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31. 01. 2009
Bruttonationalglück - Auf der Suche nach der guten Gesellschaft“

Tagung in St. Virgil anlässlich des 100. Geburtstags von Leopold Kohr

Von HANS HOLZINGER

 

 

 

Bruttonationalglück - Bhutan als Vorbild

Als vor dreißig Jahren ein westlicher Journalist den damaligen König von Bhutan nach dem Bruttosozialprodukt seines Landes gefragt hat, soll dieser ihm geantwortet haben, dass ihn vielmehr als das Bruttosozialprodukt das Bruttonationalglück seines Landes interessiere. Er brachte damit zum Ausdruck, dass Lebenszufriedenheit mehr ist als materieller Wohlstand, Entwicklung mehr als die Erhöhung von Produktionsziffern. Seither gilt Bhutan als Vorbild für einen  alternativen Entwicklungsweg. In einer Tagung anlässlich des 100.Geburtstags von Leopold Kohr wurde das Konzept des Bruttonationalglücks jüngst in St. Virgil einem interkulturellen Vergleich unterzogen.

Kleines und großes Glück, oberflächliches und tiefverwurzeltes Glück

Michael Rutland, britischer Honorarkonsul und Ehrenbürger von Bhutan und als solcher „Botschafter“ der Idee des Bruttonationalglücks machte im Eröffnungsvortrag deutlich, dass es unterschiedliche Vorstellungen vom Glück gibt. Das „kleine Glück“, das aus dem Zusammensein mit der Familie, mit Freunden, aus einem Tätigsein, aber auch aus dem Hören von Mozartmusik erwachse, ergänzte Rutland durch das „große Glück“, das nur aus der Wohlentwicklung einer ganzen Gesellschaft oder gar der Menschheit entstehe. Trügerisch sei das „oberflächliche Glück“, das aus der kurzfristigen Befriedigung von Bedürfnissen erwächst und in der Regel nach immer Neuem verlangt: „Das Glück eines Kindes, dem ein Eis spendiert wird und das einige Augenblicke später nach einer Coca Cola schreit.“ Dem stellte der Vortragende das im Buddhismus gemeinte „tiefverwurzelte Glück“ entgegen, das besser mit Harmonie und Zufriedenheit umschrieben werden könne und keineswegs Abwesenheit von Schmerz bedeute: „Wenn wir in einem Zustand der Harmonie mit unserer Umwelt, unserer Gemeinschaft und uns selbst leben, könnten wir sicherlich als glücklich bezeichnet werden - auch wenn wir Zeiten der Traurigkeit erleben.“

Vom „Redlichkeits- und Weisheitsglück“

Klemens Sedmak von der Salzburger Ethik Initiative unterschied sechs Arten von Glück: das „Wohlfühlglück“, das ich zum Beispiel erlebe, „wenn ich am Wochenende länger ausschlafen kann“; das „Anstrengungsglück“, das sich einstellt, „wenn ich den Berggipfel erreicht habe, auch wenn ich dafür früh aufstehen musste“; das „moralische Glück“, das mich davor schützt, in schwierige Situationen zu kommen; das „Redlichkeitsglück“, das mit dem Gefühl zusammenhängt, etwas Richtiges gemacht zu haben, auch wenn es mit Anstrengung verbunden war; das „Weisheitsglück“, das mir hilft, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden und Orientierung gibt; schließlich das „Gnadenglück“, das uns daran erinnert, „dass uns vieles geschenkt wird, ohne etwas dafür zu tun.“ Für Sedmak liegt das Wesentliche des Glücks darin, „Ja zum Leben zu sagen, auch wenn es nicht immer leicht ist“. Oder wie es der Pädagoge Janus Korzak ausgedrückt haben soll: „Ich wünsche mir ein schweres Leben, aber nützlich und schön.“

Glücksbegabung und Glückswürdigkeit

Im gesellschaftlichen Umgang mit Glück sind für Sedmak drei Dinge wichtig: Die „Glücksbegabung“, die selbstverständlich zu Ungerechtigkeiten führe: „Glückliche Menschen ziehen Glückliche an, Unglückliche die Unglücklichen“; es sei Aufgabe der Gesellschaft, hier ausgleichend zu wirken; weiters die „Glückswürdigkeit“ als Zuschreibung, wie viel Glück ich anderen gönne, z. B. jemandem, der weniger arbeitet als ich, was in der Sozialpolitik eine wichtige Rolle spiele. Wesentlich sei schließlich die „Glücksgelassenheit“, das heißt, einfach nicht zu viel zu erwarten, was auch mit Einfachheit und Reduzierung der materiellen Bedürfnisse zusammenhänge. Das häufige Reden über das Glück könne dabei den Effekt haben, „dass wir immer unglücklicher werden“.

