|
JBZ-Zukunftskommentar |
||||
|
|
|
|
||
|
Frisst der Kapitalismus seine Kunden? Glaubt man Wirtschaftsprognosen,
so wird 2012 ein weiteres Krisenjahr. Die Finanzkrise hat sich zur
Verschuldungskrise gewandelt, der Begriff der „Schuldenbremse“ hat jenem des
„Rettungsschirms“ den publizistischen Rang abgelaufen. Öffentliches Sparen
ist angesagt. Kein Politiker, keine Politikerin hätte derzeit eine Chance,
wenn er oder sie anderes verlauten ließe. Manche ergänzen, dass auch die
Vermögenden stärker zur Finanzierung des Gemeinwohls herangezogen werden
sollten. Doch angesichts der bekannten Zahlen über den enormen Reichtum der
Wenigen klingt ihr Fordern verwunderlich verhalten. Die konservative Presse
gibt die Devise aus: „Keine neuen Steuern, ohne zu sagen, wen die neuen Steuern
treffen würden?“ Argumentiert wird mit dem Wirtschaftsstandort. Da sind sich
wieder alle einig. Mehr Wirtschaftswachstum wird gefordert – und mehr Konsum,
auch wenn sich dies mit Sparen wohl spießt. Umso mehr ist eine gerechtere
Verteilung des Erwirtschafteten ein Gebot der Stunde. Und doch erscheint mir
die alte gewerkschaftliche Forderung „Höhere Kaufkraft durch höhere Löhne“
allein nicht mehr zu reichen. „Frisst der Kapitalismus wirklich seine
Kunden?“, indem er sie um die Kaufkraft bringt, wie der
Wirtschaftskommentator Ronald Barazon pointiert formuliert hat (Salzburger
Nachrichten 31.12.2011). Neue knappe Güter Zeit und Aufmerksamkeit Auch wenn die
Produktivitätsfortschritte in den letzten Jahrzehnten immer weniger an die
Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen weitergegeben wurden, trifft die
(altkeynesianische) Schlussfolgerung, dass durch eine Andersverteilung des
Erwirtschafteten der private Konsum angekurbelt werden sollte, nicht mehr den
Kern der Herausforderung. Ein weiteres Drehen an der Konsumspirale könnte
womöglich einer drohenden Rezession entgegenwirken, sie wäre jedoch
ökologisch problematisch und würde auch – glaubt man Ergebnissen der
Zufriedenheitsforschung – nicht mehr die Lebensqualität erhöhen. Abgesehen
von jener Gruppe der (Zu)Gering-Verdienenden, die in der Tat das Recht auf
höhere Einkommen haben, sind nicht mehr Geld und Güter knapp. Die neuen
Knappheiten lauten Zeit und Aufmerksamkeit. Mehr Konsumgüter machen da nicht
mehr zufriedener, vielmehr geht es um mehr frei verfügbare, nicht vom Wirtschaftsgeschehen
okkupierte Zeit. Menschen sind nicht primär Konsumenten, sondern soziale
Wesen. Eine bessere Vereinbarkeit von
Erwerbsarbeit, Familie und sozialem Engagement in einer
„Mitmach-Gesellschaft“, die beweglichere und tendenziell kürzere
Arbeitszeiten erfordert, sowie öffentliche Leistungen hoher Qualität im
Bereich Bildung, Gesundheit und sozialer Absicherung wären demnach
zukunftsweisendere Fortschrittsziele als noch mehr Privatkonsum.
Wirtschaftswachstum an sich wäre nicht mehr das Zukunftsmantra,
vielmehr ginge es um die Frage, was wachsen soll (Lebensqualität) und was
schrumpfen kann (etwa ein überdimensionierter und – wie wir gesehen haben –
häufig unproduktiver Finanzsektor). Der Fortschritt braucht eine neue
Richtung. Nötig hierfür wäre freilich eine Aufwertung des Staates und des
Öffentlichen, nicht seine permanente Abwertung und Aushungerung. Menschen
sind nicht primär Konsumenten, sondern soziale Wesen. Der Kapitalismus
gegenwärtiger Ausprägung frisst demnach nicht sosehr seine Kunden, sondern er
bringt uns um die Früchte seines Erfolgs – den Mehrwert hoher Produktivität
für die Freiheit jenseits des Ökonomischen, also jenseits der Sphäre des Produzierens und Konsumierens, verwenden
zu können. Mag. Hans Holzinger ist Mitarbeiter der
Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg, Mitherausgeber der
Zeitschrift „Pro Zukunft“, Lehrbeauftragter an der Universität Klagenfurt,
Autor der Studien „Wirtschaften jenseits von Wachstum“ und „Zur Zukunft der
Arbeit“. |
||||
|
Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen | Robert-Jungk-Platz 1 |
5020 Salzburg | T 0043.662.873 206 | E: jungk-bibliothek@salzburg.at |
||||