diese Ziele zum Teil schon leben und einfordern und der Staat sie fördert, sind Selbstbestimmung, Gerechtigkeit und Solidarität vielleicht weniger fern, als dies gegenwärtig erscheint. Auch wenn zentrale Fragen – Wie etwa soll ein global gerechter Ausgleich auf Basis einer regional ausgerichteten Ökonomie realisiert werden? – an dieser Stelle offen bleiben: Mit diesem Buch hat Christian Felber einen nicht zu übersehenden Wegweiser in Richtung einer gerechteren und vor allem lebenswerteren Welt vorgelegt. Am besten Sie überzeugen sich selbst.

Walter Spielmann

Aus: pro ZUKUNFT 1/2008

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Tipp 9:

 

Holzapfel, Jan; Lehmann, Tim; Spieker, Matti:
Expedition Welt. Vom Abenteuer, sich zu engagieren.
München: ökom-Verl., 2008. 302 S.,
€ 16,90 [D], 17,40 [A], sFr 28,70

ISBN 978-3-86581-891-2

 

 

Ausgerüstet mit Rucksack, Audio- und Videorecorder, vor allem aber ausgestattet mit Weltoffenheit, sozialem Engagement und Neugier haben sich Jan Holzapfel, Tim Lehmann und Matti Spieker auf die Reise gemacht: 2005 initiierten sie das Projekt „Expedition WELT – Dialog für nachhaltige Entwicklung“. Nach einem Jahr intensiver Vorbereitung, in dem das Vorhaben bereits mit Auszeichnungen und öffentlichen Zuwendungen bedacht wurde und Sponsoren gewonnen werden konnten, ging es auf „große Tour“: 85.000 km durch 25 Entwicklungsländer legten die drei Journalisten in achteinhalb Monaten zurück, um nicht weniger als 33 „Sozialunternehmer“ – der prominenteste unter ihnen ist Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunnus – zu treffen, mit ihnen zu sprechen, ihre Projekte und Motive kennen zu lernen und darüber auch in Form von Internet-Foren mit deutschen Schulen zu berichten. Ein sorgfältig gestalteter, mit zahlreichen Fotos, in „Info-Boxen“ zusammengefassten, mit weiterführenden Informationen versehener und vor allem auch durch persönliche Reiseeindrücke ansprechend aufbereiteter Band dokumentiert diese außergewöhnliche Reise, die über den indischen Subkontinent und Südostasien nach Zentral- und Südamerika schließlich nach Afrika zurück nach Deutschland führte. Die dabei gewonnenen Erfah­rungen werden auf lebendige und authentische Weise vermittelt:

Ob vom Einsatz für bessere „Lebensbedingungen der Minenarbeiter in der Wüste Thar, von „Hole in the Wall“, dem von Sugatra Mitra indizierten Computer-Projekt für indische Kinder, oder der von Rakesh Jaiswal gegründeten Initiative „Eco Friends“, die sich dem Kampf für sauberes Wasser im Ganges verschrieben hat, die Rede ist. Dem Engagement für gerechte Arbeitsbedingungen, für Bildung und Entwicklung sowie für angemessene ökologische Lebensbedingungen in Indien liegen im Grunde dieselben Motive und Ziele zugrunde wie allen anderen geschilderten Projekten auch. Denn so unterschiedlich sie im Einzelnen auch sein mögen, so ähnlich sind doch die Anliegen der Menschen, die als „SozialunternemerInnen“ vor allem eines bewegt: Sie sind nicht bereit, sich mit den Lebensbedingungen der Besitzlosen und Ausgegrenzten abzufinden; sie vertrauen nicht auf die Versprechen der Mächtigen, die nur zu oft eine grundlegende Verbesserung der Lebensbedingungen in Aussicht stellen, aber sich doch am Elend Zigtausender mit schuldig machen. Ausgestattet mit einem hohen Werte-Bewusstsein und Beharrlichkeit, ausgeprägtem Intellekt und Menschenliebe schaffen sie Außerordentliches: Ob Unterkünfte und Ausbildungsstätten für Straßenkinder in Hanoi, der Kampf gegen Menschenhandel in Thailand, ein Zirkusprojekt für gewalttätige Jugendliche in Mexico City oder der Einsatz für Waisenkinder in Südafrika: Porträtiert werden die Motive und Visionen, die diese Pioniere sozialen Wandels motiviert, geschildert werden ihre Erfolge, benannt werden aber auch Hindernisse und persönliche Einschränkungen, die sie auf sich zu nehmen bereit sind. Dass sie für ihren Einsatz mehr als nur entschädigt, sondern tausendfach belohnt werden, soll, so ein erklärtes Ziel des Autorentrios, auch andere anstiften, sich unmittelbar für Menschen und Projekte in den Ländern des Südens zu engagieren.

