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Zukunftskommentar |
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Fortschritt oder Niedergang? In Anbetracht der Vielzahl von
Herausforderungen und Problemen, die uns derzeit zu schaffen machen, sind
„große Entwürfe“, die die Zukunft der Menschheit aus ganzheitlicher
Perspektive betrachten, rar. Umso reizvoller ist es, zwei Sichtweisen
herausragender Zukunftsdenker in den Blick zu nehmen, die gegensätzlicher
nicht sein könnten, und die doch - jede für sich genommen, schlüssig sind.
Beide Positionen – die Möglichkeit der Entwicklung einer „empathischen
Zivilisation“ (Jeremy Rifkin), aber auch der Niedergang des „Raubtiers
Mensch“, den John Gray für ausgemacht hält – sind weit mehr als nur
denkmöglich. Welchen Kurs werden wir nehmen? Was halten Sie davon. Diskutieren
sie mit uns. Die Geschichte der Menschheit
wird – von wenigen Ausnahmen abgesehen – als Abfolge von Intrigen und
Kriegen, von Habgier und Niedertracht, von Leid und Zerstörung erzählt – in
den großen Mythen aller Kulturen ebenso wie in der Fülle von Daten und
Fakten, die uns tagtäglich über das Weltgeschehen informieren. Der
US-amerikanische Ökonom und Soziologe Jeremy Rifkin, der mit seinen viel
beachteten Büchern die Diskussion um zentrale Zukunftsthemen seit Jahren mit
entscheidend prägt, erinnert an G. F. W. Hegel, der in seinen „Vorlesungen
zur Philosophie der Geschichte“ meinte: „Die Weltgeschichte ist nicht der
Boden des Glücks. Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr.“ (S. 20). In seinem in jeder Hinsicht
großen, ja großartigen Buch füllt Rifkin auf knapp 500 Seiten diese Lücke ein
Stück weit aus, indem er diese Geschichte neu erzählt. Ihr „Dreh- und
Angelpunkt“ ist die „widersprüchliche Beziehung zwischen Empathie und
Entropie“. „Veränderte Energienutzung und Kommunikationsrevolutionen haben“,
so die erkenntnisleitende These, „zur Entstehung
immer komplexerer Gesellschaftsstrukturen geführt. Technologisch weit
entwickelte Kulturen wiederum boten den Menschen die Möglichkeit, ihr empathisches
Bewusstsein zu erweitern. Doch je komplexer die sozialen Umfelder, umso höher
der Energieverbrauch und umso dramatischer die Ausbeutung der natürlichen
Ressourcen.“ (S. 13f.) Im wahrsten Sinne des Wortes nahe liegend und
Gegenstand des dritten Teils dieses Buches ist demnach die Frage, „ob der
Wettlauf zwischen einem globalen Empathiemaximum und der immer rasanteren entropischen Zerstörung der Biosphäre unseres Planeten
gewonnen werden kann“ (S. 14). Doch der Reihe nach. „Homo empathicus“ Einleitend entwickelt Rifkin die
Grundlagen eines neuen Bildes vom Menschen und fügt eine Fülle von Argumenten
(vor allem aus Psychologie und Anthropologie, aber auch aus Biologie und
Physik) aneinander, die überzeugend darlegen, dass „wir Menschen von Natur
aus soziale Kreaturen sind, die sich nach Gemeinschaft sehnen und durch
empathische Erweiterung des Selbst ihre eigene Bedeutung in der Beziehung zu
anderen finden“ (S. 24), während Aggressivität, Gewalttätigkeit und
Egoismus als „sekundäre Triebe“ angesehen werden können. In seiner
Argumentation des ‚Homo empathicus’ blendet der
Autor Schattenseiten unserer Existenz freilich nicht aus – die Exzesse des Konsumskapitalismus etwa führt er auf die „Erotisierung
unserer Sehnsüchte und Wünsche“ zurück (S. 47) – verweist aber andererseits
u. a. auf die herausragende Bedeutung des (metaphorischen) Sprachgebrauchs
hin, der „zwei Menschen die Möglichkeit gibt, am Innenleben des jeweils
anderen teilzunehmen“ und so den „tiefgreifenden Wandel vom „Ich denke, also
bin ich“ zum „Ich nehme teil, also bin ich“ (S. 117) in Gang zu setzen, der
unser Verständnis von Wirklichkeit prägt: „Je stärker wir aufeinander und auf
unsere Mitgeschöpfe eingehen, umso reicher ist die Wirklichkeit, in der wir
leben. Das Maß unserer empathischen Teilnahme bestimmt das Maß, in dem wir
die Wirklichkeit begreifen.“ (ebd.) Im zweiten, umfassendsten Teil
seiner Darstellung durchmisst Rifkin die Geschichte der Zivilisation von
ihren Anfängen im vierten Jahrtausend v. Chr. bis zur Mitte des 20.
