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JBZ-Zukunftsbuch |
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„Menschen sind keine
maßlos erlebnishungrigen Tiere, sondern sie sind erfahrungshungrig und auf
der Suche nach Sinn, den sie vor allem in Beziehungen finden, die sie zu
Menschen, Tieren und Dingen herstellen.“ (Gabriele Sorgo) Die unsichtbare Dimension Nachhaltigkeit sei ein
wesentlicher Aspekt des Kulturellen, die Rede von „kultureller
Nachhaltigkeit“ mache daher so wenig Sinn wie von „weißen Schimmeln“ zu
sprechen, so die Kulturhistorikerin Gabriele
Sorgo, Herausgeberin eines vielschichtigen Bandes über Kultur und
Nachhaltigkeit. „Nachhaltig“ habe ursprünglich einfach bedeutet „von langer
Dauer“ und „langer Wirkung“, wozu auch „angesammelte Wissensvorräte“ und
„sedimentierte Erfahrungen“ zählen, sei im Kontext der Ökologie jedoch auf
Materielles eingeschränkt worden, so Sorgo folgerichtig, die eine sehr schöne
Definition von „nachhaltigem Handeln“ gibt: Dieses meine, „dass das Handeln,
die Ausschöpfung und Abschöpfung der Ressourcen, weder unabänderliche Spuren
der Schädigung oder der Erschöpfung hinterlässt noch weiter eingräbt, sondern
dass die Quellen des Reichtums in ihrer Vitalität für die Nachwelt erhalten
bleiben“. Ziel nachhaltigen Ressourcengebrauchs sei daher, dass die Nutzung
andauern kann und „dass die Menschen ihrer Lebensweise durch die auf
Ausgleich angelegte Nutzung Dauer verleihen können“ (Einleitung). Doch nicht um die Berechnung von
Ressourcengrenzen, ökologischen Fußabdrücken oder Einsparpotenzialen geht es
in den Beiträgen des Bandes, sondern um verschiedene Aspekte des
„Kulturellen“ im Kontext von nachhaltiger Entwicklung. Das Buch ist der lobenswerte
Versuch, die Kulturwissenschaften für die Nachhaltigkeitsdebatte (und im
engeren Sinn auch für Konzepte von Nachhaltigkeitsbildung) fruchtbar zu
machen. Gefolgt wird dabei einem Kulturverständnis, das – so Verena Holz und Ute Stoltenberg in ihrem einführenden Beitrag - „nach
Wissensordnungen fragt, die die individuelle und gesellschaftliche Praxis
strukturieren“. Bildung müsse sich in diesem Sinne der Aufgabe stellen, „wie
man Menschen bewegen kann, sich mit sich selbst und ihrer Zukunft zu beschäftigen“.
„Nachhaltigkeitsfragen als Lebensfragen statt als akademische, politische
oder Schulfragen“ zu erkennen, sei der einzig mögliche Weg „zu eigenem
Engagement und Partizipation an der Gestaltung einer nachhaltigen
Entwicklung“. Hoch ist der Anspruch auch von Jörg Zirfas, der über ästhetische
Bildung referiert und diese als „Bildung der Empfindsamkeit gegenüber Mensch
und Natur, als Entwicklung der Einbildungskraft, des Geschmacks und des
Genusses, als Befähigung zu Spiel und Geselligkeit, zur ästhetischen
Urteilskraft und Kritik, als Erschließung von (neuen) Ausdrucksformen und
Handlungsperspektiven, als Vermittlung von Verstand und Gemüt, Expressivität
und Regelgeleitetheit oder auch als Idee einer (utopischen) Zivilisierung des
Lebens“ begreift. Wesentlich erscheinen Zirfas die viel stärkere
Berücksichtigung von Zukunftsperspektiven bei einem gleichzeitigen Umgang mit
Kontingenz, also Unsicherheit und Unplanbarkeit. Infantilisierung der Erwachsenenwelt Mehrfach thematisiert wird die
Frage des Verhältnisses von Tradition und Erneuerung, altem Wissen und
Veränderung. Johannes Bilstein
reflektiert die Beziehung zwischen den Generationen. Er unterscheidet dabei
mit Margret Mead traditionale Gesellschaftsformen von Kulturen, in denen sich
Jung und Alt ebenbürtig in einer sich wandelnden Welt gegenüberstehen
(datiert etwa auf die 1960er-Jahre). Gegenwärtig würden wir jedoch in einen
derart beschleunigten Wandel eintreten, „dass schon einer Generation immer
neue Anpassungsleistungen an immer schneller veränderte Lebensbedingungen
abverlangt werden“, was auf die Ausführungen zur „modernen Bodenlosigkeit“
(s. PZ 2011/3.) verweist. Jugend werde nun, so Bilstein, zum „Leitbild der
gesamten Gesellschaft“, was auch mit einer „Infantilisierung der
Erwachsenenwelt“ einhergehe. Und doch ist für den Autor nicht ausgemacht, was
es in der Tat wert ist tradiert zu werden. Am Bild der Fackel, die
weitergegeben wird, meint er, ob nicht in vielen Fällen die Fackel selbst zum
Problem geworden sei: „Vielleicht wird es zum entscheidenden Akt der
Nachhaltigkeit, bestimmte Fackeln – z. B. die Angewohnheiten eines
besinnungslosen Konsumerismus – gerade nicht mehr weiterzugeben.“ Harald Katzmair nimmt Bezug auf die Zyklentheorie von Systemen, die zwischen
Wachstum bzw. Verausgabung, Verlangsamung und Reife, Zusammenbruch und
erneuter Reorganisation wechselten. Ein starres Knappheitsdenken würde
Nachhaltigkeit ein zu enges Korsett aufzwingen, vielmehr gehe es um
Resilienz, so der Autor, der jedoch warnt, dass ein System „krank und
zerstörerisch“ wird, wenn es – wie unsere derzeitige Ökonomie – „wachsen
muss, gar nicht anders kann als zu wachsen und sich eben nicht mehr in Zyklen
der Erneuerung, die immer auch Zyklen einer unterschiedlichen Produktions-
und Konsumtionsrate sind, eintaktet“. Weitere Beiträge widmen sich den
Chancen kritischen Konsums und der „Be-Deutungsmacht“ von KonsumentInnen (Rainer Gries), der Bedeutung des
Scheitern-Könnens (Sabina Aydt), den Möglichkeiten von Theaterpädagogik (Ute Pinkert), dem Ansetzen bei den
alltäglichen Lebenspraktiken der Menschen wie Wohnen, Sich-Ernähren (Karl H. Hörning macht hierfür die
„Theorie sozialer Praktiken“ fruchtbar) oder gar der Rolle, der
Sexualpädagogik in der Nachhaltigkeit zukommen könne. Sarah Maria Maresh macht sich dabei nicht nur Gedanken, welche
Verhütungsmittel am wenigsten Müll erzeugen – Kondom, Diaphragma oder die
tantrische Kunst der Ejakulation nach innen! -, sondern wie Parallelen
zwischen emanzipatorischer Sexualpädagogik und Nachhaltigkeitsbildung genutzt
werden könnten. Die „Fähigkeit ja sagen zu können zu dem, was einem oder
einer gefällt“ sei demnach entscheidend dafür, auch Nein sagen zu können.