Wer immer sich dafür interessiert, findet in diesem Buch oder auch auf www.praktika.expedition-welt.de zahlreiche einschlägige Empfehlungen. Könnte es sein, dass immer mehr junge Menschen sich mit dem vermeintlich Unveränderlichen nicht abfinden wollen, herkömmliche persönlich wie auch gesellschaftlich als erstrebenswert angesehene Ziele wie materiellen Wohlstand und Spaß um (fast) jeden Pries zunehmend infrage stellen und ihr Leben vor allem sinnvoll gestalten wollen? Dieses Buch ist ein starkes Indiz dafür.

 

Walter Spielmann

Aus: pro ZUKUNFT 4/2008

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Tipp 10:

 

Heiko Ernst:
Weitergeben! Anstiftung zum generativen Leben.
Hamburg: Hoffmann u. Campe, 2008. 256 S.,
€ 19,95 [D], 20,55 [A], sFr 34,90

ISBN 978-3-455-50073-8

 

 

Um 2050 werden in den Wohlstandsländern Europas – vor allem in Deutschland und Österreich – mehr als die Hälfte der BürgerInnen älter als 60 Jahre alt sein. Der Weg in die Seniorengesellschaft ist vorgezeichnet und eine durchschnittliche Lebenserwartung von dann 80 bis 85 Jahren könnte – so sollte man meinen – als historisch einzigartiger Zuwachs an Lebensqualität begrüßt werden. Doch dem ist keineswegs so: Auch wenn Trendforschung und Werbung „die Alten“ entdecken und das Wort von der „Silbernen“ oder „Goldenen Generation“ die Runde macht, geht die Angst vor dem Älterwerden um.

Heiko Ernst, Chefredakteur der renommierten Zeitschrift Psychologie heute, legt in diesem sachlich fundierten und doch allgemein verständlich formulierten Buch eine Empfehlung (und doch alles andere als eine Gebrauchsanweisung)  für das Gelingen des „dritten Lebens“, die Zeit nach Kindheit, Jugend und Erwerbstätigkeit, vor. Denn anders als die übliche Ratgeberliteratur, die in zahllosen Facetten Wellness für Körper und Geist propagiert, fragt der Autor grundsätzlich nach dem Sinn eines verlängerten Lebens und plädiert für die Entwicklung von „Generativität“, die der dänisch-amerikanische Psychoanalytiker Erik H. Erikson als „zeugende und kreative Fürsorge“ definierte. Heiko Ernst begreift Generativität als „das psychologisch-kulturelle Äquivalent zur physischen Nachhaltigkeit“, die „nicht nur auf den Erhalt, sondern auf die Verbesserung der zivilisatorischen Errungenschaften, der Kultur und damit der Lebensbedingungen künftiger Generationen zielt“ (S. 46). Vor allem im Prozess der Bildung zugrunde gelegt, ziele Generativität in ihrem Kern darauf, jenseits der eigenen biologischen Existenz und der Zeugung von Nachkommen auf dieser Welt eine dauerhafte Spur zu hinterlassen. Um am „Nachmittag des Lebens“ nicht in Selbstüberschätzung oder Stagnation zu schlittern, biete die dezidierte Entwicklung von Fürsorge im Sinne von „Welt-Interesse“ und „Welt-Zuwendung“ nicht nur die Möglichkeit, „nachhaltig“ auf Individuen oder Institutionen zu wirken. Generativität trage vielmehr als „zentrale Tugend des Erwachsenenalters ihren Lohn in sich“, bedeute sie doch einen „Zugewinn an psychischem und sozialem Wohlbefinden und seelische Gesundheit für den ‚Rest des Lebens’“ (S. 88). Generativität zu praktizieren, sei jedoch keine Selbstverständlichkeit sondern ein Lernprozess, in dem es darum geht, von sich selbst absehen zu können, um zugleich in der Rolle des Lehrers, Mentors, als „keeper of the meaning“ glaubwürdig zu sein.