Jahrhunderts in der Abfolge von mythologischem, theologischem, ideologischem
und psychologischem Bewusstsein und als Wechselspiel von Energie- und
Kommunikationsrevolutionen. Mündliche Überlieferung, Schrift, Drucktechnik
und Elektronik hätten sukzessive ermöglicht, unsere emotionale Reichweite
räumlich wie zeitlich auszudehnen, aber auch zur permanenten Ausbeutung der
begrenzten Ressourcen geführt, so dass wir heute vor der Herausforderung
stehen, unser empathisches Potenzial weiter zu entwickeln, ohne den Durchsatz
an Energie weiter zu erhöhen. „Zeitalter der Empathie“ Wie dies gelingen könnte, ist
Gegenstand des abschließenden dritten Teils, in dem der Verfasser die
Konturen eines möglichen „Zeitalters der Empathie“ ausbreitet. Die uns
gestellte Aufgabe ist keine geringe, denn auf dem Weg vom „dramaturgischen“
zum „biosphärischen“ Bewusstsein sind wir gefordert, „das menschliche
Bewusstsein im Laufe des kommenden Jahrhunderts so zu verändern, dass die
Menschheit lernen kann, wie man gemeinsam auf dem Planeten Erde lebt“ (S.
363). Technologisch setzt der Autor auf die Verwirklichung der „Dritten
industriellen Revolution“, die auf vier Säulen (Erneuerbarer Energie,
Gebäuden als Kraftwerken, intelligenten Speichertechnologien und der
Neukonfigurierung des Stromnetzes nach Vorbild des Internets) ruht und durch
einen „dezentralen Kapitalismus“ vorangetrieben wird. Das mentale Rüstzeug
sieht er in den „Selbstinszenierungen der Improvisationsgesellschaft“ zum
Teil vorgeprägt, denn Authentizität und die Bereitschaft zur Bildung sozialer
Netzte sei vor allem in der „Millenniumsjugend“ ausgeprägt, meint Rifkin. Es
bedürfe allerdings „eines starken persönlichen und politischen Engagements,
um einen neuen Traum zu verwirklichen und die Gesellschaft von Grund auf und
auf allen Ebenen neu zu gestalten“ (415). Eine „biosphärische Erziehung“,
durch die wir lernen, „unsere Beteiligung an Netzwerken, unsere Fähigkeit zum
Multitasking, unser wachsendes Bewusstsein für die gegenseitigen
Abhängigkeiten in den Bereichen Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt zu
stärken“ und die „Akzeptanz von Widersprüchen und kultureller Vielfalt“ zu
erhöhen, würde uns „für ein systemisches Verständnis der Erde prädisponieren“
(S. 420f.), ist der Autor überzeugt. Zugleich aber sieht er keinen Anlass für
naiven Zukunftsoptimismus: „Unsere empathische Prädisposition ist kein
fehlersicherer Mechanismus, der uns erlaubt, unsere Menschlichkeit zu
vervollkommnen. Sie stellt vielmehr eine Chance dar, die Menschheit zu einer
Großfamilie zu machen. Allerdings muss die Empathie ständig trainiert
werden.“ (S. 424) Dass es sich jedoch lohnt, sich
dieser Übung zu unterziehen, steht außer Zweifel. Ein analytisch großartiges,
ein inspirierendes Buch, dem viele LeserInnen zu
wünschen sind, weil es dazu beitragen kann, jeden Tag auf dieser Welt zu
einem besseren zu machen und so die Zukunft zu gewinnen. Rezensiert
von Walter
Spielmann, erschienen in PRO ZUKUNFT 2010/1. Rifkin, Jeremy: Die empathische Zivilisation. Wege zu
einem globalen Bewusstsein. Frankfurt/M. (u. a.): Campus, 2010. 468 S., € 26,90 [D], 27,70 [A], sFr 47,10; ISBN 978-3-593-38512-9 Aberglaube Humanismus? Anders als Jeremy Rifkin, der in
unserer Fähigkeit zu kooperativem Verhalten die Voraussetzungen zur
Entwicklung einer neuen Stufe des kollektiven Bewusstseins ausmacht, stellt
sein britischer Kollege John Gray die Zukunftsfähigkeit des Menschen radikal
infrage. Mit diesem in englischer Originalausgabe
bereits 2002 erschienenen Band – nach welchen Kriterien wird eigentlich über
den richtigen Zeitpunkt von Übersetzungen entschieden? – stellt der an der „London School of Economics“
lehrende Autor nicht weniger als das Fundament des abendländischen Denkens in
Frage. Mehr noch, er setzt es mit aller ihm zu Gebote stehenden