Oder anders formuliert: „Nur wer den eigenen Körper fühlt, kann Grenzen und
Grenzüberschreitungen leichter wahrnehmen.“ Bezogen auf Nachhaltigkeit würde die Fähigkeit
zur Begrenzung dann das Sich–Selber-Spüren
zur Voraussetzung haben. Vom Wissen zum Handeln Eine entscheidende Frage stellt
schließlich nochmals die Herausgeberin, nämlich „warum wir nicht anders
handeln, obwohl wir es besser wissen“. Die Antwort findet sie im
„Konsumdispositiv“, welches es Menschen nahe lege, „alle ihre Bedürfnisse,
materielle ebenso wie soziale und emotionale über die Angebote des derzeit
vorherrschenden, profitorientierten Marktsystems befriedigen zu wollen.“ Oder anders ausgedrückt: Der Appell an
Menschen, die in Konsumkulturen leben, ihren Konsum einzuschränken, sei in
etwa mit der Aufforderung vergleichbar, mit dem Atmen aufzuhören. Der
ökologische oder nachhaltige Konsum könne in diesem Sinne dann davon
abhalten, sich politisch für einen Wandel der Konsumkultur zu engagieren:
„Denn etwas Gutes tun heißt dann weiterhin nur einkaufen.“ Es finde keine
„systemische Reflexion“ statt, so Sorgo, die jedoch auch vor der begrenzten
Wirkung von noch mehr Informationen warnt. Vielmehr wäre es Aufgabe einer
Bildung für nachhaltige Entwicklung, Mythen zu dechiffrieren und etwa zu
zeigen, „dass das heldenhafte autonome Individuum über weite Strecken
gewaltige Verzichtsleistungen in emotionalen Bereichen auf sich nimmt“. Das,
was im Konsumdispositiv als „Verzichtsleistung“ verstanden wird, könnte sich
somit in etwas Positives verwandeln und als „freudiges Geben“ erfahren
werden. Umweltprobleme mit dem Kauf der „richtigen“ Produkte lösen zu wollen,
stelle demnach nur die erste Reaktion auf die Erkenntnis dar, „dass es so
nicht weitergehen kann.“ Auf ein anderes Handeln nehmen
schließlich zwei in den Band aufgenommene Interviews der Herausgeberin Bezug.
Der Psychoanalytiker Felix de
Mendelssohn geht davon aus, dass „Nachhaltigkeitsbestrebungen erst durch
viel Leidensdruck umgesetzt werden können“ und dass zweitens hierfür auch
„Sanktionen und Regierungsgewalt“ nötig sein werden. „Es wird uns nicht freuen, denn
wir werden auf Dinge verzichten müssen und vielleicht gar nicht wissen warum.
Aber ich fürchte es wird nur über diesen Weg gehen.“ (Felix de Mendelssohn).
Martina Kaller, Expertin für Globalgeschichte mit Schwerpunkt Ernährung,
plädiert dafür, nicht über das richtige Ernährungsverhalten zu dozieren,
sondern über die Produktionsbedingungen von Lebensmittel zu diskutieren.
Zudem gehe es ums selber Tun, was für viel mehr Kochunterricht in der Schule
spräche. Zugegeben: Ich war zunächst
skeptisch, ob wir ein weiteres Buch über die „Kultur der Nachhaltigkeit“
brauchen, wenn es doch mehr als ansteht, diese endlich in verbindliches Recht
zu gießen, was vielmehr nach einer „Politik der Nachhaltigkeit“ verlangt. Die
Lektüre hat mich aber gelehrt, dass die Kulturwissenschaften, vor allem wenn
sie, wie hier, weit über Appelle zu einem nachhaltigen Lebensstil
hinausweisen, essenziell zum Verstehen dessen beitragen können, warum
Nachhaltigkeit noch immer scheitert und – vielleicht auch – wie sie gelingen
könnte. Hans Holzinger „Eine
Wissensgesellschaft kann nur mit mündigen BürgerInnen ihr positives Potenzial
entfalten und die Reflexion weiter und tiefer treiben als zur oberflächlichen
Symptombekämpfung.“ (Gabriele Sorgo) |
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