Die Aspiringesellschaft nach Leopold Kohr

Dass die Anhäufung materieller Güter hinsichtlich Glücksbilanz zwiespältig ist, machte Ewald Hiebl von der Universität Salzburg am Denken Leopold Kohrs deutlich, der von unserer modernen Konsumwelt als „Aspiringesellschaft“ sprach. Diese erfinde Gegenmittel für immer neue wahrgenommene Mängel, ohne damit die Lebensqualität zu erhöhen. Nicht mehr die biologischen und kulturellen Bedarfsgüter stünden im Mittelpunkt, sondern die „Verschleißgüter“, die rasch veralten, sowie die technologischen „Prothesengüter“, die wie beispielsweise Autos nicht die Zufriedenheit an sich erhöhen, sondern notwendig geworden sind, weil wir immer weitere Distanzen zurücklegen müssen. Kohr plädierte in diesem Sinne für die „Rückkehr zum menschlichen Maß“, zu dem die fußläufige Erreichbarkeit aller lebenswichtigen Dinge gehöre. Probleme geben es auch beim Leben in kleineren Einheiten, so Hiebl, doch ließen sich diese hier besser, demokratischer und mit weniger Aufwand lösen, wie Kohr etwa am Beispiel der Militärausgaben kleiner und großer Nationen aufgezeigt habe. Glücklich sei daher eine Gesellschaft, „die wenig oder überhaupt kein Aspirin braucht, und in der die Menschen trotzdem nicht Kopfweh haben.“

Ein neuer Blick auf Arbeit und Leistung

Was bedeutet das Gesagte für die Politik? Nicole Lieger vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Menschenrechte in Wien plädierte dafür, die Grenzen des Bruttosozialprodukts zu sehen, „das nur jene Leistungen misst, die in Geldwerten auszudrücken sind“. Das „Wachsen der Wirtschaft“ sei daher häufig nichts anderes als deren Monetarisierung. „Wenn ich die eigene Mutter pflege, so ist das eine sinnvolle und nützliche Tätigkeit, doch nur wenn diese Tätigkeit von einer bezahlten Betreuerin ausgeführt wird, erhöht sie das Bruttosozialprodukt.“ Sinnvoll sei, die Fülle an menschlichen Tätigkeiten wahrzunehmen und dann von Fall zu Fall zu entscheiden, wie wir diese am besten verrichten wollen. Zu hinterfragen sei in unserer hocharbeitsteiligen Wirtschaft auch der Begriff der Leistung, die immer schwerer einzelnen Tätigkeiten zuordenbar sei.

Bild von der Mangelgesellschaft überwinden

Letztlich gehe es darum, vom Bild der „Mangelgesellschaft“ wegzukommen und die „Fülle“ zu sehen, von der wir umgeben sind. Als konkretes Beispiel nannte Lieger so genannte „Kost Nix“-Läden, bei denen Menschen Dinge, sie sie nicht mehr brauchen abgeben und jene, die sie brauchen, gratis beziehen können. Auf lange Sicht vorstellbar sei in diesem Sinne auch ein bedingungsloses Grundeinkommen, das allen ermöglicht unabhängig von Lohnarbeit ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen. Ein erster Schritt dorthin könnte sein, dass man, wenn man bereits genug verdient, „keine Lohnerhöhung mehr fordert“.

Auf dem Weg zum „Bruttointernationalglück“

Die Tagung machte deutlich, dass materielle Güter zwar eine wichtige, aber keine hinreichende Voraussetzung für Glück sind. Die Erkenntnis der Glücksforschung, dass ab einem gewissen Einkommensniveau die Lebenszufriedenheit nicht mehr steigt, dass andererseits aber Menschen zufriedener sind, wenn sie das Gefühl haben, das es gerecht zu geht in der Gesellschaft, könnte der Politik ein Tor öffnen, weg von permanentem Wachstum hin zu einer besseren Verteilung des Vorhandenen zu kommen. Dies ist auch aus ökologischen Gründen geboten, denn unser materielles Wohlstandsniveau ist nicht auf die gesamte Menschheit ausweitbar. Das „Bruttointernationalglück“ für sechs Milliarden Menschen wird daher nur bei einem Wohlstand mit weniger Ressourcenverbrauch möglich sein.

Links

SN-Interview mit Michael Rutland: In kleinen Schritten zum Glück
Leopold-Kohr-Akademie:
www.leopold-kohr-akademie.at
Salzburger Ethik-Initiative: www.salzburg-ethik.com
St. Virgil Salzburg: Bruttonationalglück – auf der Suche nach der guten Gesellschaft
Politik der Anziehung:
http://homepage.univie.ac.at/nicole.lieger

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