Entschlossenheit außer Kraft. Denn die „Grundüberzeugung des Humanismus“,
dass sich die Geschichte der Menschheit in ethischer und technologischer
Hinsicht trotz mancher Rückschläge als Fortschritt darstellen werde, ist für
Gray nicht mehr als ein „Aberglaube, der von der Wahrheit weiter entfernt ist
als jede Religion“ (S. 11). Konsequenterweise ist der Autor
darauf aus, „das herrschende humanistische Weltbild durch den strategischen
Einsatz darwinistischer Vorstellungen aufzubrechen“ (S. 12). Davon ausgehend,
dass unser Dasein auf bedingungslosen Kampf und Ausbeutung zurückzuführen ist
– eben dies ist, wie mir scheint, zunehmend Glaubenssache – entledigt sich
Gray seiner Aufgabe mit intellektueller und stilistischer Bravour. „Homo rapiens“ Sein Thema ist niemand oder
nichts geringerer als der Homo rapiens, das
Raubtier, die „Menschenplage“, die „keinen Artenschutz verdient“. Denn wenn
einst „die letzten Spuren des Tieres Mensch verwischt sind, werden viele
Spezies, die er heute auszulöschen droht, noch immer da sein, neben vielen
anderen, die sich erst noch entwickeln werden. Die Erde wird die Menschheit
vergessen. Das Spiel des Lebens wird weitergehen.“ (S.165) Detailliert, fast genüsslich
breitet der Experte für Ideengeschichte das Spektrum der Katastrophen, die
unsere Auslöschung vorantreiben und zu einem „guten“ Ende bringen, aus:
Klimakatastrophen, Ressourcenkriege, pandemische
Krankheiten, deren Verursacher selbst von den Mächtigsten der Welt nicht in
Schach zu halten sind, haben darin ebenso Platz wie eine „unzähmbare
Technik“, die Gray als Ausgeburt einer „irrationalen Wissenschaft“
betrachtet. Um nichts besser kommt allerdings auch die Philosophie weg, die
schon lange den Anspruch aufgegeben habe, „uns zu lehren, wie man leben soll“
und sich damit abmüht, das Denken zu klären (vgl. S. 98). In Anbetracht von rund 20
Genoziden, die seit Mitte des 20. Jahrhunderts zu registrieren waren, des
Scheiterns von Gerechtigkeitszielen und anderer Desaster mehr wären wir – so
des Autors Überzeugung – gut beraten, die Idee der Auszeichnung durch ein nur
dem Menschen zukommendes Bewusstsein aufzugeben und uns zugleich von der Idee
der „Erlösung vom Leiden“ zu verabschieden. Würden wir hingegen (von den Tieren)
lernen, den Tod als Teil des Lebens zu akzeptieren, so müssten wir zwar die
(alles andere als gesicherte) Vorstellung der Vergebung und eines ewigen
Paradieses aufgeben, hätten jedoch auf Erden viel gewonnen. Mit der Demontage des Humanismus
als Prinzip kontinuierlicher „Fortschrittserweiterung“ verweist Gray auch auf
die perfide Logik des Kapitalismus, unter dessen Regime „immer mehr Menschen
ökonomisch gesehen überflüssig werden“ (S. 171) und „die Mittelschicht zu
einem Luxus wird, den sich der Kapitalismus nicht mehr leisten kann“ (S.
172). Sollten wir in Anbetracht des
absehbaren finalen Abgesangs des „Raubtiers Mensch“ zumindest versuchsweise
andere Formen der Existenz in Erwägung ziehen, dann müssten wir lernen, dem
„Trost des Tätigseins“ zu entsagen. Es gelte, den Tod zu akzeptieren und
unser „Schicksal spielerisch zu nehmen.“ „Zu sehen was ist“, würde heißen,
„die Sterblichkeit zu akzeptieren, anstatt von der Unsterblichkeit zu
träumen“ (vgl. S. 209). Anders formuliert: „Echte Spiritualität bedeutet
nicht, nach Sinn zu suchen, sondern sich von ihm zu lösen.“ (S. 207) Indem John Gray die Grundlagen
unseres Denkens und seine bis dato überwiegend zerstörerischen Folgen
konsequent durchmisst, öffnet er – für
mich unerwartet und höchst bedenkenswert – die Grundzüge einer kontemplativen
Weltsicht jenseits religiöser Heilserwartung. Darüber lohnt es, weiter
nachzudenken und vor allem auch ins Gespräch zu kommen. Rezensiert von Walter
Spielmann in PRO ZUKUNFT 2010/1 Gray, John: Von
Menschen und anderen Tieren. Abschied vom Humanismus. Stuttgart: Klett-Cotta, 2010. |
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