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Bruttonationalglück - Bhutan als Vorbild Als
vor dreißig Jahren ein westlicher Journalist den damaligen König von Bhutan
nach dem Bruttosozialprodukt seines Landes gefragt hat, soll dieser ihm
geantwortet haben, dass ihn vielmehr als das Bruttosozialprodukt das
Bruttonationalglück seines Landes interessiere. Er brachte damit zum
Ausdruck, dass Lebenszufriedenheit mehr ist als materieller Wohlstand,
Entwicklung mehr als die Erhöhung von Produktionsziffern. Seither gilt Bhutan
als Vorbild für einen alternativen
Entwicklungsweg. In einer Tagung anlässlich des 100.Geburtstags von Leopold
Kohr wurde das Konzept des Bruttonationalglücks jüngst in St. Virgil einem
interkulturellen Vergleich unterzogen. Kleines und großes Glück,
oberflächliches und tiefverwurzeltes Glück Michael
Rutland, britischer Honorarkonsul und Ehrenbürger von
Bhutan und als solcher „Botschafter“ der Idee des Bruttonationalglücks machte
im Eröffnungsvortrag deutlich, dass es unterschiedliche Vorstellungen vom
Glück gibt. Das „kleine Glück“, das aus dem Zusammensein mit der
Familie, mit Freunden, aus einem Tätigsein, aber auch aus dem Hören von
Mozartmusik erwachse, ergänzte Rutland durch das „große Glück“, das
nur aus der Wohlentwicklung einer ganzen Gesellschaft oder gar der Menschheit
entstehe. Trügerisch sei das „oberflächliche Glück“, das aus der
kurzfristigen Befriedigung von Bedürfnissen erwächst und in der Regel nach
immer Neuem verlangt: „Das Glück eines Kindes, dem ein Eis spendiert wird und
das einige Augenblicke später nach einer Coca Cola schreit.“ Dem stellte der
Vortragende das im Buddhismus gemeinte „tiefverwurzelte Glück“ entgegen, das
besser mit Harmonie und Zufriedenheit umschrieben werden könne und keineswegs
Abwesenheit von Schmerz bedeute: „Wenn wir in einem Zustand der Harmonie mit
unserer Umwelt, unserer Gemeinschaft und uns selbst leben, könnten wir
sicherlich als glücklich bezeichnet werden - auch wenn wir Zeiten der
Traurigkeit erleben.“ Vom „Redlichkeits- und Weisheitsglück“ Klemens
Sedmak von der Salzburger Ethik Initiative unterschied
sechs Arten von Glück: das „Wohlfühlglück“, das ich zum Beispiel erlebe,
„wenn ich am Wochenende länger ausschlafen kann“; das „Anstrengungsglück“,
das sich einstellt, „wenn ich den Berggipfel erreicht habe, auch wenn ich
dafür früh aufstehen musste“; das „moralische Glück“, das mich davor schützt,
in schwierige Situationen zu kommen; das „Redlichkeitsglück“, das mit dem
Gefühl zusammenhängt, etwas Richtiges gemacht zu haben, auch wenn es mit
Anstrengung verbunden war; das „Weisheitsglück“, das mir hilft, Wesentliches
von Unwesentlichem zu unterscheiden und Orientierung gibt; schließlich das
„Gnadenglück“, das uns daran erinnert, „dass uns vieles geschenkt wird, ohne
etwas dafür zu tun.“ Für Sedmak liegt das Wesentliche des Glücks darin, „Ja zum
Leben zu sagen, auch wenn es nicht immer leicht ist“. Oder wie es der
Pädagoge Janus Korzak ausgedrückt haben soll: „Ich wünsche mir ein schweres
Leben, aber nützlich und schön.“ Glücksbegabung und Glückswürdigkeit Im
gesellschaftlichen Umgang mit Glück sind für Sedmak drei Dinge wichtig: Die
„Glücksbegabung“, die selbstverständlich zu Ungerechtigkeiten führe:
„Glückliche Menschen ziehen Glückliche an, Unglückliche die Unglücklichen“;
es sei Aufgabe der Gesellschaft, hier ausgleichend zu wirken; weiters die
„Glückswürdigkeit“ als Zuschreibung, wie viel Glück ich anderen gönne, z. B.