Dem Autor geht es, wie gesagt, nicht um eine „Bedienungsanleitung“ für eine neue Welt jenseits der Spaßkultur, doch lässt er uns, gewissermaßen sich selbst vergewissernd, an einem Erkundungsprozess teilnehmen, etwa wenn er über „Metafähigkeiten“ als „Maximen gelingender Selbststeuerung“ nachdenkt: Zu ihnen zählt er existenzielle Geduld, um die eigene Identität an neue Gegebenheiten anzupassen; Autonomie als Ausdruck der Gelassenheit und inneren Reife; Verantwortung für das eigene Tun sowie die Fähigkeit, Unsicherheit (auch) als Tugend zu erkennen.

"Der Sinn des langen Lebens besteht darin: es ist die Zeit, etwas zurückzuzahlen für all das, was man an Lektionen, Erfahrungen und Ressourcen von der Gesellschaft erhalten hat. In dieser Betrachtungsweise sind die Älteren nicht mehr nur bestaunte Sonderfälle, mitunter auch lästige Kostgänger und Außenseiter, sondern lebendige Brücken zwischen dem Gestern, dem Heute und dem Morgen." (H. Ernst, S. 244f.)

Im „dritten Alter“ steht, so Heiko Ernst, der grundlegende Umbau der Psyche an, geht es doch um die die Neudefinition der Identität, von Leistung, Intimität und Kreativität und nicht zuletzt die intensive(re) Suche nach dem Sinn des Lebens. All das „mündet schließlich in der generativen Frage: Was ist unser Beitrag, unser Vermächtnis? Was haben wir getan, was können wir noch tun, um aus dieser Welt einen besseren Ort zu machen?“ (S. 126) Eine in allen Kulturen geübte Herausforderung und Praxis, gewiss, und doch alles andere als selbstverständlich: Wenn etwa in Anbetracht gestiegener Lebenserwartung Sechzigjährige plötzlich zu „Eltern ihrer Eltern“ werden und zugleich den stetigen Schwund der eigenen Lebenskräfte erfahren, kann es schwer fallen, für die eigene „symbolische Unsterblichkeit zu sorgen“ (S. 135). Im Kontext der Wiederentdeckung des Religiösen als Teil der „Arbeit an der Unsterblichkeit“ erscheint Generativität als „der existenzielle Schlussstein im Lebensbogen“ (S. 143). Wie schon Plato erkannte, stehen dem Menschen grundsätzlich drei Wege zur Erlangung potenzieller Verewigung offen: künstlerische Ideen und Objekte, handwerkliche oder praktische Erfindungen sowie schließlich Weisheit und Tugend, die sich u. a. in der Verbesserung sozialer Institutionen niederschlagen können (vgl. S. 187).

Generativ zu handeln, so Heiko Ernst in einem abschließenden Blick auf das Leben der nach uns Kommenden, „bedeutet per definitionem die Abkehr von einem Lebensstil, der auf Selbstzentrierung und den damit verbundenen Obsessionen wie zwanghaftem Konsum oder Gesundheitsfetischismus gründet“ (S. 201). Generativität bedeute Kreativität bei der Erfindung neuer Lebens-Mittel, etwa durch die Berücksichtigung von Grundrechten kommender Generationen. Mit dem Verweis auf nicht weniger als 196 Bürgerstiftungen, die es 2007 alleine in Deutschland gab, macht der Autor auf das positive Potenzial generativen Handelns aufmerksam, benennt aber auch die Perversion dieser Idee, wie sie etwa in Diktaturen praktiziert wurde und wird.

„Könnte Weisheit“, so Heiko Ernst abschließend, „eine Schlüsseleigenschaft in dem Sinne sein, dass sie Generativität stimuliert und begünstigt, indem sie als eine Geisteshaltung, vorverlegt’ und auch schon im mittleren Alter oder noch früher ‚anwendbar’ wird?“ (S. 241) Weisheit bedeute auch, mit Widersprüchen und Unsicherheiten zu leben, auch und gerade im „dritten Alter“. Im Blick auf die unendlich vielen Facetten erfüllender Generativität – ob im Kleinen oder Großen – ist dies alle Mal besser als der vielfach beschworene „Ruhestand“. Ein Buch, das mutmaßlich eine der wichtigsten Zukunftsherausforderungen intelligent und humorvoll auslotet und dem daher viele LeserInnen zu wünschen sind.

 

Walter Spielmann

Aus: pro ZUKUNFT 2/2008

 

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