jemandem, der weniger arbeitet als ich, was in der Sozialpolitik eine
wichtige Rolle spiele. Wesentlich sei schließlich die „Glücksgelassenheit“,
das heißt, einfach nicht zu viel zu erwarten, was auch mit Einfachheit und
Reduzierung der materiellen Bedürfnisse zusammenhänge. Das häufige Reden über
das Glück könne dabei den Effekt haben, „dass wir immer unglücklicher
werden“. Die Aspiringesellschaft nach Leopold Kohr Dass
die Anhäufung materieller Güter hinsichtlich Glücksbilanz zwiespältig ist,
machte Ewald Hiebl von der Universität Salzburg am Denken Leopold
Kohrs deutlich, der von unserer modernen Konsumwelt als „Aspiringesellschaft“
sprach. Diese erfinde Gegenmittel für immer neue wahrgenommene Mängel, ohne
damit die Lebensqualität zu erhöhen. Nicht mehr die biologischen und
kulturellen Bedarfsgüter stünden im Mittelpunkt, sondern die
„Verschleißgüter“, die rasch veralten, sowie die technologischen
„Prothesengüter“, die wie beispielsweise Autos nicht die Zufriedenheit an
sich erhöhen, sondern notwendig geworden sind, weil wir immer weitere
Distanzen zurücklegen müssen. Kohr plädierte in diesem Sinne für die
„Rückkehr zum menschlichen Maß“, zu dem die fußläufige Erreichbarkeit aller
lebenswichtigen Dinge gehöre. Probleme geben es auch beim Leben in kleineren
Einheiten, so Hiebl, doch ließen sich diese hier besser, demokratischer und
mit weniger Aufwand lösen, wie Kohr etwa am Beispiel der Militärausgaben
kleiner und großer Nationen aufgezeigt habe. Glücklich sei daher eine
Gesellschaft, „die wenig oder überhaupt kein Aspirin braucht, und in der die
Menschen trotzdem nicht Kopfweh haben.“ Ein neuer Blick auf Arbeit und Leistung Was
bedeutet das Gesagte für die Politik? Nicole Lieger vom
Ludwig-Boltzmann-Institut für Menschenrechte in Wien plädierte dafür, die
Grenzen des Bruttosozialprodukts zu sehen, „das nur jene Leistungen misst,
die in Geldwerten auszudrücken sind“. Das „Wachsen der Wirtschaft“ sei daher
häufig nichts anderes als deren Monetarisierung. „Wenn ich die eigene Mutter
pflege, so ist das eine sinnvolle und nützliche Tätigkeit, doch nur wenn
diese Tätigkeit von einer bezahlten Betreuerin ausgeführt wird, erhöht sie
das Bruttosozialprodukt.“ Sinnvoll sei, die Fülle an menschlichen Tätigkeiten
wahrzunehmen und dann von Fall zu Fall zu entscheiden, wie wir diese am
besten verrichten wollen. Zu hinterfragen sei in unserer hocharbeitsteiligen
Wirtschaft auch der Begriff der Leistung, die immer schwerer einzelnen
Tätigkeiten zuordenbar sei. Bild von der Mangelgesellschaft überwinden Letztlich
gehe es darum, vom Bild der „Mangelgesellschaft“ wegzukommen und die „Fülle“
zu sehen, von der wir umgeben sind. Als konkretes Beispiel nannte Lieger so
genannte „Kost Nix“-Läden, bei denen Menschen Dinge, sie sie nicht mehr
brauchen abgeben und jene, die sie brauchen, gratis beziehen können. Auf
lange Sicht vorstellbar sei in diesem Sinne auch ein bedingungsloses
Grundeinkommen, das allen ermöglicht unabhängig von Lohnarbeit ihre Grundbedürfnisse
zu befriedigen. Ein erster Schritt dorthin könnte sein, dass man, wenn man
bereits genug verdient, „keine Lohnerhöhung mehr fordert“. Auf dem Weg zum „Bruttointernationalglück“ Die
Tagung machte deutlich, dass materielle Güter zwar eine wichtige, aber keine
hinreichende Voraussetzung für Glück sind. Die Erkenntnis der
Glücksforschung, dass ab einem gewissen Einkommensniveau die
Lebenszufriedenheit nicht mehr steigt, dass andererseits aber Menschen
zufriedener sind, wenn sie das Gefühl haben, das es gerecht zu geht in der
Gesellschaft, könnte der Politik ein Tor öffnen, weg von permanentem Wachstum
hin zu einer besseren Verteilung des Vorhandenen zu kommen. Dies ist auch aus
ökologischen Gründen geboten, denn unser materielles Wohlstandsniveau ist nicht
auf die gesamte Menschheit ausweitbar. Das „Bruttointernationalglück“ für
sechs Milliarden Menschen wird daher nur bei einem Wohlstand mit weniger
Ressourcenverbrauch möglich sein. Links SN-Interview mit Michael Rutland: In kleinen Schritten zum Glück |
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